Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 2 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 57 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Unverantwortlich ist es, daß der Bau der Synagoge Prinzregentenstraße bis in die ferne Zukunft vertagt ist. 20 000 Steuerzahler in Schöneberg und Wilmersdorf haben einen Anspruch auf eine Synagoge, die zudem einen sicheren Ueberschuß von ca. 40 000 R.-M. bringen würde. * Wohlfahrtswesen. Sicher ist jede Summe, die für diese Zwecke eingesetzt wird, zu gering, um das viele Elend zu lindern. Das Wohlfahrtswesen der Gemeinde ist aber nur ergänzende Fürsorge. Wenn hierfür im Etat 1925 2 Millionen eingesetzt waren, so dürfte diese Summe bei einem Steuereingang von ca. 4 Millionen keinesfalls erhöht werden. * Allgemeine jüdische Angelegenheiten. Auch hier eine Erhöhung um 123 000 R.-M., entstanden durch die Erhöhung des Beitrages für den Landesverband. Eine indiskrete Frage: Was hat der Verband im Jahre 1925 geleistet? Ist es richtig, daß der Etat des Landesverbandes einen Ueberschuß von ca. 150 000 R.-M. hat? Man sieht: die Erhöhungen sind, ohne daß besondere Aufgaben leiden müßten, zu streichen. Dann auch noch wirklich sparsame Wirtschaft in allen Abteilungen und, Herr Finanzdezernent, der Etat ist ausbalanciert! Moritz Rosenthal Der antitalmudische Flake Gojim tun Gedanken eines Juden, die sie nicht kapieren können oder wollen, gern mit der Feststellung ab, sie seien „talmudisch". Auch ein Argument! Wer es vorbringt, widerlegt nichts; denn statt den Inhalt dessen, wogegen er es vorbringt, aLc falsch zu erweisen, beschimpft er einfach die Form — die er dabei nichtmal kennt: kein Beschimpfer des Talmudismus hat den Abglanz des Schimmers einer blassen Ahnung vom Talmud. Also eine Idee, eine Gesinnung (oder den jüdischen Menschen, der sie äußert) „talmudisch** zu nennen — diese Art des Argumentierens ist immer bequem und saudumm. Infolgedessen ist sie mächtig beliebt . . . nicht nur bei Pöbel-Antisemiten wie Hitler, und nicht nur bei „Eder-Antisemiten wie Blüher, sondern auch bei den angeblich garnicht antisemitischen litterärischen Bonzen, aus denen, nach der Meinung aller Philister aller Konfessionen, die „Elite des Geistes" besteht. Einer dieser Bonzen ist der Flake (Otto). Der hat in der bekannten Monatsschrift, die „Neue Rundschau" heißt, weil da alte runde Schauten mißtonangebend sind, mal sein sogenanntes Urteil über Kurt Hiller ab- und hierbei folgendes Sätzchen von sich gegeben: „Es gibt einen Punkt, wo der Goethesche Geist und der talmudische sich nicht verstehen — wo dieser jenen nicht versteht." Aber jener diesen, vastehste . . . Spott beiseite. Nehmen wir einmal an, der Flake habe wirklich Geist, und der sei „Goethesch" und Hillers „talmudisch". Dann muß, da sich Geist ja nur durch seine Träger objektiviert, „Goethescher" Geist das sein, was der Flake ist, und „talmudischer" das, was Hiller ist. Was oder wer ist Hiller? Einer, der aus innerm Zwang sittlichen Ideen dient: radikalem Pazifismus, radikalem Sozialismus, echtem Humanismus. Einer, der, getrieben vom Gefühl der Verantwortung für alle, sich in die Politik gestürzt hat und zäh darin ausharrt. Ein Revolutionär. Eine Erlösernatur (ohne die Märtyrer - Düsterheit „messianisch" posierender Trottel): gütig, klug, heiter, energisch. Das ist Kurt Hiller; das ist „talmudischer" Geist. 57