Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 3 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- Seite 66 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht von dem gesunden Menschenverstände abgebracht wird. Das Proletariat ist der Träger des wahren Nationalismus, weil es seine Heimat mehr als sein Geld liebt. Aber es weiß auch, daß Nationalismus kein Ding zum Protzen ist. Es weiß auch, daß der Kapitalismus mit gerader Nase nicht um ein Haar besser ist, als der mit gebogener Nase. Gemeinsame Not bindet am stärksten, und Leidende werden leicht Freunde. In der Tat verschmilzt in England und Nordamerika selbst der aus dem Osten eingewanderte jüdische Arbeiter schon in der zweiten Generation mit dem heimischen Arbeiter, lebt (bis auf psychische, religiöse Nuancen) dessen Leben und führt dessen Politik. Aber in Deutschland? Hier haben wir ein jüdisches Künstlerproletariat, ein jüdisches Geistesproletariat, ein jüdisches Rentnerproletariat, aber kein jüdisches Arbeiterproletariat. Auch auf diesem Wege winkt also kein Heil, weder in der Gegenwart, noch in einer sichtbaren Zukunft. Es kommt noch hinzu, daß der Jude durch den Antisemitismus nervös und überempfindlich geworden ist und schon da Antisemitismus wittert, wo in harmloser Art das Wort Jude fällt. Das erschwert natürlich die Verständigung noch mehr. Vielleicht wird der brutale Antisemitismus (nicht durch Verdienst des C. V., sondern bedingt durch die Außenpolitik, die die Innenpolitik beeinflußt) bald abflauen. Aber er wird nur weichen, um dem Judenhaß in anderer Form Platz zu machen. Und wer vermag zu sagen, welche Form in Wahrheit die gefährlichere ist? Glaubt man nicht an Wunder, dann wird man sägen müssen, daß die Perspektive in die nächste Zukunft sehr unerfreulich ist. Sollen wir darum verzweifeln? Eine Gemeinschaft, die Jahrtausende für ein Ideal gelitten und die gewiß viel schlimmere Zeiten gesehen hat, würde nicht tragisch, sondern komisch wirken, wenn sie den Glauben an sich verlöre. Das Judentum lebte immer von Hoffnungen, vom Wechsel auf die Zukunft. So lange es an eine Zukunft glaubt, und läge sie noch so fern, ist es nicht bankrott. Das Judentum ist durch Leiden groß geworden. Wer weiß, ob es heute noch existierte, wenn wir nur gute Zeiten erlebt hätten? Der Weg zur Höhe führt über Geröll und Gletscher. Der Jude muß immer kämpfen, das ist kein Unglück. Das stärkt und macht weise. Wer vom Schicksal nicht den Weg geebnet findet, der muß denken und arbeiten, Schwierigkeiten überwinden und das Höchste aus sich herauskristallisieren. Das Judentum wird weiter ringen, aber es wird nicht zugrunde gehen. Auch in Deutschland nicht. Weil es noch große Aufgaben zu erfüllen hat, für sich und für die Menschheit. Nur muß es eine innere Erstarkung erfahren, um kämpfen zu können. Es darf durch den Antisemitismus und durch die vielen Schlagworte im eigenen Lager nicht irre werden an sich, seiner Kraft und seinem Idealismus. Und diese Erstarkung kann der Jude nur in seinem eigenen Milieu erlangen. Ein jüdisches Milieu ist mehr wert als ein jüdischer Staat. Ein Milieu, das nicht konstruktiv aufgebaut ist, 66