Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 19 (14.1.1948)
- Date
- 1948-01-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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/Belte” I — I4,Jammri 1941 o « jrüüISCHES (JJSMBIN&BBtÄTT W BRITISCHE ZONB ,l**lW'#l*l«**|m!'*i(»»'»'“ «. i!*•■■• ■ <n ( Ihiiumillii P" '"'"»"«"■iiniMii» i, ','Uiiir i Bnlivmii u.^iiri^ 111« 11» i w 11,111 II ' i W Jahrgang — Kr« ll // VON JOSEF FRAENKEW LONDON-, Aus Galizien pflegten junge Idealisten, Studenten upd Dichter, nach Wien zu ziehen. Und hier gehörten die „Gölizianer“' zu . den ersten Mitgliedern der, seltensten zionistischen Studentenverbindung „Kadimah“ (1832) und später zu "den eifrigsten Mitarbeitern Herzls. Aber Wien war für viele nur eine „Haltestelle“ und die Reise ging weiter. Und der 18jährige Imber verließ Zloczow, wo damals über 5000 Juden lebten^ und so begann sein unglückliches Wanderleben. Er weilte in Wien, in Ungarn, in Rumänien, in der Türkei,, in Palästina, er kam. nach London und setzte dann seine Emigrantenreise nach Amerika fort. Auch da. fand er nirgends Rujhe und irrte umher. Naphtali Herz Imber (1856-^-1909) war ein eigenartiger Typus. Er vereinigte in sich viele sich widersprechende Charakterstriche. Manch-r mal kann map in ihm einen gehetzten Sänger aus alten Zeiten und manchmal den ,jüdischen“ Böhmen der Gegenwart sehen. Zar\gwill verkörperte ihn in . seinem Werk „Kinder des Ghettos“ in der Person „Malchizedek Pinchaus“. , machte. Er war ein Unglücklicher und batte nie ein Heim, auch nicht während seiner kurzen Ehe mit einer Aerztin, die ihren nient-jüdi- Schen Glauben seinetwegen auf gegeben hatte, gin Genre, ein Träumer, ein König mit leeren Taschen. Er, der sich „Dichter des jüdischen Volkes“ nannte, und die hebräische Sprache „Im klassischen Sephardiscb“ beherrschte* erkannte keine Autoritäten an. Arm wie eine Kirchenmaus und ein reicher Phantast wie Jules Verne. Ein Kind, auf „Taschengeld“ '.angewiesen. und ein Millionär in der Konversation, voll von. Spott und Satire. Als Sir L. Oliphant sich in Palästina aufhielt, da war er Sein jüdischer Sekretär. Oliphant, der Kinderlos war, wollte 'ihn zum Erben seines großen Vermögens, einsetzen, Aber der „jüdische“ Michael Kohlhaas aus Zloczow blieb sich treu — Oliphant und Imber gingen auseinander; Er veröffentlichte viele Artikel in verschiedenen Zeitungen und gab dann i selber Zeitschriften heraus. Er beschäftigte sich mit Forschungsarbeiten, mit Mystizismus und hielt Verträge über Okkultismus. Am populärsten war er einst als Lyriken Da spürte man seine bittere Ironie und die dunkelrote Glut seiner Empfindungen. ‘ : Eine seiner Arbeiten widmete er den österreichischen Habsburgern, eine andere dem „Herrscher von Japan“ und ein drittes „Sir Laurence Oliphant“. Irr Britischen Museum befindet sich eine kleine Broschüre „Topies of tö-day in the Talmud“ mit einer Widmung an .