Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 21 (19.2.1948)
- Date
- 1948-02-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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! Seite 4 — 19. Februar 1948 JWIMIMI II, I .».Ir ...q ... JÜDISCH ES C EMEINDE B LA TT FÜR DIE BRITISCHE ZONE t. Jahrgang — Nr; 21 S, Michoels: der, Ruhm des Schauspielers Cer verstorbene große Schauspieler und Volkskünstler' der Sowjetunion,- S- Michoels, war auch ln Deutschland bekannt und ist der älteren Generation noch ln denkbar bester Erinnerung. Er gastierte im Jahre 1929^tm „Theater des Westens“ In Berlin in der Kaitjsiiaße mit dem „Moskauer •Jüdischen Akademischen Theater*. ... . * ' Michoels ist nicht mehr. Es ist schrecklich, aiege Worte zu schreiben,- schwer; sie aüszu« sprechen, und -noch schweter, sie zu verstehen. Das Leben eines Menschen ist erlöschen, der Wölbst die Verkörperung dt-?' Lebens war, eins heißem starken, blutvollen Lebens, das vorwärts drängte und herrlicn war wie einvFluß. Tausende Menschen in vielen Städten tragen den schweren, großen Schmerz gemeinsam, aber jeder trägt seine Schwere wie den Tod «mes nahen Manschen Viele brauchten Michoels, Sehr viele, weil er eine jährliche große Seele hatte, ein heißes Herz und eWisheit besaß. Vielen war er Lehrer, Richter, ''Gewissen. Michoels war äußerst vielseitig. Er vereinte das Pathos des Romantikers -mit dem Haß des Kämpfers und die Weisheit des Philosophen mit lyrischer Zartheit und lebensbejahendem Humor. Aber all das war aus einem Guß. Der einheitliche, einmalige Guß-eines Menschen. Michoels war von Beruf Schauspieler und Regisseur, aber sein Beruf war für ihn nie Selbstzweck. Seine Worte und Gesten besaßen feine vollendete Ausdruckskraft Jede seiner Bewegungen war mpskalisth, und für den Zuschauer war es schon ein Genuß, wenn Mi-, choels , nur auf der Bühne, stand.‘Die kleinste Szene»: das einfachste Liedchen wurde in Michoels Darbietung etwas Großes und .Wichtiges, weil es in Michoels Kunst und" Leben nichts gab, was er für Bagatelle ansah, in das er nicht* sein ganzes Ich hineinlegte. Für Michoels gab es in jeder Sekunde seines Lebens ein Thema: Dieses Thema war der Mensch. Für ihn, den Menschen, für das Recht auch noch des kleinsten sien Mensbh zu nennen kämpfe Michoels in allem, was er tat.' — Das " Thema des Kampfes um die Menschenwürde ging durch alle Rollen,, die er spielte, durch seine Possenreißer, den Narren Ozmach, den Schneider Soroker, den Don Quichotehaftea- Benjamin, wie durch den' tragischen Lear, den zarten Tevier. Jede Rolle hatte ihre eigenen Farben, ihre theatralische Ausdruckskraft, und dennoch wurde jede ihm Kampfmittel für sein großes Thema* . ' , Zuschauer, die gekommen waren, um die große. Kunst des Schauspielers, als „König Lear" zu bewundern, begehrten „Milehmann Tfevief“ ebenfalls zu sehen, nur um noch einmal die herrlichen Gefühle zu erleben, die Michoels ihnen von der B.