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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1948-02-19 · 21 (19.2.1948) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
2 (1947/48)
Issue
21 (19.2.1948)
Date
1948-02-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Z. Jahrgang Nr. 21 JÜDISCHES GEMEINDE Bi ATT FÜR DIE BRITISCHE ZONE 19. Februar 1948 —- Seite” Sj 70 Jahre Als der jüdische Theologe und Pädagoge im Sommer vorigen Jahres zum ersten Mal seit seiner Auswanderung aus Deutschland (1938) wieder nach Europa kam,, um vor großen Zu» hörerkreisen in England, Frankreich und anderen west- und nordeuropäischen Ländern zu sprechen, kam es einem nicht, so vor, als seien fast 10 Jahre seit seiner Uebersiedlüng nach Palästina vergangen:' unverändert in seiner ehrfurchtgebietendeh Erscheinung, in Sprache und Stimme eigentümlich-markant und eindrucksstark wie ehedem,, in seiner Gebäfde bescheiden und mäßig — so stand er der kleine Mann mit dem langweilenden dunklen Bart und den klugen, freundlichen Augen vor uns, in Sälen, gefüllt mit geistig interessierten jüdischen Menschen, die ihn, den modernen Ge-; lehrten, der auf das gesamte religiöse Leben unseres Zeitalters so aktivierend gewirkt hat, willkommen zü heißen, vielfach auch deshalb, weil manche ihren Lehrer und Freund nach jahrelanger Trennung wiedersahen, Bub^r hat im Leben der deutschen Juden etwa in dem 30 Jahre umspannen den Zeitraum vom Ende des ersten Weltkrieges bis zum Beginn der Katastrophe (1938) eine hervorragende Rolle gespielt und sie auch in der Emigration fortgeführt Er war es, der von 1923 bis 1933 den einzigen Lehrstuhl für jüdische Religionswissenschaft und Ethik an einer deutschen Universität, nämlich in Frankfurt a, M-, irine-. hatte, und er war e^, der von Heppenheim an der Bergstraße aus, wo es lmandien. jungen und auch - älterep; Juden hinzog, jüdisches Kulturleben angeregt, beeinflußt,1 ja praktisch gelenkt hat: das Jüdische Lehfhaus ln Frankfurt,, wie überhaupt die jüdische, Lehrhausbewegung in Deutschland, hernach die der fleichsvereihigung angegliederte „Mittelsielie für jüdische Erwachsenenbildung“ und die Kulturarbeit in'den jüdischen Jugendbünden der verschiedensten Richtungen. Seine, gemeinsam mit Franz Rosenzweig (1888 bis 1929) vorgenommene Uebersetzung des Alten Testaments ins Deutsche in der (in den bisher'erschienenen 15 Bänden) der Versuch gemachtwird, .'Klang, Wortstellung und Satzform dem hebräischen Urtext anzugleichen, haben Martin Buber als Forscher und Meister der Sprache, - als Deuter und Denker weit berühmt gemacht. Darüber hinaus hat er, der Neugestalter, jüdischen Lebens, mit der Verbreitung des' Wissens, der Neuschöpfung und Deutung des Chassidismus, jener aus dem Östen stammenden religiös-mystischen 3iiiiiiiiuimiiiiiuimiiiimnimi!iiiiiHmii:iuiiii{miiiimiiiiiiiiiimlttuimimiiiiimiiiiiiiiiingii Eine Zentralkarte! aller Jüdische^ Künstler,. Pia« nisten» Geiger, Dirigenten, Komponisten, Schauspieler, wie aiich jüdischer Schriftstellers die In dey britischen Zone Deutschlands leben» richtet di« 0?WUo-Gruppc“, Hamburg» ein, (Womens International Zionist Organisation^ Alle Künstler werden gebeten, Ihre Anschrift. der „Wizo“, Hamburg» Kothenbaumchaussee 8X7» c/O, Erich Frankel» bekanntzugeben» Belegung, die einfältigen Glauben und ethischen Wandel, verbunden mit der Aufhebung des religiösen Wertuntefschiedes