Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 23/24 (24.3.1948)
- Date
- 1948-03-24
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6'—■ M. M3»s'äS4S GRäHEINDB'Bl* ATI?. FÜR DIB BÄIf f Eva Sie wert; Ein Mann heißt Arthur Isaack. Er shat das Glück, im Jahre 1948, noch am Leben zu sein, aber das Pech, daß er um.diese Zeit in Berlin lebt.. Wenn er morgens die Zeitung aufschlägt, liest er selten5etwas von der'Wiedergutmachung. Meist nur Vorschläge dazu, wohlwollende Utopien und freundliche Diskussionsberichte. Aber sehr oft liest er etwas von Schändungen jüdischer Friedhöfe. Er liest von einer in Regensburg ermordeten jüa1 sehen, Familie und einem nicht .weit davon auf dem Schulweg mißhandelten jüdischeil Kind. /-■• Danh greift er'nach der Post und hofft sehr, daß ein tröstlicher Brief seines Bruders dabei sein möge, der nach Brasilien auswanderte und außer ihm nun als Einziger von der ganzen Familie überlebte. Aber leider besteht die Post heute nur aus einem geheimnisvollen schweren Brief größeren Formats. Einem Brief ohne Absender, versteht sich. Er öffnet ihn ohne sonderliche Neugier, denn hinter anonymen Sendungen steckt selten etwas Gutes. Der Brief enthält nichts weiter als die Brosch?ire Nr. 1> des Stürmer Verlags, ' ein Heft „Juden stellen sich vor“, verziert mit einer Einleitung des Herrn Streicher,' der sich in Nürnberg als'„Nicht schuldig!“ bezeichnete, .und mit .24 Zeichnungen des Stürmerzeichnerä Fips, der schon damals zu feige war, seinen richtigen Namen unter seine talentlosen und gemeinen Sudeleien zu setzen. (A propos: wie gebt es Herrn Fips? Hoffentlich bezieht er die Lebensmittelkarte I. Kümmert man sich auch um ihn? Oder wäre es .ihm lieber, man täte es nicht?) Das also ist alles, 'was der heutige Tag an freundlicher Moi’genröte Herrn Arthur Isaack zu bescheren hat. Dieser findet die Spende des Wohltäters,; der nicht genannt zu werden wünscht, .nicht so $chön, als daß er sie als Dokument menschlicher Dummheit zu seinen übrigen Kuriositäten stellen möchte. Er will diesen Albdruck endlich einmal los sein. Darum bringt , er uns diese kleine Sendung. Wir sind nicht überrascht. Wir sehen täglich Dutzende von anonymen Schmähbriefen; Wir wissen, daß sich die Unbelehrbaren ir^ Fremdwörtern schlecht , auskerinen und Demokratie mit Korruption, Humanität mit Idiotie und. Pazifismus mit Utopie verwechseln. Aber wir nehmen, ah, daß selbst die. Unbelehrbaren von Zeit zu Zeit eine Gänsehaut bekamen, als die Greuel von Auschwitz und Theresienstadt enthüllt wurden. Daß sie vielleicht doch mitunter etwas wie Scham verspürten, als sie erfuhren, daß 6 Millionen europäische Juden in den KZ‘s um Leben kamen, daß es am 16. Juni 1933 in Berlin noch 160 564 Juden gab, am 1. November 1946 aber mir hoch 7 274. Wir hofften, wenn1 nicht auf ihre Wiedergutmachungsbedürfnisse, so doch daß sie diese 7 274 gequälten und hoffnungslosen Menschen nun wenigstens in Ruhe lassen würden. Sie tun. es mitnichten. Wir gehen in eine Ecke, und •weinen. Wir schämen uns für die, die keine Schäm kennen.’V ■ Jüdische Presse eins! und., jetz beruhen moncKe Be* schwerden auf schädlichen Stauungen und Ablagerungen, die Sie durch Ümkehrfee Nr.d4 <jiu$ Heilpflanzen mildern könnener fördert Stoffwechsel, Kreislauf und Ausscheiy düng und hilft die Arbeitskraft erhalten tu foafeen in Apotheken o_. Drogerie« Die „Conference on Jewish Relatipns“, New York, und ihre „Jewish Social Studies“, die schon bei früherer Gelegenheit an dieser Stelle genannt wurden (vgl. „Gemeindeblatt“ vom 31. Dezember 1947), haben, engste Verbindung mit der „Commission on European Jewish Culturai Reconstruction“ (Ausschuß