Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 18 (31.12.1947)
- Date
- 1947-12-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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■frsüa^tßg ®« SGTM v. ■Ehrtochl vor dem Vergangenen Bis in die Tage nach der* berüchtigten „Kristallnacht“ des Jahres 1938 reicht eine kürzlich in Amerika erschienene sozialhistorische Studie, „Jewish, Cpmmunitees in Germany from the Äge of Enlightenmenfe to. iheir De» strüction by the Nazis“ (Jüdische Gemeinden in Deutschland vom Zeitalter der Aufklärung bis zu ihrer Zerstörung durch die Nazis), die Dr„ Adolf Kober, New York, den ehemaligen Kölner Gemeinderabbiner und Forscher namentlich auf dem Gebiete der Geschichte der Juden in Westdeutschland, züm Verfasser bat. Die Schrift, herausgegeben von der „Conference of Jewish .Relationsa, New York, ist ah Sonderdruck der „Jewish Social Studie?“ (BdL 9, Np 3) erschienen. Bei' der Abfassung der Arbeit konnte der Autor auch um» fangreiche, sich auf über 1000 Städte bezieT bende Materialien benutzen,, die die „American'Federation of Jews-from Central Europe“, die Selbstvertretung der^in den Vereinigten Staaten lebenden jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland und anderen mitteleuropäischen Ländern, zur Verfügung stellte, — Die Abhandlung, beschäftigt sich im wesentlichen'mit der Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland vom Beginn des 19. Jahrhunderts ab, mit tler Formung von Gemeinden und der Organisation von Gemeindeverbänden, mit dem religiösen lieben der Gemeinden, der Errichtung von Synagogen, mit dein Aufünd Ausbau, des jüdischen Schulwesens und, über' das rein Schulische hinaus, der jüdischen Kulturarbeit und Kulturpflege überhaupt: Schließlich wird die Entwicklung' der jüdischen Wohlfahrtspflege und .Sozialpolitik ini den letzten 300 Jahren behandelt Von den zahlreichen tabellarischen Ueber- Sichteri mag an dieser Stelle eine von besonderem Interesse sein, nämlich eine „versuchsweise“ Liste der Synagogen in Deutschland, chronologisch geordnet nach dem jeweiligen Eihweihuiigsjahr. Wenn man lediglich die (ehemals vorhandenen) Synagogen, im Bereich der jetzigen britischen Besatzuhgszone in Betracht zieht, . so ergibt sich das folgende Bild: die erste Synagoge in diesem Gebiet entstand, 1681. in Wesel, (übrigens im gleichen Jahr .wie das berühmt gewordene, Gotteshaus in* Bech-, bofe.n in".Bayern). Dann vergehen fast 100 Jahre, bis 1768 in Neuenkirchen (West-..; falen) .eine Synagoge errichtet wird. D e u.t z folgt 1786. Am -Beginn des 19- Jahrhunderts stehen S e e s e ri (Jaböbson-Synagoge),, 1810, sowie die niederrheinischen Städte Emmerich 1812, Goch 1812 urid Kleve 1821. Die Erbauung der* Synagogen in Oldenburg und Krefeld fällt in das Jahr 1850,. die der in Rendsburg ins Jahr 1845. Einige Jahre ’ später 1852, ist L i p p - Stadt vermerkt. Dann aber wird die Kette dichter: Hamburg (Köhlöfen-Synagoge 1859, .Köln (Glockengasse) 1861, Elberfeld 1865, Klpl.;1869, Hannover 1870, Düren 1872, Hoppstädten (Oldenburg) 1878, Bonn 1879, Lechenich (bei Köln) und Steele 1883, Ml-Gladbach 1884, - Barmen 1897, Köln (Roonstraße) ünd Hamburg (Dammtor-Synagoge) 1899. Die Liste der in diesem Jahrhundert errichteten Synagogen führt i8 Städte auf, nämlich Hörde L W. und Dortmund (beide 1900), BonD-Poppelsdorf und Honnef a. Rh. 1902, Düsseldorf 1904, Bielefeld 1905, Haraburg-Born» Platz und Mülheim (beide 1906), Peine 1007, Gemen L W. 1912, Essen, Leiwen und^Linnicb 1913, Köln-Deuts. 