zwischen Funktionären und dem einfachen Volk fordert» Großes für die jüdische. Gemeinschaft gelei- ' stet, („Die Chassidischen Bücher“, 1927/28). Von seinen zahlreichen anderen Schriften seien hier nur genannt: „Reden über das Judentum" (1932), „Königtum Gottes“ (1933 und 1936), „Die Schrift und ihre Verdeutschung“ (1936), „Die Geschichten des Rabbi Nachman“ (1906), „Der Große Maggid und seine Nachfolge“ (1937), „Kampf um Israel“ (Reden und Schriften aus der Zeit von 1921 bis 1932), „Zion als, Ziel und Aufgabe“ (1936). Martin Buber wurde am- 8." Februar 1878. In Wien geboren. Seit 1938 ist er Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Mögen ihm, der nicht allein den Juden in Palästina und den .Ländern der Diaspora, sondern, darüber hinaus, Trägern anderer Konfessionen so viel» bedeutet, noch recht viele . Jahre in der für ihn so charakteristischen körperlichen und geistigen Frische beschieden sein. - ' E.G.L. Von Ilse Coli '' - , (Schluß) * . . Schon seit der zweiten HäUte des 13. Jahrhunderts besuchten Juden die Messe; eine liberale Juden Verordnung und Gleichberechtigung gestattete es ihnen *). Bei der Pest von 1350 wurden sie der Brunnenvergiftung' bezichtigt und vertrieben, worauf sie zweihundert Jahre Leipzig fernblieben. 1664 hatte jeder jüdische Messeteilnehmer für seine Person 37/® Taler Zoll und 1 % vom Werte »seiner Wären zu entrichten. 1680 beschuldigten' Leipziger Kauf-' ieute neuerdings »die Juden, der Einschleppung von Krankheiten. Da' die Juden mittlerweile in Frankfurt a. O.» einem 'für ihre Geschäfte nach Polen, Litauen und Rußland bequemen Umschlageplatz, Gleichberechtigung^ genossen» zogen sie sich von Leipzig zurück. Wie stand es um die Entwicklung des jüdischen Buchhandels in den übrigen Ländern Europas? * . Zu Beginn des 18. Jahrhunderts trat Prag durch die Familie Gerson in "Erscheinung für hebräischen Buchdruck und jüdischen Buchhandel, dem hauptsächlich der Vertrieb hebräischer Gebetbücher oblag. Ende des 17. Jahrhunderts zog König Sobieski .den jüdischen Buchhandel nach Polen, das seitdem die Führung auf . diesem Gebiete übernahm; die Städte Warscnau, Wilna, Lemberg» Lublin bildeten sich zu Verlagsplätzen aus. Neben talmudischer Literatur, wurden auch kabbalistische, chassidische und populärwissenschaftliche Werke, teilweise in großen Auflagen, hergestellt; ferner belletristische Bücher in vielen Übersetzungen aus fremden Sprachen, sowie jiddische Literatur. Der Ver- ®) vergt. Goldtnedrreh, Job. „Geschichte des deutschen Buehhandeis his in das 17. Jahrhundert“. Leipzig JF86. 4. Bände. oeo, Lousdom trieb vollzog sich .in'Gestalt, eines , primitiven Wanderbuchhändlers, Mocher Sefarim, der zunächst völlig für sich lebte. Die Erschließung seiner Literatur für den nicht-jüdischen Buchhandel und die Bibliotheku? erfolgte erst Anfang des 19. Jahrhunderts^ So unbedeutend der Buchhandel in Polen und Litauen tri der Frühzeit dieses Gewerbezweigös gewesen ist» so entwickelte er sich während des vorigen Jahrhunderts 2u einem glänzenden Arbeitsgebiet für die Juden, ln unseren Tagen wurde auch dieser Fleiß und'diese wissenschaftliche Tätigkeit hebräischer Pressen. vernichtet In Rußland hatte eine jede Stadt ihre jüdischen Buchdrucker. Kleinere Plätze wurden von Waiiderbuchhändlern besucht Ihre „Ware“ stellten sie in den Synagogen aus: Seit Beginn des 17. Jahrhunderts vereinigte A m s t e.r dam alle