Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 3 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- Seite 67 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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sondern organisch auflebt. Ein Milieu, in dem sich alles Jüdische natürlich auslebt. In dem man sich des Jüdischen nicht schämt und auch nicht damit protzt, sondern es lebt und erlebt. Ein Milieu, keine Partei, keine Clique! Wo sich Geist zum Geist und Mensch zum Menschen findet, wo der Jude erkennt und bekennt, daß das Jüdische nicht in die Synagoge eingesperrt werden, sondern frei und breit sich entfalten und mit allem Schönen und Großen in uns und um uns vereinigen will. Unterschied der Parteien? Der Idealismus und die Arbeit an sich und der Gemeinschaft verbinden, die Dogmen und Phrasen trennen. Ich bin überzeugt, daß die Ehrlichen aller Richtungen im Judentum sich leicht vereinigen können, nicht aber die Demagogen und hohlen Streber. In diesem Kreis gebildeter, wahrhaftiger Juden könnte nicht nur das Jüdische, sondern auch das Moderne, das Deutsche gerettet werden. Vielleicht auch für Deutschland. Denn was wir heute draußen sehen, ist Karikatur. Wenn die sich Germanen nennen das Deutsche schänden, dann ist es Zeit, daß die Juden es wieder in seiner Reinheit retten. Das Deutschtum von Kant, Goethe, Leibniz steht nicht im Widerspruch zum Judentum. Es kann das Jüdische bereichern und durch das Jüdische bereichert werden. Die Schicksalsfrage von Max Chodziesner Dr. Max Mayer richtet in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 31. Dezember 1926 an den Kultusminister Becker die Aufforderung, sich zu erklären, ob wir deutschen Juden mit deutschem Zukunftswillen von einem Manne mit der politischen und seelischen Bildung des Ministers nicht nur als gleichberechtigte Staatsbürger, sondern auch als im tiefsten anerkannte Brüder im deutschen Volke empfunden werden. Hierin liegt die Schicksalsfrage nicht nur für uns deutsche Juden, sondern für das gesamte Judentum der Welt. Es erscheint mir unerheblich, ob etwa der Minister die an ihn gestellte Frage bejaht oder mit einem erheblichen Teile des deutschen Volkes verneint. Das letztere wäre für mich als deutschen Juden schmerzlich, aber nicht entscheidend. Mein Bewußtsein und mein Wille zum Deutschtum sind unabhängig von der Anerkennung meiner Umgebung. Sie sind in mich hineingeboren, sie stellen so völlig mein Wesen dar, daß kein anderer Mensch und ich selbst nicht einmal daran etwas zu ändern vermöchte. Meine Sprache, mein Empfinden, mein ganzes Sein ist von Geburt an so deutsch, daß ich bei Ausbruch des Krieges nicht einen Moment geschwankt habe, für meine deutsche Heimat Weib und Kind hintan zu setzen und mein Leben dem Heimatland zur Verfügung zu stellen. Aber diesem lOOprozentigen Deutschtum in mir steht gleich das lOOprozentige Judentum, das ebenso wie das Deutschtum in mir lebt 67