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Die Jüdische Gemeinde · 1927-01-15 · 3 (15.1.1927) · p. Seite 61

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
3 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 61 (sequence 3)
Language
German
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Die Jüdische Gemeinde / Berlin, 15. Januar 1927 / I. Jahrg., Heft 3 Milieu und Mentalität von Pabius Schach Es gibt keine schwerere Problematik als den Fragenkomplex, der mit dem Judenhaß zusammenhängt. Daß Reaktion und Antisemitismus in irgend einem Zusammenhang stehen, wissen wir, — aber warum müssen sie zusammenhängen? Warum kehren die Völker, wenn alle Weisheit zu Ende ist, immer wieder zum Judenhaß zurück? Aus Dummheit? Sie sind ja sonst nicht dumm. Aus Bosheit? Nein, von den bezahlten Führern und den eitlen Demagogen abgesehen, sind sie häufig subjektiv ehrlich. Warum sind viele Menschen, die sonst logisch und gerecht denken, hier unbelehrbar? Warum zeigt sich in der ganzen Welt dieselbe latente oder aktive Abneigung, nur graduell verschieden? (Daß es Länder gibt, in denen der Antisemitismus nicht sichtbar ist, beweist gar nichts dagegen. Entweder handelt es sich um solche Länder, in denen die Juden in ganz geringer Zahl sind, wie Italien, Frankreich, Schweden und Norwegen, oder um solche, in' denen sie kompakte Massen bilden, wie Nordamerika.) Warum ist es so leicht, ein Volk wie Ungarn, das früher als immun gegen Judenhaß galt, in kurzer Zeit zur Brutstätte des rohesten Antisemitismus zu machen? Liegt es an uns selbst? Oder ist es ein ewiges Bedürfnis der Menschen, zu hassen? Wo ist die Antwort auf diese Fragen? Alle Erklärungen sind nur Umschreibungen und keine Lösungen des Problems. Und dieses Problem quält uns unendlich, weil es uns an die Seele geht. Weil es alle Fragen unseres Innen- und Außenlebens berührt. All unser Denken und Tun ist davon beeinflußt, und daher zeigt sich überall, offen oder verhüllt, unsere Unsicherheit. Und wenn man mit Recht bei uns das Ferment der Zersetzung entdeckt, so resultiert sie doch letzten Endes davon, daß unsere Unsicherheit eine innere Harmonie nicht aufkommen läßt. Sehnsucht nach völliger Assimilation, d. h. nach Aufgehen und Aufgeben unseres Ichs als Juden oder nach Rückkehr zum jüdischen Nationalismus in irgendeiner Form sind ja nur Früchte dieses unerträglichen inneren Zwistes. Unsere Vorfahren hatten es besser. Für sie war die Antwort leicht: „Edom muß hassen, weil es zu seinem Element gehört. Und Gottes Strafe hat uns, weil wir gesündigt haben, zum Objekt dieses Hasses gemacht." Für uns ist die Sache viel schwieriger und quälender. Wir können nicht einmal das Wesen des Antisemitismus erfassen, geschweige seine Ursachen begründen. Gewiß ist er in der Hauptsache gefühlsmäßig, instinktiv. Das Empfinden ist primär, die Erklärung, die „wissenschaftliche Theorie", sekundär. Schließlich sucht und findet jeder Haß nachträglich eine Rechtfertigung. Aber — liegt dieser Haß im Blute? Ist er durch Jahrhunderte anerzogen? Ist er durch die christliche Kirche künstlich gezüchtet 61

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