1915, Ruppichteroth (Siegkreis) 1922, Gemünd - Eifel 1928, K ö 1 n - E h r e n f e 1 d 1927 und Ham.burg-Ober straß4.1931*' egL JTÜDISCBIES GEMEINDEBLATT FÜR DIE BRITISCH® ZONE 31. Dezember 1947 — Seite S i (W Der Tondichfer des Judentums: Gustav Mahler Von Dr» Irdn® Willen Ein Mann Von dämonischem Aussehen, klein, hager, toit einem scharfgeschnittenen Kopf, energisch vorspringehdem Kinn, bohrendem etwas unheimlichem Blick hinter blitzenden Brillengläser, einem Blick, dem etwas hypnotiseurhaftes anhaftete — nahm auf dem erhöhten Sessel des Dirigenten Platz. Zum erstenmal an der Wiener Hofoper; es .war an einem Maiabend des Jahres 1897. Dieser Mahn war der jüdische Kapellmeister Gustav Mahler. Man wußte von, seiner hervorragenden Dirigententätigkeit in Budapest und Hamburg, doch der Eindruck, die -Fascination, die an diesem Abend von der Person des Dirigenten ausging, überstieg alle Erwartungen der Zuhörer, Es war eine Vorstellung, die Sänger, Orchester, die Zuschauer überwältigte. Sie alle damals waren, wie vom Zauber erfüllt, die Vorstellung mit dem genialen Improvisator am Dirigentenpulte wirkte wie eine Offenbarung. \ Seine Methode des Dirigierens, die Mahlersche Methode ist das Vorbild für die moderne Dirigiertechnik geworden, Mahler, der Dirigent —■ das war der verkörperte Wille zur Macht; Energie, Kraft, eine bis zum Zerspringen gespannte Saite. Mit einem verzückten Ausdruck im Gesicht, die Arme beschwörend Sn die Luft gestreckt, bog er sich den Klängen entgegen, die ausdrucksvolle linke Hand, und die rechte, die taktierte, waren von zwingender Ausdruckskraft» Er schien die Klänge iäst mit körperlicher Gewalt aus den Instrumenten herauszuholen. Jeder Finger“ zuckte, die Bewegungen der Arme waren von mimischer Deutlichkeit ohnegleichen. Wer Musik nicht hätte hören können, hätte Ihren Inhalt erraten, wenn man ihm nur züsah. Der Gedankeninhalt eines jeden musikalischen Werkes, das er wiedergab, war mit voller Kraft erfaßt und jede Stimmung’ mit hinreißender Lebendigkeit durchempfunden. Die Spannweite von Mahlers Dirigierkunst war so groß, daß . sie die verschiedenartigsten Schöpfungen umfaßte. Wagner, Beethoven*, Mozart, so unterschiedliche Welten empfand er in ihrem wahren Wesen, leidenschaftlich glühend, mit ‘einer Wärme, Zärtlichkeit und sprühendem Enthusiasmus. So genial auch Mahlers Leistungen am Direktionspult-waren, so universell auch seine künstlerischen Intentionen, die dem szenischen, organisatorischen, als auch dem rein musikalichen galten, all das hätte nicht genügt, seinen Namen ln die spärliche Schar den * „Auserwählten“, der „Unsterblichen“ einzureihen. Mahler* der Komponist, dessen monumentales Riesenwerk seiner Symphonien ein musikalisches Jahrhundert krönt, Mahler, der ethisch hochstehende um die Ergründung der letzten Dinge ringende " Mensöh ist der Unsterbliche, Gerade heute, wo ein bitterer Kampf um die jüdische Zukunft uns alle auf wühlt, uns alle mit neuen Wünschen, neuer Kraft, und neuen Hoffnungen erfüllt, heute, wo ein fanatischer Kampf um die Uebarwindung der Herzensträgheit und Bosheit der . uns umgebenden .Welt geführt wird, in diesem Chaos, in dieser entgötterten Welt des Goldgotzen, der Besitfcgier, der raffenden Selbstzucht, der