Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 23/24 (24.3.1948)
- Date
- 1948-03-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 — Zi, Mira ifeg ' JÜDISCHES GEMEINDSBLATT FB& ©IS BBITISCÄ» ' *©*•*’ £. Ja&F8»Bs NK 2S/24 Halbwüchsige ohne; Jugend „Seit dem Herbst 1945 bat das J e w i s h ..Re-' lugee s boromit^tee■ in England die Fürsorge für etwa 700 jüct Waisenkinder aus Europäischen Konzentrationslagern übernommen. Abgesehen., von einer ... kleinen Gruppe sehr* junger Kinder, .handelt es sieb größtenteils' um bringe Menschen im Alter von 16—20 Jahren- ' . y '. ' Diese jüdischen und " halb-jüdischen Kinder, die in den Lagern' noch auf gefunden wurden, •' stammen ^.us den'' unterschiedlichsten sozialen Schichten7 und aus, vielen verschiedenen' Län- ’ dem.. Es sind Kinder von Gelehrten, Künstlern, Bauern und/Handwerkern — tschechi- .sclie und rumänische Kinder -- und sie bilden,* . mit' allen Vorzügen und Nachteilen ihrer' jeweiligen sozialen und; nationalen Herkunft, ein reiches, begabtes,, faszinierendes Stück Menschenwelt. - - v , " Ursprünglich, war ihr Aufenthalt in. England auf ungefähr sechs Monate beschränkt Die britische Regierung hoffte, daß sie sich in die-. seih Zeitraum erholen würden, sich in. ein einigermaßen normales Leben, zurücfkführen ließen, und daß steh gleichzeitig Möglichkeiten für ihre baldige Weiterwanderung ergäben. Die Zwischenzeit hat gelehrt, daß Palästina — für das sich:die meisten spontan und selbst- verständlich - entschieden hätten — unter den bestehenden. Einwanderungsbeschränkungen nodi auf lange Zeit hin ein ^Tunschtraum bleiben wird, und daß auch diejenigen Kinder, die Verwandte fn« den amerikanischen Ländern haben, wegen «der kleinen Einwanderungsquoten ihrer Heimatländer ihr' provisorisches Leben in' England auf unbestimmte Zeit werden fortsetzen müssen... - Ein provisorisches Leben tut niemals gut, aber was für einen Schaden' es gerade bei. diesen Kindern anrichtep muß, von denen die meisten ein geordnetes, zugehöriges Leben' kaum, gekannt hgben, liegt auf der Hand. Von außen betrachtet, geht es ihnen' in diesem Lande überraschend gut. Sowohl die Behörden, als auch das- Komitee ' haben großzügiges, menschliches Verständnis für die besonderen. "Schwierigkeiten ihrer äußeren und inneren Situation gezeigt . ' . . ■ .Nachdem der größte Teil dieser Jugendlichen' einige,.Monate in zwei gleichartigen, großen Jugendlägern verbrächt hatte eines in der Nähe des Meeres, das andere,im. englischen Seengebiet; gelegen, und beide von elftem Stab moderner. Erzieher, Psychologen, Aerzte und Jugendpfleger betreut —leben sie . jetzt, in kleinen Gruppen von etwa 20 Jungen öder Mädchen in Heimen in der Stadt oder auf jüdischen Ausbildungsformen auf dem Lande. Die Nachwirkungen von fünf Jahren Konzentrationshaft lassen sich freilich —*■ wenn’ über- - haupt ~ nicht ohne weiteres ausmerzen, . und erst jetzt, nach 18 Monaten, sind, diese Kinder ällmähhch^auf dem Wege, ,normal! zu werden^ wie andere jungen und Mädchen ihres Alters. Daß ihre Begriffe von . der ’Welt , völlig ver- . schieden yon dem Weltbild anderer . junger Menschen * sind, versteht sich von Selbst. Jahrelang, haben sie. um ihr' bisschen Leben 'wie die Verzweifelten gekämpft, mit e^iem für kindliche Seelen verhängnisvollen Selbsterhaltungstrieb, haben jede Gelegenheit wahrnehmen .müssen, um dem Tode -zu entrinnen, —» -während, oft vor ihren Augen Eltern und