Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 18 (31.12.1947)
- Date
- 1947-12-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Helte 4 -» 31. Dezember 134? JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE BRITISCHE ZONE Nr. W — 2. Jahrgang PALÄSTINA Weihnachten brachte im Heiligen Land keine Unterbrechung der Terrorw-lle, und allein am ersten Weihnachtsfeiertag waren über . 100 To« te und Verletzte zu beklrgen. Es war einer der blutigsten Tage seit Beginn der neuen Unruhen und Gewalttaten die mit der UNO« Entscheidung über die Teüung Palästinas ein« setzten. Mit, diesen . neuen Gewalttaten1 hat .sich die Zahl der Toten und Verletzten im De« aerober auf mehr als .1000 erhöht,, das ist die Zahl der amtlich bekannten Opfer, die wirklichen. Verlüste dürften noch beträditlich größer sein. ■' . ' - Zu besonders ernsten Zusammenstößen kam es während der letzten Dezembertage in Haifa. . Es wurden mm. Beispiel Handgranaten über die Mauer eines Gefängnisses geworfen, in dessen Hof jüdische Gefangene auf und ab gingen, urii Luft zu schöpfen. Zu den schwersten Terrorakten gegen, die Araber gehörten zwei .Angriffe auf arabische Dörfer zwischen Jerusalem und Bethlehem am 24. und 25, Dezember. ' Dif Gemeindeleitung von Tel Aviv hat das .frühere „deutsche Zentrum“ in Sarona, für einen Preis von 2'A Millionen Pfund vom Treuhänder für Feindvermögeö erworben. Die jüdische Bevölkerung erwartet zuversichtlich, daß ,TeJ Aviv die Hauptstadt des neuen, jüdischen Staates sein wird. Ein Plan für die Aus- gestaltung der Stadt ist bereits ausgearbeitet,- aber noch nicht genehmigt worden. ' Markt kommen. Das bedeutet gegenüber den Jahren 1933/39 eine Produktionssteigerimg um 40,Prozeat. , * - - . Jedes " Jahr veranstaltet die. Histadruth. ein Kunstseminar, das drei Wochen dauert, Diesmal kamen etwa 50 Maler und Bildhauer in A 1 ö * n i m zusammen, aus den Kibbuzim vom Galil bis zum Negev, Menschen von 17 bis 40 Jahren. Rudolf Lehmann aus Jerusalem unterrichtete die Bildhauer, Zuritzky aus Tel-Aviv und Opteker aus Ein Charod lehrte die Maler. Die besonders schöne Landschaft bei Alonim mit ihren Felsen und Eichen gab den Künstlern gute Motive für ihre Arbeiten Sabres (in Palästina geborene) und .solche, die Jahre im KonzehtratiOnslager hinter sich haben, bemühten sich gemeinsam, in diesen drei Wochen so viel wie möglich zu lernen damit sie später, wenn ihnen nur die freie Zeit hach der Arbeit dafür bleibt, allein weitei schaffen zu können, V « e . . ' ' Im;Zeli des Stamroesf ührers der Turkmenen, in der Nähe von Pardess Cb an a h, .trafen sich Vertreter vieler jüdischer und. arabischer Dörfer der Umgegend, (Die' Turkmenen sind vor etwa'80 Jahren aus Zentralasien nach Palästina gekommen und wohnen in einigen DÖr-, fern beisammen. Sie sprechen arabisch, und auch ihre Lebensführung ist ganz ärabisiert Der Gastgeber und andere arabische Gäste betonten in ihren Begrüßungsworten, wie sehr ihnen daran liegt, auch weiterhin in gutem Kontakt mit ihren „jüdischen zionistischen.'4 Nachbarn zu bleiben. Es wurde ein Schiedsgericht von je vier Arabern und Juden gewählt, das in (Zukunft übet alle eventuellen Streitfragen entscheiden teil. . ' -A (KjKL-Pressedienst, Zürich.). DEUTSCHLAND Die Berliner jüdischen Friedhöfe in Weißensee und in der Schönhauser Allee wurden von einer Kommission: besichtigt die sich äüs Magistratsmitgliedern und Vertretern . der jüdischen5 Gemeinde zusammensetzte. Es wurde festgestellt, daß die Wiederherstellungsai beiten gut fortschreiten. Auf dem Weißenseer Friedhof wurden von 80 Bombentrichtern schon 50 eingeebnet. Die Mauer, die den Friedhof in. der Schönhauser Allee umgibt, wurde geschlossen, :so daß jetzt keine Kinder mehr, dort spielen können. Die Arbeiten sollen auch im Winter nicht eingestellt werden. , . UNGARN / Anläßlich der UNO-Bntscheidung über Palästina; fanden in . Budapest große Volksversammlungen statt, die v* m ungarischen, russischen, polnischen und schwedischen Regierungsvertretera begrüßt wurden,' (JTA.) ITALIEN Der Präsident, der italienischen Republik, Enrico de Nicola, gab seiner, Hoffnung