Die Jüdische Gemeinde
- Journal
- Die Jüdische Gemeinde
- Volume
- 1. Jahrgang = 1926-1927
- Issue
- 1 (15.11.1926)
- Date
- 1926-11-15
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Gattung Ra.se und selbst eine Gattung für die verschiedenen Stämme. Der Begriff der Nationalität hat einen Doppelsinn: einmal ist er eine quantitative Abscheidung gegenüber der Nation; kleinere Nationen werden Nationalitäten genannt. Dann aber ist er wichtig für die ( Scheidung des Staats in Nationalstaat und Nationalitätenstaat. In diesem Sinne bedeutet der erstere Staat den einheitlichen geschlossenen Volksstaat, der auf einer bestimmten Nation aufgebaut ist; der Nationalitätenstaat den Staat, in welchem verschiedene Nationen oder Nationalitäten verfassungsrechtlich zusammengefaßt sind (Einheitsstaat, Gesellschaftsstaat). 2. Will man die Frage beantworten, ob die Jaden eine besondere Nation (Nationalität» sind, so wird man zuvörderst fragen müssen, welches das wesentliche Merkmal der Nation ist. Ist die Nation eine Bluts-, Schollen-, Sprachen-, Kulturgemeinschaft u. a. m., wird der Nationalbegriff allein durch objektive Momente bestimmt, oder ist auch roch ein besonderer Gemeinschaftswille erforderlich? Nach meiner Meinung gehören zum Begriff einer nationalen Zusammengehörigkeit nicht bloß die objektiven Momente oJer Naturtatsachen, die uns mitgegeben werden: Abstammung und Erziehung, sondern auch subjektive Momente, die auf dem freien Willen beruhen. Zum Begriffe der Nation gehört, möchte ich in juristischer Terminologie sagen, nicht b'oß corpus, sondern animus. Natürlich kann der bloße Wille den Fremdvölkischen nicht zum Völkischen machen, so wenig er den Neger zum Weißen, den Mongolen zum Kaukasier machen kann. Je länger aber der einzelne Volksgenosse im fremden Volke lebt, um so mehr werden die objektiven Fremdheitsmomente zurückgedrängt, und es tritt das subjektive Willensmoment in den Vordergrund. Hieraus ergibt sich für mich, daß die Frage, ob die Juden eine besondere Nation und nur Gäste im fremden Wirtsvolke sind oder ob sie unter ihren „Wirtsvölkerntt ihre nationale Sonderart verloren und nur Stammeseigenarten haben, nicht einheitlich, sondern räum-zeitlich verschieden (Ost-, Westjuden usw.) und individuell zu beantworten ist. 3. Welches von den objektiven Momenten (Geburt, Boden, Sprache, Kultur usw.) das schwerwiegende ist, brauche ich nicht zu entscheiden, weil mir und der erdrückenden Mehrzahl der jüdischen Deutschen alle objektiven Begriffsmerkmale fehlen, die gemeinhin als Kriterien einer jüdischen Nation gelten könnten. Wir sprechen nicht hebräisch, für uns ist Palästina nicht unser Geburtsland, die Wiege unserer Kindheit, nicht die Grabstätte unserer Eltern; ich kenne es nicht, und es ist nicht einmal das Land meiner Sehnsucht, nicht die Heimat, der ich nachstrebe, nicht iile angulus, qui mihi praeter omnes ridet. Ich spreche deutsch, empfinde deutsch, deutsche Kultur und deutscher Geist erfüllen mich mehr als hebräische Dichtung und jüdische Kultur. Bin ich in der Fremde, so sind Deutschland, deutsche Natur, deutsche Volksgenossen der Gegenstand meiner Sehnsucht; ich mag im Orie t nicht leben und nicht sterben. Wie meine Eltern und Voreltern deutscher Staub geworden, so will ich auch es dereinst werden. Ich bin zwar ein Kind jüdischer Eltern, und unser Haus war ein jüdisches Haus; aber auch meine Eltern haben deutsch - national empfunden, und der jüdische Einschlag, den ich bekommen habe, ist kein nationaler, sondern ein Einschlag anderer Art gewesen, auf den ich noch zurückkomme. III. 1. Ich bin fest überzeugt, daß tausende deutscher Zionisten gleich wie ich denken und fühlen. Für sie ist die Nationalfrage nicht eine Frage des Seins, sondern des Willens. Sie wollen nationaljüdisch, nicht national - deutsch sein, oder sie glauben, deutsch und jüdischnational sein zu können. Darin unterscheiden wir uns funditus: ich will nicht national-jüdisch sein, und glaube, kein schlechterer Jude als 21