Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 22 (29.2.1948)
- Date
- 1948-02-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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0 1?eite 4 1848. G@dank©m smm Unter dieser Ueberschrift entwickelt Claus Goetzr-Möller in Nr. \19 und 20 des „Jüdischen fjfeniemdeblattes“ Gedanken zur Bekämpfung des Antisemitismus, die, da mii" Aufrichtigkeit tind; tiefem sittlichen Emst vorgetragen, wohl wert sind* diskutiert zu werden, und zu einer1 Diskussion seiner'Ansichten fordert der Verfasser ja auch auf. Er möchte versuchen, den unstreitig vorhandenen Haß gegen Judentum ixnd Judenheii in Liebe zu verwandeln, er möchte durch Belehrung: und Aufklärung zur Liebe erziehen.. Nun, es ist leicht, wir haben's erlebt, Haß zu predigen und zu schüren, 'es ist leicht die niederen Instinkte zu wecken und zum tätlichen Ausbruch zu bringen — warum, das-steht hier nicht zur-Debatte.-Es. ist schwer, fast ..unmöglich zur LiebC_.ru erziehen. Das gelingt allenfalls in gewissen engen Grenzen beim ersten Werden (aber auch nur dann) Ksttgiöser . oder sozialer Bewegungen oder innerhalb kleiner religiöser Sekten, .die ihrer Natur gpmäß eben nie den, engen. Rahmen sprengen,, der sie Zusammenhalt. G-oetz-Müller. spricht von den beiden Urtrieben „Liebe und Haß“, In welchem Umfang es überhaupt, möglich ist,. durch Belehrung und Erziehung die Betätigung des einen, /batst Unterdrückung des anderen zu erreichen,, scheint mir für den vorliegenden Fall belanglos zu . sein, Zwischen . diesen beiden,IJrtrieben, die als' solche auch dem Tier eigen sind, steht aber etwas nur dem Menschen zugehöriges: das; . Verständnis, das gegenseitige Verstehen. Dazu kann der Mensch in der Tat erzogen, das kann ihm beigebracht werden, und es' wäre sehr viel gewonnen, wenn wir nicht Liebe, — die erwart en und verlangen vor gamicht, — wohl aber,, mehr Verständnis» bei der Umwelt finden würden, Wie nun Ist es zü wecken und zu fördern? / Der Vorschlag von GoetzrMüller ist sehr beachtenswert, weil aus kleinsten Anfängen, aus kleinen Zirkeln geistig hochstehender Menschen, sich organisch das Weitere entwickeln und ineiner „deutsch-jüdischen Gesellschaft“ seineAKrömmg finden . soll. Ein so organisch sich Entwickelndes wird, darüber ist sich auch der.-Verfasser . im Klanen., nursehr' -langsam wachsen, aber' er hofft, daß dann die Wurzeln umso fester im Boden haften werden, Zunächst müßte aber nach Ansicht von Goetz-Müller versucht werden,, die, Ursache des Antisemitismus, die „Infektionsquelle“ zu ergründen, um mit dem Heilungsprozeß beginnen zu können. Es. wäre gewiß notwendig, die Frage nach dem Ursprung des .Antisemitismus zu klären, sich, „zur. ersten Infektionsquelle zurückzuarbeifeea“. : Ueber diese ’ Frage besteht eine sehr umfangreiche Literatur, ohne daß bisher eine klare, .eindeutige Antwortgefunden wurde. Ob die „Einzelerscheinungen des Antisemitismus?“ überhaupt nur auf eine Infektionsquelle amrüdczu|u|iren sind, ob es nicht.' mehrere, sich vielieidit irgendwie ergänzende oder gegenseitig stützende - Ursachen gibt (und ich - glaube dies bestimmt), das zu ergründen wird wohl lange, sehr lange Debatten erfordern, und ob es überhaupt restlos gelingen wird, ist zum mindesten fraglich. Inzwischen aber blüht und wächst der Antisemitismus weiter.. Darum kann in diesem Falle mit einer Therapie nicht gewartet werden, bis die" Ursache, der jr-PPISCpi&g- GEMBiypEBbAff FÜR PIE BRITISCHE EOJ*E ■ . / 4 \ ■ ■ . " . ./.; ' ' . - . ■Krankheit eindeutig' gef unden wurde; Es muß und zwar sowohl in" Vorträgen, ' me schon