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Die Jüdische Gemeinde · 1927-01-15 · 3 (15.1.1927) · p. Seite 63

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
3 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 63 (sequence 5)
Language
German
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stoß-Theorie zu konstruieren. Man konnte auch voraussehen, daß eine Volksverbitterung kommen, eine nationale Welle bei der Jugend aufsteigen werde, und mußte wissen, daß in Deutschland leider jeglicher Nationalismus einen antisemitischen Beigeschmack hat. Hätten da die reichen Juden ihre Mittel und die klugen, geistigen Juden ihr Wissen und ihre Federn zur Verfügung gestellt und in Millionen von Broschüren das Volk über die wahren Ursachen des verlorenen Krieges und über seine wirklichen Nutznießer aufgeklärt, dann hätte der Nachkriegsantisemitismus wohl diese unerträglich brutale Gestalt nicht angenommen. Aber die Voraussetzung war, daß die reichen Juden ehrliche Pazifisten und die jüdischen Politiker und Schriftsteller freie, unabhängige Menschen waren. War diese Voraussetzung vorhanden? Unter unseren jüdischen Kapitalisten waren viele Nutznießer des Krieges, die den Frieden mit seinen politischen und wirtschaftlichen Folgen mehr als alles fürchteten. Sie sehnten sich nach der Hohenzollern-Peitsche, vielleicht noch mehr als die anderen Kapitalisten. Sie würden ihr Judentum und ihr Deutschtum gern verkauft haben, um Vorteile einzuheimsen. Das liegt doch im Wesen des Kapitalismus, der so international und interkonfessionell ist wie nichts auf Erden. Auch die jüdischen Kapitalisten wissen pikante Frauen, gute Speisen und prunkvolle Villen zu schätzen. Und sie bedürfen noch mehr als die anderen der Orden und Titel, um ihre jüdischen Namen und ihr semitisches Aussehen zu verdecken. Und jüdische Politiker? Haben wir solche im Sinrte des Zentrums, daß sie jüdische Interessen vertreten? Suchen sie nicht, gewaltsam oder unbewußt, „objektiv" zu sein und ihr Judentum als Nebensache, als angeborenen Schönheitsfehler zu verstecken? Die wahren jüdischen Interessen (politisch, sozial und religiös) sind bei christlichen Sozialisten und Demokraten viel besser aufgehoben. Und die Journalisten und Schriftsteller? Warum sollen sie, deren Kampf ums Dasein viel schwerer ist, weniger korrumpiert und dem Kapitalismus sklavisch ergeben sein als die anderen? Ich erinnere mich einer Versammlung, die wie ein Schandmal in meiner Seele brennt. Der Kriegsschwindel war zusammengebrochen, alle Illusion gewichen, vom Lügentopf wurde der Deckel entfernt und der militärisch-kapitalistische Brei stank zum Himmel. Das Volk war verzweifelt, und die sogenannte Revolution, d. h. der innere Zusammenbruch, war da. Da veranstaltete der Centraiverein eine öffentliche Versammlung unter der Devise „In Deutschlands schwerer Stunde". Da waren sie versammelt, Kapitalisten, Politiker, geistige Führer, orthodoxe Rabbiner und sonstige Philister. Es wurden Reden gehalten, Tränen vergossen, „Deutschland, Deutschland über alles!" gesungen und die Liebe zu den Hohenzollern beteuert. Besseres wußten diese Leute in dieser Stunde nicht. Heute sind alle Juden und alle ihre offiziellen und offiziösen Organe republikanisch. Aus Ueberzeugung? Da der Monarchismus sich mit dem Antisemitismus verbindet, bleibt ihnen nur übrig, als 63

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