fürjüdischen Kulturäufbau in Europa). Dieser unter der Leitung des namhaften amerikanischen jüdischen Historikers Professor Salo Baron sie-' henden Ausschuß hat in den „Jewish Social Studies“ im vorigen Jahre eine Liste der jüdischen Presseorgane in den von den Achsenmächten besetzt gewesenen Ländern (einschließlich/Deutschlands) zusammengestellt, in der der Versuch unternommen wird, ein ungefähres Bild von dem zu geben, was etwa bis auf das Jahr 1934 zurück vorhanden war: Zu den Mitarbeitern an diesem Verzeichnis ^gehören ,ur a. eine Reihe jüdischer Fachleute aus Deutschland* wie Rabbiner Di'. Adolf Kober, Professor. Dr." Aron Fr ei mann und Dr. Hannah Arendt, . > Der sich auf Deutschland beziehende Teil der Liste weist über 100 Titel jüdischer Zeitungen, Zeitschriften und anderer periodischer Veröffentlichungen auf, die. an das einst lebhafte und. vielseitige kulturelle Wirken im. jüdischen Leben in Deutschland erinnern. Berlin beansprucht naturgemäß den breitesten Raum. Im Bereich, der. heutigen b r i t i s che n Zone sind nicht weniger als 14 Titel vermerkt; lö jüdische Gemeindeblätter (und zwar je eines in Aachen, Köln, Dort m uh ö, D ü s s e 1dorf, Düisbürg, Essus es, Hannover und M . - G_I a d b a c h und zwei iri H ä m - b.u r g) sowie vier andere periodische Publikationen,. die einen mehr spezialfachlidieh Charakter haben' („Hilfe und, Aufbau“* Hamburg;'” „Dier Jüdische Kantor“, Hamburg; „Jahrbuch für die jüdischen Gemeinden- Schleswig-Hol* steihs, der Hansestädte und der Landesgemeinde Oldenburg“, Hamburg; ^Mitteilungen des Jüdischen Kulturbundes Rhein-Ruhr“, Köln). Das heutige „ J ü d i sehe Gerne ivn d e b 1 a 11 für die1 britische 'Zone“ ^Düsseldorf, ist in einem Aufsatz erwähnt, den Professor Norman Bentwich,. der Vizepräsident des „Je- , wish Committee for Relief Abroad“, London, soeben in dem von 4er „AnglöKJewish Association“ herausgegebenen „Jewish Monthly“ über hie „Jewish Relief Unit tjtl Deutschland" veröffentlicht -hat, und zwar inri Zusammenhang mit demjenigen Teil ihrer Arbeit, der denn» Leben und der Rehabilitierung von Juden in Städten gilt Bentw'ch, kein Unbekannter unter den Juden in Deutschland, verbrachte hier einige .Zeit im vergangenen Jahre, um die Bedingungen zu studieren, unter denen die Ju- Die Dienerinnen kämmten sieben Tage die Achse ihres Grams und ihrer Plage Neige und Niederschlag aus ihrem Haar, und trugen es und somten es im’ Freien .und speisten es mit reinen Spezereien noch diesen-Tag Und den; dann aber war . die Zeit gekommen, da” sie ungeboten, zu keiner Frist, wie eine von den Toten den drohend offenen Palast betrat, um gl ei di, gelegt auf ihre Kammerfrauen, am Ende ihres Weges den zu schauen, an dem man stirbt, wenn man ihm naht. Er glänzte so, daß sie die Kronrüfoine. auf flammen fühlte/ die sie an sich trug; sie füllte sich ganz rasch mit seiner. Miene wie ein Gefäß lind war schon voll genüg und floß über, von des Königs Macht, bevor sie noch den dritten Saal durchschritt, der sie mit Seiner Wänder Malachit : grün überlief Sie hatte nicht, gedacht, " so längen.Gang zu tun mit allen Steinen, die schwerer wurden von des Königs Scheinen und kalt von ihrer Angst. Siä ging und ging/ Und als sie endlich fast vorv-nahe ihn, aufruhend auf dem Thron von Turmalin, sich türmen sah, so wirklich wie ein. Ding'; empfing die rechte von. den Dienerinnen v die Schwindende-und, hielt sie zü dem Sitze. Er rührte sie mit seines Zepters Spitze; und sie begriff es ohne Sinne, innen. ' Rainer Mafia Rilke den, in Lägern wie in Städten, leben, und um die. Grundlagen zu prüfen, auf der vom Ausländ geleistete jüdische Hilfsarbeit heute