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Die Jüdische Gemeinde · 1926-11-15 · 1 (15.11.1926) · p. Seite 23

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
1 (15.11.1926)
Date
1926-11-15
Page
Seite 23 (sequence 25)
Language
German
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geistig dem christlichen Anwalt näher als dem jüdischen Händler oder Handwerker. Hier in der Heimat werden wir uns nur mehr der trennenden als der gemeinsamen Eigentümlichkeiten bewußt. Ich bin fest überzeugt, daß, wenn ich mit einer Reihe von Menschen in die fremde Wildnis verschlagen würde, ich zuerst Annäherung an den Deutschen suchen werde, mag er Jude oder Christ sein, und daß ich nicht in allererster Reihe zu dem mich hingezogen fühlen würde, der nicht Deutscher, aber Jude ist. Sowie ich, wenn die Erdteile gegeneinanderstehen, mich auf die Seite der Europäer stellen würde, gleichgültig ob sie Christen oder Juden sind, und ich mich keineswegs zu Afrikanern oder Asiaten hingezogen fühlen würde, bloß weil sie Juden sind. 3. Ist das Deutschtum und Christentum nicht identisch, kann man Christ sein, ohne Deutscher zu sein und Deutscher sein, ohne Christ zu sein, so wird mein Deutschtum auch nicht durch die Zugehörigkeit zum Judentum beeinträchtigt. Wenn v. Treitschke sagt, daß das Judentum nicht so deutsch ist wie das Christentum, das Christentum deutscher als das Judentum, so versündigt ersieh in antisemitischer Verblendung nach meiner Auffassung an den Gesetzen der Logik. Was er sagt, sind Begriffe, die für meinen schlichten Menschenverstand unfaßbar sind. Sind etwa die Christen in Frankreich französischerem England englischer, in der Türkei türkischer als die Juden, und wie sind sie in den völkergemischten Staaten, in der Schweiz und in Oesterreich? Ist dort das Christentum schweizerischer und österreichischer als das Judentum? Will v. Treitschke sagen, daß es ein Vorrecht der Christen sei, vaterländischer zu sein als die Juden, so würde er sich an der Wahrheit versündigen. Denn das Judentum gebietet seinen Bekennern, die Regierung zu lieben und zu segnen, das Vaterland zu ehren und ihm in Treue anzuhängen. Daß es auf der Welt nichts Unchristlicheres als den „christlichen Staat" gibt, haben nicht Juden, sondern überzeugte Christen gesagt. 4. So wenig mein Deutschtum durch mein Judentum verkümmert wird, so wenig wird mein Judentum, d. h. meine Glaubens- und Stammestreue, dadurch beeinträchtigt, daß ich sie nicht zu einem Nationalbewußtsein mache. „Auch wir wollen innere Wiederbelebung, Renaissance des Judentums, nicht Assimilation, stolz in der Eigenart und unserer geschichtlichen Entwicklung treu bleiben". Wie ich über das Assimilantentum denke, habe ich seit mehr als einem Jahrzehnt wiederholt dargelegt. Das Wort Assimilantentum ist ein Schlagwort geworden, das wir klären müssen. Wenn Assimilantentum heißt, die Eierschale des Ghettos abwerfen, brechen mit dem, was abgelebt und abgestorben ist, brechen mit Kaftan und Stirnlocke, so wird niemand gegen ein solches Assimilantentum etwas einzuwenden haben Wenn Assimilantentum aber heißt, mit geheiligtem Brauch des Vaterhauses brechen, die Erscheinungen jüdischen Geistes und jüdischen Herzens, jüdischen Gemüts und jüdischen Familiensinns aufgeben, wenn es heißt, das eine preisgeben und das andere lassen, nicht weil es das Bessere, sondern weil es das Andere ist, so wird jeder dieses Assimilantentum bis in den Grund seiner Seele verabscheuen. Wir wollen auf deutschem Boden an deutscher Kultur mitarbeiten und treu bleiben dem, was wir aus jüdischem Hause, aus jahrhundertelanger, jahrtausendelanger jüdischer Geschichte als berechtigte Eigenart unseres Stammes mitbekommen haben. Weshalb nennt man uns Zentralvereinler Assimilanten? Doch nur um die Lebensauffassung des Zentralvereins herabzusetzen und die Nationaljuden als Erbpächter jüdischen Stolzes auszugeben. Uns Zentralvereinlern gegenüber ist das Wort Assimi'ant ein Schlagwort ohne Inhalt. Wer der Glaubensgemeinschaft in unserem Sinne die Treue bewahrt, ist nicht deswegen Assimilant, weil er deutsch-national fühlt. Die Dinge liegen für die Ost- und Westjuden verschieden. Im Osten 23

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