Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 2 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 39 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Demokratismus mich gewiß alles trennt, dessen Versammlungsleitung aber jedem, der Sinn für politische Aesthetik hat, ein hoher Genuß war, ein Mißtrauensvotum eingebracht. Welche Sünde wider den Geist war ihm vorzuwerfen? 0, es war nur eine Sünde gegen den Parteigeist, der diese Versammlung beherrscht. Sonnenfeld, in der Angelegenheit der Wahlproteste zu einer Rücksprache mit dem Innenminister genötigt, hatte diesen gebeten, den zionistischen Ministerialdirektor Badt, der sich als Parteimann wiederholt zu den Wahlprotesten geäußert hatte, von der Unterredung auszuschließen. Das war keine Denunziation des verdienten Beamten, dessen politische Gesinnung in Preußen jedes Kind kennt. Aber ist es nicht erlaubt, den Urteiler in eigener Sache als befangen abzulehnen? Muß, nach unserm Rechtsempfinden, nicht die weiseste Porzia vom kurulischen Sessel verschwinden, wenn der Streit Antonios, ihrem Bassanio Freund, vor die Richtstatt gerufen wird? Hier sitzen nicht Männer, die mit dem Feuer der Begeisterung für die allgemein-jüdische Sache kämpfen. Die Szene wird zum Hexentanzplatz jüdischer Unterweltspolitiker, die das Tränklein ihrer Wahlparole brauen. Der preußische Volksschullehrer hat die Schlacht bei Sadowa gewonnen, heißt es. Der jüdische Rechtsanwalt muß die Schlacht am Leipziger Platz verlieren. Und nur ein Heilmittel gibt es da. An die Stelle der großen jüdischen Parlamente müssen die kleinen Kommissionen treten, die allein sachliche Arbeit leisten können, die sie auch stets, seit jener Pariser Notabeinversammlung von 1806, allein geleistet haben. Hier habt ihr das Serum gegen die jüdische Redeseuche und jene unerträgliche Gespreiztheit, die stets neues Wasser auf die Mühlen des Antisemitismus bedeutet. Noch etwas anderes war symptomatisch. Als es zur Abstimmung über das Mißtrauensvotum kommt, sind nicht einmal die Listen zur Stelle, auf Grund deren ein geordneter Stimmakt stattfinden könnte. Nie war eine Versammlung so mangelhaft vorbereitet wie diese Landesverbandstagung. Mit welcher Begeisterung war man an ihre Wahl gegangen. Wie hatte man bedauert, durch anderthalb Jahre nichts von ihr zu hören. Und nun diese ergebnislose Tagung. Dazu dieser Riesenapparat, der Generalsekretär mit den 18 000 Mark und der Rats Vorsitzende mit den 8000 Mark Jahresgehalt! Aber wie kann auch eine Tagung etwas leisten, die man nur einberuft, um die Oeffentlichkeit zu beruhigen, bei der keine Vorlage gründlich vorbereitet, kein Vorschlag zu Ende gedacht ist, bei der wichtige Anträge erst drei Tage vorher in den Händen der Abgeordneten sind. Die Tatsache anderthalbjähriger Untätigkeit läßt sich eben nicht durch ein dreitägiges Scheinleben verdecken. Ueber diese lange Periode des Nichtstuns konnten auch nicht jene Presseberichte hinwegtäuschen, in denen, sechs Wochen vor der Tagung, das neugeschaffene Pressedezernat jedes Geschreib eines Schammes zu einer weltbewegenden Tat aufplusterte.