aufgebaut sein, muß. Er beschreibt im einzelnen die verschiedenen Tätigkeitsgebiete der J.R.U, und ihrer Mitglieder und kommt zü dem Ergebnis, daß die englische Judenheit. alles daran setzen muß,, um die Fortführung, jüdischer. sozialer Hilfsarbeit in Deutschland zu gewährleisten. / /. -! Wie wir hören, erscheint im März-Heft.der Zeitschrift ,;Z wischen d e’n Zeiten“ (Rumanita s-Ver lag, Koblenz) ein Aufsatz über die von Juden aus Deutschland aufgebaute F1 ti c h 11 i n g § p r e s -s e fU.S.A., -Palästina, England, britische Dominien) aus der Feder von Dr. W. Rosen stock, London. E.-G. L, , Wer kenn! sie? In unserer Nr. 8 vom 20i Juli 1947 veröffentlichten wir einen . Steckbrief über Alfred Mende, alias Isaak Johannes L e w i n s o n, geh. am 15. 2.1914in Dresden, und seiner Ehefrau Johanna M e n d e , geh. Binneweiß, geb, am 19. L. 1915 in Halle-Saale. Inzwischen wurde Alfred Mende, alias Isaak Johannes Lewinson, verhaftet und in das Zuchthaus Siegburg eingelieferf, ‘ Es wird um Informationen, so weit dies noch nicht geschehen ist, über Lewinson gebeten. Die Ehefrau, Johanna" Mende, ^wurde bisher von der Polizei noch, nicht, ermittelt. Zweckdienliche Angaben sind zu richten an die Synagogengemeinde Siegkreis, 'Ruppichteroth, WiÜhelmstraße 17, oder an die Kriminalpolizei Siegburgl ' y Zeugen gesuchl! > ' Ehemann (oder "R e h mann); Mitglied des SD in Amsterdam während der Jahre 1941 bis 1945. y ' \ Wer wurde geschädigt oder kann Angaben machen über dessen Verbleib und seine Personalien (Geburtstag, Geburtsort, Wohnort USW.)? ' - y Nachrichten, unter Nr. 1006 an das „Jüdische Gemeindeblatt“, Düsseldorf-Benrath, Friedbofstraße. 23-25, erbeten. ' Alle Ueberlebenden aus der Kasernierung H.K.P. (Heereskraftfahrzeugpark) Werk 9, ■Riga, Wasserstraße/ welche Angaben über die bereits inhaftierten ‘Leiter der obigen Kasernierung, Direktor Spieker und. Betriebsführer Lünenschloß machen können, werden gebeten, sich umgehend schriftlich an die Geschäftsstelle des Landgerichts in Duisburg, Gesch.-Nr. UR 1/48, oder fern-. mündlich (Tel. 34131) zu wenden. Um die ‘Voruntersuchungen schnellstens zum Abschluß bringen zu können, wird gebeten, für. schnellste/Aussagen Sorge zu trägen. ' Moderne Kwrfeeiwellen* und ZyMndterseMeifer«si ‘ / DÜSSELDORF Himinelgeist^r Straße 5§. Fernruf 17863 Düsseldorf, Komgsalie6 20 / Fernsprecher 1S213 ■ Filiale; MOERS, Steinstr. 11 STAATLICH -GEPS. ÖPT1KER Düsseldorf, Gfaf-Adolf«Str. 30 — Gegr. 1896 — Fernruf 299S5/9C Krankenhaus^ und Aerzte * Einrichtungen Auch Reparatur-Ausfihrungcn versucht ihn rückwärts zu ziehen, -aber auch das geht nicht. —• Wänn. er nur wüßte/ wo er jetzt wäre. — / Er arbeitet sich zu den. Herden durch und befühlt sie: sie sind im Schweiß gebadet. „Arme Kinder!“ sagte er gütig und streicht ihnen den Schnee aus der Mähne Und von ihren Rücken, dann wagtet er zum, Schlitten zürück, holt Dekken und deckt die Tiere. zu. Er legt ein Bund Heu vor sie, das er sorgfältig, unter die Decke. in den Schlitten gelegt hatte, damit es trocken blieb. „So, ruhen wir etwas aus; 'stärkt euch! Dann kommen wir auch schon weiter.“; Die Tiere nicken mit den Köpfen wie zum Einverständnis, rühren aber das Heu nicht an. Wo mögen wir wohl sein? — Mosche-Ahron läßt , die Gegend im Geiste Vorbeiziehen; jede Anhöhe, jede Senkung ist ihm seit "seiner Kindheit gewärtig, doch anders als' jetzt, im grü-, nen Frühlingsschmuck oder in der bunten, sommerlichen Pracht,. aber nicht in Eis und Schnee. / .