Mannheim
Compact Memory

Die Jüdische Gemeinde · 1927-01-15 · 3 (15.1.1927) · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
3 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 75 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9572329-9573323-9572408--089-9572425
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

das gänzlich unfaßbar ist, die Kraft des Eros genannt: ... der Weg des Mannes zu dem Mädchen. Und man findet nichts darin, das Verhältnis zwischen Gott und Gemeinde mehrfach als das zweier Liebenden zu symbolisieren, wo Gott der Mann, Israel aber die bräutliche Frau ist. (Aehnlich noch in der ältesten Sammlung der rabbinischen Ueberlieferung, im Midrasch.) Ein Bruder des Hohen Rabbi Lew aus Prag, der Kabbaiist R. Chaim ben Bezalek (Krakau) schreibt: „Die richtige Verbindung (zwischen Mann und Weib) ist eine heilige und reine Sache. Dabei gibts weder etwas Schändliches noch Häßliches. Bileam sagte: Kann der Reine solche Sachen schauen?! — Und für dieses Wort wurde der Bösewicht blind auf einem Auge. Denn dieser Böse stimmt gewiß überein mit seinem Kumpan, dem unreinen, unbeschnittenen Griechen (?), der da sagt: Die Sexualität sei eine Schmach für den Menschen. Beide kennzeichnen hiermit nur ihre eigene Denkungsart. Denn sie sind derart von Gier erfaßt, daß sie unbegreiflich finden, wie der Mensch eben, wenn er damit beschäftigt ist, seine Gedanken aufs Höchste richten könne" (Sepher-ha-Chaim II, 1). Als originell sei erwähnt, daß die Talmudisten den Vers „Eine Lehre gab uns Mose — eine Erbschaft (Morascha) der Gemeinde Jakobs" (Deut. 33, 4) zu einem erotischen Gleichnis machen, indem sie sagen: „Lies nicht Morascha, sondern M'orassa (Verlobte)!" Daß gerade das geschlechtliche Erleben höchstes Gotterfassen lehre, bringt der Sohar mehrfach zum Ausdruck, so z. B. in folgender Stelle: „Der König (Gott) wirbt nur um den ihm Angemessenen, darum wohnt der Heilige — gesegnet sei Er — nur in dem, der (gleich ihm) Eins ist. . . Und wann wird der Mensch zu Eins? — Wenn sich Mann und Weib in Siguwa (geschlechtlicher Vereinigung) befinden . . . Komm und sieh: zur Stunde, wo sich der Mensch, das ist Mann und Frau, in Vereinigung befindet und darauf achtet, daß seine Gedanken geheiligt seien (vgl. Talmud, Nidda 71 a), da ist er vollkommen, ohne Makel, und da wird er „Eins" genannt.--So wie wir gelernt haben (im Talmud, Traktat Jebamoth 83): Wer keine Frau genommen hat, der ist, als wäre er nur eine Hälfte. Verbinden sich aber Mann und Weib, so werden sie ein Leib: ein Leib und eine Seele, — da wird der Mensch „Eins" genannt. Da ruht der Heilige, gepriesen sei Er, in dem Eins und bestimmt einen heiligen Geist für diesen Einen (vgl. Talmud, Schebuoth 18b). Daher (heißt es ja): Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich . . ." (Sohar III, 81 a, auszugsweise.) Dem Kabbalisten also ist der Gedanke des sexuellen Aktes in seiner höchsten Reinheit der Urgrund der Thora und der Offenbarung Gottes, und von diesem so oft wiederkehrenden Grundgedanken haben sich die sexusfeindlichen jüdischen Spießbürger bereits ziemlich weit entfernt. Ja, die bei ihnen gerade beliebte Vernunftehe wird noch im Talmud (Kidduschin 70 a) als böse genannt 76

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.