auf eine1 freundliche Zusammenarbeit zwischen ‘Italien und dem jüdischen Staat in seiner Gratulation an die jüdische Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Entstehen des jüdischen Staates Ausdruck (JTA.) : ' > ■ - USA» _ Die’ Gattin von Rabbiner Dt. Stephen Wite, ' dem hervorragenden Mitglied des . jüdischen. Weltkongresses, Mrs. Luise W i s e, ist ' gestorben. Sie war die Präsidentin der Frauenabteilung' des jüdi-. sehen Weltkongresses und natte auch Sonst großen Anteil an der Arbeit und dem Aufbau jüdischer Organisationen . \ Mrs. Wise war eine bekannte Malerin* die ihre Bilder "in den New Yorker und Philadelphia- Akademien unter ihrem Mädchennamen Luise Water man ausstellte; (JTA) ■ ' ■ , Mosche Tschertok, der'Chef der; politischen Abteilung der Jewish Agency, traf in Washington ein, um Verhandlungen über eine Anleihe für jüdische Einwanderer nach Palästina mit der Regierung zü führen. Bevorzugt werden die Lagerinsassen von Zypern. * . / : ■ Die zionistische* Organisation Amerikas wandte sich an die Regierung der Vereinigten Staaten mit^der Bitte, der. Jewish Agency die Möglichkeit zu geben,. Waffen und militärische Ausrüstungsgegenstände für die Verteidigung und die Sicherheit Palästinas zu erhalten * (JTA)- . Das Exekutivmitglied .der Jewish' Agency, Dty Moshe Sneh, hat sein Amt niedergelegt. . Ais Grund dafür gab er ah, daß er sich mit der augenblicklichen Politik der Jewish Agency nicht einverstanden erklären kann und keinerlei Grund sehe, warum die illegale Einwander rung nach Palästina im Augenblick gestoppt werden soll. (BBC.) N ■ # Drei illegale Einwandererschiffe, darunter eins, das zurri Andenken an die UNO-Entscheidung in der Palästihafrage den Namen „2p. Novdmber“ trägt, sind’auf dem'Weg nach Palästina. Auf den Schiffen befinden sich 15 000 jüdische Flüchtlinge aus dem Balkan. (BBC) Mit der Gründung von Sde-Akiba im Negev uhd Haogon in der Küstenebene kommt die Zahl der jüdischen Siedlungen in Palästina auf 302 (mit einer Bevölkerung von 160 000 Seelen). ■ #. / , “ Die Vereinigung der palästinensischen Industriellen erließ an ihre Mitglieder einen Aufruf, in dem auf den Plan hingewiesen w,irdj im N e g e v, in der Nähe von Beer-Schewa, ein städtisches Zentrum zu errichten. Die neugegründete . Gesellschaft „Afikim Lanegev“ soll die Pläne für. diese Stadt ausarbeiten. Seit 1914 hat sich die Bevölkerung der Kibbuzim folgendermaßen vergrößert: 1914°. 180 Seelen, 1927: 2600, 1936: 11800, 1941: 23 200, 1948: 39 000. Im Laufe von 10 fahren hat sich, also die Be völkeruh g der Kibbuzim verdreifacht. Außer diesen muß man noch die 4000 Menschen in Betracht riehen, die äugen-, hlickllch in Kibbuzim leben,: aber noch nicht zur endgül tigen Ansied Jung gekommen s ind. ' - v - * .; Für das kommende Jahr erwartet man kn jüdischen Sektor eine .MilchProduktion von 84 000 000 Litern Davon werden 20 000'000 in den landwirtschaftlichen Siedlungen selbst verbraucht werden und 64 OOÖÖOO auf den In Unterkunftsbaracken des KZ-Lagers Auschwitz hätten jedem Häftling nur zwei Kubikmeter Luft zur Verfügung gestanden, sagte der Gerichtsmediziner Professor Oibrecht als Zeuge im Auschwitz-Prozeß. In den Nebenlagern seien die Verhältnisse zum Teil noch schlechter gewesen. An cbn Lagerinsassen habe man medizinische Experimente aüsgeführt Einigen Häftlingen seien Hände und Füße mit einer giftigen Substanz eingerieben worden, die furchtbare Eiterungen verursacht .habe.. Anderen habe man kaffeeähnliche Getränke verabreicht,' die den sofortigen Wahnsinn zur Folge gehabt und nadi( wenigen Stunden zum Tode geführt hätten. Ferner sei mit vergifteten Geschossen experimentiert worden. Ein französischer, Sachverständiger, der Leiter des Pariser Ap.pelatiönsgerichtes, bezeichne'te . Auschwitz als das „blutigste“ der ehemaligen Konzentrationslager. , Dje Beweisaufnahme wurde , mit der Verneb- ■ mung des Zeugen Professor Kudriawcew beendet, weicher der amtlichen russischen Kommission zür Untersuchung, von Kriegsverbrechen' angehört Nach seiner Darstellung war Auschwitz nicht nur ein Konzentrationslager, sondern auch ein