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Die Jüdische Gemeinde · 1927-01-15 · 3 (15.1.1927) · p. Seite 70

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
3 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 70 (sequence 12)
Language
German
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Die Bibel hat diesem letzten Ziel menschlischen Suchens und Sehnens Ausdruck verliehen in den Worten „von Angesicht zu Angesicht". Aber als sollte sich damit eine bestimmte Absicht verbinden, als sollte es gezeigt werden, daß dieses Suchen und Sehnen für den Menschen ein Unüberwindbares bleibt, worüber er niemals hinauszukommen vermag, so scheinen diese Worte nur dort ihren wahren Sinn zu finden, nur dort mit aller Offenheit und Ungebundenheit gesagt zu sein, wo sie davon sprechen, daß Gott selbst zum Ausgangspunkt, zum Subjekt des Schauens wird. „Von Angesicht zu Angesicht!" Gott vermag so zu reden (u. a. Exodus 33, 11), Gott vermag so zu erkennen (Deuteronomium 34, 10), Gott vermag so zu rechten (Ezechiel 20, 35). Gott hat die Möglichkeit dieser Unmittelbarkeit, dieser unmittelbaren Beziehung zum Menschen. Aber ist sie auch dem Menschen gegeben? Kann auch der Mensch Gott schauen, kann auch er mit Gott sprechen, ihn erkennen von Angesicht zu Angesicht? Auch den Menschen macht die Bibel zuweilen zum Subjekt des Schauens, auch von ihm sagt sie zuweilen, daß er die Gottesschau an sich erfahren hat. Aber wie ganz anders klingt es hier von dem schauenden Menschen als dort, wo mit aller Klarheit und aller Deutlichkeit von der schauenden Gottheit die Rede war! Ein Ton des Unsicheren und Unbestimmten, des Zögerns und Zweifeins, mischt sich hier hinein. Immer fügt sich hier dem Worte von der Gottesschau noch ein anderes hinzu, das dann anmutet wie eine Einengung und Beschränkung dessen, was voraufgegangen. Wenn Jakob es schildert: „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen!", so glaubt er doch fast wie mit einem Gefühl innerer Ungläubigkeit hinzusetzen zu müssen: „Aber mein Leben wurde gerettet!" (Genesis 32, 31.) Dem Worte, das der Vater des Simson, Manoah, zu seinem Weibe spricht: „Wir haben Gott gesehen!", ist es als ein Wort der Einschränkung beigegeben: „Wir müssen sterben!" (Richter 13, 22.) Oder wie unklar und ungewiß klingt in der Stunde der Berufung zum Propheten das Wort der Gottesschau aus dem Munde eines Jesaja: „Wehe mir, ich vergehe, — denn meine Augen haben den König, den Ewigen der Heerscharen geschaut!" (Jesaja 6, 5.) Es ist der Gedanke des Sterbens, der sich dort zugleich auftut, wo von dem Menschen gesprochen wird, der die Gottheit schaut. Der Mensch hört eben auf, Mensch zu sein, das Ende des Menschentums tritt ein in diesem Augenblick der Unmittelbarkeit. Der Mensch kann nicht mehr leben, — und Leben, gerade in ihm findet doch alles Menschsein und alles Menschentum seine stärkste Prägung — er kann nicht „bestehen" (Maleachi 3, 2) beim Erscheinen des Ewigen. Das ist denn auch der Sinn dessen, was Gott zu dem größten der Propheten, zu Mose, geredet: „Mein Angesicht kannst du nicht schauen, denn kein Mensch vermag mich zu schauen, so lange er lebt." (Exodus 33, 20.) Dem Menschen bleibt nichts als das Suchen und Streben. Die Gottesschau, sie wird zum ewigen Ziele, dem einzigen, zu welchem 70

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