Elemente in sich, die eine blühende Entwicklung des jüdischen Buchhandels begünstigen konnten: eine zahlreiche, intelligente jüdische Bevölkerung, ausgeoreiteten Handelsverkehr, vor all^m aber eine unabhängige staatliche Stellung der Juden» welche sowohl dem wachsenden Wohlstände t ls der 'wissenschaftlichen Forschung der Juden nur förderlich sein mußte. Die ersten jüdischen Einwohner Amsterdams waren bekanntlich Marranen, ‘ die dem Glaubenszwang ihrer Heimat entrannen,: um die zum Schein verlassene väterliche Religion ungefährdet und ungehindert wieder anuehmen und ausüben zu können. Daher gingen auch die ersten jüdischen Drucker und Buchhändler Amsterdams aus der Mitte der spanisch-portugiesischen Gemeinde hervor. ' Menas-.se ben Israel vollendete am i; Januar 1627 den ersten Amsterdamer heb» äi-, sehen , Druck und legte damit den Grundstein zu einer sich reich entfaltenden hebräischem Drucker- und Verlegeraktivität, welche b,s in die ersten Jahre des 19. Jahrhunderts leben»* dig blieb. Neben Menasse ben Israels typogia« phischen Erzeugnissen sind diejenigen mit dem Impressum der Drucker- und .Verlagsfeach« händler-Familie Salomon ben Joseph Proops zu; hohem Ansehen gelangt Sie belieferte von ihrem großen Verlags- und Sortimentsgeschäffe das gesamte Ausland mit . ihren Ausgaben» Proops veröffentlichte 1730 einen Katalog seines Lagers. Seine Erben führten den. Absatz ihrer Bücher bis in die ersten Jahre aes 19» Jahrhunderts durch, bis zu einem Moment, da das Studium des Hebräischen in Europa nachließ. " v In Amsterdam zeigten sich um diese Zelt dl® ersten Ansätze einer Organisation des allgemeinen Buchhandels. Seit der Mitte des lüJ Jahrhunderts aber kann erst von einem wohX«( organisierten jüdischen Buchhandel in Deutsch^ land gesprochen werden. Um 1800 mehrten sich die Gründungen allgemeiner Buchhandlungen durch Juden» füt deren Förderung Männern wie Adolf Asher und Poppelauef in Berlin, Otto Harrassowitz in Leipzig, L. Rosenthal in München und in neuester Zeit Martin Buber für den von ihm mitbegründeten Jüdischen Verlag in Berlin Dank gebührt, Einige Antiquare von Weltruf sind aus unse»; ren Reihen hervorgegangen; es1 sei an Menne Herzberger in Amsterdam, J. Kauffmann und Joseph Baer in Frankfurt a. M. erinnert Die nationalsozialistische Gesetzgebung beschränkte den jüdisenen Buchhandel in Deutschland auf den Vertrieb jüdischer Literatur und die literarische Versorgung jüdi«1 scher Bücherkäufer. Nun' wird es sich erweisen, ob es noch einmal jüdischen Buchhandel in Deutschland geben soll, ob er nötig, ob di© Anzahl jüdischer. Leser” ihn rechtfertigt. Vorerst hat die französische Militärregierung zur Niederlassung eines jüdischen Verlages in ihrer Zone dankenswerterweise die Genehmigung erteilt - ' V Deutschlands Mangel an allgemeiner und jüdischer Literatur ist grenzenlos. Es wird sich zeigen, ob an die Stelle der gespendeten Bücher und des augenblicklichen primitiven Warentausches, wie, er zwar in ähnlicher Bedrängnis einst die Griechen„ vor'einer Hungersnot bewahrte, als sie dem König Ptolemäufc Evergetes von Aegypten für seine alexandrim« sehe Bibliothek die Werke ihrer tragischere Dichter Aeschylos, Euripides und Sophokles anboten, und er ihnen dafür Weizen im Werte von 53 Talenten Silber überließ 1— es wird sich zeigen, ob an Stelle dieses Notbehelfs noch einmal sauberer, gesonderter Buchhandel treten kann, wie wir