ühne her vermittelt hatte. Dieser Empfindungen wegen, nur dieses großen Themas „Mensch“' wegen» errapg sich Michoels die große Liebe a Uer seiner Hörer. * Nur diese! herrlich grüße Menschenliebe zog alle in das kleine Jüdische Theater, wo Michaels noch vor wenigen Tagen spielte. Sie wollten ihn ein letztes Mal noch sehen» . noch einmal Abschied nehmen, von ihm, dem großen Künstler und dem großen Menschen. Kein Ende fand der Zug Üer vu len Menschen, der stundenlang an seinem Sarg vorbei zog.' Nicht ein Gesicht war da, auf dem dicht Tränen der Liebe und der Trauer gestanden hätten. Michoels war Regisseur und künstlerischer Leiter des Theaters. Er war'wirklich ein Leiter. Nicht nur weil er ein talentierter Regisseur, ein Meister theatralischer, Form war, nein» weil er auf der Probe, bei jeder Begegnung mit Schauspielern nur voo der Kunst sprach, die er niemals als hübsche - Kinderklapper, sondern als Mittel sah, bestimmte Ideeci und Gedanken durchzulühreh, als starke, mächtige und scharfe Waffe. Genai so wie für das Theater setzte sich Michoels auch für seine Arbeit beim jüdischen, antifaschistischere Komitee ein. Michoels liebte sein Volk und kannte es. Er liebte seine' Sprache, seine herrliche Literatur, seine Lieder und Musik, seine .volkstümlichen. Gebräuche, das tragische Pathos seiner Geschichte. Aber seine Liebe war keine sentimentale Liebe zum Patriarchalen, keine literarische Liebe zum Stil. Es war eine tatkräftige» aktive Liebe» die kn Kampf mit der Reaktion Ihren Ausdruck fand. Es war eine tatkräftige» aktive Liebe, die im Kampf mit'der Reaktion ihren Ausdruck fand. Im Kampf um das neue Leben des Volkes, dem er angehörte, ira Kampf mit dem Abscheulichsten,. was der Faschismus hervorgebracht hat, mit. dem menschenhassenden Rassenbazillus. / ■ Während des Krieges hielt Michoels in den Vereinigten Staaten, in Kanada, in Mexiko, in England flammende Reden. Nach seiner Rüdekehr nach Moskau erHUt er als Vorsitzender des Jüdischen antifaschistischen Komitees. Briefe von Judeix, aus aller Welk Er beantwortete jeden Brief. Er wurde der Freund und Lehrer von vielen . In einem Aufruf an die Juden der ganzen. Welt sagt er. „In unserer freien Heimat . ist eine neue stolze Generation herangewachsen — eine, die in sich die großen fortschrittlichen Ideen der Menschheit aufgesaugt hak Eine Generation, die die größten kulturellen Werte ihres Volkes sowie der ganzen Menschheit ererbt hak Eine .^Generation die mit ihrem ganzen Sein die Bedeutung des Wortes .Heimat* begriffen hak einer Heimat, die für alle Völker, die sie bewohnen, auch wirklich Heimat / wurde. Solch eine Generation kennt keine Angst! Solch eine Generation kann sich nie», mals als Opfer fühlen.“ (Aus „Der Tagesspiegel“, Berlin.) Jüdische Armut „Unter uns Juden hat die Armut vielerlei Arten und Eigenschaften. Ein ,armer* Mann ist ein Pechvogel, ein Bettler, ein Schnorrer, ein Hungerling, ein Vagabund oder-eben ein einfacher Nichtsnutz. : . . Armut kann man überkommen, indem man darüber lacht, indem, man sich weigert, von Armut erniedrigt zu werden, — und das ist lediglich: eine Frage der menschlichen Würde . Diese Sätze k des jüdischen Dichters Sholem Aleichem, tragen in all ihrer Einfachheit eine für die heutige Zeit'sehr tiefe. Bedeutung in sich Denn es ist Sholem Aleichem hier nicht um die. materielle Armut'irgendeiner Gruppe von Juden zu tun,, sondern)er bezieht sich vielmehr auf die benachteiligte Stellung der jüdischen Minderheit innerhalb einer . nichtjüdischen Umgebung! Die Zustände, . die die Juden zwingen, Pechvögel, Bettler oder hei-, matlose Vagabunden zu werden, sind .es, die er mit dem Wort Armut bezeichnet. v Was ist Armut? Armut ist nicht nur* der Mangel an gewissen greifbaren Lebensnotwendigkeiten, Armut ist auch’ der Mangel an, geistiger Gleichberechtigung, der Mangel an Möglichkeiten, innerhalb einer Gemeinschaft von Menschen etwas Menschenwürdiges zu schaffen,, und damit der Mangel .an einer seelischen Befriedigung des Lebens.. Das, könnte man annehmen, ist es, was Aleichem mit .Armut* bezeichnet. . Und die Bezeichnungen, die Sholem Aleichem als Beispiele ,armer Menschen* betrachtet, sind Wohl eher bildlich als wörtlich aufzufassen. 