Nächsterimißhandlung unci Mißachtung gewinnt das Werk des großen Tondichters an Bedeutung. Seine Symphonien, sein lyrisches Schaffen sind in ihrem, eigensten Wesen der reine Ausdruck einer jüdischen Seele sie tragen in sich das zeitlose Wesen des Judentums. Sie sind eine Abspiegelung, seines’ Geistes, seiner Seele, seiner großen Persönlichkeit. In seinen zehn symphonischen Kolossen, ebenso wie. in den schwermutvoll herben Liedern , ist das Bild eines Kosmos abgemalt und gleichzeitig'der Geist ünd Seele eines zerklüfteten, heimatlosen, gepeinigten, leidenschaftlich nach Erkenntnis und Liebe strebenden Menschen. Die Liebe, als die treibende Kraft, der fanatische Kampf um die menschliche Seele,’ um die Gemeinschaft der Ziehenden Menschen, der ewige Kampf . zwischen Gut und , Böse, zwischen Gott und Mensch,, zwischen Unendlichem und’ Endlichem, dasVAhasverische Menschentum, mit Wünschen und Hoffnungen, mit Enttäuschungen und Wut beladen W das sind die immer wiederkenrende Themete in den jüdischen Werken 1 aller Zeiten, : dies auch die Grundsymbole im Schaffen Mahlers. „Ich bin von Gott und will wieder zu Gott“, ist das Motto, das über den Geist seiner-Musik erwächst und'in seiner 2. Symphonie als leitmotivisch« Idee erstrahlt. Wenn wir die Tondichter verschiedener Zeiten in ihren Werken'betrachten, so erscheinen-sie uns als Spielmänner, als Schilderer, als Welt» und Seelendeuter, welche Typen immer wiederkehren, ineinander übergreifen,' einander ergänzen. Der Typus des Welt- und Seelendeuters ist bei Mahler am mächtigsten verkörpert und am reinsten zur Musik geworden. Die Geheimnisse seines Innenleben, eine Welt -der Leidenschaften, die sich im Herzen angesammelt haben, seine Persönlichkeit als solche, wird.!’ durch Musik preisgegeben.. Wie ein Feuerhrand, von ungestümer, rücksichtsloser Art, von ungeheurer Vitalität und sprühender Geistigkeit, geht es den „Weg der Großen* Er war einer der Gesegneten ln seiner Wahrhaftigkeit, seiner Sehnsucht, seiner sittlichen Macht und vertrauenden Himmelsgläubigkeit, aber auch einer der. Verfluchten in seiner Unrast, seiner suchenden Unersättlichkeit, in seinem Zweifel und Verzweifeln. Er war ein leidenschaftlicher, heißer, gierig nach dem Größten strebender Mensch, voll Unmaß, voll Liebesverlangeri,, sehnsüchtig hach Gefährten suchend, aber auch oft überdrüssig, was ihm immer wieder einsam machte. Es gab auch für ihn eine Zeit der grenzenlosen Vereinsamung, In der er nach einem Hörer, nach einem Menschen schrie. Wer -Ihm auch, ein wenig Aufmerksamkeit schenkte, dem * war er auf's Rührendste dankbar - ' In seinem Wesen urtd Charakter war er voll Widersprüche und kompliziert. Einmal zerstreut und abwesend, dann liebenswürdig, ent* gegenkommend, oder auch schroff abweisend, wie, gerade seine Nerven gestimmt waren; immer-aber von irgendeiner Idee erfüllt, im Zustand einer dauernden geistigen Hochspannung, für leichten geselligen Verkehr ganz untauglich. Er war einer von denen,, die das Leben an sich reißen.könnten, der die Menschenseelen zu plündern' verstand, um dann in plötzlicher müder Enttäuschung sie von sich abzustoßen,' » ' Neben diesem tobendem, in Begeisterung und' Wut rasendem «Menschen, der lästerte, predig- Im Andenkeri an Heinrich Heine, dessen 'Ge* burtstag sich am 13i Dezember zum 150. Male jährte* zeigt die' Landes- und Stadtbibliothek in Düsseldorf