Der jüdische Herold
- Journal
- Der jüdische Herold
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 36 (30.9.1937)
- Date
- 1937-09-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German, Hungarian
- Belongs to
- journal issue
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2 7. die von Prof. Masaryk in Prag herausgegebene ״Cas“ (״Zeit״) sprach das Bedauern darüber aus, dass just das öechische Volk und Land der Welt dieses beschämende Zeugnis von Unkultur gebe. ״Wehe Euch“, rief Prof. Masaryk den RFualmordagitatoren zu, ״dass ihr das Volk in einen solchen Sumpf zieht. Ein abergläubisches Volk wird sich nie aus der Knechtschaft befreien.“ Eines Tages erhält Masaryk ein Schreiben seines Schülers Siegmund Münz aus Wien, der ihn bat, auch ausserhalb Böhmens zum Fall Hilsner Stellung zu nehmen. Masaryk beginnt eine Prüfung des Materials und ist erschüttert. Nun lässt es ihm, den Forscher, keine Ruhe. Er muss der Sache auf den Grund kommen. Er liest das stenographische Protokoll der Kuttenberger Verhandlung, fühlt sich zutiefst getroffen und — beleidigt. Alle diese Prozessakte erscheinen ihm als ein einziges Dokument der Unwissenheit, Lüge und Bosheit. Und nun widmet er dem Fall Hilsner die ganze Konzentration sei• nes Geistes. Er geht exakt und kritisch ans Werk, ]“de mit dem Mord zusammen־ hängende Tatsache spricht gegen Ritualmord. Umstände deuten darauf hin dass der Mord nicht an der Fundstel'e begangen wurde, sondern in einem geschlossenen Raum, und zwar während die Agnes Hruia bereits ausgezogen war und im Bett lag. Nach dem Morde wurde die Leiche in den Wald gebracht, während des Tragens trat die Leichenstarre ein. denn der leblose Körper wies die charakteristischen Linien des Getragenseins auf. Die Leiche war bereits ausgeblutet, als sie in den Wald gebracht wurde, deswegen wurde so wenig Blut an der Fundstelle gefunden, was dem Staatsanwalt als Hauptbeweis dafür gedient hatte dass das Blut von den Juden aufgefangen worden war. Alle weiteren von Masaryk gesammelten Anzeichen wiesen auf eine einzige Spur hin : auf das Häuschen am Waldrande, in dem die Hrufa, ihr als gefährlicher Raufbold bekannter und wegen Eigentumsdelikten mehrfach vorbestrafter Bruder und ihre unwissende Mutter, die während der ganzen Affäre ein sehr verdächtiges Benehmen zur Schau getragen hatte, gewohnt hatten. Masaryk war erschüttert beim Lesen der Zeugenaussagen! die Lüge auf Lüge häuften uud sich schart widersprachen. Andererseits ergab sich dass Hilsner sein Alibi in der Zeit des Mordes nachweisen konnte. Masaryk beschloss zu handeln. Er veröffentlichte eine Broschüre ״Die Notwendigkeit der Revision des Polnaer Prozesses“, die auf das Gewissen der verantwortlichen Kreise stark wirkte und zu stürmischen Debatten im österreichischen Reichsrat Anlass gab. Aber die katholische Küche übernimmt offiziell die Blutbeschuldigung, ihre höheren und niederen Priester predigen in diesem Sinne. Die katholische Zeitung ״Obnova“, die unter der Aufsicht des Ol* mützer Erzbischofs, der merkwürdigerweise Kohn heisst, steht, fördert den Glauben an den Ritualmord. Die Kleinstädte von Böhmen und Mähren sind im Aufruhr. Es kommt zu antisemitischen Ausschrei־ tungen. Man stellt die Forderung auf, die Juden aus dem bürgerlichen politischen Leben, ja aus dem Lande zu verbannen. Die Wiener deutschen und die Prager öechischen Antisemiten fallen vereint über Masaryk her. Er ist Gegenstand einer gejährlichen Hetze. Die antisemitische Stu* *Der Jüdische Herold« dentenschaft der Prager Universität erzwingt die Einstellung der Vorlesungen. Masaryk lässt sich nicht beirren. Er begibt _ sich unter Gefahr seines Lebens nach Polna; um persönlich alle Umstände des Mordes an der HruZa an Ort und Stelle zu studi* eren. Er weist den Gerichtsärzten und den Untersuchungsbehörden direkte Fälschungen nach. Ein Stück der Maurerschürze des Johann Hruia, des Bruders der Ermordeten, war bei der Leiche gefunden worden, was aber von den Gerichtsbehörden wissentlich ignoriert wurde. Masaryk erreicht es, dass der Wiener Oberste Gerichts und Kassationshof mit Erkenntnis vom 25. April 1900 das Urteil von Kuttenberg aufhebt und die Sache zu neuerlicher Verhandlungen an das Kreisgericht in Pisek