Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 1 (15.11.1926)
- Date
- 1926-11-15
- Page
- Seite 24 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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sind die Juden nicht bloß eine Glaubensgemeinschaft, sondern eine Nationalität mit besonderer Sprache, besonderer Kultur. Ihre Artverschiedenheit corpore et animo gegenüber ihren Landsleuten ist so groß, daß es sich nicht bloß um soziale Schichtungen, sondern um eine nationale Differenzierung handelt. Wer dort die jüdische Nationalität aufgibt, sich germanisiert oJer polonisiert, den mag man einen Assimilanten nennen: wer aber hier dem Judentum die Treue bewahrt, wird nicht Assimilant, wenn er an deutscher Kultur mitarbeitet. Wenn man uns, weil wir kein jüdisches Nationalbewußtsein haben, unjüdisch nennt, jüdischen Stolz und jüdisches Selbstbewußtsein abspricht, so widerspricht das der Wahrheit und Gerechtigkeit. Wir haben das Renegatentum abgelehnt, Taufe als Fahnenflucht und Treulosigkeit gebrandmarkt, noch ehe die zionistische Bewegung da war. Nicht bloß selbst Treue zu üben, sondern auch die Kinder zur Treue anzuhalten, für die Gleichberechtigung der Judenheit und das Judentum zu kämpfen und dabei d^s Vätererbe, um es zu besitzen, zu erwerben, lieber durch Treue die innere Ehre zu bewahren, als nach den äußeren Ehren des Staates zu bekehren, das sind Gedanken, die der Zentralverein in die weitesten Kreise der deutschen Judenheit getragen hat. Je länger, je mehr hat er sich bemüht, über die negative Abwehrfähigkeit herauszuwachsen, positiver, innerlicher, jüdischer zu werden. 5. Das Judentum wiederbeleben woilen auch die Zionisten. Daß sie sich weitere Ziele gesteckt haben, die Judersfrage für die gesamte Judenheit lösen wollen, das brauchte uns nicht zu scheiden; denn auch wir wollen, indem wir jüdischen Geist auf dem Boden unserer Kultur wieder beleben, schließlich dem gesamten Judentume dienen, und sie wollen doch auch das deutsche Judentum wiederbeleben. Was uns aber trennt, ist der Weg. Auf einem anderen Wege woilen sie das Judentum wiederbeleben als wir. Sie gingen aus von dem Schicksal der Ostjuden; dort, wo die Juden eine Nationalität sind, dort ist eine „Judennot ganz elementarer Art, eine Not des Leibes und der Nahrung". Da lag der Gedanke nahe, ihnen ein neues Ideal, eine neue Heimat zu geben. Für die dortige Glaubensnot erschien ein Heil nur aus der Umsiedlung zu erwachsen. Judenstaat, öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte, Nationaljudentum, geistiger Nationalismus — auch das zionistische Programm hat sich, wie begreiflich, im Laufe der Zeiten nuanciert und entwickelt — waren die Losung zur Erlösung aus dem Exil; der Nationsgedanke, das nationale Banner wurde aufgepflanzt, um den Ostjuden neue Lebenshoffnung, neue Lebensbedingungen zu geben. Auch für die Westjuden sollte es ein Banner werden, um die leibliche und geistige Not der Volksgenossen zu lindern. Palästina sollte den entrechteten Ostjuden eine Heimstätte, den Westjuden ein Vorbild, ein Resonanzboden sein, auf der jüdische Seele und jüdischer Geist einen besseren Widerhall finden, als auf dem Boden des Exils. Der Jude sollte, um wahrer Jude zu sein und das Judentum wiedenubeleben, jüdisch - national fühlen und leben. Wer nicht jüdisch - national fühlt, ist Assimilant, unjüdisch, befördert den Abfall und Zerfall; Assimilation und Zentralverein sind eine Gefahr für das Judentum, so schallt es auf der Seite der Zionisten. Ihr seid undeutsch, vaterlandslos, befördert den Antisemitismus und seid eine Gefahr für das Judentum, so schallt es auf der anderen Seite wieder. Wo ist die Wahrheit? IV. Wenn ich von der Gefahr der nationalistischen Bewegung für das Judentum gesprochen habe, so hat mich folgende Auffassung geleitet: 1. Den Vorwurf, daß die deutschen Zionisten undeutsch seien, dem Kaiser nicht geben, was des Kaisers ist, habe ich mir damit nicht aneignen wollen. Daß dieser Vorwurf grundlos ist. haben sie im Kriege bewiesen. An Begeisterung und opfervoller Hingabe, an 24