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Die Jüdische Gemeinde · 1927-01-15 · 3 (15.1.1927) · p. Seite 71

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
3 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 71 (sequence 13)
Language
German
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nie ein Weg zu führen vermag, und sie wird andrerseits zum ewigen Wege, zum einzigen, der nie zum Ziele führt. Der Suchende hat immer wieder nur die Möglichkeit des Woilens, ohne daß er je die Wirklichkeit des Erreichens an sich erfährt. Gott allein ist diese Wirklichkeit, diese einzige Wirklichkeit, die nicht erreicht zu werden vermag, die für den Menschen das Geheimnis bleibt. Darum gibt es vielleicht kein Wort, das unwirklicher, das ungöttlicher ist als das von der Verwirklichung Gottes, und es gibt kein stärkeres Gottesbewußtsein als das Bewußtsein des Entferntseins, des Abstandes, der die Welt des suchenden Menschen trennt von dieser Welt der absoluten Wirklichkeit. Um mit den Worten der Bibel zu sprechen, es ist das „Abbild", der Gedanke des „Bildes", in welchem diese beiden getrennten Welten ihren Ausdruck finden. Es ist auch hier wieder das Doppelte, das am Ende zum Widerspruche wird. Vorzug und Nachteil klingen hier zusammen. Es ist einerseits die Erwählung zum Abbild, zum Ebenbilde Gottes, in dem der Mensch geschaffen worden ist (Genesis 1, 26, 27). Darum ist es ihm gegeben, immer wieder den Weg zu Gott zu finden. Der Mensch vermag zu bitten: „Laß mich doch deine Wege erkennen!" (Exodus 33, 13, Psalm 25, 4 u. ä.), und Gott vermag zu fordern: „Wenn deine Kinder beobachten werden ihren Weg, vor mir in Wahrheit zu wandeln!" (1. Könige 2, 4.) Aber es ist andrerseits doch eben nur das Bild, das nachgeformt und nachgebildet ist, ein Schatten des Ursprünglichen ohne Eigenart und Originalität. So ist denn auch das Bild des Menschen in Parallele gestellt zur Eitelkeit und Nichtigkeit." Nur als Bild geht der Mensch einher, nur wegen des Eitlen lärmen sie!" (Psalm 39, 7.) Es ist der Weg, der Weg nur bleibt, der unergründlich und unerforschlich ist, der kein Ziel und kein Ende kennt. Für den nichtigen Menschen sind die Wege Gottes zu erhaben, sie sind anders als die der Menschen, sie sind für ihn unerreichbar. „Eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Ewige; denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so entfernt sind meine Wege von euren Wegen." (Jesaja 55, 8 ff.) Dieser begrenzte, aber doch zugleich unendliche Weg, er ist gezeichnet und gewiesen durch das Gebot, durch das Gesetz, durch das Wort des Ewigen. Im Gebote selbst liegt ja bereits der Sinn des Endlichen und des Begrenzten. Denn die Welt des Unendlichen, das Reich Gottes, braucht kein Gebot, in ihm bedarf es nicht der Ermahnung zur Pflicht. So stehen Gott und Gebot im Gegensatz zu einander. Wo das Gebot herrscht, dort ist Gott noch nicht, und wo Gott waltet, dort hat das Gebot seinen Sinn nicht mehr. Und doch wird gerade im Gebote die Gottesferne zur Gottesnähe. Gerade hier im Zeichen der Endlichkeit und Nichtigkeit weitet sich dem Menschen der Blick in der Ewigkeit. Das Gebot, man könnte es fast als das Aequivalent bezeichnen, das der Mensch als Ersatz dafür empfangen hat, daß er Gott nicht zu erreichen vermag. Denn Gott gibt hier ein Stück seines Wesens, ein Stück seiner Ewigkeit dem Menschen. So wie Gott ewig ist, so hört auch sein Gebot nie 71

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