„Alle Gelehrten aller Nationen“, Schwer krank, dem Tüda»geweiht, — und er ließ sich seinen Humor nicht nehmen. Er verkündete sein Testament,;' seine« Feinden ließ er seinen Rheumatismus und den Redakteuren der jüdischen 'Zeitungen sein« zerbrochene Feder zurück, damit sie langsam schreiben , und dadurch Irrtümer vermeiden sollen. Bald werden es vierzig Jahre her sein, als der Sänger des jüdischen Volkes am Simchas Tho- . ra einsam und Verlassen im New Yorker „Beth Israel Hospital“ starb. Fast hat man ihn vergessen, — man weiß nur noch, daß er der Verfasser dei Nationalhymne „Hatikwah“ und der noch heute viel gesungen au Lieder Hajarden“ und tal‘ ist Rrez Israel wird wahrscheinlich im Jahre 1948 das 70jährige'Jubiläum der ersten Kolonie „Petach Tikwah“ und der Hymne „Hatikwah“ ’ leiem. Als die ersten Versuche gemacht wurr den, „Petach Tikwah“ (1878) zu gründen, da wurde imber vo« einem prophetischen Geist ergriffen. In Jassy schrieb ier 22jährige Jüngling dieses Lied, nicht um zu klagen, sondern —- um Mut und Hoffnung zu verkünden./ Imber hatte „Hatikwenu“ (erst viele Jahre später nannte man sie „Hatikwah“) in* seiner Sammlung „Barkai“ (Jerusalem, ■ 1886) veröffentlicht Fast 25 Jahre dauerte es, bis die „Hatikwah“ sich' als Nationalhymne des jüdischen Volkes diirchgesetzt hatte. Es' war ein schwerer „Wettstreit der Gesänge“ und die „Hatikwah66 hatte viele ernste Konkurrenten. Die Schlacht spielte sich überall da ab, wo,Zionisten tätig waren, besonders aber in Wien, wo Theodor Herz! die jüdische Geschichte auf neue Wege lenkte, Der moderne Zionismus wurde geschaffen, — man sprach von einem Volk, \ einem Land, einem Kongreß, einer Sprache, einer Fahne; es fehlte aber eine Nationalhymne. Herz! dachte an alles, auch -an eine Hymne und schon im Jahre 1895 wollte er Karl Goldrnark, den Komponisten der jüdischen Oper'„Königin von Saba* und Ignac Brueli, besonders heran die Studentengruppen die eigentlichen Träger. des Zionismus. Fast alle wichtigen Mitarbeiter Herzls gehörten einer „Verbindung“ an. Die- Führer der österreichischen Zionisten waren fast ausnahmslos Mitglieder dieser Verbindungen. Die seltenste und angesehendste war die „Kadiiwh'V und die Zweitälteste — darüber-gab es in Wien einen ewigen Streit. Manche nannten die .Ivria* und manche die „Uaitas“. Zwischen den vielen Verbindungen herrschte eine , starke Rivalität — in der Arbeit für den Zionismus, Auch in Bezug auf die Nationalhymne. D’e „iVria“ war für die „Hatikwah“ und die „Kadimah“ für das Lied „Ein Hauch weht durch, die Lande“, Die Entstehung des letzten Liedes ist meiner Meinung nach Theodor Herzl zuzuschreiben, denn er veranlaßte Prof. L. Kellner, dem späteren Verfasser des Buches „Theodor Herzls Lehrjahre“, den Text zu schreiben und den Komponisten Prof. Ingnac Brueli die Melodie. Die Zionistische Weltorganisa tion verbreitete dieses Lied lind forderte alle Zionisten auf, diese Hymne populär. zu machen. Sie solle, überall erklingen, wo Juden sind und „Ein Hauch weht durch die Lande“ solle den Zio- Ko! od balewaw pnimafe Nefesch Jehüdl homijah U'lfate mizracb kadimah Äjin l‘kijbn zbüjab Od.lo awda tikwatejnu Hatikwah hanoschana Laschuw r erez awotejmu L'ir bah Dawid chanah.' . Solang* tief iss der Seele innen Des Juden Sinn voll Sehnsucht ist. Solang6 sein Bilds gerad'aus gen Osten, Gen Zions Burg , gerichtet ist—»' Ist unsre Hoffnung nicht vergebens. Di? Hoffnung, die uralt uns trägt Zurück, zu unsrer Väter Lande, Zu Davids Stadt zurückzuLkehren. ¥) rühmt durch seine Oper „Das goldene Kreuz“, ersuchen, um eine „Marseillaise der Juden*6 zu ■komponieren. Er war gegen /-ein „Preisausschreiben“ und schließ,lieh meinte er; daß das beste Lied sich allein durchsetzen werde. Die „Hatikwah“ wurde von Vertretern, die aus „Petach Tikwah“ kamen, im Osten, und irn Westen verbreitet. Ais- Komponisten erschienen in den Textbüchern verschiedene Namen, •— einmal Henry Busato, dann Samuel'Cohen, S. T