vorher versucht, werden, sie wenigstens so kussionen zu. zweien oder 'mehreren. Zwecklos zu behandeln, daß nicht nur eine weitere ■Ausbreitung der Kranklieit verhindert, sondern auch ein Zurückdrängen. ’ der übelsten und schädlichsten Auswüchse erreicht wird. Damit wäre zunächst viel gewonnen. Zu tief haben sieh Unverständnis " und künstlich geschürte Böswilligkeit in die Masse verfcrallt, Es handelt sich also darum, eine breite Basis zu finden, um das Erdreich,* auf dem die schädlichen. Auswüchse wuchern, aufzülöckem und. für neuen, gesunden Samen empfänglich zu. machen. Es handelt sich darum, den.. Geist. ■ der Masse oder zum mindesten größerer- Kreise von' den Fesseln zu befreien, die ihm der Nazismus gewaltsam angelegt hat. Das moderne Mittel, um dies zu erreichen, ist der Rundfunk- / Der Münchener Sender überträgt, wenn ich nicht irre, jeden Freitag abend einen jüdischen Gottesdienst. Dies mag'— mit Solo-, Chorgesang und Orgelbegleitung — für Juden eiqe erbauliche, für Christen eine.'hoffentlich genußreiche musikalische Angelegenheit; zum Verständnis des Judentums tragen diese Sendungen jedoch bestimmt picht bei. Dazu wären aber wohl Sendungen geeignet, die sich jede Woche, zu einer bestimmten (Abend)-Eeit wenigstens ein© Viertelstunde mit, jüdischen und deutsch-jüdischen .Problemen befassen, % Jahrgang — KsC~i§T sind solche Darbietungen, wenn sie in langen und noch dazu unregelmäßigen Abständen erfolgen; nur steter Tropfen höfcilfc den Stein. Die Begründung und Rechtfertigung solcher Sendungen: Nachdem zwölf Jahre lang über- Juden und Judentum einseitig böswillige verleumderische und bewußt falsche Angaben7 verbreitet wurden, und die entsetzlichen Folgen einer ■ solchen Propaganda klar zu sehen sipd, ist es an,der Zeit,, sachlich, &. h. Licht und Schatten gleichmäßig . verteilend, über wahres Judentum und über das Verhältnis von Juden zu Deutschen (und umgekehrt) zu sprechen. Dies . soll in Vorträgen und Diskussionen erfolgen und den -Deutschen Gelegenheit geben, die Probleme in ^klarem Licht zu sehen, und nicht durch die * K^ßgetrübte Brille, .die ihnen der Nazismus gewaltsam auf die Nase gesetzt'hat , Das Gebiet, das, so zubehandeln 'wäre (Geschichtliches vom Altertum 'über .Mittelälter bis zur neuesten Zeit religiöse, soziale und ' politische Fragen, Ethisches, Künstlerisches, aktuelle Begebenheiten ü a. tu.), ist so riesengroß, . daß Auswahl und fcolge .. mit äußerster Vorsicht, großem Taktgefühl und Einfühlung. in die augenblickliche seelische'Verfassung dös deutschen, Volkes getroffen werden müßten . Audi die Auswahl der Vortragenden , wird nicht leicht sein, denn diese Dinge müssen von hoher Warte und ohne Ressentiment angepackfc werden, will man überhaupt einen 'Erfolg erwarten. In. einer älteren Ausgabe des „Jüdischen Gemeindeblattes“ wurde von einem Vortrag berichtet, den kurz Vor Beginn .der Nazizeit ein damals in Deutschland sehr,.geschätzter ,Eabbiuer .in Frankfurt/M. vor Studenten über den' Talmud gehalten hat. Man erwartete einen Skandal, da viele ,Studenten sich vorgenommen halfen, den Vortrag , zu stören. Aber alles blieb ruhig und man lauschte gespannt und hingögebea den Ausführungen (des Redners. Als man später die betreffenden Studenten Aragte, warum sie nicht - 'wie vorgesehen - randaliert. hätten, kam die. Antwort: „Der Maxia hat uns überzeugt!