Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 3 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- Seite 74 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Eros und Sexus im Judentum von Otto Wolfgang Obgleich sich das Christentum aus den Vorstellungen des alten Hebräervolkes herzuleiten liebt, bestehen zwischen beiden Anschauungen Unterschiede, die nicht immer zum Vorteil des jüngeren Dogmas sprechen; so war es erst der Ueberspanntheit katholischer Heiliger zu danken, daß das Baden als Sünde in Verruf kam und Europa im christlichen Mittelalter vor Schmutz und Seuchen starrte. Erst das Christentum erhob die Unnatur zum gottgefälligen Werk und machte die Natur zur Domäne Satans; und wiewohl es in der der Evangelienepoche verwandten Talmudzeit, aber auch später, nicht an jüdischen Puritanern fehlte, so hat doch erst das Christentum alles ewig Weibliche, eben weil es „anzieht", zum Dämonischen, ja Tierischen, gestempelt und den natürlichen Geschlechtstrieb als ausrottungswürdiges Erbübel hingestellt. Besieht man sich das Judentum nicht allein in seinen städtischen und philisterdicken Vertretern, sondern in Schrift, Ueberlieferung und in den strenggläubigen Schichten, so bekommt man ein in erotischer Beziehung angenehmeres Bild. Ja, das Hohelied und die vielen „anstößigen" Stellen im Alten Testament lassen sogar auf eine nicht nur sehr gesunde, sondern sogar echt orientalische Erotik der Hebräer schließen. Während also katholische Hirtenbriefe und evangelische Kanzelreden gegen die Damenmode, das Turn- und Schwimmtrikot wetterrh pflegen noch heute die ostjüdischen Chassidim ihre Kinder bereits mit vier Jahren aufzuklären; und mindest jeden Freitagabend versammelt sich die gesamte männliche Welt des Städtchens zum gemeinsamen Bade, wobei alle nackt sind, denn es ist verboten „das Zeichen unseres Vaters Abraham" zu verbergen! Und während katholische Asketen (Franz v. Assisi, hl. Elisabeth) meinten, durch völliges Enthalten von jederlei Waschung Gott zu gefallen, wird von R. Hille! (50 v. u. Z.) ein nettes Geschichtchen erzählt: Als er ins Bad ging, bezeichnete er dies als eine Erfüllung göttlicher Pflichten, denn da der römische Staat eigene Wärter hatte, welche die Standbilder der Götter und Cäsaren in den Tempeln zu waschen hatten, sei es erst recht gottgefällig, den menschlichen Leib zu baden, der ja ein Ebenbild Gottes selbst sei. Und während das Christentum gemäß den Paulinischen Schriften Ehelosigkeit höher achtet als Ehe, ja, sogar von den katholischen Geistlichen den unmöglichen Zustand des Zölibates verlangt — eine Barbarei, die nicht nur zu Heuchelei und Muckertum, sondern zu täglich neu entdeckten Perversitäten, Abscheulichkeiten gegenüber Schulkindern naturnotwendig führen muß — sieht das Judentum in der geschlechtlichen Vereinigung ein Mysterium, und in den Sprüchen (30, 19) wird nach drei Wundern der Welt als viertes und .höchstes, 74