■ - Er lö^t. eine Glocke von einem der Herde, steigt wieder in den Schlitten und läutet, läutet, so kräftig er kann. — Vielleicht ist je** mand unterwegs, vielleicht hört es jemaiid; —, Aber auch der Klang bleibt im Schnee .stecken. Er sagt ^ich das Nachmittagsgebet laut vor, sd lange es noch hell ist. Als er fertig war, wollte er die Herde, absparmen und den Schlitten rückwärts ziehen, und wenn er festen Boden gefunden haben würde, nach rechts fah- ‘ren — vielleicht auch nach, links. —, er weiß es selbst njehfc, 7 . Eine gersbme Zeit verging. — Läutet es nicht? L- Es klingt ihm in den Ohren. — Summt es denn nicht? — Ja, es summt, aber es ist sein erhitztes Blut, das in den Adern, in den Schläfen klopft Und summt. — Wie heiß es doch ist! —- Wie schwer sind doch seine Lider!. — Wenn ich doch ein Weilchen .schlafen könnte! Aber nein! nur nicht einschlafen irftsolcher ' Kälte! Das wäre der Tod. Q. nein*! Ich schlafe ganz bestimmt nicht, .hier, ich klingele doch . . ich bewege doch meinen rechten .Arm . . . . meinen linken . . . Antwortet dort nicht jemand? Doch, es klingelt, weit, weit weg . •. . „Die, ausgesandt sind, um ein Gottesgebot zu erfüllen, nehmen keinen Schäden“. Vorwärts, Kinder, wjö! Macht zu! Wir kommen sonst zu spät .s . Gut, gut so, Kinder! Schon sehe ich die ersten Häuser von Widukle. Hafer sollt Ihr haben, vielen Haferand' einen warmen Trank dazu. Gott verläßt uns nicht: Wir sjnd. gleich da^ — * ' . Die Augen brennen ihm, die Lider sind so schwer, und in den Ohren summt es "jetzt .stärker,. .-.- -• . / ' Aüsgestreckt .liegt Mosche-Ahron in seinem Schlitten, die Glocke in der Hand, vom Schlafe übermännt . . .. Die Synagoge, zu Widukle steht vor seiner Seele. Wie hell sie ist! Das Abendgebet hat schon lange begonnen, der Vorbeter singt laut, Mosche-Ahron vernimmt es deutlich: „denn in Deiner Hand, sind dte Seelen aller Lebenden und aller Toten . .; in: Deine Hand eihpfehle ich meine Seele, Du erlöst midi, Gott der Wahrheit . . ' Der Wind hat ausgesetzt, die Schneeflocken fallen dichter und senken sich leise auf den schlafenden Mosche-Ahron, auf den Schlitten, auf die Herde. Nichts rührt sich, die Schneedecke wächst, Mosche-Ahron /atmet immer schwerer. . ‘ ‘ Hell und warm war die Synagoge zu Widukle, v die Gemeinde war vollzähJt versammelt, denn es war ja Purim; doch der greise Rabbiner, Rabbi Jossel, zögerte länge bevor er das Zeichen .zum Beginn des Abendgebetes gab, trotzdem sie doch alle fasteten und nach -Hause zum Essen strebten. Unruhe und Besorgnis drückte sein Gesicht aus, und wem die Tür ging, wandte er sich schnell um was er sonst Während des Betens nie zu tun pflegte. Nach derp Abendgebet bestieg er zum Erstaunen aller die Kanzel. Er war , blasser als sonst, unj seine Stimme zitterte;. „Meine Freunde,“ sagte er, „Ihr wißt, wer heute in unserer Mitte fehlt.“ f Sie .wußten es alle, sie wußten es und hatten sich in der Annahme beruhigt,, daß Mosche- Ähron wegen des Schneegestöbers daheim geblieben sei. Und der Rabbi fuhr fort: „Mosche-Ahron hat sich vom Schnee nicht abhalten lassen, er ist auf dem Wege zu uns. Vielleicht hat 'er sich verirrt, vielleicht hat er sich festgefahren ... Wir müssen ihm zu Hilfe kommen. Geht heim, und eßt Euer Mahl .in Freude, denn es ist Purim; wenn der Schnee nachgelassen hat,'wenn der Mond erschienen ist, kommt zu mir, 'die Beherzten unter Euch, und wir wollen beraten, was zu tun ist.