“ Diese" Antwort zeigt, worum es geht und was erreicht werden kann, aber.es kann nur erreicht werden mit den vorzüglichsten Kennern der jeweiligen- Materie, und es, löhnt sich wohl, sie . für dieses Ziel', aufzurufemj Aber trotzdem muß der Versuch, ge«] macht werden, wieder Licht in die Finster-' nis zu bringen, muß’ — wie mit allem •— neu ■und von vom angef engen werden, mit neuen und anderen Mitteln, und diese wären einmal' der auf - - wette Sicht ' eingestellte '"Plan . von! Goetz-Müller!-’zum zweiten, der oben gemachte!' Vorschlag. - E..KJ nicht mir Angelegenheiten der Jugend» sondern eilen alle Gemeindeprobieme gemeint. Deshalb muß den jungen, Mitgliedern der Gemeinden Gelegenheit . gegeben werden, den Sitzungen der Gemeindevarstände ’ und sonstigen' Versammlungen und Tagungen beizuwohnen. um die Vorgänge zu beobachten» um die' Reden anzuhören, und daraus zu lernen und um gegebenen felis ihre Meinung m äußern, .Natürlich wird niemand von Kindern derartiges erwarten,, aber für Jugendliche von, Sagen wir. 1.6 Jahren aufwärts, wäre dies der richtige'Weg, sie für ein© ■ Arbeit im Interesse der . jüdischen Gemeinschaft ■ vorzübereiten. Sogenannte Vorsitzende von Jugepdgruppea, die selber schon gereifte Mäpner, sind, genügen für diese. Aufgabe nicht mehr, denn auch sie sind oft schon, den Interessen und dem Denken der Jugend -entwachsen. ' Sicher wird ein Vorschlag, wie der obige, bei vielen Befremdung oder ein skeptisches Lächeln hervorrufen. > Davon wollen wir uns aber, .nicht, zurückschrecken lassen- Die palästinensische Jugend weiß heute; was / sie in der Vergangenheit geleistet hat und wofür sie sich ’in Zukunft einzusetzen hat , j Das, was' die jüdische/ Jugend, in Deutschland) geleistet hatte,' ist in den letzten Jahrenauf, grausamste Weise zerstört worden. Umso eif-' ’ riger müssen wir jetzt ans Werk gehen,“ unse«1 re Zukunft wieder aufzubauen.. Und da es die, Zukunft der Jugend ist, ist es1 auch die Arbeit' , der Jugend.. ' /"/-N j- -Darumlaßt uns für: unser e .moralischen. . te eint-reten, iuf das uns die Möglichkeit ge-' ■geben werde, aktiv an der Organisation uns©-! rer Gemeinden und. somit am Aufbau des jü«| dischen Lebens mätzuärbelten. ,!• j- "Wir wollen unsere Aufgabe erfüllen! Wir kon=> neh das nur, wenn wir auf, allen Gebieten unsere Stimme erhöben, 'die Stimmt der’Jugend! ’ ~ H. T., Düsseldorf,' 29 Jahre.; Für uns Juden im heutigen Deutschland vergeht wohl kaum ein Tag, an dem wir -nicht auf irgend eine Weise .von, der Schwierigkeit unserer Situation berührt werden. Wir wissen, daß. wir uns nach den Ereignissen der letzten Jahre nie-mehr als gleichberechtigte Bürger dieses Landes betrachten können. Mehr denn je bilden wir eine Minorität,’ die eirte unnatürliche Stellung innerhalb einer Eingebung innehat„ die uns selten, wohlwollend, oft feindselig und meistens gleichgültig gegenübersteht. Es tut not, daß wir in dieser Lage nicht vergessen, daß "wir nur durch' eine Zusammen-' arbeit helfen können, den jüdischen Staat in Palästina aufzubauen, und daß es eines Tages der ■ jüdische Staat in Palästina sein wird, der das Leben auchder Juden in Deütschland beeinflussen wird.. < Diese Aufbauarbeit ist die Arbeit der Jugend. Den älteren Mitgliedern der jüdischen Ge-' meinden sei es 1 vergönnt, diese Jahre nach dem Sturm In. Ruhe, und möglicher ■ Zufriedenheit zu verbringen. Aber so wie die palästinensische Jügend mit der Waffe in der Hand für ihr Land, kämpft, so soll die jüdische Jügend in. Deutschland/ in geistiger, kultureller und sportlicher Zusammenarbeit für den Erhalt jüdischen Lebens kämpfen. - Zu diesem Zwecke ergebt der Ruf an die jüdische Jugend, aii dieser Stelle des „Jüdischen Gemeindeblattes, für die britische Zone“ zu allgemeinen Fragen . des Judentums vom Standpunkt der Jugendaus Stellung zu nehmen. : Fragen