ihn gewöhnt waren. - , Geschäftsstellen ön ollen wichtigen Plätzen der Wesfzon© Seit75 Jahren im Dienste der heimischen Wirtschaff : —-—-—~7——--- faßlichkeit eines Schicksals did Qual der Verlassenheit aufopfern? Ich ging alle Wege der Aussichtslosigkeit junö ertrug gern das Demütigende unwilliger ^Ablehnung. Viel schwerer war das Ueberbringen der Botschaft, die mich dann aus deri in der Trostlosigkeit leergewordenen Augen der todgeweihten Frauen arisah. Und schließlich fern auch die Frage der Freunde, vor der mir angst war: „Männle“ — das waj“ mein Name . der Studentenzeit — „Älännle soll ich mitgeheh? Männle* was würdest Du tun?“ Ach diese Frage, die jeder gefragt hätte, ich auch, war schwer. Ich Weiß schon, daß man sagen kann, solche Fragen darf man garnicht stellen. Ich weiß auch, daß die meisten einer Antwort ausgewichen wären. Soll ich leugnen, daß etwas' wie Unwillen durch 'meine Seele huschte, pur einen Momen?. 'werft meinetwegen Steine äuf mich, es war,.so etwas über mich gehuscht. Nicht lange, nicht tief, nur einen Augenblick,’ bis ich an meine Frau dachte und dann sagte: „einen Rat kann man doch nicht geben“. „Was würdest Du -ton?“ Da sah ich meine Frau vor mir und antwortete die Wahrheit; die gefährlich war“ „Ich könnte sie nicht allein lassen.- Das ist aber mein persönlicher Standpunkt, nach dem sich niemand zu richten braucht, der eben für uns der richtige wäre.“ Ich sagte nicht, daß ich mir die Ausrede einreden würde* ein Eltern teil wenigstens müsse für die Kinder erhalte© bleiben. Ich weiß, daß es für unsere Kinder in allem Unglück beruhigend ’ und erhebend gewesen wäre, wenn der Vater die Mutter auf dem Weg des Martyriums begleitet l hätte. Eltern sind für Kinder eine Einheit, die nur der Tod zerreißen darf, aber kein Schicksal, das eine Wahl zuläßt. Ich weiß auch und wußte es, als ich -es aussprach, daß diese Einstellung auf meine Freunde einwirken kann und'' wohl' auch eingewirkt hat, denn sie, verließen ihre Frauen nicht, sie gingen mit, Strauß als der Arzt des Transportes. Sie mußten keinem- Befehl folgen, sie folgten ihrem Gewissen und gingen mit. Sie gingen freiwillig mit. und man hat von ihnen, von allen dieses Transports nie mehr etwas gehört. Auch ‘ Ihr, fremde Leser». ehret diese Männer» die sich selbst gesiegtem Aus Treue!' Ich weiß wohl, daß meine Antwort qnf den tragischen Entschluß eingewirkt haben kann» auch das wiederhole ich, ich weiß,- daß diese Antwort wohl auch eingewirkt hat Ich muß das tragen. Aber nur der unter Euch darf .einen Stein auf mich werfen, der solche Tragik selbst miterlebt hat Er stehe auf wider mich. Ich werde nicht wanken, ich würde heute Wieder ebenso handeln, f Die Dahingegangenen leben in mir, ihr Andenken klagt mich nicht an, und der oberste Richter, mein Gewissen, spricht midi’ frei, Außer diesem Gewissen aber ist kein Richter in dieser Sache vorhanden auf dieser Welt Jetzt aber folgt mir zur letzten Szene dieses kleinen Ausschnittes-aus der großen Tragödie» die sich Vor der ganzen Welt abgespielt hat, deren Held das ganze jüdische Volk ist Folgt mir. Ich führe Euch in eine Baracke, deren dunkler -Raum voller Menschen ist. Aus der amorphen Masse des Hintergrunds ist' nur eine kleine Anzahl als Menschen zu er- 1 kennen. Sie starren mit rätselhaft suchenden, mit fragenden, mit matten nil traurigen Augen in den, helleren Vordergrund, Aus manchen Augen zucken schon die Lichter einer anderen1* Welt. Sie wissen alle, wozu sie aufgerufen werden, wenn die Camions da sind- JDie Luft ist auch im beleuchteten Raum finster, staubig, stickig. Seht Ihr die Frauen, wie Sie sich weinend aneinanderklammern? Seht Ihr die Männer, die auf Gepäck gestützt dort im grauen Halbdunkel auf dem Boden liegen» den Kopf auf Decken, auf Schachteln, auf Koffern? 