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Der jüdische Herold · 1937-09-30 · 36 (30.9.1937) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Herold
Volume
13 (1937)
Issue
36 (30.9.1937)
Date
1937-09-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German, Hungarian
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Hierüber wird dem »Prager Tagblatt« berichtet: Am Freitag wurde in Bielitz der angeblich durch einen Stein schwerverletzte Reserveleutnant Gorny durch den Spitaldirektor aus Biala genau untersucht. Dabei wurde festgestellt♦ dass bei Gorny keine Verletzung durch einen Stein oder einen anderen Gegenstand vorliegt, sondern dass die linksseitige Lähmung auf einen Schlaganfall zurückzuführen sei. Die Kultusgemeinden von Bielitz und Biala ersuchten gestern wiederholt die Polizeidirektionen der beiden Städte, diesen Tatbestand durch Plakate der Bevölkerung mitzuteilen, damit sie endlich beruhigt werde. Dieser Bitte wurde bis abends nicht willfahrt. Der Verband der Reserveoffiziere und Reserwisten berief für Donnerstag eine Versammlung in Bielitz ein, um gegen den Überfall »durch Juden auf einen polnischen Reserveoffizier« zu protestieren. Obwohl die Versammlung der Offiziere von der Bezirkshauptmannschaft Bielitz verboten wurde, fand sie statt. An ihr nahmen etwa 10.000 Personen teil. Al’e Redner legten den Juden die Schuld an dem Überfall zur Last, ohne Beweise zu erbringen. Nach der Versammlung zogen die Teilnehmer, verstärkt durch Leute, die aus der ganzen Umgebung nach Bielitz gekommen waren, durch die Strassen von Bielitz und Biala und zertrümmerten in sämtlichen jüdischen Geschäften die Auslagenscheiben. — Durch Dienstboten und Hausmeister wurden die Plünderer in die Häuser geleitet und ihnen die Wohnungen gezeigt, in denen Juden wohnen. Es blieb kein Fenster ganz. Die Exzedenten schritten gleich darauf ans Plündem, das bis l Uhr früh dauerte. Der Sachschaden, der durch die Zertrümmerung der Scheiben und die Plünderungen entstanden ist, kann vorläufig auch nicht annähernd geschätzt werden. Die Polizei tat ihr möglichstes, um die Plünderungen zu verhüten, war jedoch den Massen nicht gewachsen. Die Menge erging sich in Schmähungen gegen jene Polizisten, die Verhaftungen vornehmen׳ wollten. Auch gegen die Behörden wurden Schmährufe laut. Als bekannt wurde, dass trotz des Verbotes die Versammlung der Reservisten stattfinden werde, flüchteten mehrere jüdische Fabrikanten in Autos nach Teschen: sie riehteten noch Donnerstag abend ein Telegramm an Marschall Rydz-Smigly, in dem sie militärische Hilfeleistung und Schutz gegen die Plünderer fordern und zugleich bekanntgeben, dass sie sich gezwungen sehen, ihre Betriebe zu sperren. In Bielitz wurde gestern früh die Nachricht verbreitet, dass Gorny gestorben sei und ausserdem noch eine Frau, die in Biala auch durch einen Stein getroffen worden sei. In den polnischen Schulen in Biala forderten die Lehrer die Schüler auf, sich korporativ an dem Leichenbegängnis der »Judenopfer« zu beteiligen. In den christlichen Häusern bzw. Wohnungen sollen gestern nachmittag und abends Kerzen angeblich wegen dieser Begräbnisse gebrannt haben, in Wirklichkeit aber um diese Häuser zu schützen. Der Anblick der Strassen ist in Biala einfach unbeschreiblich. Selbst schwere eiserne Rolläden und Gitter sind zerbrochen und verbogen und die Auslagen ausgeplündert. Vielfach wurden Waren auf die Strasse geschleppt und verbrannt. Aus Tuchmagazinen wurden Tuchballon auf die Strasse ־*r geschleppt und zerschnitten, vielfach auch gestohlen. Gestern vormittag haben viele hunderte jüdische Familien Bielitz-Biala verlassen. Vielfach sind sie, soweit sie im Besitze einer Fahrkarte waren, in die C^choslovakei geflüchtet Die Behörden gaben Donnerstag abend zu, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Die Polizei jagte immer nachträglieh nur kleinere Trupps von Plünderern auseinander und schlug dabei allerdings unbarmherzig drein. Sie ging in Biala gelegentlich mit blanker Waffe vor, besonders dort, wo die Excedenten in die Parterrewohnungen eingedrungen und die Insassen geschlagen und ausgeplündert hatten. Solche Fälle hatten sich vor allem an der Peripherie von Biala ereignet. Masarykund die Ritualmordaffäre Hilsner. Im Juli 1899 erhebt der Staatsanwalt jn Kuttenberg Anklage gegen den jungen jüdischen Vagabunden Leopold Hilsner, dass er am 29. März 1899 im Walde Beresina bei Polna in Böhmen ״in Gemeinschaft mit bisher unbekannten Tätern“ die Agnes HruZa ״in tückischer Weise“ getötet hat. Das war ein deutlicher Hinweis auf Ritualmord. Im Volksmund bezeichnete man als den wirklichen Mörder den Bruder der HruZa, einen finsteren, gewalttätigen Menschen, der sich durch di sen Mord in den uneingeschränkten Besitz des 'ätei liehen Erbeteiles setzen wollte. Aber der Umstand, d!ss die Leiche neben anderen Verletzungen einen Halsschnitt aufwies, wurde von antisemitischen Agitatoren und der antisemitischen Presse in Böhmen und in Wien zur Verbreitung des Gerüchtes ausgenutzt, die Hruia sei einem ״Jüdischen Ritualmord“ zum Opfer gefallen. Eine antisemitische Psychose wurde erzeugt. Immer neue ״Zeugen“ tauchten auf. I!1 mehreren bömischen Städ• ten wurde die jüdische Bevölkerung terrorisiert. Der Psychose unterlagen auch die Geschworenen und der Gerichtshof. Das ganze Gerichtsverfahren, der Aufmarsch der ״Zeugen“, war eine Farce. Unter allgemeinem Jubel sprach das Gericht Hiisner schuldig und verurteilte ihn zum Tode. Die Presse spendete Beifall. Nur ein Blatt,

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