Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 3 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- Seite 76 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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(vgl. noch Stellen wie Rosch-haschana 4 a, Berachoth 57 a, Nedarim 50 a, Sota 17 b, Jebamoth 82 b. In Berachoth 57 b wird der Geschlechtsverkehr zusammen mit Sonne und Sabbath genannt als die drei Dinge, die etwas vom Jenseits an sich haben). Die Beiwohnung war in biblischer Zeit die gebräuchliche Form, eine Ehe als abgeschlossen zu dokumentieren, sie zu vollziehen, ebenso wie durch Kauf oder Ausfertigung des Ehekontraktes. Erst die Talmudlehrer nahmen an dieser primitiven, wenn auch vollkommen natürlichen Eheform Anstoß und suchten sie langsam zu verdrängen, wiewohl in biblischer Zeit die beiden übrigen Formen nur vorbereitenden Charakter hatten, die Rechtsgültigkeit einer Ehe aber lediglich durch die Beiwohnung (Bia — das Kommen „zu ihr4i) bindend wurde. (Gemäß Deuter. 24, 1: Wenn ein Mann eine Frau nimmt und ihr beiwohnt . . .") Ueberhaupt ist der Talmud zum Großteil bereits eine puritanische Reaktion gegen die gesunden Gebräuche der Altvordern (vgl. Nidda u. a.). Geschichten, wie jene vom Brautpaar, das gefangen nach Aegypten gebracht wurde (Gittin 56) und durch den Herrn mitsammen verheiratet wurde, ohne daß bis zum Tode des Mannes je die Ehe ausgeübt worden wäre, nur weil keine Heiratsurkunde ausgefertigt worden war, tragen deutlich den Stempel tendenziöser Priestererfindung an sich. Man nimmt sogar an Wörtern Anstoß und hat ausgetüftelt (Pesachim 3 a), daß das Alte Testament es bis auf zwei Ausnahmen (die begründet werden) vermieden habe, von Frauen zu sagen, daß sie auf einem Tiere „reiten". Von drei diensthabenden Priestern wird erzählt, sie hätten sich beklagt, bei der Verteilung der Schaubrote zu kurz gekommen zu sein. Einer sagte, er hätte nur soviel bekommen wie eine Bohne, der zweite soviel wie eine Olive; der dritte aber, er hätte bloß soviel erhalten „wie ein Eidechsenschwänzchen4'. Empört über diese Ausdrucksweise untersuchte man seinen Stammbaum und fand, daß er — wegen seiner Herkunft — des Priesterstandes unwürdig sei. Auch der Schulchan Aruch (Jore Dea II) und besonders die mittelalterliche, philosophische und kabbalistische Moralistenliteratur zieht gegen alles Erotische zu Felde; umso eruptiver bricht die Natur hervor, einerseits in Frauenkult und Orgien der Schabbatianer, andererseits in der überhandnehmenden Männerliebe — Reaktionserscheinungen, wie wir sie im Christentum finden in der klösterlichen Homosexualität und im mittelalterlichen Madonnenkult. In der unsinnigen Verbohrtheit, das Bibelvolk könne nichts anderes als gottverehrende Dichtungen verfaßt haben, hielt man lange Zeit das Hohelied für einen symbolischen Hymnus auf die Liebe zwischen Gott (Hirte) und dem auserwählten Volke (Sulamith), entsprechend den sogen, prophetischen Schriften. So kam es, daß man diese erotische Dichtung, die man heute längst als solche erkannt hat, in den Kanon aufgenommen hat, um so mehr, als sich frei- 76