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Der jüdische Herold · 1937-08-12 · 30 (12.8.1937) · p. Seite 5

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Journal
Der jüdische Herold
Volume
13 (1937)
Issue
30 (12.8.1937)
Date
1937-08-12
Page
Seite 5 (sequence 6)
Language
German, Hungarian
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5 »Der Jüdische Herold« 5 »Die Thora aber enthält die Gedanken G-ttes von den Menschen und den menschlichen Dingen. Von »G-tt und den göttlichen Dingen“ enthä t die Thora nur wenig, von der Wesenheit G״ttes an sich und von den überirdischen göttlichen Dingen an sich aber gar nichts; nur was G-tt uns sei, was Er dem Weltall im Ganzen uud jedem Wurm und jeder Menschenhütte und jedem Menschengeist und Gemüte insbesondere sei, aber vor allem was dieses Weltall Ihm, und in diesem Weltall die Erde, und auf Erden die Menschheit und im Kreise der Menschheit Israel, und was in Israel ein Jeder von uns Ihm, G-tt, dem Weltall und Erde und Menschheit und Israel regierenden Einzigen, sei und sein solle, wie ein Jeder von uns und wir Alle zusammen alle unsere ״menschlichen Dinge“ unsere geistigen, seelischen, leiblichen häuslichen, gesellschaftlichen Verhältnisse auf Erden zu ordnen, zu entwickeln und zu vollenden haben, auf dass alle unsere ״menschlichen Dinge“ unser ganzes irdisches Sein und Streben ein O-ttgeweil - tes Heiligtum werde und G-ttes Herrlichkeit in unsere irdische Mitte einziehe und unsere Seligkeit nicht erst jenseits beginne, sondern schon hier auf Erden wir der Paradiesseligkeit teilhaftig werden. יעשו לי מקדש ושכנתי בתוכם Diese Lehre von dem Menschen und den menschlichen Dingen offenbart die Thora, und ist daher für Jeden da, spricht mit Jedem von seinen eigenen, eigensten Verhältnissen, will ihm nicht zeigen, wie es im Himmel aussieht, sondern will ihm sagen, wie es in seinem Hause und seinem Herzen aussehen soll“ (Hirsch, Ges. Schrift. I. S. 89-f.) Und dies ist auch der tiefe Sinh, der der Bemerkung zugrunde liegt, wo־ nach die Könige der Völker der Welt ihre Jahreszählung mit dem Monate Tischrj beginnen, hingegen aber die Könige Isra. eis mit dem Monate Nissan מלכי או״ה מונין מתשרי ומלכי ישראל מניסן (רה יב) Der erste Tag Tischri ist nach der rezipierten Anschaungßweise היום הרת עולם der ״Geburtstag der Welt“, also zugleich ein Erinnerungstag an die Weltschöpfung. Auch den anderen Nationen der Erde kündet das wundervolle Schöpfungswerk das Dasein eines göttlichen Schöpfers. היוצר עין הלא יביט ובו' Aber für Israel manifestiert sich das G־ttesdasein durch die Wundertaten, נסים וניפלאות welche die in den Wunderwerke der Schöpfung webenden und wirkenden sogenannten Naturgesetze aufheben und die eben in dem, mit dem Worte אשר ״ הוצאתיך מארץ מצריםder ich dich aus dem Lande Mizrajim hinausgeführt habe“ gekennzeichneten Wunderzyklus ihre weithin leuchtenden Zeichen und Zeugen besitzen• Dieser mit den Namen ״ יציאת מצריםAuszug aus Mizrajim“ gekennzeichnete Wunderzyklus erreichte aber eben im Monate Nissan seinen Gipfelpunkt. Die Errinnerung aber an diese Wunder-Offenbarungen G-ttes beruhe aber auf der treuen Überlieferung. Und so bezeugt nun auch die Jahreszählung der Könige Israels von Nissan zu Nissan, wie die heilige Instituü• on des Judentums auf des festen Ueberlieferung, nicht aber auf der schwankenden Grundlage menschlicher Spekulation beruht. Und wenn nun der große De nker schreibt: ״Die Jahre der Erde, ihrer Produkte, sowie des Verkehrs mit allen Gütern zählen sich von Herbst zu Herbst. Israels Jahre, die Jahre seiner Feste und Fürsten, zählen von Frühling zu Frühling. Da haben wir die Mahnung an unsere Doppelnatur in d8s Wanderbuch unseres Lebens hineingeschrieben : Alles Irdische wird aus Nacht und blütenlos geboren und ob es auch zum Glanz des Mittags blühend und fruchtreich steigt, es findet blülenlos in Nacht sein Grab. Alles Heilige und Jüdische stammt aus Licht und Leben, und ob es auch in seiner Laufbahn Mitte mit Nacht und Tod zu kämpfen hat, aus Nacht und Tod ringt es sich doch wieder zu Licht und Leben und das aus Morgen und Frühling Geborene endet in Morgen zum Frühling verjüngt, (Kom zu II B. M. 12 s.) — so können wir im Anschluss an diese herrlichen Worte und tiefen Gedanken sagen: die auf spekulative Naturbetrachtung sich entbannende G-tteserkenntnis der Völker führt von Herbst zu Herbot, מלכי אדה מרנין מתשרי לתשרי ist schwankend und wankend. Nur die auf der eisernen Basis treuer historischer Ueberlieferung*) beruhende Erkenntnis Israels führe von Frühling zu Frühling. מלכי ישראל מונין מניסן לניסן Wohl ist auch die vernunftgemäße G-tteskenntnis aus Israel nicht ganz verbannt. So schreibt Z. B. auch