Ge- 'schwister in die Todeszüge , verfrachtet öder ’ erschlagen wurden. « Zum Teil wissen sie selber um ihre Gefährdung, ' die moralische, Verwirrung, in die sie durch jahrelanges. Lagerleben gerieten; aber w’ie weit eine solche .Erkenntnis dem Durchschnitt dazu verhilft, sich aus freien Stücken und ohne Zwang' den Normen , unserer sogenannten Zivilisation wieder . anzupassen, bleibt abzuwarten-' 1 . v : " , . Daß 'Sie in den Menschen, die jüch hier ihrer annahmen, zuerst meist nur Feinde sahen, von denen'man sich nicht in die-Karten gucken, lassen darf, war nicht zu Verwendern,‘Und eis hat seine Zeit gedauert, bis sich eine« Aid Vertrauensverhältnis zu einigen Erwachsenen her- .ausbildete. : , : . Hinzu kam, daß sie sich in ihren Erwartungen Von England getäuscht fühlten. Sie glaubten, in ein Land , des Ueberflusses zu. kommen, wg es Lebensmittel und Kleidung in unbegrenzten Mengen gibt Staltdessen. waren Nahrung und Kleidung nicht nur streng rationiert, son-, dem oft; besonders im Hinblick' auf Kleidung war gerade das nicht erhältlich, yzas ihnen im Augenblick unerläßlich 'schien. Die Kämpfe, die ausbrachen, wenn es gelegentlich nur - kleine.'Schuh-' oder Hosehgrößen für jüngere Kinder gab, während den Großen nichts . als 'die Hoffnung auf die nächste Zuteilungs- Periode blieb, lassen sich kaum beschreiben. Als sie in England ankamen, sahen sie, aufden ersten1 Blick überraschend gesund aus, - gut. «ernährt, .und Sonnengebräunt Diealliierten Soldaten hatten ■ sje nach’ ihrer Befreiung mit' .Lebensmitteln überhäuft und viele von ihnen, diesich sogleich auf die Suche nach überlebenden Verwandten äufmachten, ja ihren Militär laßtautos über weite Strecken mitgenornmen. Die Verwand tensuche führte, in den " meisten Fällen zu den traurigsten Ergebnissen, aber die Fahrten auf den Landstraßen im heißen Sommer hatten ihre Gesichter gebräunt' Sehr, bald jedoch stellte es sich heraus, daß die Kinder nur,, auf ungesunde Weise hufgeschwemmt, waren und die Sonnenbräune, nicht über ihren eigentlichen Gesundheitszustand hinwegtäuschen konnte ..." Vor allem hatten sie den Wunsch, so rasch, wie möglich englisch za. lernen, und .da sie gesellige Menschen sind, die leicht den Kontakt zur umliegenden Bevölkerung fanden und oft ein- ,geladen wurden, könnten sie' sich schön sehr bald verständlich machen ... . Seit längerer Zeit bereits tut etwa die Hälfte der Fun gen und Mädchen regelmäßige Arbeit und “trägt dadurch zu ihrem Lebensunterhalt bei, der aus jüdischen Mitteln bestritten wird. Ungefähr 150 Kinder gehen noch in die Schule und versuchen,, die ihnen, v.er lorengegangene Zeit wieder eiuzuholen. Die. meisten sind jetzt allen anfänglichen Behinderungen zum Trotz, ausgezeichnete Schüler. Fast alle sprechen jetzt fließend englisch; treiben Sport, tanzen; viele Interessen/füllen ihr Leben. Und auch .gesundheitlich geht es ihnen sehr viel besser. Aber auf den meisten von ihnen lastet die ungewisse Zukunft. 'Wie. sollten sie sich 'nicht immer wieder’verlassen fühlen! Sie sind Kinder, die man um alles gebracht hat, und leben ohne Eltern und Geschwister, ohne Heim, ohne dauernde Aufenthaltserlaubnis in irgendeinem Lande der Welt,, und nur mit der Erinnerung an Höllen, die jede menschliche Vorstellungskraft übersteigen . - 1 . .