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Die Jüdische Gemeinde · 1927-01-15 · 3 (15.1.1927) · p. Seite 64

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
3 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 64 (sequence 6)
Language
German
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Republikaner zu gelten. Aber sind sie wirklich ehrlicher, vernünftiger geworden? Sind sie nicht die alten Philister geblieben? Hassen nicht viele von ihnen die Kommunisten und Sozialisten noch viel mehr als die Völkischen und Deutschnationalen? Und wenn das noch übertriebener, verirrter deutscher Nationalismus wäre, man würde es verstehen. Es ist aber philiströse, kapitalistische Mentalität. Und der Antisemitismus hat diese Leute nicht nur gedemütigt, er hat sie demoralisiert, — er hat sie gezwungen, Masken anzunehmen, unter denen alles Wahre und Natürliche erstickt. Man vergleiche nur den Juden der Versammlung mit dem im engen Kreise, den Paradejuden mit dem Familienjuden, um diesen Dualismus zu konstatieren. Das ist die schlimmste Frucht des Antisemitismus. Der Ghettojude war ehrlicher, wahrhaftiger, weil viel religiöser und innerlicher. Und wo ist ein Ausweg? Die Aufklärung ist bankrott, alle Abwehr versagt. Man kann eine Apologie des Judentums, aber nicht der Juden schaffen. Der Zionismus soll helfen! Kann er es? Kann er eine Antwort auf die Frage der Juden und des Judentums geben? Als Belebung des jüdischen Bewußtseins, als Bereicherung jüdischen Wissens und Fühlens und jüdischen Lebens ist er ein gewaltiger, fruchtbarer Qedanke. Aber politisch? Niemals wird er die Judenfrage wirtschaftlich und politisch lösen. Im allergünstigsten Fall wird der Aufbau Palästinas, der zur Herstellung des jüdischen Geistes in Reinkultur sehr wichtig ist, die Ueberzahl der Geburten über die Toten innerhalb der Juden ausgleichen, d. h. daß — die glücklichste, hemmungsloseste Entwicklung vorausgesetzt — nach 10 Jahren in Palästina 1 Million und in den anderen Ländern etwa 16 Millionen Juden leben werden. Was nun? Wie soll sich das Schicksal dieser Juden politisch und psychisch gestalten? Bleiben wir wieder in Deutschland. Von den 600 000 Juden werden höchstens 5—6000 nach Palästina auswandern. Und die anderen? Sie werden ihr jüdisches Bewußtsein vertiefen, werden ihr Wissen bereichern, hebräisch sprechen. Schön. Aber sie leben doch nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch seelisch in Deutschland. Wie soll der Dualismus aus ihrem Herzen weichen? Wie soll die seelische Harmonie kommen? Hand aufs Herz! Sind die Zionisten, soweit sie nicht ganz jung und unreif oder hohl demagogisch eingestellt sind, innerrich harmonischer und glücklicher als die anderen? Tragen sie nicht dieselbe Qual, denselben Schmerz in sich, die unglückliche Liebe zur Heimat, zur deutschen Kultur? Nur der Ostjude hat es im Zionismus leicht, weil er kulturell und gefühlsmäßig nichts aufzugeben hat. Der Westjude wird nie diese innere Befriedigung im Zionismus finden. Und ihn quält, trotz aller stolzen Theorien, der Antisemitismus genau wie den Assimilanten. Weil er eben auch bis zu einem gewissen Grade assimiliert ist und sein muß. 64

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