Friedland. Im Westen wurde sie besonders durch die Herausgabe des. Büchleins „.Syrische Gesänge“ von Friedland' (Breslau 1895) bekannt. Die „Hatikwah“ wurde dann in viele sogenannte zionistische Liedersammlu«gen aufgenommen. Sie wurde in mehrere Sprachen übersetzt, so in Englisch von I. ZangwilL Aber gesungen wurde in den ersten zionistischen Jahren nicht nur die „Hatikwah“, sondern vor allem „Dort wo die Zeder“ vo« Dr. I. Feld, einem Gaiizianer, einem „Landsmann“ von Imber. Auch-Lieder von Morris Rosenfeld, Adolf Donath, Heinrich Gruenau, Sigismund Werner u. a. hörte man oft. Darunter auch Imibers „Mishmar Hajarden“ („Die Wacht am Jordan“). Man konnte sich "weht einigen. Es kam doch zu einem Preisausschreiben; zuerst veranstaltet von‘den Moskauer „ChoVevei Zi'* nisten“. Für die beste Volkshymne wurden 500 Francs zur Verfügung gestellt Viele schickten „Hymnen“ ein, aber die Preisrichter konnten keinem der Dichter de« Preis zuerkennen. Was aber tat man mit den 500 Francs? Man gab sie dem Bildhaüer Friedrich Beer als Anerkennung für die „Kongreßmedaüle'6» die /er anläßlich des Zionistenkongresses geschaffen hatte. " ■ . . ' . I. Rozet machte sich selbständig, Er publizierte ein Lied „Ein Zionslied auf fremden Boden6 - (Kiew, 1899) und nannte es einfach „Nationalhymne“. Andere folgten seinem Beispiele t und es herrschte auf zionistischen Versammlungen eine Verwirrung. Man hatte viele Hymnen, aber di e ‘Hyrrine fehlte. i . ln der Suche nach einer Hymne spielte die jüdisch-akademische Verbindung „Ivria“ eine einflußreiche Rolle, ln der Herzl-Epoche wa» nismus auf dem Wege der Verwirklichung begleiten. . Anläßlich des 15jährigen Todestages des» Dichters Perez MaissiewitsCb Smoiensky» der zu den Gründern der „Kadimah“ gehörte, wurden von dieser Verbind mg große Vorbereitungen getroffen, um am 7. März 1900 eine „Smolehsky-Feier“ zu veranstalten. Hierbei sollte die Hymne „offiziell6 yorg -»stellt werden. Herzl und seine Mitarbeiter erschienen. Das Fest gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung. „Ein Hauch weht durch die Lande64 wurde mit großem Beifall aufgenommen. Und man begann dieses Lied 'auch in anderen Ländern zu singen, aber sie wurde nicht zur Hymne. Die „Kadimah“ hatte bessere Redner, aber in der „Ivria“ waren die besseren Sänger. Kam es in der zionistischen Organisation zu politischen Differenzen, so veranstaltete die „Kadimah“ piskussionen.. Die, , Ivria“ dagegen . —y einen Gesangsabend, zu welchem oft Herzl erschien, und sie trug ihre Argumente in Form von Gedichten und Lieden, vor. -; Die „Ivria66. sang die „Hatikwah6? zum ersten Male vor einem' großen Publikumim Jahre, 1896. Jfare.. Mitglieder Dr. Louis Poborski, der noch Leute in Wien lebt, und ‘Dr. Bernhard Hahn, kannten zufällig die Breslauer Ausgabe „Syrische Gesänge6” und halfen Imbers Lied zu popularisieren. Sooft dann „Ivriaher“ zionistische . Propagandatöuren unternahmen, auf Kongressen, Konferenzen, — man; wußte schon, daß die „Hatikwah66 zu hören sein wird. Im Endkampf wären schließlich drei Lieder, die sich bewarben, die Nationalhymne zu wer- den; „Hatikwah“, „Dort wq die .Zeder“ und „Ein. Hauch-weht durch die Lande“. Schiedsrichterwaren die zionistischen Massen. Es kam oft vor, daß am Ende de. Versammlung sich unangenehm^' Zwischenfälle abspielten. Die einen wollten „dieses“ Lied singen, die anderen ein „anderes" und manchmal einigte man sich, und man