(Aus „Blick in die Welte, Hamburg, herausgegeben von der L 8. C. Brauch, Control Commission „for Germany), afosdieuen das Mitleid, sie sind mißtrauisch, ■ ihren. Erziehern stehen sie. zunächst, mit ausgesprochenem Haß gegenüber . V Ein Kinderarzt behautptete einmal,; daß es Säuglinge gibt, die nicht aus Mangel an Nahrung,,. ,oder -.aus Mangel an fachmännischer, Pflege sterben,« sondernnur aus 1 Mängel an Liebei Aeltere Kinder, die der Liebe entbehren mußten, sterben nicht, Werden aber zu ■ Psychopathen und nehmen äls Erwachsene Rache an der Gesellschaft für ihre liebe- ’ leere Kindheit Um dieser Gefahr zu entgehen, müssen die unglücklichen Geschöpfe in die Hände verantwortungsvoller Erzieher und Pädagogen übergeben werden * In ihrem Charakter zeigen die Kinder Mißbildungen, die: nur durch eine besondere erzieherische Leitung umgeförmt werden können. Die Kinder stammen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten- Einige sind VON DS. IRENA WILLE?©, HAMBURG Wenn einmal die ' Geschichte der Scberit- Hapletah als Dokumentder breiten Weltöffentlichkeit vorgelegt wird, dann wird: .das Kapitel über das .elternlose, aus dem K. Z. oder aus/der, Illegalität gerettete Kind, das er-, schütterndste sein. ‘ - Diese Verwaisten kleinen Menschen, die ganz allein in der Welt stehen, die heute in verschiedenen Heimen untergebracht sind, p'tfenbarerr die ganze tiefgehende Tragik und das nicht in Worte faßbare Verbrechen, da» ap Juden begangen worden ist , Es gibt in Deutschland tausende namenloser Kinder, deren Gesichter, deren Augen eine Stumme Anklage erheben. Unreife,« aber wissende, gequälte kleine Menschen, mit schwerkranken Seelen, die all* das Elend, das Martyrium der verflossenen Jahre , in sich aufgenommen haben. Kinder «die das Teuflische, die Bestie in; Mensefaengestalt kehnengelernthaben, die nie mehr in, ihrem, .Leben sich der zärtlichen Mutterliebe erfreuen können; die nicht. lieben dürfen, -weil es doch nur Fremde sind, die siebetreuen. Kinder,- die in ihren Äeußerungen, wie Erwachsene mit ah‘ den Lastern, und. Trieben sich gebären, die hemmungslos ihren Urinstinktea nachgeben,. in einer sinnlosen Zerstörungsjust ihre Freude finden. •' •' Sie terzählen wenigihre Erlebnisse' und Gefühle verstehen sie' noch nicht in 'Gedanken und Worte zu formen; 'Wenn auch üir Schicksal Uns nicht unbekannt' ist, doch ihre Gefühlswelt, ihre. seelischen Regungen bleiben 'Verborgen. - Sie lebten bei, ihren Eltern irgendwo, in Polen, Ungarn, Rußland oder Rumänien. Aus ihrem Milieu V hsrausgprissen, kamen sie ins K 2k oder in ein V«r;stedf -zu fremden' Menschen. Ehe sie es. begreifen könnten, verloren sie7in. Verbreönung-rüfen. ihre Eltern und Geschwister- ■ Sie wurden gesagt, geprügelt, sie rnußted sich 'verbergen, sich ducken und schweigen. Sie lebten ein Dasein, in dem Vergewaltigung und Brutalität das alltägliche Erlebnis waren. Die entsetzliehen . Erfahrungen formten ihre kindlichen Seelen. Die^ Hölle, ist vorüber, * doch die furchtbaren Erinnerungen der verflossenen Jahre . blieben. Sie sind schweigsam und bedrückt, -.mit Minderwertigkeitsgefühlen belastet Die ländliche Fröhlichkeit, die Freude. am Leben, die naive «Imst an .Spaß und ,Spiel, ist ihnen fremd/ Ip den Menschen ihren Betreuern, haben si£ kein Vertrauen. Wenn man ihnen voju der Freiheit in Erez erzählt, . sind sie erstaunt, sie waren allzuoft enttäuscht, um jetzt glauben zu können. Sie glauben .auch nicht an die Güte der. Erwachsenen, sie'ver- :durch Unartigkeiten die Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen, die immer abseitsstehen.' und