Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 1 (15.11.1926)
- Date
- 1926-11-15
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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sie zu sein. Ich will mir nicht auf meine alten Tage ein nationales Bewußtsein einreden, das ich über 50 Jahre nicht gehabt habe. Meine Eltern und Großeltern sind ihr ganzes Leben, und ich den größten Teil meines Lebens gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß ich ein Fremder in Deutschland sein könnte, und auch als der Zionismus schon erwacht war, ist es mir Jahr und Tag unfaßbar gewesen, wie es deutsche Juden geben könnte, die jüdisch-national empfinden. Dabei habe ich von meiner Kindheit an den Antisemitismus gekannt und unter ihm gelitten. Schon als Schüler der jüdischen Elementarschule — ich habe sie bis zum zwölften Lebensjahr besucht — haben wir mit den christlichen Jungen Kriege geführt und Schlachten geschlagen; das Schimpfwort „Judenjunge" und der gelegentlich darauf folgende Steinwurf sind mir in den Kindheitstagen voll vertraut gewesen, und noch auf dem Friedrichs-Gymnasium, das ich in Breslau besucht habe, hat es ein ausgesprochenes christliches und jüdisches Heerlager und gerüttelstes Maß von Judenhaß gegeben. Aber das waren Balgereien und Raufereien nicht mit nationalem, sondern mit religiösem „Einschlag". Wir haßten uns von Religions, nicht von Nations wegen. In der Universitäts- und in der Referendarzeit, die für mich in die Mitte der siebziger Jahre fiel, schien der Haß geschwunden zu sein, bis die Stöckerbewegung, der Verlauf meines Offiziersexamens (1878), der Mißerfolg meiner Habilitations- und Anstellungsbemühungen, mir mein Judentum zum vollen Bewußtsein brachte. Ich bin frühzeitig in die Abwehrbewegung eingetreten; ich habe den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mitbegründet, und obwohl ich, das kann ich wohl sagen, an jüdischem Selbstbewußtsein und jüdischer Stammestreue mich von keinem Zionisten übertreffen lasse, fühle ich mich, trotzdem ich fast ein Menschenalter in der Bewegung stehe, in meinem Gemüt und in meiner Kultur so eins mit dem deutschen Volke, daß ich mich auch national zu ihm bekenne. Für mich ist das Judentum eine Religions- und Stammeseigenschaft, keine Nation. Ich will nicht anders als deutsch-national sein und will mir nicht einreden, daß ich jüdisch-national bin oder jüdisch-national werden müßte, um das Judentum zu beleben und die Treue zu üben, die ich ihm gegenüber schuldig bin. Für mich gilt der stolze Römersatz: Status permutatio est capitis diminutio. 2. Es wäre unaufrichtig zu leugnen, daß ich als Jude eine besondere Eigenart habe, daß die jüdische Abstammung, das jüdische Vaterhaus mir nicht eine bloß religiöse, sondern auch eine besondere geistige und wohl auch körperliche Prägung mitgegeben haben. Was Achad Haam von sich sagt, kann ich von mir sagen: Ich denke deutsch und fühle jüdisch. „Ich bin ein Mensch in der angeborenen jüdischen Prägung, die als Erbschaft von Jahrtausenden in mir lebt und wirkt. Ich habe es nie nötig, mich vor der lebendigen Wirklichkeit abzuschließen, um weiter Jude bleiben zu können, und ich brauche nicht mir selbst mein Jude sein wegzudisputieren, um Mensch unter Menschen sein zu können." Für mich liegt die Synthese von Deutschtum und Judentum in folgendem: Ich bin Deutscher von Nation, Jude von Religion und Stammes wegen. Wie mir die Zugehörigkeit zu Preußen, die schlesische Heimat, das Kaufmannshaus der Eltern, die akademisch - juristischeadvokatische Tätigkeit eine gewisse Prägung aufgedrückt haben, so hat es ganz besonders auch das jüdische Elternhaus, die jüdische Umwelt getan, in der ich erzogen bin und in der ich weiter lebe. Aber diese Art und Stammesprägung differenziert mich nicht in nationaler Beziehung von den deutschen Christen, beeinträchtigt meine Zugehörigkeit zur Gattung Volk nicht und entfremdet mich dem Deutschtum so wenig, so wenig die besondere Stammesprägung in nationaler Beziehung den friesischen Bauern vom rheinischen Industriearbeiter oder vom Berliner Proletarier trennt. Ich fühle mich als Anwalt sozial und