Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 1 (15.11.1926)
- Date
- 1926-11-15
- Page
- Seite 27 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9572329-9573323-9572338--031-9572367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bedenken wir die Gefahr, die wir für die Judenheit der Diaspora heraufbeschwören. Soll dieser Staat — und nach ihm müssen alle Heimstätten und Nationsbestrebungen tendieren — eintreten in den Haß und Streit der Völker? Soll er ein Staat mit garantierter Neutralität oder der Spielball der großen Mächte sein? Was wir in dieser Frage hören, mahnt doch zur allergrößten Vorsicht. Vi. Und was nun? Zwei Weltauffassungen stehen sich gegenüber, die beide dasselbe Ziel verfolgen, das Judentum neu zu beleben. Sie streiten über Weg und Endziel. An sich ist ein Streit der Ideen kein Unglück; im Gegenteil, er ist ein Sympton des Lebens. Für uns ist nichts schlimmer als Indifferentismus und Stagnation. Mir ist die falsche Bewegung lieber als die Ruhe der Leblosigkeit. Führen wir den Kampf im Lichte der Wahrheit, mit den Waffen des Geistes, beseitigen wir alles, was Beschimpfung, Verhetzung und Denunziation ist. Dann wird unser Kampf nicht vergebens sein und dem Judentum Segen bringen. LinkS-AntiSemitiSmUS von Franz Leschnitzer Jch bin Jude — was mich nicht hindert, einen „Judenfreund" so beschränkt zu finden wie einen „Judenfeind". Schrulle? Marotte? Fixe Idee? Laßt mich sie verteidigen. Bevor ich Jude bin, bin ich revolutionärer Sozialist und Pazifist. Auch wenn ich „Nationaljude" wäre (ich denk' nicht dran, es zu sein: der Unterschied zwischen menschlichen Menschen und Kanaillen, zwischen Weltverbesserern und Weltverhunzern erscheint mir um soviel erheblicher als der Unterschied zwischen Juden und Ariern, wie der zwischen zahmen Tieren und wilden Tieren mir erheblicher erscheint als der zwischen Säugetieren und Reptilien) . . . wollte sagen: auch wenn ich „Nationaljude" wäre, wär' ich nicht so sehr „Nationaljude" wie revolutionärer Sozialist und Pazifist. Sind mir aber die „Ideen der Rasse und des Glaubens" weniger wichtig als die Ideen des Friedens und der Freiheit, dann ist mir auch die Gemeinschaft mit „Rassen-" und „Glaubensgenossen" weniger wichtig als die Gemeinschaft mit Friedens- und Freiheitsfreunden; ja: friedens- und freiheits f e i n dliehe „Rassen-" und „Glaubensgenossen" sind mir, wie alle solche Zeitgenossen, ein Greuel. Ein „Glaubensgenosse" vom Kaliber des Rechtsanwalts und, nu nee, demokratischen Reichstagsabgeordneten Ludwig Haas, welcher am 29. März 1922 vor dem Reichstags- Plenum unter anderm folgende Sätze aufsagte: „Wir wünschen die Völkerverständigung und die Rüstungsbeschränkung; wenn diese aber nicht kommt, dann wollen wir für das deutscheVolk dasselbe Recht wie für andre Völker" — (nämlich das „Recht" zum Martern, zum Verstümmeln, zum Morden tüchtig zu drillen, das „Recht", zu martern, zu verstümmeln, zu morden, das „Recht", sich martern, verstümmeln, morden zu lassen) — so ein „Glaubensgenosse" widert mich in nicht geringerem Grad an als irgendein Zeitgenosse teutschen Geblüts; vielleicht gar in höherem Grad als der Teutsche, denn dem darf ich vielleicht eine Dußlichkeit als mildernden Umstand anrechnen, die dem Chochem Haas durchaus fehlt. Aber mit derselben Inbrunst, mit der ich diesem jüdischen Wehrpflichtfreund und überhaupt sämtlichen jüdischen Kriegs- und Ausbeutungs-Anwälten in die Parade fahre und in die