das Heine-Archiv. Es ist eine große, innere Freude, xu wjssbh, daß dieser un4 ersätzliche Literaturschatzder Vernichtung durch den Nationalsozialismus entging, und un«j versehrt von Bombenschäden aus Schloß Witt«; genstein, wo'er verborgen war, gerettet wurdeJ Das Archiv umfaßt die gesamte Literatur von und über Heine, etwa 300$'Bände, und die ‘hinterlassene Privatbibliothek des .. Dichters (einige hundert Bücher). D^zu kommen Zeitungen und Handschriften. Vor allem fesSeln,1 die ersten poetischen Versuche , des jungen* Heine, die man schon von 1817 an in den damals erschienenen " Zeitschriften verfolgen kann. Sein'erster Gedichtband, der 1822 in Berlin erschien und die Erstauflage des „Buches der Lieder“'" (Campe und Hoff mann, Hamburg), sind ebenso interessant wiedie ersten, Gesamtauflagen seiner Werke. Man findet Uebersetzungen in fast aile Sprachen der Welt, sogar in Japanische — ein Beweis, wie stark der weite und hohe Geist des Dichters wirkt.. 1 „ *. J ■ Die nachgelassene Bücherei Heines ist bemer kenswert, namerftlidi durch eigenhändige Widmungen' bekannter Zeitgenossen. Noch tiefer ist man berührt von den Briefen Heinrich Heines, deren menschlicher und zeitnaher, Ton sehr zu Herzen' geht. Insbesondere gilt dies] für den letzten Brief an seine Mütter, die er: so sehr geliebt hat und deren Bild, das Por-i trait einer sehr klugen,' empfindsamen Jüdin Ehrfurcht einflößt. Von Heine selbst sind Bildnisse aus allen Lebensaltern ausgestellt, übenragt von einer Märmorbüste des-jungen Dichters,-die Adolf Schmieding schuf; ergreifend die Totenmaske, auf deren Zügen ein Frieden liegt,; wie er diesem innerlich so reichen, durch äußere Mißhelligkeiten zerrissenen .Menschen im Leben nie beschieden war.’ R.'D<j te, beschwor, dessen blasses Gesteht oft ergreifend schmerzlos -war, ‘ oder hinreißend geistreich leuchtete; der launenhaft, hem® mungslos, an häßlicher Gereiztheit losfabrend* scheltend, höhnend, stand ein anderer Gustav Mahler, der gütige, vom lautersten: Ethos getragen,, der sich demütig als Instrument einer höheren Macht fühlte, der in ruhelosem Drang, nach allen Höhen der Welt strebte, unerbittlich gegen sich selbst, das , höchste Beispiel! eines reinen Lebens. Diel1 alles steht auch in seiner Musik: die Unbändigkeit, ,e die leisen Zartheiten, die. Träume vom Märchenland, die Verzerrung, die krampfhafte Sehnsucht nach Liebe. Der widerspruchsvolle, von Dämon gepeitschte, von Gottesgefühl durchhellte Mensch -spricht zu uns durch seifte Musik, die durch ihren unentrinnbaren Zauber und ihren beunruhigenden Reiz ergreift. - . Mit seiner sittlichen und ethischen Macht, hätte er ein Prediger, ein Philosoph, ein Volks» erzieher sein, können; er konnte aber nur in Musikfühlen,; denken, sprechen,,, jene sittliche] und ethische Sendung vermöchte er nur in Musik zu erfüllen. .V" j Durch sein Judentum verstand er, 'wie-wenige.; das Weltbild des ewig rjngenden,, ewig suchen®] den Menschen, das Streben nach einer besse-j ren Weit -in seiner Musik, züm Ausdruck zu: bringen.! ‘ ■ , * Die ewige Schönheit seiner Klänge entführt uns aus der Dumpfheit des Alltäglichen, er* laubt uns , alle Geldeinheit, alle Schändlichkeit, allen Neid 'der Umwelt zü Vergessen,! bringt uns Trost und Hoffnung. Sie strahlt in die Zukunft*. Josef trug Rüben, aus dessen Mundwinkeln kleine, schmale Blutstreifen rannen, aufs Bett, wischte das Blut ab. ' Drei Minuten später schlug Rüben die Augen auf, faßte nach dem Taschentuch, das Josef ihm hinhielt, »Du mußt morgen sagen, du hättest dich gestoßen, Rüben.