'Wenn wir auch keine Bettlet sind, so sind, wir doch hilfsbedürftig. Wenn, auch Pechvogel ein Ungeschickter Ausdruck ist, so sind wir doch vom Unglück verfolgt und wenn wir auch keine Vagabunden sind, so sind wir doch, bisher heimatlos gewesen. Wie soll , man sich nun dieser Situation gegenüberstellen? Sicher nicht, indem wir uns wehmütig übgr unser Schicksal beklagen, oder uns einer endlosen Trauer hingeben. Auch nicht, indem wir'haß- , und racheerfüllt' darauf' warten, daß die Schuldigen an unserem Unglück von dritter. Seite dazu veranlaßt werden, unsere Verluste wieder, gut ' zu machen. Wie könnte man auch den Tod unserer sechs Millionen Brüder und Schwestern „wiedergutmachen*?- Ein solches, passives Warten wär« eirihZeichen wirklicher iArmut*! v Wir aber» die wir überlebt haben» und ins Besondere die jüngere Generation, haben weife andere Aufgaben. Wir können und müssen die »Armpt* überwinden, der wir zum Opfer ge« faleln sind. Und dies kann man. . um wieder mit Sholem Aleichem zu sprechen, „indem Jüan darüber lacht . . Das heißt, indem man sich von seinen Sorgen nicht unterkriegen läßt, sondern freudig die neue Aufgabe, den •Aufbau unseres neuen Lebens, in Angriff nimmt. Wir müssen uns „weigern, von der Armut erniedrigt zu werden“, die uns gedrückt' hak Wir brauchen uns hur der Jahrtausenden alten Tradition unseres” Volkes» unserer Ge^ lehrten. Wissenschaftler, Dichter und Künstler zu erinnern, um mit Freuden für ein solches Volk kämpfen zu-wollen. Denn die Erhaltung unseres jüdischen geistigen und kulturellen Reichtums, im Gegensatz zur materiellen ,Armut*, ist, wiederum nach Aleichem» „eine Frage der menschlichen Würde“. Dieser Begriff deh Würde sollte uns Juden heute ganz besonders vor Augen stehen. Zu dieser Zeit, da wir im Begriff sind, einen eigenen Staat auf zubauen, müssen wir darauf bedacht sein, uns niemals unserer angeblichen Armut hinzugeben, denn das wate ein unwürdiges Verhalten. . v Vielmehr müssen wir mit einem Lächeln, .unsere Immunität gegen die Armut* beweisen und der Welt zeigen, daß wir dank unseres freudigen und ‘zuversichtlichen Schaffens, sei es in Wissenschaft, Kunst: oder Sport, Wirtschaft oder Politik, durchaus würdig und berechtigt sind, als Gleichberechtigte auf allen Gebieten in die Familie der Völker auf genommen zu werden. So werden wir jegliche Armut überkommen und unsere‘Stellung der Welt und uns selbst gegenüber rechtfertigen» und für un§ Juden kann es wohl kaum eine schönere und Wertvollere Aufgabe geben. Dies alles liegt wohl in den Worten Sholem Aleichems. Mögen. seine Worte nicht unver»' hört verklingen. Hoffen wir. daß sich in diesen kritischen Tagen jüdische Männer und Frauen finden werden, die nicht die ,Armut*, sondern den Reichtum unseres - Volkes so auszuwerten verstehen, wie es die Lösung unserer Probleme erfordert! Und dihs „ist lediglich eine Frage der menschlichen Würde“. Heinz J. ThemaL nur aui unser Postscheckkonto Essen 68080 Jüdisches Gemeindeblatt Mir diebrilisrhe Zone Postscheckkonto: HANNOVER 11169 Kommandit - Geaellsohaft * ©eorgstraße 27» D.lfetg. . l"fAI\ilMO VER - nuh SMVTi D;aht:L.