Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 1 (15.11.1926)
- Date
- 1926-11-15
- Page
- Seite 25 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Treue für Kaiser und Reich haben sie keinem Deutschen nachgestanden. Daß das Staatsbewußtsein übrigens kein schwächerer Kitt ist als der nationaler Zusammengehörigkeit, hat die Geschichte der letzten Jahre selbst dem Widerwilligen und Blöden gezeigt. Nicht die Völker, nicht die Rassen, sondern die Staaten kämpfen gegeneinander und bestehen die Feuerprobe des Zusammenhaltens, 2. Daß der Zionismus den antisemitischen Mühlen Wasser gibt, wenn er uns zu Fremden im deutschen Wirtsvolke stempelt, wird man nicht gut in Abrede stellen können; denn der Antisemitusmus stützt sich im letzten Grunde darauf, daß wir fremd und minderwertig nicht sowohl von Religions als von Rasse wegen seien. Das arisch - germanisch - teutonische Volk ist den Antisemiten das Vollwerte, das semitische das Minderwertige. Indessen halte ich das für gleichgültig. Was gibt den Antisemiten nicht Wasser auf ihre Mühle? Wenn wir unser Verhalten danach einrichten, was sie sagen oder denken, so werden wir entweder Narren oder Schurken werden. Dabei ist es gleichgültig, ob uns der Radauantisemitismus der Gasse oder der wissenschaftlich verbrämte Antisemitismus des Katheders gegenübersteht, ob unser großer Philosoph Eduard von Hartmann meint: solange der Jude sein Nationalgefühl mit einem jüdischen Stammesgefühl teile, gäbe es keine Vertrauensstellung, ob Tretschke die Palme wahren Ruhmes nur einem Juden zuerkennen will, der ganz und ohne Vorbehalt im deutschen Leben aufgeht, und ob Paulsen von den Juden verlangt, daß sie sich vollständig den europäischen Nationen assimilieren müßten. Denn unsere Radau- und Geschäftsantisimiten erkennen den Willen, deutsch - national zu sein, als ein nationales Kriterium nicht an, und unsere wissenschaftlichen Antisemiten vom Schlage der von Treitschke und von Hartmann erkennen diesen Willen zwar an, verlangen aber eine Betätigung, die uns unmöglich ist, weil wir Treue um Treue brechen sollen. Aufgehen ohne Vorbehalt und vollständige Assimilierung ist doch nur der saubere Ausdruck für die perfide Taufe, und wenn von Hartmann, weit davon entfernt, denjenigen zu tadeln, der sich zu diesem Schritte entschließt, d. h. „durch eine entschiedene Unwahrheit in dem Bekenntnis, weltliche Vorteile zu erwerben und damit das Odium des Glaubenswechsels auf sich zu nehmen, sogar die Stärke eines Patriotismus und Familiensinns bewundert, die ein persönlich-moralisches Martyrium auf sich nimmt44, so versündigt er sich an der Ethik unserer größten deutschen Geistesheroen, an dem Gedanken Goethes, daß ein jeder, der die Religion wechselt, mit einer Art von Makel bespritzt wird, von der es unmöglich erscheint, ihn zu reinigen. An anderer Stelle habe ich auf Riessers Wort hingewiesen, daß Deutschlands Helden und Weise uns nicht gelehrt haben, daß man durch Opfer von Treue und Glauben, Wahrheit und Ehre ein Deutscher wird. V. Wäre es richtig, daß der Zentralverein den Abfall und den Zerfall des Judentums, der Zionismus aber den Antisemitismus befördert, so würde ich mich keinen Augenblick besinnen und mit fliegenden Fahnen in das Zionistenlager übergehen. Denn von den beiden Brandungen, die den Fels des Judentums umspülen — Haß der Antisemiten und Abfall der Täuflinge — halte ich die erstere für das kleinere Uebel. Würde der Antisemitismus nicht das deutsche Vaterland so schädigen und gefährden, wie er es — Gott sei es geklagt — tut, und wie es jetzt jedem auf der Welt offenkundig wird, so würde ich als Jude den lieben Gott bitten, daß er uns Juden den Antisemitismus erhalte bis zur völligen Gesundung des Judentums. Denn daß der Haß der Umwelt kein Kriterium für unsere Bewertung sein kann, sieht man an dem Deutschenhaß. In seiner 25