Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 2 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 47 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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voreilig Hallelujah jubeln: die Art jüdischer Gemeinde, in deren Enge ihre Gesinnung geschränkt ist, bleibt ein für alle Male tot Die Versuche der Wiedererweckung des Judentempeltums sind nach meiner Ueberzeugung hoffnungslos. Warum? Bündig gesagt, weil kein Mannah in unsre Wüste regnet, sondern Hunger und Erwerbslosigkeit den Besten das Leben zur Hölle machen. Eine Kirche ohne aktuelle Wunder, mit einer zerzweifelten, zergrübelten Tradition und heuchlerisch heruntergebrummelten Riten hat keine Zukunft. Man mag das — in Wahrnehmung berechtigter Interessen — als Sektierer, als Predigt-Beamter oder auch als Hohepriester beklagen; man mag es als Redakteur oder Abonnent der Frankfurter Zeitung bejubeln, — auch Das ist ja nur eine kärgliche Abstinenz nicht so ganz freiwilliger Herkunft. In jedem Fall ist es so, und man kann höchstens fragen, wer daran Schuld hat. Ich möchte sagen: in erster Reihe der Typus Wendriner, der feiste, unzufrieden-behagliche, gönnerisch-nörgelnde Jude konservativ-liberaler Prägung, der Heldenmörder, Händler, Fettbauch, Bankdirektor oder Konfektionär und Wähler des Dr. Ludwig Haas. Am Ende aber liegt die Schuld weniger bei Menschen überhaupt als in dieser Wirtschafts-, dieser Gesellschaftsordnung, diesem Elend, diesem unmessianisch gewordenen Kult ohne Kultur, ohne Gewissen, ohne Glut. Ich bezweifle nicht, daß die Wendriners heute noch die Majorität bilden, zumindest in der ältern Generation. Sie sind freidenkend, weitherzig, liberal, abonnieren sich mit einem Minimum an jährlicher Versöhnungsinbrunst auf den Himmel, halten fest am alten Cliquengeist, haben aber auch Nichts gegen „anständige Christen", womit sie gleichtüchtige Arier meinen. Sie schimpfen auf ihre gotteslästerlichen Töchter und Söhne, auf deren unversteckte Unmoral, auf deren meschuggenen Konventionshaß, auf ihren unwirtschaftlichen Radikalismus. (Einzige Entschuldigung: Auch mal jung gewesen, in fünf Jahren legt sich Das.) Alle Die gibt es noch, alle Die beherrschen die jüdischen Boulevards und Boulevardblätter. Zum Protest gegen diesen gemischten Spießbürgerjuden gibt es bisher nur einen Typus: den zionistischen. Ich bin ihm nicht sehr grün. Denn seine besten Exemplare, die nicht immer die jüngsten zu sein brauchen, sterben und leben für den Sieg der (jüdisch-) nationalen Idee, und begreifen also nicht, daß dieses Thema auf der Tagesordnung dieses Jahrhunderts in Europa überhaupt nicht mehr steht. Ihr Schickal ist es, einen schmerzlich unerledigten Punkt der vorhundertjährigen Diskussion für einen heutigen, ach was: für einen ewigen zu halten. Immerhin: ich wünschte die ethische Inbrunst, die Liebe und den Haß des schlechtesten Zionisten den besten Assimilanten, und fühlte mich dann wohler in seiner Gesellschaft. Aber wenn ich heute von erwachendem Judentum zu sprechen wage, wenn ich mitmache bei dem Versuch dieser Zeitschrift, eine jüdische Gemeinde neuer Art, Gesinnung und Gesittung zu sammeln, wenn ich Dergleichen überhaupt für aussichtsreich halte, so trotz 47