öhrbank,Hannover Erledigung sämtlicher bankmässlgen Geschäft© POSTFACH 355 Re»chsb.mkgiro: 27/47 Dr. Ludwig Mann, Paris: HELDENTUM IN GUDS Aus der Tiefe eines dunklen Daseins spricht diese Stimme zu Euch. Aus dem zerrissenen, aus dem hungernden und frierenden Europa» dessen Wunden bluten. Diese Stimme eines' der Heimatlosen, die herumziehen müssen und nicht wissen, wohin sie gehören. » - Ich bitte Euch, leset es nicht zum Frühstück, wie früher die Frankfurter Zeitung, das Berliner Tageblatt oder die Kölnische Zeitung. Denn dies ist die Stimme eines alten. Juden, der in der Frühe seines Lebens die ersten Ausbrüche des deutschen Ariusem(tismus und in den Jahren,, beginnender Betagtheit den schauerlichen Wahnsinn der deutschen politischen Pubertäts-Psychose erlebte. Diese Stimme, meine Stimme. Ist die eines Mannes von 72 Jahren den Gnade, und Schicksal aus dem Martyrium gefettet hak Lasset uns, ehe ich weiter senreibe, derer gedenken, die dahingerafft wurden. , ■ ‘ Ich habe viele von ihnen gesehen. Man hat sie Im Frankreich LavaPs ünd Petain's: aufge-, stöbert, gehetzt, gefangep in Gurs gesammelt, und ich bin zu ihnen in das Ilöt gegangen, in dem sie zusammengepfercht in den düsteren Baracken rastlos und ratlos umherliefen oder mit leerem. Blick vor sich hinstierten. Junge Menschen, alte Menschen, aus allen europäischen Ländern, die meisten aus der ehemaligen .deutschen Heimat, Lähdsleute' 'aus der engeren Heimat, hinter c}ie Stacheldrähte innerhalb des Camps zusammengetrieben wie Vieh zum Markttag Und von da, von Gurs aus, wurden die Elendstransporte nach Drancy geleitet. ‘ •Fragt nicht wie! Ihr-würdet" in Euren 'warmen Stuben die Zeitung weglegen und in der angeborenen Trägheit des menschlichen Herzens nicht weiter lesen können* In Drancy. war die Hauptauftrjebsstelle für diese menschliche Schlachtware. Von dort aus ging 'es quer durch Deutschland, in die Lager, die Ihr aus den Suchannoncen -.und den Todesanzeigen kennt. Wir wußten nicht, was da bevorstand. Wir ahnten wohl Schlimmes. Und wir fühlten, daß dieser Abschied, zu keinem Wiedersehen führen würde. Aber anfangs wußten wir das, nicht. Es wurde mancherlei erzählt, alles, „aus sicheier Quelle“; einigemale wurde berichtet, ein deutscher Eisenbahner, der in' die Schweiz geflohen sei, habe erzählt er habe es nicht mehr ertragen, Züge zu fahren, in denen die Juden vergast werden. Aber das glaubten wir'nicht, wir konnten uns das einfach picht vorstelien — Bobards nennt man solche Berichte französisch, und Lagerbobard wurde diese Meldung von uns genannt. Man kommt zur Arbeit weg, die Deutschen brauchen Arbeiter, hieß es dann, wieder. Man wußte nichts und wußte darum alles» Man Fühlte es. Es lag in def Luft Aber eines Tages wurde ich stutzig. Aus meiner Infirmerie für nerven- und geisteskranke Frauen war eine hochbetagte, geistig, und körperlich verfallene Frau auf einer Bahre, zur Transportsammelstelle gebracht worden. Ais ich das erfuhr, interpellierte ich sofort den Chefarzt des Camps, der mir antwortete: „Wollen Sie lieber, daß junge Menschen ihr Leben verlieren?