sichin das Gemeinschaftsleben nicht eingiiedern können. Die anderen sind passiv, teilnahmslos und Verstreut, mir ein kleiner Prhzantsatz' der Kinder erscheint als, gesunder« und ' nörpaler' Typ. Im allgemeinen sind; die Nerven dieser Kleinen zu 'empfindlich für .eip normales Leben. ' j' Die . Erziehung und Ausbildung dieser Kin.4 den ist eine der wichtigsten,' wenn auch sehrschweren Aufgaben, für die Lehrerschaft ihr ..den Kinderheimen. In der Scherif-Hapletah fehlt, es aber an Lehrern und. Erziehern. Die Kinder verbringen' zwar ihre Zeit in einer, liebevollen Atmosphäre; man versucht,- die Kleinen von Einflüssen der .traurigen Vergän-j genhöit zu befreien. Doch mit; der Güte allein, ist es. nicht getan. Sie .benötigen erfahrene, phyehosnalytisch geschulte v Pädagogen» die jedes Kind individuell behandeln, die viel Erfahrung und Einblick in, die kindliche Seele gewönnen haben, die eine ganz bestimmte Erziehungsmethode von «Fall. zy. Fall anwen- - den können. ' . _ , 7 v ' Das Problem in. der Erzielmfsg istf .die Ver-. krümmungen der Seele aüfzudedteh- In dem russischen Film „Der Weg ins Leben* haben wir gesehen, wie die verwahrloste, auf der .Straße he:rümhanaiei~ende Jugend ätirch entsprechende Erziehung ins «normale Leben xurückgeführt wird.-Wir haben gesehen, wie diese-jüngen Menschen immer wieder in alte Laster verfielen, .wie, ste schließlich durch i einsichtige Behandlung zu guten und produktiven 1 Geschöpfen' beram^achsen., - ^Unsere Kinder finden den Weg ins. Leben nur in Ercz. In unserer Heimat, werden sie, die qualvollen. Erlebnisse vergessen. .Durch, liebevolle und kluge Erziehung, durch psy« cKother a peüti sehe Behandlung teerden die Kleinen zu' aufrechten' Mänpena ‘und Frauen, zu Menschen, die arbeiten und sich unterhalten, die ernst und fröhlich sein können; zu Menschen, die auch. sorglos lachen, gönnen. - Der heilige Ruf: bringt sie, schnellstens, «nacli- -Erez. '; : cor DR,.-MAX SALZBEROs - - » DER HANDSCHUH AUS DEM ßOMAN ^AU.F.MAKLER BAHN" . (Schluß) 1 Er verabschiedete uns. Idi rührte mich, nicht, von der Stelle. . ' . „Willst Du noch etwas?4' , . , , Nun erdreistete ich mich, di? Frage zu stellen, die mich seit dein ersten Verhör - durch die Polizei interessierte^ ' \ ’ ' , „Komme ich in das gelbe Gefängnis oder nach Sibirien?“ ' ■ . gWieso; Möchtes Du gern dahin?“ ’^Nein, o nein'!“ , , , . «. * ,Ka, dann ist ja alles in Ordnung.“ Nckü an demselben .Tag traf das Geschenk ein: «ein großer Kasten mit Schokolade -und die illustrierte "Ausgabe . der Fabeln ., von Kfülow in braunem Lede'r mit Goldschnitt — das Kommandantenbuch — bei uns genannt; Damit war der Tragödie erster Teil beendet. Im zweiten war ich mehr direkt beteiligt; ich’ ' berichte ihn dennoch der Vollständigkeit halber. «> 1 , ■ Meine Aussage Vor dem Kommandantenent- ' lastete den. Leutnant: er wurde nur strafversetzt und das Leben bei dem Handschuhmacher Räb Leiser nahm anscheinend feinen «alten Gang, doch nur anscheinend: in Wirklichkeit gab es .dort große Veränderungen. Plötzlich erhielt Räb Leiser viefe. Aufträge .von allen Regimentern, als wäre er der einzige „Sämscher“ am Platze. Das Gewerbe nahm einen so beträchtlichen« Aufschwung, daß die Räpine des . kleinen Hauses die Menge 1 von Handschuhen nidit fassen konnten. Jetzt verkaufte Nissens Mutter auch neue Handscuhe, und ihr« Kunden gehörten zu den besten Militärkreisen. Verändert war auch Räb Leiser. Er