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Die Jüdische Gemeinde · 1926-11-15 · 1 (15.11.1926) · p. Seite 6

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
1 (15.11.1926)
Date
1926-11-15
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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und immer vollziehen muß? Die Zionisten bejahen diese Frage für alle Länder der Erde, mit Ausnahme von Palästina. Wenn junge Menschen sich in den letzten Jahren, in ihrer Sehnsucht nach Harmonie im Innern, der nationaljüdischen Idee zuwandten, so ist dies psychologisch begreiflich; denn ihre Antwort auf die oben gestellte Frage lautete: „Wir müssten verzweifeln, wenn wir in Palästina nicht die Ruhe der Seele zu freudigem Schaffen fänden". Es ist garnicht nötig, darauf hinzuweisen, daß — wenn es wirklich eine jüdische Tragödie gibt — diese auch in Palästina längst im Qange ist. Wenn wir aber eigene Schuld abziehen — und wo gäbe es Schuld nur auf einer Seite! — so erleben wir die allgemein sich offenbarende Tragikomödie menschlicher Bosheit und Unzulänglichkeit, in die jeder Lebende verstrickt ist; sei er Hassender oder Gehasster. Was kann dieses Verhängnis lösen? Nur Liebe! Liebe aber verlangt Ganzheit, uneingeschränktes Bekenntnis zum als recht Erkannten, als seelennotwendig Erfühlten, ohne Rücksicht auf Judenhaß oder Judenwohlwollen. Nur wer sich für den Inhalt seines Bekenntnisses einsetzt bis zum Letzten, hat Anspruch auf Vertrauen, Freundschaft, Treue des Andern, der mit gleicher Glut den gleichen Kampf kämpft. Nur volle Hingabe an ein Ideal, ohne Nebenzweck, kann das bittere Epigramm Christian Morgensterns unwahr machen: „Des Juden Freisinn raubt Gewicht, Daß er zu sehr pro domo spricht." Es gibt unter uns genau soviel Revolutionäre, Reaktionäre, Spießbürger wie bei den andern; seien wir Jeder das, was wir sind! Von selbst tut sich dann der deutsche Volkskreis im engsten und weitesten Sinne für den auf, in den er hineinpaßt und an dessen Befehdung, an dessen Niederlagen und dessen Siegen er Teil hat. Aber in diese Kreise rufen wir nicht die Deklamation des Auchso-Seins unwahr und aufdringlich hinein, sondern wir bringen ihnen unsere ganze ungebrochene und unverbogene Persönlichkeit dar, wie sie aus dem Blute der Ahnen, dem Geiste des Judentums in seiner Einung mit dem jahrhunderte-, ja jahrtausendelangen Leben und Erleben im Lande unserer Liebe erwachsen ist. Und dann, wenn wir glauben, daß wir unserem Kreis nicht mehr fremd sind, dürfen wir auch an die Stellen rühren, die wund und vereitert sind von Jahrtausende altem Haß, Mißtrauen und Mißverstehen. Weil wir das sagen, was in uns ist, werden wir gehört werden. Der orthodoxe Jude kann nicht mit dem nichtjüdischen Atheisten, der durch Dogmen gebundene Katholik nicht mit dem religiös-liberalen Juden, der jüdische Unternehmer nicht mit dem christlichen Klassenkämpfer diese seelische Fühlungnahme gewinnen. Nicht der möglichst langdauernde Waffenstillstand mit dem möglichst großen Teil des deutschen Volkes auf sogenannter „mittlerer" Linie darf unser Ziel sein, sondern der tiefste Friede des einzelnen deutschen Juden mit dem einzelnen Nichtjuden und seinem ihm menschlich nahestehenden Kreis. Eine Folge dieser veränderten Zielsetzung muß aber die Dezentralisation des Abwehrkampfes sein, soweit man von ihm überhaupt noch reden darf. Abwehrorganisationen in ihrer heutigen Gestalt können kaum noch nützen; sie können den Abbau des gegenseitigen Mißtrauens nur verzögern. Erwachsene, die im Geiste dieses Friedens zusammengeführt werden, können ja garnicht anders, als ihn ihren Kindern und Schülern nahebringen. Und vor diesem Frieden, vor seiner Größe und Tiefe verschwinden der Antisemitismus und seine Bekämpfung wie Atome gegenüber dem Weltall. 6

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