zur Diskussion ■ zu, steifen,- und durch Beiträge .itr Poesie und Prosa zum jüdischen Kulturleben beizutragen. Sämtliche Beiträge bitten wir niit der genauen Anschrift und mit dem Älter des Absenders zu versehen, und mit dem . Vermerk „Die Jugend hat das -Wort“, an die ..Redaktion / des „Gemeindeblattes“ einzusenden. . "■ Auf diese Art wüte möglichst wielen unserer jungen Leser Gelegenheit gegeben.. werden, aut ihre Art. zürn Aufbau unseres jüdischen. Lebens beizutragen und zwar im Sinne unserer Parole: ■ , - Die Jugend'hat. da§ Wort! ... ' Die Redaktion. Die Stimme der Jugend In fast allen Kundgebungen und Veranstaltungen jüdischer Gemeinden oder Verbände, hören wir immer wieder die Versicherung,’ daß es die. jüdische Jugend ist, der es obliegt,', das jüdische Kulturleben uhdden Kampf um unsere Zukunft aufrechlzuerhalten. Der, Kultus und die Religion siebte wird. uns. von unseren Eltern und Lehrern überliefert, aber es ist unsere .eigene Sache, uns über weltliche Dinge-von aktuellem jüdischen, Interesse - eine Meinung zu bilden; seien sie kultureller, wirtschaftlicher oder politischer Natur. Die Aufgabe, als Jugend an dem Aufbau unseres, jüdischen' Lebens vmtzuhelfen, ist eine" große und schöne Aufgeber Um' uns aber der Wirksamkeit unserer Arbeit vollauf bewußt zu werden, müssen wir selber die Möglichkeit haben, bei .der Formulierung von Arbeitsplänen für die verschiedenen Gebiete mitzuhelfen- Es genügt nicht, wenn wir von Gemeindevorständen und Dezernenten aufgefordert werden, ah den, Veranstaltungen feilzunehmen, .denn das würde einer passiven Mitarbeit gleichkommen. / ': Die jüdische Jugend hat aber auf Grund, der Verantwortung, die in sie. gesetzt ward, - den Anspruch auf eine aktive Mitarbeit. an allen Gernei n dean gelegenhei tun. Und damit sind Dr» Max Salzberg': (AUS'DEM ü OH AN J^U F- DUNKLER BA H N*) Mein - Eintritt in das^ neue Cheder erfolgte besonders spät wegen eines Ereignisses, das meine Welt ungeheuer erschüttert und' mich aus dem Gleichgewicht gebrächt hatte. , Unvergessen stehen noch die Einzelheiten vor mir, und ich brauche nicht lange in alten Ere innerimgeü zu suchen, um die Geschichte niederzuschreiben.. Es ist die Geschichte von ' einem Handschuh, der, als wäre er über die Hand eines dunklen Geschicks gezogen, einer friedlichen, arbeitsamen Familie ’ zum Verhängnis wurde, indem er in ihr Leben eingriff und es ■ zerstörte’. Nicht von feinem, geschmeidigem, duftendem . Leder war er, wie die Handschuhe, die ich bei Tante Olga gesehen, hatte. Es war auch, kein Fehdehandschuh, den ein Ritter dem andern bingeworfen hatte, obgleich es damals in meiner Vaterstadt viele, sehr viele streit- und händelsuchende Ritter ..gab. Lagen doch damals nicht weniger als vier Regimenter bei uns;'unzählige Leutnants schwärmten, geschniegelt und gestriegelt in ihren glänzenden Uniformen durch die Gassen, ließen ihre blanken Achselstücke, Orden und Knopfe in der Sonne leuchten, um damit den jungen Mädchen zu'imponieren und, was allzu oft audi geschah, ihnen .den Kopf zu verdrehen. Der Handschuh, von. demidi jetzt «berichte, var aus Eisen und von einer Form, die 'ihn nicht von jedem leicht ah selchen hat erkennen' lassen: am Ende eines plumpen, plattgedrückten Zylinders, der eine Hand darstellen, sollte, waren x fünf schmutzige, eiserne Röhren - eingelassen, ungleich in - ihrer Länge, wie die verschiedenen Finger, der längste in der. Mit- .te und derdickste seitlich. Das Ganze hing an einem rostigen und verbogenen Eisenstab über der Eingangstür des Räb Leiser, meines Freundes Nisse ns Vater,'und