“ Erst gegen Mitternacht hörte der Schnee auf, die Wolken zerteilten sich, und der Vollmond kam heraus. Zwei breite Schlitten mit je vier Männern hielten vor dem Haus des Rabbi. Sie wären leise, doch war die Luft und die Nacht von Unruhe'erschüttert, so daßder alte. Apotheker erwachte. . . , Als är vbn dem Vorhr.ben der Männer erfuhr, schloß er sich ihnen an und übernahm auch; die Führung. .Seine beiden scharfen Hunde nahm er mit. , " .; „ Die beiden Dreispänifer schleppten sich mühsam durch die Schneemassen. Niemand sprach, alles horchte, spähte. Kürz vor' dem Wäldchen befahl der APefheker, daß der eine Schlitten ddn . Weg direkt zu Mosche-Ahrens Anwesen nähme; mit dem andern Schlitten wolle er das Wäldchen: umfahren, trotzdem es weiter wäre. Und so geschah es. Auf dem Rücksitz saß er,' der alte. Apotheker,’ die beiden Hunde lagen vor ihm auf dem Boden des. Schlittens, nicht zügedeckt, trotzdem sie vbr Kälte winselten und er, seine Tiere doch liebte. Als sie etwa eine Stunde durch die Stille gefahren waren, sprang einer der Hunde auf und begänn zu knurren, darin zü bellen; der '-zweite tat es auch bald. Da befahl der. Apotheker, z,u halten, -1 Ein - Mann blieb auf dem Schlitten zurück, während er selbst mit den drei andern und mit den Hunden sich in verschiedene Richtungen mit Stöcken in den Händen begab. Hin und her liefen die Hunde, schnupperten und bellten. Plötzlich blieben sie vor einem Hügel stehen, der sich kaum von der Umgebung abhob. Der Apotheker untersuchte den Schneehügel. Da lag Mosche-Ahron ausgestreckt in seinem Schlitten', von einer dicken Schicht Schnee bedeckt. Das braune Herd stand aufrecht, das andere lag, aber es lebte riöch, 1 Die Männer'legten Moschä-Ahron öüf ihren Schlitten. Hei, wie sie heimwärts rasten, der Spur folgend, die ihr Schlitten kurz zuvor in den Schnee gepreßt hatte. Bei den tiefen Verwehungen sprangen sie ab schoben und zogen den Schlitten zusammen mit den drei dampfenden- Herden/trugen ihn förmlich auf ihren Händen, so "daß sie nach nicht allzu langer Zeit in Widukle waren. . Mosche-Ahron sollte zum Apotheker gebracht werden; sie hielten aber yör des Rabbiners Haus, denn der greise Rabbi stand draußen, lind schien auf sie gewartet zü haben. y . § rinnen -war alles für den Empfang gerichtet: ie große Stube war geheizte und in der Mitte stand ein J>equemes, frischbezogenes Bett. Es verging eine geraume Zeit, bis es gelang, Mosche-Ahron ips Leben zurückzurufen. Erst gegen Morgen öffnete er die Augen,* um sie bald wieder in festem Schlaf zu schließen. , Am Nachmittag erwachte er bei vollem Bewußtsein, richtete sich auf lind schaute um sich. ' £„Du hier, Mirel, und ’ Chajim auch? Wo bin Er vollendete die Frage nicht,, denn er erkannte . den Rabbi, erkannte dessen StudierStube mit den vielen Büchern auf den JEtegalen. „Siehst Du, Rosche-Ahron, ich bin doch nock nach Widukle gekommen und unser Chajmele auch. Qott hat uns geholfen. Sagtest Du nicht immer, — die abges’andt sind, ein Gottesgebot 7zu vollbringen, nehmen keinen Schaden? Gelobt sei er!“ . Mosche-Ahron erwiderte mip schwacher Stim: me: „Nur kam ich zu spät züm Purimgottes-- diertst, und das Vorlesen der Estherrolle ‘ habe;ida auch versäumt.“ , ■ ,J5as habt Ihr nicht,^Mosche-Ahron,“ sagte de« Rabbi mit bewegter Stimme. / An jenem Abend war die Synagoge zu Widüicle züin zweiten Mal testlich erleuchtet. Die ganze Gemeinde war wie am Abend zuvor versammelt, und das Abendgebet mit der- Verlesung dep Estherrolle .würde wieder feierlich vollzogen. Heute war dei. Rabbi nicht mehx traurig; sein Gesiebt läuchtete in Freude und Dankbarkeit, denn neben ihm stand / sein Freund Mosche-Ahron, zwar sehr blaß, aber aufrecht, und sein Sohn\Cnajim war. auch da. Es war ihm doch noch gelungen, den Wirren der Revolution rechtzeitig zu entkommen. . Die Purimgeschenke verteilte nicht Mosche- Ahroij, sondern seine Frau Mirel und mit andern Gefühlen, als sie sie am. Morgen -des vorherigen Tages gepackt -hatte. Das. ist. die Geschichte von dem doppelten Purimfest zu Widukle. Dr. Max Salzberg.