“ , Erschöpft zog der Jüngere die Decke ‘ hoftiy legte seinen schmerzenden Kopf in eine Mulde. „Morgen , , .? Mach.das Licht aus,“ sagte erschwer. .' Wieder war Nacht um sie, die ganze Echtheit wirklicher Nacht. ' „Was tun sie uns an,“ flüsterte Rüben, wie in maßlosem Erstaunen. _ - Und kein, Stern schien ihnen von draußen in ihre Finsternis. An jenem Abend — hatten wir uns auf einen Kinobesuch verabredet', Wir — das waren mein Freund Fritz und jch. Ich muß vorausschicken, daß wir wirklich wie Freunde waren. Wir hatten zusammen dieselbe Sch Je besucht, hatten die Jahre nebeneinander auf einer Bank gesessen und redlich voneinander abgeguckt. Wir batten im Stadtpark den Wächtern — aus dar Sicherheit des Gebüsches — gemeinsam die Grassoden nachgeworfen und die erste scheue Knabenliebe brüderlich geteilt An jenem Abend standen wir im siebzehnten Lebensjahr, kurz nach Kriegsausbruch. Uebrigens war Fritz. Zeuge, wie die neue Rassengesetzgebjung unser lieben .Stück um Stück entprivatisierte, Zeuge, daß es für uns keine Stille gab und keine Geborgenheit,; sondern nur das' große, hilflose, Gefühl, preisgegeben zu sein. Und sein Zorn war leidenschaftlich und seine Worte , hart, wenn er sich gegen die wandte, die die Schuld an unserem Schicksal trugen, an unserem und dem der hunderttausend Anderen neben uns, . . . Gleichaltrig, war er mir damals mehr als ein Ifreund» Im Schatten dieser ersten, bewußten Jahre war er, angesichts der großen Uebermacht, ein echter Trost •Wir gingen also an jenem Abend ins Kino, und der Film, auf den wir beide mit solchem Entsetzen gewartet hatten, war angelaufen. Totenstille unter den Menschen, neben, vor, hinter triir. Nur mir liefen die Tränen im Gesicht herunter. Vielleicht nicht nur mir, ich weiß es nicht Manchmal sah ich zur Seite «und bemerkte dann, daß auch Fritz mich ansehaute. Aber jedesmal schaute er schnell wieder nach vorn, auf die Leinwand, auf der gerade jetzt ein Mensch gehängt wurde, ein Mensch, nur mit einem Hemd und einer Hose bekleidet, mit gefesselten Händen und gebun-' denen Beinen, ein Mensch, der in einem Käfig stand . . .* Dann ging das Licht an- Wir gingen zusammen nach Hause, mein Freund Fritz und ich. Er schwieg. Und dieses Schweigen war entsetzlich, es war eine Wunde. Und diese Wunde hatte ihm der Film , geschlagen, 'den wir eben gesehen hatten. Ich. fühlte wie er sich wehrte gegen den Einfluß, der da von draußen in hundert Bildern hintereinander auf ihn eingestürmt war und der nun nachwirkte. Aber mein Freund Fritz unterlag an. jenem Abend. Als wir auseinandergingen faßte er nur nach meiner Schulter, aber er gab mir nicht seine Hand, wie er es sonst immer getan hätte . . . Starr stand ich da, als. seine Gestalt ün Dunkel immer schwächer, kleiner wurde, ihre; Konturen immer verwischter. Da ging mein Freund Fritz, mit dem ich zusammen » zur Schule gegangen war ünd der alle Jungenstreiche mit mir gemeinsam verübt hatte und der immer dunkle Augen bekommen "hantte,. wenn ich ihm erzählte, daß meine Mutter kein Kino, kein Theater,, keine Gaststätte besuchen, nicht Zeitung lesen und nicht Radio hören; durfte; ,; Meine Kehle war so trocken wie meine Augen, als ich an jenem Abend die Treppen