war jetzt ■ immer sehr traurig und wortkarg. Seine Arbeit erledigte er mechanisch und .zeigte kein Interesse für dem neuen Aufschwung; die Erfolge in seinem Gewerbe schienen ihn. ganz kalt zu lassen- - ‘; Seine Frau schalt ihn, er sei unhöflich, er müsse Rücksicht auf die Menschen nehmen, die in sein Haus kämen,' aber alles Zureden half nichts. Er blieb' in sich gekehrt und traurig. . Verändert war auch Nädia, . Nissens einzige Schwester, nicht nur' äußerlich. sie wurde immer schöner uisR blühender — sie veränderte sich auch in ihrem Wesen;' "*te, , »•' Einmal sah idi sip an einem regnerischen, sehr finsteren Abend zusammen mit Ihm, dem Bruder jenes Leutnants, der- Nissen in den Tod, getrieben hatte und der auch zu den Kunden ihres Vaters gehörte,. Sie fuhren in., einer Droschke und waren, sehr vergnügt. Idh erzählte es meinem Bruder Albert, der damals schon groß war. Er sagte, ich könnte midi geirrt haben, sie wären er vielleicht gar nidit. gewesen. Uebrigens'- ginge es midi nichts an, ich sollte es auch niemanden erzählen. So wußten es nur wir beide, später wußte es die ganze Stadt, da wares aber schon zu spät. Das Uebliehe trat ein: Nadia folgte dem Leutnant nach Petersburg, ließ sich taufen und verheiratete sich mit ihm. .« ' > ' ‘ Der Schlag war furchtbar, schien aber* dein Räb Leiser nicht sp überraschend gekommen zu sein, «wie' zu erwärfen gewesen.- wäre. Ais er es erfuhr, schüttelte er nur mit dem. Kopf, wie einer, der sagen, wollte': „mir ist es alles gleich“. Er bestand nur darauf; wie es damals Brauch war, eine Trauenvoche ab zuhalten, äls wäre seine Tochter gestorben. Dagegen wjdersetzte sich seine Frau und schrie und zankte. Die Totenwoche hielt Räb Leiser dennoch ab, nicht im Hause, sondern in der Syhag'oge. Dort saß er, wie es für Trauernde vorgeschrieben ist, auf einem njedrigeu Schemel vor der Ofenbank; sprach mit, niemandem und riihrte kaum Essen, an. ’ ' . ' Nach der Trauerwoche kehrte er in seih Raus zurück, fand aber die Tür verschlossen und* die Fensterläden herabgelassen. Seine Frau war nicht dort; sie war 'zu ihrer Töchter nach Petersburg gefahren.. Räb Leiser machte sich sofort an die Arbeit, denn, die Räume lagen voller Handschuhe zum Reinigen und Ausbessern.' > Meine. Mutter schickte 'ihm Essen, kam öfters und sah nach dem Rechten. Tag und Nacht arbeitete er. Die Kunden rannten ihm das Haus «ein, er nahm aber keine neuen Aufträge mehr an, er schickte alles «ur Konkurrenz. Als, er die letzten Handschuhe aus dem ' Hause . geschafft hatte, verkaufte er die Möbel und die Maschinen, ging, in die Synagoge und blieb dort. ■ ■ Er nahm ehrenamtlich die Beschäftigung eines Totengräbers ari, —- da sehe er dodi wenig.- “stehö oft das Grab seines Jungen. Er magerte zum Skelett ab, wurde weiß und gebeugh .doch sprach er jetzt freundlich mit jedem Menschen, .namentlich mit Kindern, die -ihm alle zugetan waren, bis er eines Tages verschwand. An einem, Wiht-wiagwar er förtgegangen und nicht wiedergekommen. Alle. NachforVhungen blieben ergebnislos. Erst alsin der Frühlingssonne die; gewaltigen S'lmeemassen auch auf den einsamen, abgelegenen Plätzen geschmolzen waren, fand man ihn auf dem Grabe seines Sohnes, das Gesicht in den Händen vergraben, Irn Gebet schien ihn der Tod überrascht und ihn für immer ’mit seinem Nissen verbunden. zu haben. » Zur' Zeit läuft!n dem 'bekannten Düsscidorfer Zeitkabärett '„Mutter Ey“ ein Programm des Ensemble „Die Wäscheleine“. Unter dem Titel' „Schwarz auf Weiß“ 'wird dem andächtigen Publikum eia, Querschnitt satirischer Betrachtungen durch die Literatur' der' Zeiten , .gegeben, dessen künstlerisches und geistiges Niveau oft recht hoch ist. , Daß die meisten der 'vorgetragenen Nummern Zweideutig geistreich’ : sind, ist “selbstverständlich und - wird „von einem Kabarett dieser' Art nidit anders . erwartet,.' wenn . auch gewisse Teile dem Geschmacklosen gefährlich nahe kommen. Wenn aber .Edith Teichmann, die als Gast in diesem Programm- N mitwirkende bekannte ' Künstlerin der Städtischen.. Bühnen Düsseldorf, in einem ihrer Auftritte einen, außergewöhnlichen Erfolg erzielt* so sdieint uns. der Anlaß, zu diesem Erfolg sehr erwähnenswert zu sein. .. ' ’ ' Edith Teichmann, ist eine 'chmmiante und außerordentlich, begabte Künstlerin, und sid. hat es fartiggebrachfc, auf sehr geschickte aber wahrscheinlich 'unbeabsichtigte Art, das Publikum, das mehr ,'oder .-weniger als repräsentatives deutsches Publikum in Düsseldorf . angesehen werden kann, zu einer spontanen ' unji .^interessanten Gefühlsäußerung: zu tk:-; Wegen. '; . 1 In einer Nummer „Die Frau In der Literatur4*, gibt Edith^ Teichmann eine Darstellung der Fräu im Dritten Rt’ch. Stramm roarschie-. xeiid; Marschlieder ‘ singend, zackie, zackig — v erkörpert eie das Hitlermädel in vollendete! Form. So steht esy un Manuskript, und wir machen Edith Teichmahn wegen ihrer. Darstellungkeinen Vorwurf, «-im .Gegenteil. Das interessante der Sache ist aber die * Reaktion des Publikums, auf diese'. Nummer des Programms. Schon bei den. ersten Klängen der noch so gut. bekannten Melodien, spürte man förmlich, wie das gute deutsche Blut des Publikums in. Wallung kam —, wie sie 'sich „im 'Geist' nütmarschier.en“ sahen adi ,eö war ja so schön. Ein brausender Beifall und Bravorufe empfingen, das Endedieser Nummer, die so viele alte Erinnerungen geweckt hatta. Man wird vielleicht behaupten wollen, daß der: Beifall der Ironie und dem Witz "-Edith Teichmanns galten, Diesen.« Eei- - fall hatte sie verdient, aber er galt diesmal nicht der Künstlerin, sondern der „guten alten (Nazir) Zeit“, deren Geist noch lange nicht ausgestorben ist Eine kleine Kabarett- - nunämer «genügt, um ihn wieder zu wecken, Wir wollen diese Tatsache nicht vergessen. Der ehemalige' Generalkulturreferent Baldur -von Sdürachs und Naziredakteur- Walter Thomas inszenierte jetzt in Bochum Franz: Molnärs „Olympia“. Die '„Westfälische. Rundschau“ erklärt dazu, «daß „dieein kulturpolitischer Skandal erster Ordnung sei“, da derselbe Thomas während der Nazizeit zahllose antisemitische Artikel verfaßt, habe.- Ein antisemitischer' Hetzer bringe jetzt - das Werk eines jüdischen Autors heraus —, im’ gleichen Bochum, in dem er 1037 Seite. an Seite mif dem ehemaligen ■ Reichsdramaturgen Rainer Schlösser Hitlerj ugehd-Theaterwochon durchgeführt baber Noch 1&33 -beschimpfte Thomas jüdische Autoren öffentlich als „Literarische Schmutzfinken“. Die' westfälische ' Presse bezeichnet den Fall Walter1 Thomas -als ein Musterbeispiel nationalsozialistischer Gesih- ■ nungslumperei. Wie wir erfahren, hat sich der Sonderbeauftragte für Entnazifizierung in Nordrhein-Westfalen; nachdem zahlreiche deutsche Zeitungen den skandalösen Fall Thomas immer wieder angeschnitten haben endlich entschlossen^ den Denazifizierungsbescheid an .dem ehemaligen Schirach-Mitarbei ter zu überprüfen. ' : -