der große Denker R, Elia Delmedigo in seinem Bechinat Hadath, trotzdem daß er früher (S. 2 -5) jene Forderung gewisser Religionsphilosophen, wonach es Pflicht und Schuldidkeit eines jeden sei sich mit der Philosophie zu befassen, um die Wahrheilen der Thora vernunftgemäß zu begründen. Auf allerheftigste zurückweist. Denn die Uebernahme der Thora aus G-ttes Händen, also die Ueberlieferung verpflichtet uns zur treuen Erfüllung der Thoragesetze, nicht aber deren etwaige Uebereinstimmung mit den wechselnden Meinungen der Philosophen. Also trotz dieses seines im allgemeinen ablehnenden Standpunktes hält er es dennoch für die mit den gehörigen geistigen Mitteln ausgerüsteten für wünschenswert» daß sie das Ueberlieferte auch Vernunft" gemäß zu stützen sich bestreben sollen. (S. 9 — 20.) Und ähnlich sprachen sich auch viele andere große Denker aus. Aber nimmer darf das Wort ausser Angen gelassen werden : תורה צוה לנו ויהי בישורון מלך. des königliche Szepter in Jeschurun kommt der überlieferten Thora zu. Und auch die geistig Hochstehenden dürfen sich nicht vermessen, die geistige Grundlage ihres Lebens wegen ihre Weltanschauung, bloss auf ihre eigene Einsicht und Vernunft zu gründen. פן הרסו לראות und die Ueberlieferung als eine Krücke für die große Menge zu betrachten. Daher lautet es : ויה׳ בישורון מלך בהתאסף ראשי עם יהד שבטי ישראל Die überlieferte Thora sei der König in Jeschurun, sowohl für die Häupter des Volkes, die geisiig Hervorragenden wie für die Gesamtheit der Stämme Israels, ERZIEHUNG! von Rabb. BENJAMIN BENEDIKT, Wien. Fortsetzung zu Parschas 6ke1). 'ואם לאו כאילו קוברו וכו So er aber dies nicht tut, begräbt er es.Unsere Weisen sagen: ״Es gibt keine ärgere Sünde als kleine Kinder nicht zum Studium der Lehre zuzulassen.“ Wer Kinder vom Stu. dium ablenkt, ist einem Menschen gleichzuhalten, der sämtliche Sünde begangen hat. Denn es steht geschrieben: ״Dank den Stimmen der Kinder, die die Lehre studieren, besteht die Weit.“ ״Wenn du also dein Kind vom Lernen abhältst, bringst du die Welt zum Zerfall.“ Und wahrlich, kaum je hat eine jüdische Generation die bittere Erfahrung der erschütternden Wahrheit des letzterwähnten Wortes machen müssen, wie ״an• srige. Man muß sehr weit in die Geschiehte des jüdischen Volkes zurückgehen, um eine Epoche zu finden, in der die Gefährdüng der Existenz des jüdischen Volkes, die Bedrohung seiner elementarsten Lebensbasis so stark war, wie es heute der Fall ist. Gewiß sind Epochen krisenhafter Natur an sich nichts Neues in unserer Geschiehte. Aber was der heutigen Krise, durch die wir hindurchschreiten müssen, ihren last einzigartigen, bedrohlichen und tragischen Aspekt gibt, ist insbesondere das tiefgreifende Charakteristikum, daß die Krise uns unvorbereitet und ungeschützt getroffen hat. Das Judentum des Ghetto hatte sich Schutzhüllen, Abwehrwaffen seelischer, innerer Natur geschmiedet. Der Ghettojude war in einem tiefsten Sinne unangreifbar. Man konnte den Einzelnen töten, man konnte die Gesamtheit nicht erschüttern; denn *) Ueber jüdische Tradition s. Hirsch, Ges. Schrift. I. S. 96 0. f. sie war auf das Schlimmste vorbereitet führte ihr eigenes Sonderdasein und war durch uneinnehmbare Festungswälte, religiösen Glaubens und religiöser Tradition und Lebensführung gesichert. Wir haben in einem Jahrhundert der Emanzipation die Waffen abgelegt, die Panzer weggeworfen, viele haben oder jedenfalls die große Majorität von uns hat ehrlich geglaubt, daß die Emanzipation uns die definitive Gleichberechtigung gebracht hat. Und deswegen stehen wir, obschon wir an Zahl größer sind, als je in einem Zeitalter jüdischer Geschichte, heute innerlich schwächer da gegenüber dem neuen Ansturm auf unsere Existenzbasis, denn je zu. vor. Wir müssen uns inmitten des Kampfes die Waffen schmieden und sich den Angriffen unserer Gegner viel mehr preisgeben als je eine jüdische Generation es war. Der Jude, an dessen Wiege das ״Zigole-Migole“ gesungen wurde, der im Sinne des Sifrewortes erzogen wurde, war gefeit gegen alle Härten des Judenschicksals. Im konnte nichts anhaben er stand mit beiden Füßen im Leben der Wirklichkeit, ihm war alles, was man ihm draußen antat, ihm war das Hohngelächter der Landstraße nichts Neues, denn es ward ihm ja schon an seiner Wiege vorgesungen, daß dies sein Schicksal sei. Aber der Jude von heute, an dessen Wiege andere Lieder gesungen wurden, der nicht in frühester Kindheit in die Talmud-Tora geführt wurde, der keine Chumasch-Säudo erlebte, der steht heute der hasserfüllten Umwelt schutzlos gegenüber. Er kann es nicht begreifen, dass eine ganze Welt vor seinen Augen zerfällt!

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