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Die Jüdische Gemeinde · 1927-01-15 · 3 (15.1.1927) · p. Seite 62

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
3 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 62 (sequence 4)
Language
German
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worden? Es wird wohl etwas von allem wahr sein, und es dürfte schwer fallen, durch eine psychologische Analyse diese Elemente zu zerlegen. In neuester Zeit kam auch noch der wirtschaftliche und politische Antisemitismus hinzu. Aber auch sie erweisen sich bei der Kritik als bloße Emanationen der gefühlsmäßig vorhandenen Abneigung. Es sind immer neue Produkte des Urstoffes. Und wo schon die Diagnose so furchtbar schwierig ist, wie sollen wir da zu einer Therapie gelangen? Alle gewiß gut gemeinten Versuche der Abwehr mußten versagen, weil sie den Kern garnicht treffen und höchstens für einen kleinen Ausschnitt oder für eine ganz kurze Epoche berechnet sind. Manchmal erweist sich die Abwehr noch törichter als die Angriffe, weil sie rein doktrinär ausgeklügelt ist. Manchmal beruht sie auf Unwahrheit und bildet, wie Ernst Simon mit Recht sagt, die schlimmste Erscheinung des Antisemitismus. Gewiß lächelt jeder tiefer veranlagte Mensch über den dogmatischen Aufbau und die kleinen Mittelchen des Centraivereins. Wir wissen, wie wenig durch den Artikel eines christlichen Professors oder Offiziers, durch Kontrolle antisemitischer Zeitungen und Eingaben an Behörden erreicht wird. Höchstens zwingt man den Strom, womöglich noch gefährlichere Wege zu nehmen. Aber — der C. V. ist eben in Verzweiflung und dreht sich im Kreise, und daraus ist auch sein unseliges Eingreifen in die inneren Angelegenheiten des deutschen Judentums zu erklären. (Seine Identifizierung mit dem Liberalismus hat der Abwehr und der liberalen Entwicklung gleich großen Schaden gebracht.) Wenn man mit Gewalt Erfolge haben muß, um mit ihnen zu paradieren, dann muß man auf falsche Bahnen geraten. Das der Zeit des Rationalismus entnommene Wort „Aufklärung" scheint noch immer nicht seine verdiente Grabesruhe gefunden zu haben. Die Menschen wollen nicht einsehen, daß der Rationalismus tot ist. Das ist auch der Fehler der ewigen Reformsucht, die sich heute liberal nennt. Man vergißt, daß alle Kraft des Volkes und alle Religion im Gefühl ruht und dem Seziermesser nicht gehorcht. Die Aufklärung, wenn überhaupt, bewirkt hier nur eine Milderung* der Form. Aufklärung beim Volke bedeutet Suggestion, und suggestive Wirkungen setzen Aufnahmefähigkeit des Objekts voraus. Bleiben wir in Deutschland, das vielleicht typisch ist für den Antisemitismus, und wo wir die Verhältnisse leichter überschauen können. Man konnte in den letzten zwei Kriegsjahren genau die Zeichen der Zeit lesen. Man konnte mit ziemlicher Sicherheit sehen, daß die raffinierte Schlauheit ein Mittel suchen werde, um alle Gemeinheiten und Torheiten der Kriegspolitik zu verhüllen. Bei der ehrlichen Dummheit und der politischen Unreife des größten Teils des Volkes konnte man es ohne Gefahr wagen, die Schuld auf Juden und Sozialdemokraten zu schieben und a priori eine Dolch- 62

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