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Die Jüdische Gemeinde · 1926-11-15 · 1 (15.11.1926) · p. Seite 26

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
1 (15.11.1926)
Date
1926-11-15
Page
Seite 26 (sequence 28)
Language
German
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Wirkung aber erweist sich der Antisemitismus als die Kraft, die das Böse will und das Gute schafft, als der Dünger, der dem Baume des Judentums neue Lebenssäfte gibt, Säfte, die reichen Ersatz für den Abfall der welken Blätter und des wurmstichigen Fallobstes bringen. Aber ich kann es nicht anerkennen, daß die Lebensauffassung des Zentralvereins den Verfall und Zerfall des Judentums befördert, und daß der zionistische Gedanke das Judentum mehr erhält und belebt als unsere Auffassung. Nicht um des Antisemitismus, sondern um des Judentums willen wollen wir reinliche Scheidung und Klärung. Was erhält denn das Judentum und was gefährdet es? Für mich liegt das Wesen des Judentums mit seinen seelischen und kulturellen Werten nicht in seiner Nationalität; seine Ewigkeitswerte liegen in seiner Religion, Ethik, seinem Ideenkomplex: dem Monotheismus, der sich bei ihm in reinster, abstraktester Form zeigt, dem Messianismus, der noch nicht erfüllt ist, sondern ein dauerndes Ideal bleibt, dem wir zustreben, dem Optimismus, der das Leben bejaht, der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, der eine reine Seele empfangen hat und ohne eine Mittlerschaft sich mit Gott versöhnt und göttlicher Gnade teilhaftig wird, der Mission der Selbstheiligung, d. h. zu Nächstenliebe und Gerechtigkeit und zu Verbreitung von Religion und Sittlichkeit unter den Menschen. Dieser Beruf ist zwar an ein Volk ergangen; aber als Staat ist Juda untergegangen und als Volk in alle Winde zerstreut, so daß ein jüdisches Nationalbewußtsein bei der großen Masse der Westjuden ganz und gar und selbst bei denen erloschen war, die gute Juden sein wollten und zu sein glaubten Und nun wollen die Zionisten das Judentum und seinen Ideenkomplex wieder beleben dadurch, daß sie den teils verglommenen, teils verglimmenden Funken des Nationalbewußtseins wieder zu einer nationalen Flamme entfachen, daß sie eine Nation zu schaffen sich bemühen, die ein Land und eine Sprache hat. Wir glauben nicht, daß die Mission des Judentums in der Diaspora verkümmert, und daß wir die Kulturwerte des Judentums schwächen, wenn wir seine Mission unabhängig machen von dem Gedeihen oder Verderben eines jüdischen Staates oder einer jüdischen Nation. Weshalb sollen wir noch einmal Nation und Staat schaffen? Nach meiner Auffassung degradieren wir das Judentum, wenn wir seinem geistigen Ideenkreise einen Körper geben, der räum - zeitlich lebt und stirbt, der blüht und verwelkt. Völker und Staaten vergehen wie Spreu in dem Winde; selbst Rom ist untergegangen und das heilige Römische Reich Deutscher Nation. In der Diaspora aber ist durch Jahrhunderte und Jahrtausende der jüdische Gedanke leben geblieben und immer lebendiger geworden, Glauben die Zionisten, daß jetzt, wo die Nationen sich immer mehr abschließen, und nur die Ideen Brücken zu den Nationen schlagen, daß wir die Idee des Judentums kräftigen, wenn wir sie nationalisieren? Ich glaube es nicht. Wir setzen das Judentum gegenüber den anderen Religionen und Bekenntnissen herab, wenn wir das in den körperlichen Nations- oder Staatsbegriff einzwängen, was ein universeller Religions- und Sittlichkeitsbegriff ist. Das scheint mir die Gefahr zu sein, die die Zionisten für das Judentum heraufbeschwören, daß sie seinen messianischen Beruf schwächen, wenn sie den nationalen Gedanken in den Vordergrund stellen, wenn sie aus dem „Volke des Buchs" ein leibhaftiges Wald- und Wiesenvolk machen. Der Gedanke, in Palästina eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte oder einen nationalen jüdischen Staat zu haben, der den Heimatlosen eine Heimat, den anderen ein Vorbild und Jungbrunnen sein soll, mag Werbekraft haben und die Juden stärker aufrütteln, aber das Mittel ist mehr berauschend als kräftigend. Ich glaube nicht, daß der Staat, den die Juden dort aufgerichtet haben, für die Westjuden ein Jungbrunnen sein, und daß die Juden Palästinas auch für sie Pioniere und Vorbilder sein werden 26

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