Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 2 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 51 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9572329-9573323-9572375--060-9572396- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
die zollt man, indem man den Gebern Ämter, Würden, Einfluß und Macht überläßt. Denn das ist klar: diese Leute beherrschen in Wahrheit den Apparat; wenn sie grollen und mit Entziehung ihrer Mittel drohen, wird ihnen schnell Honig in den Mund gerieben, und die Männer der höchsten Ämter müssen auf die Kapitalisten der mittleren Ämter Rücksicht nehmen, — das Kompromiß ist geboren. — Manchmal kommt einer — der kein Geld hat — und versucht, gegen diese Zustände anzurennen. Wenn er gefragt wird, was er denn leisten will, sagt er ,,nur" — Arbeiten! Und ein Hohngelächter antwortet ihm. — Glaubst Du, daß Du arbeiten könntest, wenn nicht dieser und jener Mann Geld geben würde? Glaubst Du, wir könnten existieren, wenn wir das Geld jener Leute entbehren müßten? Der arme „Arbeitswillige1 läßt den Kopf hängen und denkt: sie haben recht. Ist er ein Intellektueller, denkt er manchmal noch, daß es stets die große Kunst des Kapitalismus war, die Notwendigkeit seiner Existenz zu beweisen. Er geht — und das Judentum hat einen Indifferenten mehr. Die „Seriösen * sind längst still geworden. Die „kapitalistischen" Schreier beherrschen das Feld. Nur beim Steuernzahlen, das nach außen hin nicht bekannt gemacht wird, sind sie vornehm und „zurückhaltend44. Mancher träumt vielleicht vom Dreiklassenwahlrecht; da wurde doch wenigstens offenbar, wer man ist.. Die Überwindung des Judenhasses von Maximilian Harden Ein Ita-Interview. Ich selbst, der ganz in einer deutschen Atmosphäre aufgewachsen, im christlichen Glauben erzogen und wenig in nahem Verkehr mit Israeliten gewesen war und mich in jeder Hinsicht als deutsch betrachtete, mußte eines Tages merken, daß ich den Rassisten nicht als „reindeutsch" galt. Daß wirklich reine Rassen kaum noch auffindbar sind, und daß besonders östlich von der Elbe ein wendischslavisch-preußisches Mischvolk überwiegt, daß gerade die Adelsfamilien des deutschen Ostens, wie Namen und Physiognomie erweisen, vielfach früh slawisiert wurden, wird von so plumpem Antisemitismus nicht beachtet. Vielen anderen ist es ähnlich ergangen. Alles, was die Juden Deutschlands getan haben, um ihrem Lande mit allen Kräften und in aller Treue zu dienen, hat nichts genützt. Die Juden haben sich während des Krieges z. B. in vorbildlicher Weise benommen; sie waren sogar überpatriotisch; sie gehörten zu den ärgsten Chauvinisten. Mögen Einzelne sich in Krieg und Inflation allzu hastig bereichert haben, so waren ihre Gewinne doch nur Bagatelle neben den gigantischen Profiten, die in derselben Zeit der „kerndeutschen" Industrie und Landwirtschaft, den Produzenten von Nährmitteln, Kohle, Stahl, Waffen, Geschossen, Kleidungsstoffen usw. zufielen und zufallen mußten. Die antisemitische Behauptung, daß die Juden eine Vorliebe für die radikalen Parteien haben, trifft auch nicht zu. Es ist natürlich, daß die Bedrückten und Verfolgten sich den radikalen Parteien anschließen. Würden die Antisemiten die Juden in Ruhe lassen, so würde man die zu Wohlstand gelangten Juden in allen Ländern in den konservativen Parteien finden. Unsere jüdischen Kapitalisten würden nichts lieber wollen, als der deutsch- 51