zeigte an, daß .hier in kürzester Zeit und. für geringes Geld Handschuhe aller Art gewaschen, gebügelt und repariert wurden“. Wie Und was auch die andern, über das Aussehen und die Beschaffenheit dieses Reklame- < Stückes denken mochten, für midi und meinen Freund Nissen war er ein Handschuh. An den Enden der Röhren konnten wir beide, noch Spuren von Farbe erkennen, die einst die , Fingernägel dargestellt hatten; oberhalb, des. Zylinders sahen wir! noch - den Spite.enkra.nz aufgemalt, der den Abschluß eines Aermels angedeutet hatte. Ja, es war ein Handschuh, und er hatte grüße Anziehungskraft für uns Jungens, vielleicht noch, mehr als für diejenigen, die er im Interesse des Gewerbes wirklich beranziehen sollte, , Wir standen oft davor und schauten lange zu, wie er im Winde plump , schaukelte, hörten auf sein heiseres, blechemctes Knarren, wenn er im Sturm an der Eisenstange - zerrte, um Sich von ihr zu -jsefreien. Wir hatten auch unser Geheimnis mit cem Handschuh, . ein Geheimnis zu dritt: Wenn nach anhaltendem Regen ''"' die Sonne wieder auf ihn schien, ließ er dicke, braune, klebrige Tropfen in unregelmäßigen' Abständen fällen. Es amüsierte uns, das Verhalten der Menschen zu beobachten, wenn vom hellen Himmel der Tröpfen auf ihren Kopf, Bart oder in ihren Halskragen fiel. Der eine sprang zur Seite,, der andere beugte sich vornüber, und alle schauten sie wütend “ aufwärts "und schimpften Laut oder mit verhaltenem Zorn, ohpe doch genau zu wissen,, woher der braune Segen gekommen war. Auch an -jenem, verhängnisvollen Morgen standen wir davor; es war der letzta .Tag ^des Passahfestes. Die Eisschmelze, die Frühlingsregen waren vorüber, die Sonne schien hell und wärm vom wolkenlosen Himmel, Ich hatte, meinen Freund Nissenvon seinem Elternhaus' abgelaolt, um mit ihm die großen Getreidekähtte anzustehen, die am Tage vorher aus Preußen angekommen waren; AVir wurden aber vom Handschuh angezogen und festgehalten: die herabfallenden Tropfen waren von der. langangesammelten Feuchtigkeit besonders groß «, . . Wären wir doch nicht stehen geblieben! . ,.'•/■• Ein großer Bernhardiner,' der in: einiger Entfei’nuüg neben einem Milchkarren', stand, näherte sich uns und begann' so träge, sch uninteressiert zu bellen, daß. ich mich ärgerte und ihn verscheuchte. Es half nichts, er kam wieder, doch nicht an meine Seite, sondern ah die Nissens, schaute ihn an, schaute von ihm weg, betrachtete den Handschuh und hörte nicht auf zu bellen * y . Warnte er uns? . wovor? rt- Das .Straßengetriebe zog uns an. Viel Militär war zu sehen, was so früh am Morgen auffallend war: stocksteife Leutnants, geschmeidige Leutnants, sporenklirfend oder tänzelnd gingen sie unter dem Handschuh vorüber. . Leer wurde es plötzlich auf der Straße, beängstigend leer.' Daß wir immer noch nicht fartgin'gen! '— Ein hochaufgeschossener, dünner Leutnant kam ,um die Edre. Der kleine Kopf auf.'dem mageren, langen Hals, die mächtige Hakennase im kleinen Gesicht. - oberhalb des fliehende?!, kurzen Kinns mit den grauen, von farblosen ■Wimpern umrahmten' Augen erinnerten an einten Raubvogel. Alles .an ihm blinkte: der Streifen ah der Mütze, die Achselstücke, rüie Knöpfe, der Knauf seines langen Säbels. - Steif wie ein Stock'schritt er. in der Sonnet und nichts als seine -langen Beine bewegten sich im regelmäßigen Takte. Den Bück, hielt er starrvor sich in .die Ferne gerichtet, doch' entging mir nicht, daß er uns argwöhnisch und verächtlich betrachtete. Er mißfiel mir sehr, warum, wußte ich nicht: war es - seine Selbstzufriedenheit über den schönen Klang der*' Sporen