Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 2 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 46 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sinnenbild seiner Geliebten erst im Herzen hat, seit er ihr Photo in der Tasche trägt, — wem das erste musische Erlebnis widerfuhr, als ihm der Freischütz oder sonst eines Knaben jüngstes Opernwunder zu Ohren kam, — Der wird die Wahrheit, die er einsah, nie erkennen und wird die Pfeile aller Jenseits-Schwärmer auf die Gemeinschaft ziehen, der er sich zurechnet, indem Die ihn als deren Exponenten verschreien und einen schwunglosen Begreifer gut- oder bösgläubig verwechseln werden mit einem Bund logisch erleuchteter Visionäre. Man agitiert, man zeigt, beweist, erklärt, und im Grunde ist für den Lebenden Alles so selbstverständlich, was da an Inhalten umstritten wird. Denn der Wahre wittert die Wahrheit, noch eh* er sie erfaßt, erdacht, erstritten hat, und Alles, was der Witterung folgt: Einsicht, Aneignung und Durchsetzung, ist ihm nur Wirkung psychologischen Gesetzes. Wie soll denn ein Mensch, dem es um fröhliches Ernstmachen geht, ein Jasager zum Leben und seiner Lust, zum Licht, zur Liebe, zum Leib, — wie soll Der denn im Angesicht der Sklavenjt not, des Hungerzwangs, der Lieblosigkeit, des Stumpfsinns, der Lebensvernichtung, der Lebensmüdigkeit, im Angesicht dieser Ungeheuern Schuld militaristischer Gesetzgeber, kapitalistischer Geldherren, demokratischer Parlamentsgreise, klerikaler Mordsegner und vermuckerter Moralbonzen zu andern Entscheidungen überhaupt gelangen können als zu heroischem Pazifismus, sozialistischer Satzung, aristokratischem Programm, unkirchlichem Gottes-Dienst und einem völlig neuen Sittenkodex, mit einem Wort und allerwegen: zur Revolution? Laßt uns drum den Kameradinnen, den Gebärerinnen statt alles Andern den Willen einbrennen, Menschen einer neuen Rasse auszutragen: Lebende, Glut-Geister, Denkende, Glühende: mit dem Gewissen bei den proletarischen Brüdern, mit dem Geist bei den Meistern des Gedankens, mit dem Auge in einer des Gedankens schon wieder überhobenen Zukunft und mit der Faust bei der Arbeit. 4. Ich behaupte nun: diese aktivistische Gesinnung, Stimmung, Geistigkeit träfe bei einem Teil des heutigen Judentums auf einen besonders gesegneten Boden. Und bin mir klar, daß diese Behauptung eine andre involviert: die, daß es wieder eine jüdische Ge- * meinde gibt! Eine soziologisch, ideologisch und typologisch unerhört interessante Erscheinung: das jüdische Gemeinleben, der Notgenossenschaft des Ghettos entkrochen, zerborsten durch die ebenso gesinnungswie erfolglosen Versuche äußerlicher Angleicherei, nicht zurückerobert durch die hysterische Ausweitung der großen sozialen Geste Herzls zu einem reaktionären Palästina-Chauvinismus, — dieses leblos erstarrte jüdische Gemeinleben, jämmerlich zuckend in ein paar zweideutigen Feiertagsstunden, beginnt wieder wirklich zu leben! Es gibt wieder jüdische Bekenner, Juden nicht nur von Schicksals wegen, Juden aus Entschluß! Die Feldrabbiner aber, die Familienblattleser und -Schreiber mögen zu dieser Mitteilung nicht 46