1 * •, , Seht Ihr da vorne rechts etwas abgesondert eine Frau sitzen, die still und bitterlich in sich hineinweint? Ist sie abgesondert worden? Ist ütwas Besonderes mit ihr? Was ist mit dieser verhärmten Frau? Seht, jetzt-geht der Chef der Süretöe auf sie zu, noch bevor er die Liste der Opfer zur Kontrolle auf ruft. Man sieht, er spricht leise und eindringlich auf sie ein. Darm verliest er einige Namen. Die Namen der Glücklichen, die wieder zurückgeschickt werden. Sie sind für dies- * mal gerettet. Aber er heißt sie noch warten. „ Seht Ihr dort den blassen abgemager.ten jungen Mann? Er hat zwei hellblaue Augen, die trotz der Befreiung traurig ausseheh; Er ist sehr schwach, ich kenne ihn aus einer der Baracken, in denen die Leute mit Hungeroedemen untergebracht sind. Ich kenne ihn auch von der Bühne. Er ist Schauspieler. Man spielte auf Bretterpodien mit ein, paar Lagerdecken als Kulissen, gemalten Pappendeckeln * als Hintergrund und Seitenwände. Man atmete dort die schwere Atmosphäre des gedrängt vollen ' Zuschauerraums und folgte nur mit traumhaftem Empfinden den Vorgängen auf der Büh» ne, immer beeindruckt von der, grotesken Situation. Theater in Gurs! Ich sah diesen jungen ausgehungerten Menschen in einem Stück, dessen Namen ich nicht mehr weiß, auch den Namen des Schauspielers weiß ich nicht» Er , war damals der Sprecher der Toten des Weltkrieges, die aus den Gräbern herauf gestiegen waren . und. Klage und In eindringlicher Todesmonotonie den Lebenden und dem Leben zuriefen. Es war ein ergreifender .Chor und der Mann ein ergreifender Sprecher, in dem das» was er sprach, erlebt worden war, bevor er es aussprach. Das sah man» map hörte es» und man fühlte es. . , Der steht nun unter denen, die befreit sind. In einem kläglichen Zustand. Die überraschende Befreiung hat nichts an dem bitteren Ausdruck des eingefallenen Gesichts geändert. Die großen, blassen Augen sehen verwundert ins Leere. -Er hört nicht» zu, wie der Chef der Sürete auf die' abseits sitzende Frau weist und nun laut fragt, ob jemand von den Befreiten, an die Stelle der Weinenden zu treten bereit sei. „Sie hat heute. ein Telegramm bekommen, daß ihr Mann nach Jahren wiedergefunden ist Und morgen ins Lager kommt Meldet sich, niemand?“ „Dann muß die Frau jetzt fort.“ Fine fürchteriche Schwere liegt in def Luft. Minutenlang! Minutenlang der Druck , des Schweigens. Jeder hofft auf ein erlösendes Ja von irgendwoher, jeder fürchtet das Wort der Aufforderung, das Ja zu hören. Furcht und Hoffnung versinken in - das Schweigen hinein zü einer qualvollen Spannung. Irgend jemand sieht auf den Schauspieler.. Er ist ledig. Alle anderen Befreiten sind verheiratet, aber das ist nicht bekannt, und doch richtet ein unsichtbares Etwas die Blicke dqjr Schweigenden auf den Schauspieler, der still und in sich gekehrt dasteht. Er ist wohl in die Tiefe von Erinnerungen ninabgesiiegera und träumt von einer anderen Freiheit» d,ie schöner war als die eben wiedergewpnnerie. - „Meldet sich also: niemand?