Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 2 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 52 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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nationalen Partei angehören, wenn die Antisemiten sie dort nur hineinließen. Ich habe einmal einen Judenstreik als beste Antwort auf den Antisemitismus empfohlen. In einem viel höheren Grade als in England oder Amerika sind die Juden in Deutschland in der Wissenschaft, im Handel, in der Literatur, in der Presse, in der Finanz, in der Kunst tonangebend, außerdem sind sie in allen intellektuellen Berufen tätig. Ein solcher Streik würde es vielleicht den Antisemiten zum Bewußtsein bringen, welchen Wert die Juden für das Land besitzen. Man müßte eigentlich erwarten, daß die Antisemiten zum mindesten die jüdische Begabung entsprechend einschätzen würden. Die antisemitische Literatur wirft allerdings den Juden vor, daß zwar der jüdische Durchschnitt eine höhere Begabung aufweise als der anderer Rassen, daß aber die Juden große schöpferische Persönlichkeiten nicht aufzuweisen haben. Auch darin stimme ich den Antisemiten nicht bei. Man darf schließlich nicht vergessen, daß die Juden ein sehr kleines, weithin verstreutes Volk von nur 12 oder 14 Millionen sind. Man kann sie daher nicht mit den Deutschen oder Engländern vergleichen. In Deutschland beträgt ihre Zahl noch nicht 1 Prozent der Qesamtbevölkerung, und von dieser kleinen Schar soll dem großen, starken, fleißigen, hoch kultivierten, im Superlativ tüchtigen deutschen Volk Lebensgefahr drohen? Solcher Verdacht schon setzt die Deutschen herab. Zweifellos haben die Juden eine ihrer Zahl entsprechende Ziffer auch von großen schöpferischen Genies aufzuweisen. Gaben sie nicht Jesus, den Rabbi aus Galiläa, der Welt? Nicht die Bibel, das sacred book des Occidents, nicht den Paulus und die älteren Apostel? Sind ihre Mythen an sittlichem Wert und dichterischer Vision geringer als die der Welten Homers und der Edda? Ist nicht Baruch Spinoza eine der reinsten und feinsten Gestalten aller Menschengeschichte? Neben Juden, die, weil man sie nirgend Wurzel fassen, nirgend sich fest einbürgern ließ, nur auf rasche Bereicherung erpicht waren, standen überall und immer viele, die selbstlos, unbelohnt und nach Lohn gar nicht lüstern alle Kräfte freudig der Allgemeinheit, der res publica, opferten. Auch darf man nicht vergessen, daß die Juden sich unter viel schwereren Bedingungen durchzusetzen haben als die Nichtjuden, und daß sie oft nur nach Ueberwindung von sehr großen Widerständen ans Ziel gelangen. Juden, auch von größter Bedeutung, haben oft nicht die Gelegenheit, ihre Talente zu entfalten, weil sie nicht verwendet werden, lediglich aus dem Grunde, weil sie Juden sind. Nehmen wir z. B. einen Mann wie Max Warburg in Hamburg, der nach meiner Ansicht ein kluger, auch in gewissem Sinn staatsmännisch begabter Kopf ist. Wird er von Deutschland ausgenutzt? Er hat in und nach dem Krieg (fem Deutschen Reich große Dienste geleistet. Sein und mein Freund Albert Ballin hat den ganzen Apparat seiner Reederei dem Reich zur Verfügung gestellt und die Proviantierung der Flotte ermöglicht. Professor Haber rettete durch den 52