Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 2 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 35 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Und auch das war das Glück dieses Mannes, daß er, in Begeisterung und Haß, sich schrankenlos geben konnte. „Ich habe immer einen Ort gehabt, wo ich mein letztes Wort in meiner Form und meinem Ton aussprechen durfte." So wurden jene Kostbarkeiten, seine „Weltbühne", in die wir uns nun immer wieder versenken müssen. Sie ist die feinste, die prickelndste, die sauberste, mutigste, ethisch wertvollste Zeitschrift Deutschlands. Und seine kritischste. Aber was für eine Kritik war das! Dieses geschickt zerlegende Gehirn. Diese Tiefe der Ironie mit dieser Sachlichkeit. Nie hat Sensationssucht diese Feder geführt, diese schwere, willenvolle Hand, die Stunden zu einer „Antwort", einen Tag zu einem Theaterbericht auf dem Papier bleiben konnte. Sie hat nur gekämpft, weil die Kinderaugen ihres Führers die Welt nicht so sahen, wie sein weises Greisenhirn glaubte, daß sie sein müsse. Darum hat man Siegfried Jacobsohn auch immer furchtbar ernst genommen, ist ihm der Sieg über so viel schwärendes Unrecht geworden. Und das eine Mal ... als ihn selbst die Freunde nicht ernst nahmen . . ., damals, im August 1914 und in all den Kriegsjahren ... als einziger ließ er sich vom Krieg nicht packen, nicht einen Augenblick glaubte er an dessen sittliche Wirkung. („Wenn dieser eine Mensch von zweiundzwanzig Jahren, dies Abbild der Gesundheit, Schönheit, Kraft nicht aus dem Krieg zurückkehrt, ist der Gewinn des Kriegs zu hoch bezahlt.") Auch da hat Deutschland an seinem Volkskörper zu fühlen bekommen, daß es nicht die Besten an den weithin sichtbarsten Platz stellt. Der Gerechteste war Siegfried Jacobsohn. Wie oft, wenn ich ihm sagte, ein Mitarbeiter sei in der Justizkritik übers Ziel gegangen, habe ich von ihm gehört: „Schicken Sie mir eine Richtigstellung; es darf nichts Ungerechtes und Falsches bei mir stehen." Sein Gerechtigkeitsgefühl allein befähigte ihn, etwas wie die „Weltbühne" zu schaffen, „das Dasein von mehreren Seiten zu betrachten", die Stärksten noch in seine Mitarbeiterschaft zu zwingen. Es mußte ihn auch an die Seite des unterdrückten Judentums, zur besonderen Betonung seines Jude-Seins führen. Es war mehr, was so oft die jüdische Saite in seiner Zeitschrift anklingen ließ. S. J., der deutsche Weltbürger, war mit Begeisterung Jude. Sein ganzes Sein ist nicht zu denken ohne die Zukünftigkeit des messianischen Menschen. Er war die beste Mischung der prophetischen und der rabbinischen Schule. Aus allen unsern Gesprächen klang mir die Ueberzeugung von der geistigen Auserwähltheit des Judentums. Darum sein abgründiger Haß gegen den Typus Wendriner, gegen den ekelhaften, feisten, protzigen Geld-Juden. Darum die scharfe Ablehnung des jüdischen Tag-Schreibers, der jüdischen Schreib-Mache. Sein Kampf gegen die Naumänner, die das Jüdische verdrängen. Dieser beizende Spott über die Kuli- und Gully- Geister in den jüdischen Zeitungen, über das „traurige Papier", die „Analphabeten der ABC-Straße", das „Israelitische Familienblatt", und die anderen jüdischen Familien- und Wochenblätter. Für das 35