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Die Jüdische Gemeinde · 1926-12-15 · 2 (15.12.1926) · p. Seite 58

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
2 (15.12.1926)
Date
1926-12-15
Page
Seite 58 (sequence 28)
Language
German
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Was ist „Goethescher" Geist, wer ist der Flake? Einer, der Ideen beinah so oft wechselt wie unsereins nur Hemden und Hosen und Strümpfe. (Mal fordert er „Politisierung mehr als je", mal empfiehlt er „DePolitisierung"; mal mokiert er sich von links her — mit Recht — über Ebert, mal will er, vor die Wahl zwischen Fascismus und Bolschewismus gestellt, sich für Fascismus entscheiden!) Einer, den heut jede soziale Viehischkeit kalt läßt, weil sie, vom Sirius aus beglotzt, Berechtigung hat. Ein Schmonzesmacher. Ein Erkennerich: verfeinert-brutal, gebüldet-gewiegt, finster oder blendend, auf fürnehme Weise rabiat. Das ist 0. Flake; das ist „Goethescher" Geist. Folglich muß jeder Anständige „talmudischen" Geist „Goetheschem" vorziehn — vielmehr: müßte ihn Goetheschem vorziehn, wenn Goethescher wirklich das wäre, wofür der Flake ihn hält. Aber man ist zu dem Analogieschluß berechtigt, daß der Flake von Goetheschem Geist soviel versteht wie vom Geist überhaupt: Nichts. Franz Leschnitzer Josef Schwarz, der Jude Es gibt zwei Arten von Totenehrung, und beide sind bezeichnend für den Charakter derjenigen, die den Toten ehren wollen. Die Freunde des Toten wünschen, im Sinn und Geist des Verstorbenen an seinem Werk weiter zu bauen. Man hat ihn geliebt, die Lücke, die sein Scheiden hinterläßt, ist tief, und Trost findet man in dem Gedanken, daß sein Werk weiterlebt. Diese Art der Totenehrung ist vornehm und tröstet zugleich die nächsten Angehörigen. Verletzend für diese ist die andere Art. Mehr noch: die marktschreierische Form, in der „Freunde und Gesinnungsgenossen" des Toten sich seiner bemächtigen, ist geradezu beleidigend, denn der Tote kann sich ja nicht mehr wehren. Er kann nicht mehr sagen, daß mit seiner Person eine sehr unsaubere Reklame getrieben wird. An diese zweite Art der „Totenehrung" mußte ich denken, als ich die nationaljüdischen Zeitungen las, die Nachrufe auf den Kammersänger Josef Schwarz brachten und ihn als glühenden Zionisten feierten. Wie stand es um den Zionismus von Josef Schwarz? Durch Jahre habe ich dem Künstler freundschaftlich nahegestanden und oft mit ihm über jüdische Fragen gesprochen. Er hat aber stets abgelehnt, Zionist zu sein. Er war von Geburt Deutsch-Russe und hat sich mehr Deutscher als Russe gefühlt. Er war im Beginn seiner Laufbahn strenggläubig; in den letzten Jahren ist darin eine Wandlung eingetreten. Er blieb immer der selbstbewußte, aufrechte Jude, aber Nationaljude war er nicht. Wie man überhaupt zu der Legende von seinem Zionismus kommen konnte, ist mir unklar. Dachte man etwa daran, daß er für den Palästina-Fond in letzter Zeit einen größeren Betrag gespendet hatte, oder an seine Bekanntschaft mit Oskar Wassermann? Wenn ich für die wohltätigen Bestrebungen der Heilsarmee Geld gebe, dann bin ich noch lange kein Heilsarmeesoldat. Und muß ich darum schon Kommunist sein, weil ich einen kommunistischen Abgeordneten zu meinen Freunden zähle? Die laute Art, in der nationaljüdische Zeitungen das Andenken Josef Schwarz' geehrt haben, mag im Parteiinteresse geboten sein, jüdischer Auffassung von Totenehrung entspricht sie bestimmt nicht. Die sich wirklich seine Freunde nennen durften, tragen das Andenken an einen großen Künstler, an den guten Menschen und selbstbewußten Juden in ihrem Herzen. Julius Schlesinger 58

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