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Die Jüdische Gemeinde · 1926-11-15 · 1 (15.11.1926) · p. Seite 4

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Journal
Die Jüdische Gemeinde
Volume
1. Jahrgang = 1926-1927
Issue
1 (15.11.1926)
Date
1926-11-15
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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anders gewertet werden als zu jener Zeit, da ein preußischer Reserveleutnant, der noch dem Judentum angehörte, von manchem unter uns als Vorzeichen des Anbruchs der messianischen Zeit betrachtet wurde. Wir sind nüchterner, kritischer, klarer sehend geworden. Nicht gilt uns heute die Stellung, das Amt des deutschen Juden an sich als Gradmesser deutschen Kulturfortschritts, Hinwegschreitens vom Judenhaß; wir sehen tiefer und fragen uns nach den Wechselbeziehungen zwischen Amt und Volk; für uns will ein Amt an sich wenig besagen, wenn es nicht in der Anerkennung seines Trägers durch breiteste Schichten des deutschen Volkes verankert ist. (In diesem Zusammenhang ist es besser, nicht näher zu untersuchen, wieviel deutsche Nichtjuden die Ermordung Walter Rathenaus gebilligt und verurteilt haben und wieviele sie kalt ließ; wie die meisten deutschen Juden hierüber denken, zeigt die seither zu beobachtende Flucht jüdischer Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben.) Die Frage nach dieser inneren Anerkennung stellen, heißt den täuschenden Verband von Wunden hinwegreissen, die den deutschen Juden heute heftiger schmerzen als je. Aber da wir deutschen Juden ein lebendiger Teil des deutschen Volkskörpers sind, sind unsere Wunden auch die des deutschen Volkes. Was haben wir getan, sie zu heilen? Und warum ist der Erfolg ausgeblieben? Die Fachärzte für die antisemitische Krankheit haben, uns und den Andern, viele Mittel und Mittelchen verabreicht. Verleumdungen, die an einer Stelle aufbrachen, wurden mit dem Pflaster der Belehrung oder Berichtigung zugeklebt, und flugs schwärte das Uebel anderswo. In Notabelnversammlungen wurde einem ausgewählten nichtjüdischen Publikum logisch unanfechtbar, allgemein oder kasuistisch, die Unwahrheit alles dessen über Juden und Judentum dargetan, woran dieses Publikum zu glauben schien. Man hörte die jüdischen Aufklärer sichtlich interessiert an, und ab und zu gab es dann Erklärungen von der anderen Seite zu hören, in denen man den Antisemitismus im Namen politischer Parteien oder wirtschaftlicher Verbände verurteilte, was ja rein menschlich den Erklärer zu nichts verpflichtete. — In diesem geschäftigen Pflasteraufkleben, in der Behandlung lediglich der äußeren Symptome einer chronischen Krankheit mit äußerlichen Mitteln wurden die — dies muß anerkannt werden — ungeheuer gewissenhaften, fleißigen und aufopferungsvollen Aerzte zu ihrem und unserem Unglück von Philosemiten unterstützt und bestärkt, die, weil sie selbst gegen den Judenhaß immun waren, über die Natur der antisemitischen Krankheit genau so wenig wußten wie die Juden, die jene für besonders sachverständig hielten. Die Zeiten dieser Art Aufklärung sind beinah vorüber; da man in deutschen nichtjüdischen Kreisen — außer parteipolitisch und wirtschaftlich — kaum noch mit den Juden rechnet, empfindet man auch kaum noch das Bedürfnis, sich über sie und von ihnen aufklären zu lassen. Die gesellschaftliche Isolierung der Juden, zuerst ungewollt, heute teilweise schon aus Trotz gewollt, ist dem Bedürfnis nach Klärung der menschlich-seelischen Beziehungen zwischen deutschen Nichtjuden und Juden wohl alles andere als förderlich. Die oben geschilderte Art der Bekämpfung des Antisemitismus kann aber nicht denen, die sie geübt haben, persönlich als Schuld angerechnet werden; sie lag im Zeitalter des Rationalismus begründet. Alle Maßnahmen zur Entgiftung des kranken Volkskörpers, zur Befreiung der Seele des deutschen Juden von lähmendem Druck tragen den Stempel dieses Rationalismus an der Stirn. Ins Groteske mußte sich aber die Spiegelung des Zeitgeistes gerade bei Juden verzerrent die schon an sich dem Denken einen breiteren Raum zu geben geneig, sind, weil, wie Baeck einmal bemerkt, „eine Minderheit zum Denken genötigt ist*. So konnte man wohl durch diese Art Aufklärung das 4

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