an den blankgeputzten Stiefeln, die mich ärgerte? ~ Wenn jetzt doch aus dem Handschuh . - . ich -wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu.denken, eine Furcht stieg plötzlich in mir auf. Mittlerweile kam seine Mütze dem Handschuh immer näher; von dem Leutnant sah ich jetzt nur seine Mütze. Schon war der schmutzige,, rostige Mittelfinger über ihr. Mit Entsetzen sah. ich das, worauf ich ursprünglich mutwillig gewartet hatte . . . Da! Nissen lachte nervös auf und machte mit dem Arm, den er um meine Schulter gelegt hatte, eine, Bewegung, um den Leutnant zu warnen, um ilm zurückzuhalten. Zu spät", der schwere, braune Tropfen war schon gefallen. Der steife Leutnant zuckte, sank, unter dem Tropfen zusammen, als wäre ihmfein Mühlrad auf dten Kopf gefallen, das seine Gestalt wie eine Pappfigur zusammengedrückt hätte; doch richtete er sich bald'wieder auf, sprang jäh' zur Seite -— und sein Gesicht! Kein wildes Tier konnte beim stärksten Wutausbruch einen ( solchen Ausdrück haben. ' „Jüdenhundte!-“ brüllte er. Da erklang und blitzte auch schon die breite Schwertklinge in der, glitzernden Luft, und der wütende Leutnant kam mit 'einem Satz über die Straße auf uns zu, zürn Schlage ausholend. Der Schlag mißglückte: dar Hund, der immer noch an Nissens Seite war, hatte-die Gefahr erkannt, kam aus seinem Phlegma heraus, sprang gegen den Offizier, um sich bald, von einem Tritt getroffen, heulend unter seine Karre zurückzuziehen. Der geringe Zeitverlust kam. uns zustatten: wir stehen auseinander. Ich entkam jn die Tscheibrinowergasse ■ und# bog in den ersten Torweg uasexes Hofes ein, um durdi eineö anderen hinauszulaufen. Bald aber wurde mir' klar, daß ich nicht der Verfolgte war, sondern , Nissen, der größere von uns beiden. Ich kehrte um, um sein Schicksal besorgt. Toll war der Galopp: zum Njerhen/ Hefen, sie; die Mütze war Nissen vom Kopf geflogen, sein rötliches Haar flammte, in der Sonne; in nur geringem Abstand jagte der Leutnant mit der blanken Waffe hinterher.', x Schob wären, sie auf dem Bollwerk. Das Herz drohte mir. stillzustehen. Nissen rast der Böschung zu . . . biegt weder .nach rechts noch nach links . . . o, Gott! Er stürzt über , den Rand: der Böschung! \ " In jenem Friilijahr fiilirte der Njemen Hoch- AvaSser, so daß die Getreidekahne nur wenig unterhalb des Bollwerks . befestigt waren. — Ob Nissen sich auf einen'Kahn rettete?- — Das Aufschlagen hörte ich nicht, es war zu weit, ich sab nur, wie der Leutnant niit einem Ruck stehen, blieb, wie er das Schwert irr,die Scheide stieß und sich schnell in-' eine Seitengasse entfernte. ~ " Als' ich teuf das : Bollwerk gelangte, waren schon ' mehrere Menschen versammelt, die schrien, schimpften, weinten. Der ‘ Schiffer fuhr, in einem Boot? umher und tastete mit einer langen Stange das Wasser um , den KaM herum ab- - Nissen wurde erst viele Stunden später aus dem Wasser gezogen Ich mußte im Hause bleiben, nicht einmal zur Beerdigung durfte ich gehen, obgleich* Wie die Kinder mir später erzählten, fast die ganze Stadt zugegen war, Die Nachforschungen ließen nicht lange' auf sichwarten: zuerst erschien bei uns der Pristow (Polizeioffizier) mit 'einem Schreiber, fragte und schrieb und schrieb. Am Tage dar»' auf kam ein richtiger Offizier aus der Armee mit einem Gefreiten. Auch er stellte viele Fragen an mich, und der Gefreite schrieb; alles auf. Ich hatte große Angst. Mein Freund Nächmon meinte, man würde mich nach Sibirien verschicken oder für mein ganzes Leben in. die gelbe'Tjurma (Gefängnis) sperren. Ich aber beruhigte midi bald und fand sogar Ge-