hinaufstieg und meiner Mutter, erst zögernd, dann schneller,/fragender, verständnisloser von dem Erlebnis mit meinem Freunde Fritz erzählte» Sie nickte nur, aber sie konnte mir auch keine Antwort geben. Dann schließlich fragte sie midi - nach dem Namen des Films, ich hatte diese Frage erwartet und hatte mich vor ihr gefürchtet. Deshalb sprach ich schamrot und mit abgewandtem Gesjcht die zwei Worte, die ich' so gern nie wiederholt hätte, und die mir schwer -rer fielen, als mir bisher in meinem Leben je zwei Worte schwer gefallen sind: „Jud Süß“. ~ R. G. NIchfarische Antworten " Es war ,in den Jahren kurz vor Ausbruch des deutschen Frühlings. In manchen Gehirnenknospete es schon mächtig, und mancher bessere Deutsche mußte, weil er"" „nichtarisch“ aussah, allerlei Flapsereien über sich ergehen lassen. - So geschah es auch dem Bruder des berühmten Dirigenten Bruno Walter: Letzterer trägt bekanntlich einen Künstlernamen! In einer großen Berliner Gesellschaft wird sein Bruder von einem späteren Blutordensträger ' wacker angeödet: „Sagen Sie mal, wieso heißen Sie eigentlich Schlesinger und Ihr Bruder Walter?“ Darauf der Bruder des großen Musikers: „Wissen Sie, Walter war mir zu jüdisch, da hab‘ ich mich Schlesinger genannt.“ Einer meiner' Freunde hieß Finkaästein. Man könnte .ihn nicht für einen Teutonen halten. Ihm geschah auf einem Fresseball folgendes: ein Monokolträger nähert sich ihm näselnd und fragt: „Aeh — Finkelstain Finkeistein — sind Sie verwandt mit dem Grafen Finkeistein?“ Darauf jener: „Das nicht, aber wir sind' die4Üter.e Linie,“ .( * s Im Sommer 1941 fand . wieder einmal e-fne Sammlung für die „Winterhilfe“ statt Damals, trugen die Juden noch nicht. den gelben Stern auf dem Mantel, konnten daher nicht ohne V } ■ weiteres von ihren ' übrigen Mitmenschen unterschieden werden. Eine der sammelnden Klapperschlangen hält einem großen gut ausgehenden Herrn auf fordernd die Büchse vor die Nase, woraufhin dieser sich höflich ent» schuldigt: .„Ich bedauere, gnädiges Fräulein,, ich darf leider nur zwischen; vier und fünf, einkaufen.“ Eva Sie wert nniiiuiiimmiiiiiriisinimnuiiimmmmiiiiiiimiiliHnmiimiiiiiiiiiiiiiiiimuliuniiiinnnmnw ' NEUE BÜCHER Heinrich Heine: „Eine neue Auswahl18 (Verlag Dobbeck, Speyer). Karl Marx: „Lohnarbeit und Kapital“ (Volksverlag, Singen). ‘ Kar 1 Marx: „Das Reyplutiongdrama 1848/49“ (Völksverlaig, Singen)'. Irving A. Ägus: „Rabbi Meir of*Rothenburg“ (Verlag Dropsie College, Philadelphia). Ein Beitrag zur juristischen und soziologischen Literatür über den Talmud, Meir ben Baruchj der etwa in der Zeit von 1220 bis 129ß lebte, war der angesehenste Rabbiner im Deutschland des Mittelalters; wirkte "in Rothenburg ob der- Tauber,- wurde un». schuldig eingekerkert und starb'im Gefängnis in Ensisheim im Elsaß. Franz Werfel: „Stern der Ungeborenen“ Bermann-Fischer-Verlag, Stockholm). Debersetzung des im vorigen Jahre im Verlag Viking-Press, New York, erschienenen englischen Romans* V ' , . E r i c h K u n t e r: „Weltreise hach Dachau“ (Edition Pan G.m,b.H.,_ Bad Wildbad). Ein Tatsachenroman nach "den Erlebnissen und- Berichten eines ehemaligen politischen Häftlings, dei" lange Zeit in Flossenbürg, Allach und Dachau verbringen mußte. : ■ \ . \ Der. Roman „Erfolg“ von, Lion Feucht;- w ö. hg e r wird im ersten Quartal ' des Jahres 1948 vom Aufbau-Verlag Berlin* herausgebrächt werden. ’