“ Die. Frau, wurde von der Transport-Behörde zurückaewiesen und' ein Unglück licherf wer weiß, weicher? — mußte" als Ersatz geliefert werden. Jawohl, ,»geliefert**» wie auf dem Viehmarkt »geliefert“, ß Aber nun war ich nicht mehr stutzig, sondern wissend geworden. Und wegen dieses Wissens , versuchte ich alles Mögliche, als man den ) Bruder meiner Frau zum Transport holte, mitten aus einem Gespräch mit mir heraus, ganz plötziidv trotzdem er 64 Jahre alt war und die obere Grenze angeblich 60 Jahre betrug. Es gelang mir nicht, ihn f Eeizubekömmen; er hätte sich auch nicht befreien lassen, weil er es nicht. ertragen hätte ( daß ein anderer an seiner Stelle deportiert' würde,"" denn er war einer von den stillen Helden, die niemand für feinen. Heiden hält.' Da er in Drancy merkte, zu. welchem Ziel es ging, schrieb er uns einen letzten Gruß, eine einfache Postkarte mit den einfachen Worten „Que Dieu vous, beflisse!“ Seither denken wir jeden. Tag: an diesen gottesgläubigen Mann. Meine Fräu und ich. Und wegen dieses Wissens erlebte ich erschüttert das Heldentum von drei Männern und einer Frau. Lest nicht einfach drüber weg, merkt' wohlauf! Es gab sicheri noch viel mehr Heldentum in diesen finsteren Tagen des Verr steckens vor den Häschern, nur wissen wir nichts davon. .Wir wollen auch derer gedenken, von denen wir nichts wissen. Wir wollen aller gedenken, auch deter, die verzweifelt waren und weinten. .* Ach, ich sehe wieder den Trubel in den dunkle Baracken, ich sehe -wieder die Kranken und Pfleger meiner Männer-Infirmerie, die, ohne daß ich es wußte, waggeführt worden waren, ich höre wieder die Stimmen, die mich baten, dahin oder dorthin, irgendwohin eine Nachricht zu schicken. Ich sehe all^s wieder, hier in dem. kleinen Centre, wo wir in Zimmern wohnqn und wieder in Betten scnl -ifen. Ich will es nicht vergessen, und Ihr sollt es bei all Euren Geschäften und .Sorgen auch-nicht vergessen! Darum erzähle ich. Aus Mitleid irit den Schwachen und aus Ehrfurcht vor, den Helden! ' V * ■ Die Frau war eine Aerztift Klein, blaß, mit gutem Blick und reinen Augen, aus denen die, Klarheit der Kinder leuchtete» die sie, die Kinderärztin, in Heidelberg betreut hatte. Ich kannte sie seit vielen Jahren. Die unerlebte Mutterschaft des Leibes wüchs in Gurs?um Erlebnis einer seelischen Mütterlichkeit aus. Die Frauen des Ilöts fühlten das Geborgenseih in ihrer Nähe» und Wer in die Infirmerie des Ilöts verlegt wurde, vergaß, daß er in Gürs war. Es war ein gutes Krankenhaus, obwohl man in einer Baracke lag» aus dünnen Brettern zusammerigezimmert Johanna G e i ßm a r und ihre drei Helferinnen^ schalteten und walteten da unbefangen, hingebend und in heiterer Harmonie, als ob es kein Gürs gäbe. Niemand wolltp -sie auf den düsteren Weg schicken, -auch die Lagerleitung nicht. Der Chefarzt des Lagers und sein Stellvertreter versuchten sogar, sie zurückzuhalten. „Vielleicht gelingt es mir, meine Geschwister dort zu finden“, sagte sie mir. Sie wußte, sie warfen von München deportiert worden. „Es ist. auch gut, wenn ein Arzt mitgebt“ Noch in der Auto- Halle, von der aus die Camions zum Bahnhof fuhren, kam der und jener zu ihr, jeder suchte sie umzustimmen. Es war nichts zu machen. Sie wollte die ihren suchen, sie wollte die ärmsten Kameraden nicht verlassen; sie wollte dort unten in-,der Halle auch nicht» daß ein Anderer zuletzt noch für Sie geholt werde. Sie blieb fest. ,Sie. schlief hoch eine Zeitlang, auf einem Stuhl sitzend, und stieg dann mit den Andern in den Lastwagen.;Män hat nie.mehr etwas wn ihr gehört Auch, von ihren Geschwistern nicht, die sie finden wollte. Ruhig und .entschlossen ging sie. den Weg, der zu ihren