Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 2 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 42 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Noch ist es verfrüht, zu den Ansichten der einzelnen Redner Stellung zu nehmen für denjenigen, der persönlich an der Tagung nicht teilgenommen hat. Wir wollen warten, bis der ausführliche stenographische Bericht vorliegt; denn die Berichterstattung der jüdischen Presse brachte gemäß ihrer jeweiligen Stellung nur Auszüge, die nicht genügend die Plattform für eine ungetrübte Stellungnahme bieten. Heute aber schon muß der Finger in die schwärende Wunde des deutschen Judentums gelegt werden, und nur wenn sie geheilt wird, kann eine Heilung für die Gesamtheit kommen. Die Operation muß bald vorgenommen werden, großzügig und von Meisterhand, damit dem siechen Körper neues Leben vergönnt wird. Es handelt sich um die Frage der jüdischen Kultusbeamten, um die Träger innerjüdischen Lebens, in deren Hände die jüdisch-religiöse Erziehung unseres jüdischen Nachwuchses — der wahrlich so spärlich ist, daß keines seiner Glieder verloren gehen darf — gelegt ist. Aus ihren Reihen haben sich immer wieder mahnende Stimmen erhoben. Ich nenne in vorderster Linie den unerschrockenen und mutigen Kämpfer, unseren Lehrer Steinhardt in Magdeburg. Die „maßgebenden" Herren in Stadt und Land aber haben diese, von aufrichtiger und heißer Liebe zum Gesamtjudentum getragenen Notrufe mit einer lässigen Handbewegung abgetan, man betrachtete sie als „pro domo"-Stellungnahme, und setzte sich ohne viel Kopfzerbrechen darüber hinweg. Mit kleinlichen Mittelchen, mit Pflästerchen auf die schwere Wunde, suchte man die Mahner zu beruhigen, die Oeffentlichkeit einzulullen, und mit welchem Erfolg? Wir stehen vor einer Katastrophe, wenn nicht in letzter Stunde noch eine umfassende, großzügige und fachmännisch beratene Aktion einsetzt. Diese in Kürze zu umreißen, sei versucht. Zunächst aber sei mit wenigen Strichen die Schadhaftigkeit des Gebäudes aufgedeckt. Nach dem Bericht des Herrn Dr. Ismar Freund auf der Tagung des Preußischen Landesverbandes gibt es noch immer 158 Gemeinden allein in Preußen, in denen kein Religionsunterricht stattfindet (wenn ihm alle Gemeinden bekannt sind, was ich bezweifle). Vielfach sind die jüdischen Lehrer und Kultusbeamten noch nicht fest angestellt. Ihre kontraktliche, zeitlich begrenzte Anstellung gibt sie in die Hand ihrer Anstellungsbehörde. Die Gehaltsverhältnisse zumeist ungeregelt, auf Willkür basiert. Eine Einreihung in die Besoldungsgruppen der Reichsbesoldungsordnung nur in schwachen Ansätzen durchgeführt. Von Pensions¬ und Reliktenversorgung vielfach überhaupt keine Rede. Jüdische Elementarschulen lösen sich auf, Neuerrichtung derselben nur im spärlichsten Ausmaße. Aber selbst wo Religionsunterricht gegeben wird, vielfach keine domizilierenden Beamten, die das innerjüdische Leben in den betreffenden Gemeinden wecken, heben und tragen. 42