stimmte x alle drei an. Aber die ,,Hatikwah“ setzte " sich immer mehr durch, auch in London, w» sie schon lange bekannt war. Im jüdischen Viertel, in Whitechapel, entschied man sich für Imoer.. Während des vierten Zionlstenkongresses (1900) fand in East End eine Massenversammlung statt. Herzl» Nordau, Zangwill, Sir F. Montefiore, Dr. Gaster, Dr. A. Marmorek, Prof. Mandelstamm und andere waren die Redner, Ara Schluß der Versammlung wurde „Gerd save the Queen4* gesungen. Schon wurde die Versammlung offiziell geschlossen, da begann plötzlich jemand die „Hatikwah“ zu .singen und es zeigte sich daß die tausendköpfige Masse das Lied kannte und mitsäng. Und als dann, Herd und mehrere Kongreßdelegierte eine Tour durch das Land machten, da grüßten sie die englische Fahne am Schloß von Windsor, indem sie die „Hatikwah“ anstimmten. Trotzdem -horte man „Dort wo die Zeder“ . oft, als jriymne., Erst im Jahre 1907’ wurde es für ■ die zionistische Bewegung klar, daß. die ,Ha^ tikwah66 die Nationalhymne ist und bleiben wird* und im Protokoll des Achten Zionisten-- kohgresses! (1907 in Haag) wird zum ersten Male festgehalten, daß der Kongreß mit dein Absingen der „Hatikwah6* geschlossen wurde» Der Text der ,Jfatikwah“ stammt von lieber. Aber von wem ist die Musik? Auch darüber, gibt es einen Streit. Zuerst wurde angenommen, daß sie der „Böhmischen Symphonie“ von Friedrich Smetana (1824—1884) entnommen wurde.. Zwi Mayero-witsch (1832—1945V, ein Expert in jüdischer Musik» war anderer Ansicht. Mayerowitscb war im Wiener Seminar Professor für liturgische Musik und auch in Londonhielt er im .Jewisn College“ G derartige Vorträge. Er ist auch als Komponist vieler hebräischer Lieder und als Herausgeber der Sammlung „Oneg Shabbos“ (London, 1,937) \ in der jüdischen Musikwelt bekannt, Im Jahre 1930 veröffentlichte Mayerowitsch im, s9Jewish Chronide66 einen Brief, wo er nachwies» daß die Melodie der „Hatikwah“' nicht von Smetana stamme. Nach »Mayerowitsch hat ein sephzardischer Jude Henry Busato (oder Russotto) die „Hatikwah64 komponiert, und, zwar nach der liturgischen M isik von „Haliel“ (Psalm 117), wie sie seit Jahrzehnten in sephardischen Synagogen zu hören war. Er stellte fest, daß diese Musik zum ersten Male im Jahre 1857 unter .dem Titel „The aneient Melodies of the Liturgie of the Spanish. and Portuguese Jews. Harmonized by Emanuei Aguilar . and prefaced by the Rev. Di A. De Sola66 veröffentlicht wurde. Also etwa zwanzig Jahre früher als Smetana „Böhmische Melodie“, Während des zweiten Weltkrieges erschien eine jüdische Enzyklopaedlb. und hier^ fand Mayerowitsch'die »kurze Mitteilung, daß die Musik der „Hatikwah“ eine Kppie eines mährischen Volksliedes darstelle. Das ist sonderbar. Wenn ein Expert wie Mayerowitsch mit wissenschaftlichen Belegen beweist, daß die Melodie der Nationalhymne des jüdischen Volkes eine alte jüdische und kein Plagiat'sei, so haben dies Mitarbeiter vön Enzyklopaedien zumindest zu untersuchen, bevor sie zu einem Urteil kommen./ Es'existieren zwei Texte der „Hatikwah“"in der Handschrift von Imber. „As I knbw teeni“, von Rebekah Kohut erzählt, daß imber ydzer Originäimanüskript1 George; Koh at gegeben' habe. Und im „A Gaitury of Jewish life“ von Elbogen befindet sich eine Itemerkuiig, daß Kohut dieses Manuskript der Bibliothek ‘ der Yale Universität in New Heven geschenkt ha- , be... Anders handelte eine Nichtjüdin. Frau Murphy, eine Sängerin, die