Geschwistern oder in den Tod führen mußte. , : Unter den vielen Frauen und Männern, die' draußen in der sogenannten Freiheit „geraffelt“ worden waren und im Sammelilöf ln Gurs eingesperrt hinter doppeltem Stacheldraht und' bewacht von SS-Milizen, säßen, fand ich immer wieder Bekannte. Mein Amt; als Chefarzt der internierten Aerztp ermöglichte mir den Zutritt. In all dem Elend freute man sich des. Wiedersehens und plauderte drauf los. Im ersten Moment vergaß man, wo man war und erzählte sich die Erlebnisse : seit däm 22. Oktober 1940 oder seit ddr Liberation aus. Gurs. Aber bald war die Wucht des Schicksals wieder da und. preßte alles Denken zusammen zu de.rh einen Gedanken, der der Gedanke allen war: was wird* aus uns, wo kommen wir hin? Ins Ghetto nach Theresienstadt? Vielleicht nach Lublin? Irgendwohin zur Arbeit in dfer Kriegsindustrie in Oberschlesien? ln Sachsen? In der Steiermark? In Südbayern? Irgendwohin! Eines Tages war die Frau meines Jugend^ freundes Julius Strauß, des früheren Kinderarztes in Mannheim dabei, mit der Frau meines Bundesbruders Leo Spiegel, des ehemaligen Rechtsanwalts in Konstanz. Sie waren aus irgend ei dem privaten Heim in der Nähe von Pau von der Miliz herausgeholt, zur Sammelstelle geschleppt und von da mit einem großen „Transport“ nach Gurs Verbracht worden. '■ Da fand ich sie, die armen. Frauen, die noch nicht ganz 60 Jahre alt waren. Beide mit einem enorm hohen. Blutdruck, beide halb verzweifelt, halb hoffnungsvoll, weil. wir uns trafen. Einmal saßen sie auf den Strohsäcken, einmal liefen sie unruhig herum, und ein andermal standen sie unter der Barackentür oder ans Stacheldraht und lauerten, ob Ich komme. Ob wir den Männern telephonieren sollten, daß sie kommen? Aber es war schwierig, die Erlaubnis, zu bekommen. Schließlich wurde das überflüssig, denn am andern Morgen .waren die Männer da. Aus der Tifefe der Seele heraus kämen die Worte» die wir sprachen Wie die Welten des Meeres, aus den Strömungen der Tiefe. Gehoben von den Strömungen und Wirbeln im Innern zerstäubten die Wogen der Worte hinaus ins Endlose. Losgelöst \ waren die Worte:von den wirbelnden Stürmen der Seele, die sie hochtrieben. Losgelöst, waren sie, daß die Antwort niemals mehr das Innere des Fragenden traf. Trotz allen Redens blieb man immer allein in Frage -und Antwort, in Zweifel und Planung und wußte hur um die einsame Gemeinsamkeit in einem Schicksal, indessen Dunkel das. Leben versank. Der Chor, der die Helden der antiken Tragödie begleitete und das Fatum besang, das unfaßbar dem menschlichen Geiste, üb.s^r sie wegschreiten werde, er; fehlte. Aber im Geiste der Menschen’sang dieser Chor. Ohne Worte. Er sang die Not des Schicksals dieser Frauen, die zum unbekannten Ziele weggeführt werden sollten in ein Land „von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt“, kam fast auf rrieine Lippen. Die Männer trugen mich „Was meinst Du» sollen wir mitgehen?“ Ich hörte Frauenstim-* men sagen* „Doktor, .mein Mann , soll nableibleiben.“ „Doktor, soll ich allem gehen?“ „Doktor, ich bin doch krank“. „Doktor, sagen Sie es doch dem Chefarzt“. Aber alles War schon mehrfach versucht worden, immer vergeblich». Sie wüßten sö gut wie ich. daß alles vergeblich sein werde, aber die Ang-it frug immer wieder. . / „ . ■ Wer will Menschen in solcher Gefahr Wunsche versagen, deren- Inhalt schon sinnlos geworden ist? Wer will auf die Not ünd Un»