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Die Jüdische Gemeinde · 1926-11-15 · 1 (15.11.1926) · p. Seite 5

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
1 (15.11.1926)
Date
1926-11-15
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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Denken des Nichtjuden zeitweilig beeinflussen, aber nur so lange, bis das Fühlen wieder die Oberhand gewann, bis unterirdische Antipathieen, die nicht nach Begründung verlangten, hohnlachend Vernunfterkenntnisse hinwegspülten, die nicht zum seelischen Besitztum des Belehrten des über das Judentum „Aufgeklärten" geworden waren. II. Das tragische Verhängnis, das in der Zeit des Rationalismus den Kampf gegen den Judenhaß auf ein totes Qleis geschoben bat, wird aber zur Schuld derjenigen, die Irrtümer nicht zugeben wollen, in dem Zeitpunkte, wo hüben und drüben die Seele ihr Recht verlangt. Mit halben Zugeständnissen, „wenn" und „abera nach allen Windrichtungen, Entschuldigungen für diesen, Erklärungen für jenen religiösen, politischen, wirtschaftlichen oder sonstigen Standpunkt der verschiedensten Gruppen deutscher Juden kann seelische Fühlungnahme nie erzielt, kann gegenseitiges Mißtrauen nur vertieft werden. Kein Nichtjude, er sei Monarchist, Republikaner, Sozialist oder Kapitalist, liberal oder orthodox, kann an die Aufrichtigkeit von Standpunkten glauben, die in einer zweckbetonten Vermanschung oder Verwässerung verschwinden, sobald sie mit dem Kapitel Judentum und Judenhaß in Zusammenhang gebracht werden. Wir haben uns allzulange von schlauen Gegnern eine Taktik eintrichtern lassen, die von uns verlangt, daß wir ständig Dinge, die mit Judentum und Juden auch nicht das Geringste zu tun haben, „abwehrend" in Beziehung dazu bringen und auf Gebieten „aufklärend" wirken, wo nichts aufzuklären ist. Daß man sich so vom Gegner das Gesetz des Handelns aufzwingen ließ, hat ja den Antisemitismus erst zu einer so ungeheuren Gefahr auf nahezu allen Gebieten des gesellschaftlichen, geistigen, politischen und wirtschaftlichen Lebens gemacht. Andererseits schweigt man da, wo man reden müßte. Wir wissen Alle, daß der Keim zum Judenhaß zuerst im christlichen Religionsunterricht bei der Besprechung der Leiden und der Kreuzigung Christi in die Kinderherzen gepflanzt wird. Mag auch der Lehrer mit größtem Takt die in den Evangelien festgelegte Rolle der Juden darstellen, im Kinde bleibt der Gedanke lebendig: „Die bösen Juden haben Christus ans Kreuz geschlagen". Was ist von jüdischer Seite — und insbesondere vonseiten der jüdischen Wissenschaft - geschehen, hier aufklärend zu wirken, und dies nicht nur unter dem christlichen Teil des deutschen Volkes? Außer Binjamin Segel in seiner tapferen Broschüre „Morijah und Golgatha" hat sich kein Jude auch nur von fern diese- Aufgabe genähert. Man sollte meinen, daß die Tatsache der weitaus überwiegend christlichen Einstellung des deutschen Volkes — die Stellung des Einzelnen zur Kirche bleibt hier außer Betracht — uns diese Auseinandersetzung und Klärung hätte aufzwingen müssen. Denn es handelt sich ja hier nicht bloß um eine, freilich in höchstem Maße gefühlsbetonte historische Frage, sondern um die Frage, ob Juden und Christen, im religiösen Sinne dieser Worte, sich nicht nur verständigen, sondern im Geiste seelischen Verstehens zusammen leben können. An dieser Stelle wäre es feige, zu verschweigen, daß — so unverändert der Standpunkt des Judentums gegenüber der christlichen Dogmatik geblieben sein mag — die Stellung eines großen Teiles der Juden zur Persönlichkeit Jesu, deren historische Wahrheit hier ganz dahingestellt bleiben kann, eine grundlegende Wandlung erfahren hat. Hier bieten sich Möglichkeiten des seelischen Brückenschlagens, die sich auch nicht annähernd übersehen lassen. III. Müssen wir also verzweifeln? Gibt es wirklich eine Tragödie des Judeseins, die sich am jüdischen Menschen naturgemäß überall 5

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