Mannheim
Compact Memory

Die Jüdische Gemeinde · 1926-12-15 · 2 (15.12.1926) · p. Seite 53

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
2 (15.12.1926)
Date
1926-12-15
Page
Seite 53 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9572329-9573323-9572375--062-9572398
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Fund des Stickstoffes (in der Luft) das Leben der deutschen Landwirtschaft und erfand den Stoff, der den Gaskrieg möglich machte. Ehrlichs Salvarsan hemmte die furchtbare Qefahr der Lues-Verseuchung. Rathenau organisierte im Kriegsministerium die Sicherung der für den Krieg unentbehrlichen Rohstoffe. Unermüdlich und uneigennützig haben weltberühmte jüdische Chirurgen, Internisten, Chemiker, engineers usw. jahrelang für Armee und Heimat erfolgreich gearbeitet. Ohne die Talente und die Hingebung all dieser Juden wäre dem blockierten Deutschland die lange Kriegsführung nicht möglich gewesen. Und war nicht Albert Einstein der erste Pionier, der dem besiegten Deutschland in der Welt wieder Ruhm erwarb? All' das soll nun vergessen und ausgelöscht sein. Aber ein Judenstreik würde rasch erweisen, wie unentbehrlich den Deutschen heute der Jude geworden ist, und in welchem Umfang Deutschlands Welterfolge auf den meisten Gebieten just durch die Mischung und Ergänzung der beiden „Rassen" bedingt sind. Ob der Antisemitismus in Deutschland abnehmen wird? Das hängt von der Entwicklung der wirtschaftlichen Lage ab. Je besser es den Deutschen geht, desto weniger werden sie die Juden hassen. Der Jude ist eben ein Sündenbock für alles, auch für die wirtschaftliche Notlage der anderen. Uebrigens wird die ganze Welt heute nur von wirtschaftlichen Faktoren regiert. Die Politiker haben aufgehört, die Hauptrolle zu spielen. Es sind die Kapitalisten, die entscheiden. Und die Zeiten, in der das „jüdische" Kapital allbeherrschend schien, sind längst dahin. Was sind die Rothschilds, was selbst Kuhn, Loeb & Co. neben den Ford, Rockefeller, Morgan, den Trustkönigen und Kartellpotentaten „rein" arischen Stammes? Alberne Märchen lügen der unwissenden Menge vor, daß „die Juden den Krieg, die Revolutionen, den Bolschewismus gemacht haben". Nichts davon ist wahr. Auch in Rußland war und ist die enorme Majorität aller Juden gegen den Bolschewismus. Wahr ist, daß die Antisemiten in vielen Juden die Hoffnung getötet haben, je als gleichberechtigte Bürger des Wirtlandes anerkannt zu werden. Diese Juden suchen dann in dem alten Glauben, Ritus, Nationalgefühl, dem schon ihre Ahnen entwöhnt waren, ihre Zuflucht. Daher der Drang nach Zion. Daher der weithin tönende Erfolg der Habimah, des hebräischen Theaters in Moskau. Ich sah es den „Dybuk" darstellen, den der allzu früh gestorbene Wachtangow, ein unübertroffenes Regie-Genie, musterlich einstudiert hatte, und war, trotzdem ich nicht ein Wort ihrer Sprache verstehe, von ihrer mimischen Kraft und der ritualen Inbrunst ihres Spieles tief erschüttert. Sie führen ein Mittelalter östlichen Judentums vor, das sich von westlichem, von germanischem Wesen freilich weltenweit scheidet, das aber auch dem in Amerika und Europa akklimatisierten und kultivierten Judentum nicht ähnlicher ist als Richard Wagners Operngermanen den Deutschen, die heute an Rhein und Ruhr die profitable Ehe der germanischen Kohle mit dem gallischen Erz stiften . . . 53

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.