verweist. Aber die Atmosphäre in Pisek ist antisemitisch noch mehr verseucht als die in Kuttenberg. Ein neues Lügenetz wird gewoben, immer neue Gruppen vorher bearbeiteter ״Zeugen“ marschieren auf. Hilsner wird ganz unmotiviert mit einem zweiten Mord, dem an einer gewissen Marie Klima, in Verbindung gebracht. Beide Morde werden zu Ritualmorden gestempelt. Der zweite Fall ist noch absurder unn haltloser als der erste. Die Piseker Geschworenen bekommen in Deutsch* land hergestellte Ritualmordbroschüren zugeschickt, und für sie gilt der Ritualmord a's erwiesen. Während der Gerichts- Verhandlung greift das Publikum durch antisemitische Terror-Rufe ein. Der Vor- Franzbranntwein und jetzt auch Zahn-Creme י׳» sitzende lässt es geschehen. Die Geschworenen sprechen Hilsner des zweifachen Mordes schuldig, der Gerichtshof verurteilt ihm zum Tode. Das Todesurteil wurde im Gnadenwege in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt. Alle weiteren Revisionsbemühungen Masaryks blieben erfolglos. Erst im Frühjahr 1918 wurde Leopold Hilsner begnadigt. Er lebte noch zehn Jahre ein Wanderleben. Dann starb er. Aber Masaryks Kampf war nicht vergebens. Duich sein Beispiel erzog er immer weitere Kreise zum Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit. (Masaryks Rolle in der Hilsner-Affäre ist sehr spanend geschildert in Bruno Adlers ״Kampf um polna", Kacha-Verlag, Prag) Verbreitet den Jüdischen Herold. Generalversammlung der Agudas Jisroei-Jugendgruppe zu Dunajskd-Streda. Dienstag, den zweiten tag סוכות, am Abend um 8 Uhr fand in Dunajskä ״ Streda die Generalversammlung der dortigen Agudas Jisroel-Jugendgruppe statt. Die starke Beteiligung, der sich diese Versammlung erfreute, besonders aber die Tatsache, dass sich masgebende Baale Batim, bei der Versammlung einfanden, um durch Ihr Erscheinen Ihren Sympathien zu den jugendlichen Aguda-Arbeitern zum Ausdruck zu bringen, zeigte es deutlich, dass der Agudagedanke sich auch schon hier ziemlich eingewurzelt hat. Die Versammlung eröffnete der langjährige Vorsitzende der Gruppe Ch. Isidor Löwinger mit einer kurzen in schönen Worten gehaltenen Ansprache. Ch. Pinkas Weinberger Sohn Se. Ehrw. Herrn Oberrabbiner Weinberger nahm es auf sich, die Versammlung im Rahmen der an der Spitze einer jeden Agudistischen Zusammenkunft stehenden Scheoh Teuro bzibbür mit prächtigen und geistreichen Thoraworten einzuleiten. Nach den einleitenden Thoraworten zur Tages- Ordnung übergehend, hielt Ch. Adolf Holzer eine längere Ansprache, in der er auf den vor mehreren Jahrzehnten Erfolgten religiöser Verfall in der Historischen Ländern, wie auch auf den sich vor unserem Augen abspielenden, tagtäglich an Umfang gewinnenden Verfall in Russinsko hinweisend, die Notwendigkeit der Aguda nach wies. Die auch schon, wie er weiter ausführte, darum von dringender Notwendigkeit sei, da es eine Organisation geben müsse, welche die Lösung der aktuellen jüdisehen Probleme im Geiste der Thora anstrebe. Den Tätigkeitsbericht hielt Ch• Heinrich Goldstein, Sekretär der Gruppe, indem er in einer kurzer Ausspräche auf alle Einzelheiten der von der Gruppe während des verflossenen Jahres entfalteten agudistischen Tätigkeit ausführlich einging. Ch. Julius Fürst ein Teilnehmer der Kenessio-Gedaulo, referierte in schöner, klargeordneter Vortragsweise über diese und zitierte mehrere schöne Gedanken, die während des Verlaufes der Kenessio von dort anwesenden Gedeulim in Rahmen von Referaten gesprochen wurden. Den Kassabericht hielt Ch. Lasar Schwartz, den Tätigkeitsbericht der im verflössenen Jahre gegründeten Gemilüs Chasodim-Sektion Ch. Heinrich Stern. Programmgemäss überging nun Tagespräses Adolf Holzer zur Neuwahl des Vorstandes, die per aklamation erfolgte und nachstehend angeführtes Ergebnis hatte : Vorsitzender : Isidor Löwinger, I. Vizepräses : Pinkas Weinberger, II. Vizepräses; Julius Fürst, Sekretär; Heinrieh Goldstein, Kassiere: Heinrich Stern und Miksa Goldstein, I. Kontrollor B6la Porgesz, II. Kontrollor : Bernhard Schulz. Repräsentanz : Ludwig Paskusz, Lazar Schwartz, Ernö Stern, Ernö Wosner, Ladislaus Porjes, Mor Kesler, Mor Kraus, Jakob Porges, S. B. Stern, M. Melczer. Keren Hajischuw-Sektion .׳ Pinkas Weinbevger und Dezsö Stern«