die hebräische ’ Sprache beherrschte, gäb ein; Konzert im Spital, wo der ynglückUche Dichter Imber schwer7 krank lag. Sie hatte für Imber eine lieber^ raschung, — sie sang huch die „Hatikwah“, Dann eriMichtp sie ihn. ihr dje „Hatikwah“ in seiner Handschrift aufzuschreiben, was er auda tat. Sie bewahrte dies wie ein Heiligturn und heute befindet sich dieses Manuskript in der Hebräischen Universität zu Jerusalem. Imbers „Haükwab64 begleitete das . Volk' in den letzten fünf zip Jahren sowohl rra Galuth wie auch im Kampf um den Aufbau Palästinas, Sie wird neu erklingen im „Judenstaat“ und wird ewig gesungen werden. -i. ,Jch mödite hier in der Hauptsache auf einige Fragen eingehen, die Dü in Deinem letzten Brief aufgeworfen hast Diese Fragen sind von prinzipieller Natur, und ich halte es für angebracht, "sie lieber jetzt zu besprechen, als Sie auf die lange Bank zu schieben. Deinen Ausführungen bezüglich der sogenannten Kriegsgefahr in Palästina kann -ich nicht beistimmen.. Erstens handelt es sich bei dem Lärm der arabischen Nachbarstaaten um leere Drohungen, da sie weder über die nötigen Mittel zur , Kriegsführurg verfügen, noch unter sich oder über ihre Ziele einig sind. Zweitens sind die Juden In Palästina stark genug, innere Sabotage und lokale Unruhen von Seiten aufgehetztet Araber zu verhindern oder abzuwehren. Ich kann Deinen Pessimismus ln dieser Hinsieht nicht teilen, besonders nach dem, was ich persönlich letztes Jahr von Palästina gesehen habe. Aber selbst wenn es gegen meine Erwartungen zu vereinzelten Ausschreitungen und Unruhen in der Uebergangszeit zur politischen Unabhängigkeit kommen sollte, so habe ich nicht' 'die Absicht, von meiner warmen Ecke aus das Ergebnis in Ruhe abzuwärten. Wir haben vcm Herrn Hitler und Konsorten doch gelernt» daß man mit Zurückhaltung und übergroßer Vorsicht nicht weit kommt Palästina ist das einzige Bollwerk der Judenin der Wel.t und wir alle haßen die Pflicht, pns dafür einzusetzen, daß es uns ’ nicht verloren geht. Ich kann Dir versichern,.daß viele tausende von jungen amerikanischen Juden sieh als Freiwillige nach Palästina melden würden, sobald Hilfe hötig Ist . . . tlnser® Aufgabe ist klar (imrissen; Wir sollen «in Institut aufbaucn, das der rmen nni angewandten* Forschung dient und das durch seine Arbeit die Aufnahmefähigkeit von Palästina für jüdische Imigration vergrößert. Das Institut ist trotz aller Hindernisse, ln schweren Zeiten gebaut worden. Nun ist es unsere Pflicht und Schuldigkeit, hinzugehen. und unsere Pflicht zu tun. Dü wirs« ausdieser Stellungnahme ersehen, wie Wenig ich Deine Auffassung teile. die Du ln Deinem letzten Briefe, angedeutet hast Ich möchte annehmen, daß Du den Brief in einem vorübergehenden Anfall von Depression geschriebenv hast und daß Du Deinen Standpunkt nach reiflicher” Heberiegung ändern wirst , . Ich kann Dir kein Paradies In Palästina versprechen. Das Land ist klein und nicht reich.' Alles dort muß mit harter Arbeit errungen, werden und* nur, wer sich mit seiner ganzen Kraft und Personlichkei einsetzt, kann auf Erfolg hoffen. Unser Institut wird das modernste im ganzen Nahen Osten sein. Aber die schönsten Einrichtungen nützen nichts, wenn der Korpsgeist nicht vorhanden ist und wenn wir nicht alle unser Bestes hergeben. Ich nehme zwei jungev erstklassige Amerikaner herüber mit ihren Familien, die es schon kaum erwarten können, ihre Arbeit mit Begeisterung