“ zerreißt die Stimme des Chefs das. Angst- und hoffnungsvolle, das ratlose Schweigen und fährt nach kurzer Pause fort, .zu der Weinenden , hin: „dann müssen Sie also mit“. Aber schaut hin.' der Befre te blickt auf einmal; auf. Die Stimme ist doch nicht an ihm abgeprallt. Sie ha' -hn geweckt, und er sieht fragend herum, auch zum Chef, und der antwortet äuf die unausgesprochene Frage des Erwachten: „Wollen Sie für die Arme mit?*? In langem Schweigen geht der Kopf des Angesprochenen hin und her. langsam. Man sieht! den schweren, inneren Kampf. Er sieht ins Leere» er sieht umher, sein Leben kämpft mit ihm, und schließlich schüttelt er leise» verneinend den Kopf. Ach, wie ist man bedrückt» adh, die schluchzende Frau sinkt zusammen Ach, schweigend versteht man den jungen Mann, schweigend versteht man di© zerbrochene Frau, keirfer kaqn in sich selbst eine Entscheidung finden. Da hört-man kurz und präzis ,die Worte; „So» jetzt fertig machen,“ Es beginnt die Unruhe des Auf Stehens» de® Gepäckordnens» x aber auch eine Unruhe der, durch das unverständliche Schicksal bewegtere! Seelen beginnt Und trotzdem hat Wort ündj •Bewegung etwas Erlösendes in die wortlos© Traurigkeit gebracht » Der Befreite aber steht da, wie ein Ausgesto* ßener, niemand stößt ihn -aus, und er ist doch! ein Ausgestoßener| ausgestoßen aus der wimmelnden Gemeinschaft derer, die ohne ihn nure in die gemeinsame Dunkelheit wandern müssen.' - Seht nun, liebe. Leser» was geht Ire dem jüngere, Mann vor? Er reckt mit einem plötzlichere Ruck den Köpf in die Höhe. Seht, wie sein© Augen anfangen zu leuchten! Was geht in ihm vor? Seht, einen Augenblick lang furcht-sich die Stirne. Zieht eine Sorge über ihn weg? Aber seht, seht hin. Unter den Falten strahiere immer noch die Augen ihr unirdisches Licht»1 und hör^t nur,. der Unirdische redet. ■ Höret seine Stimme. Aus einer anderen Weif sprich! seine Stimme plötzlich sanft und laut zugleich, jedes Wort einzeln, getrennt von de® anderen. Nur drei Worte hat die Botschaft^ „Ich gehe mit!“ „Ich gehe mit“ klingt es durch Hunderte vore Herzen. „Ich gehe mit“ erschüttertalle. Allen» die ins Elend wandern müssen, Wird es leichter ums Herz. Die, in den Tod gehen, strecken ihm die Hände entgegen, die Erlöste kniet nieder und küßt die von ihren Tränen benetzten Hände. . , Es werden die Namen aufgerufen, die Opfer steigen mit ihrer armseligen Habe ein. Auch der Unirdische, der Trost und die Aufrichtung aller. Die Camions fahren'weg, in .die Nacht hinaus» zum Bahnhof von Oloron von Oloron nach .Drancy und von dort — wer weiß wohin?! Fragt in Theresienstadt, in Mauthausen, in Auschwitz, in Buchenwald, fragt überall he*1'* um. Ihr werdet nichts erfahren! -Sie sind verschollen, sie sind erschossen, sie sind gehängt» sie sind vergast, sie sind verbrannt! Und ihr werdet sie nie -mehri sehen, nie mehr etwa® von ihnen hören, von niemanden dieses Transports. Auch von den vier Helden nicht. Wir wollen schweigen und ihrer gedenken, sie werden in unser aller Erinnerung, leben, solange unser Leben währt. Dann gehen sie ein ire die Masse der ' unbekannten Märtyrer der erschütterndsten Tragödie der Menschheit, in das gewaltige Heldentum des jüdischen Volkes ire den Jahren der nationalsozialistischen Verbrecherherrschaft in Europa» das. diese Herr« schaft zuließ» als sie noch sehr leicht zu br®< dam war», * '

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