Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 2 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 50 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Kapitalismus in der jüdischen Gemeinde von einem Richter Es wäre leicht, ^geistreiche1* Analogien zu ziehen und Pharao mit Wilhelm II. oder dem Zaren Nicolaus, Moses mit Lenin, Danton oder Mussolini, den Auszug der Kinder Israel mit dem 9. November oder dem Zug der Schwarzhemden nach Rom zu vergleichen. Solche Vergleiche sind feil wie Brombeeren, und das angebliche Wort des Ben Akiba gilt auch für die sozialen Erscheinungen und Kämpfe der Gegenwart. Aber es soll nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, nachzuweisen, daß „Sozialismus" und „Kapitalismus ' im Judentum vorhanden waren und sind (es sind dies Probleme, die an die tiefsten Wurzeln auch des Judentums rühren und zu gegebener Zeit einmal aufzuzeigen sein werden) —, sondern es soll hier kurz beleuchtet werden, wie im Leben unserer Gemeinde ein Etwas sich breit gemacht hat, das man oberflächlich und schlagwortmäßig mit Kapitalismus bezeichnet: das aufdringliche Hervortreten und Herrschen der größten Steuerz . . . urückhalter. Wir schauen nur wenige Jahre rückwärts, In der jüdischen Gemeinde sind die Elemente genau so heterogen wie heute. Aber an der Spitze, als wahrhafte „Repräsentantenals wirkliche „Führer" stehen die besten Männer der Zeit, der Wissenschaft und des Handels, Männer, die außerhalb der Gemeinde Namen von Ruf und Klang haben, auch von ihren nichtjüdischen Mitbürgern geachtet und verehrt werden, sind das charakteristische Moment derjenigen, denen das Schicksal der Gemeinde anvertraut ist. Und heute? Nun, Namen sollen nicht genannt werden, — aber jeder mag die heute Berufenen mit den Männern von ehedem vergleichen. Die geistigen Kreise fehlen fast ganz; was an Akademikern vorhanden ist, sind meist nur ein paar groß . . . rednerische Juristen. Der Akademiker ist in den Hintergrund gedrückt von den Wirtschaftlern. Das wäre zu ertragen. Wer aber sind diese Wirtschaftler? Keiner von ihnen gehört zu den großen, ganz großen Namen, Keiner von ihnen ist auch nur der Masse der jüdischen Mitbürger, geschweige denn über diese Grenzen hinaus der nichtjüdischen Bevölkerung bekannt. Es sind ein paar biedere Kaufleute, mittlerer, größerer Betriebe, die viele Jahre bereits einer Organisation angehört und sich nun durch fleißige Beitragszahlung und Extraspenden „heraufgesessen'' haben. Daneben aber gibt es noch eine ganze Anzahl. Männer, die zwar nicht in den höchsten, aber doch in wichtigen Ämtern tätig sind, in Ämtern, die nach außen hin viel öfter hervortreten und von Bedeutung sind, als die höchsten Stellen, z. B. in Wohlfahrtsämtern, Synagogenvorständen, Friedhofskommissionen und ähnlichen. Diese Ämter sind allmählich zu „Belohnungen" für Kapitalisten geworden. Da ist irgend einer, der gerade noch schreiben, gewiß nicht reden kann; zu einem allzu hohen Amt erscheint er nicht „berufen *. Aber er zahlt, er gibt Geld, Geld, nochmals Geld. Also er muß etwas als Gegengabe erhalten. Nichts leichter als dies. Man macht ihn zum Synagogenvorsteher, zum Vorstandsmitglied eines Wohlfahrtsamts oder läßt ihm an einem hohen Feiertag eine besonders auffallende Ehrung zuteil werden. — Die (unauffällig) wieder besonders hoch „gedankt ' wird. Diese Männer beherrschen heute zu einem erheblichen Teil unser jüdisches Leben. Die Kassen der Gemeinde sind leer, also sind jene die willkommenen Helfer. Das alte jüdische Herz, das gab um des Gebens willen, ist längst verschwunden. Heute will jeder für das, was er tut und gibt, Dank und Anerkennung; 50