aufzunehmen und ihren Teil zum Gelingen zu tun. Du willst und kannst doch dagegen nicht unvorteilhaft abstechen. TJeberJege Dir also alles lieber jetzt, . bevor es zu spät ist. Mein eigener Entschluß ist gefaßt. . Ich gehe unter allen Umständen herüber und bin, bereit, durch dick und dünn zu gehen. Ich, fühle, daß ich bisher so vom -Schicksal verwöhnt worden bin, daß ich die doppelte Verpflichtung habe, jetzt einmal etwas auch für mein Volkzu tun. Wenn es zum Schlimmsten kommt, würde ich zunächst allein g<£heru « < . Ich. mafce jetzt Vorkehrungen zur Reise . Im Februar, und Ich hoffe sehr, daß Du mick tun diese Zeit in Rehovoth treffen kannst, hiein eigener Plan ist weder von der UNO noch von dem Mufti noch von Herrn Bevin abhängig. Man kann sich . ja den Sormenscheia nicht immer voraus bestellen . o (Aus einem Brief eines amerikanischen Chemikers an einen jüdischen Freund in ' Deutschland^ Siegfried Levy-Essen* Juli 1943. Ich kam am Hauptbahnhcjf vorbei Dort sah ich einen Zug Menschen. Aber wa. ..-a das Menschen? Russen oder Polen, Männer, Frauen und Kinder. Sie kamen aus einem Lager, das in der Nacht vorher von Bomben getroffen worden war. ' Viele Tote und Verwendete, und dieses waren ~ die „Geretteten“, - die in ein anderes Lager überführt wurden. In zerrissenen Lumpen anstatt' Kleidern, an Stelle der Schuhe schmutzige, Lappen, verdreckt, verschmutzt, halbverhungerte Skelette. Mühsam schleppten sie sich weiter. Die Füße' wollten sich kaum vom Boden lösen. Keiner sah auf, alle Blicke waren auf den steinigen Boden gerichtet. Die Köpfe hingen todmüde auf der Brust. Ich blieb stehen, dicht; am Rande des Zuges. Ich wollte den Blick wenigstens eines dieser Elendsgestalten erhaschen. Ich wollte wenigstens einem dieser Unglückliche» durch meinen: Blick etwas sagen. Verzweifelt nicht, gebt nicht die. Hoffnung auf, icih. .fühle mit Euch, den» ich .bin ein Mensch, wie Ihr, glaubet fest daran, der Tag kommV * der Tag der Erlösung und Befreiung auch für -■Euch! * Ich wollte freundlich lächeln, ein gan? klein wenig freundlich lächeln. Sie mußten np<h verstehen. Mehr konnte ich nicht tun. Es war zp gefährlich, UeberaU waren Spitzel und bereitwillige Denunzianten, ich stand selbst auf der Liste. — Sie mußten mich verstehen. Das Lächeln versteinerte in meinem Gesicht Mein Auge wurde glanzlos, ingrimmiges Weh preßte mein Herz zusammen Niemand sah auf, niemand fühlte meine«). Blick, niemand sah mein aufmunterndes Lächeln. Niemand von diesen Männern, Frauen' und Kindern. Und die Deutschen? Sie' lachten und .scherzten über diese Gestalten des Jammers; Hohn sprach aus ihren Blichen und Worten, oder s»- sahen achtlos1 über diesen infernalischen Zug hinüzeg. Denn die Deutschen haben kein Mitleid mH- Menschen. — . Juli 1946, In strömendem Regen steht ein Gütsrzug auf dem Abstellgleis des Bahnhofs. Die Wagen, alle offen, sind vollgepackt mit Hausrat und Menschen, die sich mühsam mit Decken und Tüchern gegen den Regen zu schützen suchen. , Deutsche Flüchtlinge -aus dem Osten. Neben mir sömmeln sich Menschen an. - Sie sehen herüber zu dem Zug ihrer Landsleute. Mitleid spricht aus ihren Blicken und Worten. Haßerfüllte Worte gegen die Alliierten fallen./ Ich drehe mich herum zu einer Frau, die grade sagt: „Das Herz bricht einem, wem man das sieht, und der Zorn bringt mich um, wenn ich an die Verbrecher denke, , die diese Unglücklichen aus ihren Heimen vertrieben haben.6*