Mannheim
Compact Memory

Die Jüdische Gemeinde · 1927-01-15 · 3 (15.1.1927) · p. Seite 65

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
3 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 65 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9572329-9573323-9572408--079-9572415
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Und wo die großen Mittel versagen, wie sollen da die kleinen helfen? Max Mayer hat mit Recht in diesem Blatt ausgeführt, daß die zentralisierte Abwehr gänzlich verfehlt ist. Eine große Abwehr-Zentrale imponiert nur politisch unreifen Juden. Eine irgendwie wirksame Abwehr ist nur durch Dezentralisierung zu erreichen. Je kleiner der Kreis, desto größer die Möglichkeit der Beeinflussung. Auch darin hat Max Mayer Recht, daß der orthodoxe Jude sich nicht mit dem Sozialisten, der fromme Katholik nicht mit dem freien Juden vereinigen kann. Da aber eine wirkliche Verständigung, ein Miteinander- oder Nebeneinanderleben nur durch intensiven Verkehr, durch Einfühlung möglich, da eine Entfremdung für beide Teile ein Unglück ist und schließlich zu einer Katastrophe führen muß, so muß eine Brücke geschlagen werden. Also soll der Jude mit dem gleichgesinnten Christen verkehren. Aber — der Gleichgesinnte ist eben in punkto Judenfrage nicht gleichgesinnt. Er sucht den Verkehr mit dem Juden nicht und duldet ihn höchstens vorübergehend. Ist er gebildet und von Takt, dann zeigt er es nicht, aber innerlich hat er selten die angeborene und angelernte Abneigung überwunden. Der Jude versteht den Christen noch leidlich, der Christ den Juden fast gar nicht. Ein Spiegelbild ist die Literatur. Juden haben sich hier und da ins deutsche intimste Leben eingefühlt und haben echt deutsche Figuren gestaltet. Christen, die das jüdische Leben und die jüdische Psyche erfaßt haben, besitzen wir kaum. Sie erfassen meistens die jüdische Unart und nicht die jüdische Art. Sie kennen den schachernden Juden, aber nicht den leidenden und kämpfenden, den perversen, entarteten, aber nicht den idealistischen Juden. Wie soll sich nun Art zu Art (wirtschaftlich, weltanschaulich und psychisch gedacht) finden? Schon bei der obersten Schicht, bei den Kapitalisten, hapert es. Für den christlichen Kapitalisten, auch wenn er ein ehemaliger Schlächter oder Budiker ist, gilt der jüdische Mammonsgenosse, auch wenn er Kommerzienrat in dritter Generation ist, als Emporkömmling, den er aus geschäftlichen Rücksichten in seinem Salon duldet, aber nie liebt. Sobald der Sohn des „geehrten jüdischen Geschäftsfreundes" seine Augen zum christlichen Töchterlein erhebt, gibt es einen Krach, und der Weg führt im günstigsten Fall über das Taufbecken. Der jüdische Akademiker kann heute kaum noch beruflich mit dem christlichen verkehren. Er wird in den meisten Fällen geschnitten. Für die neue Generation sieht es noch schlimmer aus. Schon auf dem Gymnasium tut sich eine trennende Wand auf, und sie wird auf der Universität zur dicken Mauer. Nur durch halsbrecherische Kletterpartien können sie zueinander gelangen. Der Mittelstand ist weit heterogener. Im christlichen Mittelstande ist der Sitz des Philisteriums und der Rückständigkeit, daher auch des blödesten Antisemitismus. Der jüdische Mittelstand ist rühriger, intelligenter und moderner. Wie sollen sie zusammenpassen? Bleibt also das Proletariat, das sich noch am leichtesten zusammenfindet, weil es durch Dogmen nicht verbildet und durch Bücher 65

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.