industrielles Unternehmen, dessen Erzeugnisse in Deutschland Verwandt worden. seien. Die Asche der verbrannten Menschen , sei der deutschen Landwirtschaft zur Verfügung gestellt, worden, und die Haare habe man für.industrielle Zwecke in das Innere Deutschlands geschafft; Schuhe, Wäsche und Bekleidung der Exekutierten hätten tun Deckung des deutschen Bedarfes gedient (DEN Af. ■ MmüstersProzeß In dem großen Ministerprozeß, der in Nürnberg vor einem amerikanischen. Militärtribunal begann, bekannten sich alle 29 Angeklagterv denen Kriegsverbrecher! und Verbrechen gegen die Menschlichkeit' vorgeworfen -werden und zwar auch gegen deutsche Staatsangehö* rige, als „nicht schuldig“ im Sinne der Anklage. Rechtsanwalt Dr. Kubuschek bezeich-' nete die Anklageschrift;im Naxhen der Verteidigung als unzureichend. Angeklagt sind:. Die ehemaligen Reichsminister Lammers, Darre,. Schwerin von Krosigk, der Mniister für die besetzten Ostgebiete, Berger, die Staatssekretäre von Weizsäcker, Steen« gradit, von Mayland,'Keppler, Stuckart, Meißner, Dietrich.;. der Chef der Auslandsorganisation der NSDAP, Bohle, die Diplomaten Wöermann, Ritter von Erdmannsdorf, Veesenmayer sowie die Wirtschaftler; Puhl,. Rasche, Körner, P.leiger, Kehfl und Schellenberg. Die Verhandlung wurde auf den 6. Januar vertagt. . v. /■ ■ ■ I.*G.J?rozeß Ira L-G.-Prozeß teilte der ehemalige Chef im persönlichen Stab Himmlers, der frühere General der Waffen-SS Karl Wolff, mit, Görihg habe dem Plan der I.G, in Äu§qbwitz ejn Dünawerk Zu errichten, zügestimmt und Himmler in einem schriftlichen Befehl .mit der Bereit- Stellung geeigneter Häftlinge aus dem KZ Auschwitz beauftragt. Wolff bekannte ‘ sich auch jetzt zurp Inhalt einer früheren eidesstattlichen Aussage, in der er dä^ ehemalige Vorstandsmitglied der I.G.-Farben,: Dr. Heinrich Buetefisch, als den Mann bezeichnet hatte, mit dem er seinerzeit über die Bereitstellung der KZ-Häftlinge verhandelt habe. (DPD.) .. . i " * ‘ 18 deutsche Häftlinge, denen Massen morde an Polen, Folterungen, Deportationen und andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgewotfen werden, sind von den britischen Behöben -in Deutschland ah Polen ausgeliefert worden. (DPD.) Der'„United Jewish Appeal“ 'nahm in Atlantic City eine Resolution an, in der die Juden der Vereinigten Staaten aufgefordert werden; im Jahre 1948 250- Millionen Dollarfür dm künftigen jüdischen" Staat in Palästina zur .Verfügung zu stellen. Der ehemalige Finanzmiruster; Henry.M 9rg e n t h a u wurde einstimmig zum! Vorsitzenden des jüdischen Hilfefonds gewählt» * In einer Ansprache, sagte Dr. Chaim ,W £ i z » , mann, daß die Juden mit Hilfe1 der Vereinigten Staaten Palästina und den gesamten. Na«;’ hen ■ Osten befrieden könnten. Sie /benötigten jedodi amerikanische Waffen, -um, ähren Staat ' .gegen jöden Angriff verteidigen-zu können. (upj : -. VVNsEUmschließungen ’ * Auf der Zonenausschußtagung der VVN der britischen Zone würde eine Entschließung an»: genommen, in der eine Erweiterung der Ver», mögensarxmeldung auf Werte unter tausend Mark und auf alle nicht mehr als geraubt er-1 kennbaren Vermögen gefordert wird. Alle durch das Gesetz 52 erfaßten nationalsozialisti-! sehen Vermögen sollen einem Wiedergutmach- . ungsfonds, zugeführt werden. ■' * . ' Auf der Interzonentagung der VVN wurde ein ... 1 vierköpfigef Ausschuß. gebildet, der ,*cüa;! aussetzüngeh für die Einheit' Deutschlands'ima einen gerechten, Frieden schaffen*5 und dazu; mit allep Regierungen, Parteien .und Gewerk- - Schäften Deutschlands Fühlung, nehmen soll* Ihm gehören Propst Heinrich G r ü b e r, der ^zweite Vorsitzende der VVN in der russischen Zone, der bayerische > Staatskommissar Dr* .Phi- .lipp.Auerbach, Dr. Hans Mayer; Hessen, ’ und Peter Lü t s c h e s, Nordrhein-Westfalen, . an. In eiriem Manifest mahnt die WN alle Parteien, - „über trennende weltanschauliche /Differenzen hinweg die gemeinsamen Ziele“ 'nicht zu vörgessep, und appelliert an die Aliiertem ^die Leiden anzuerkennen, *die die deutsch© Widerstandsbewegung für Fortschritt, Freiheit und Menschenrechte durehgeroacht habe; (DPD/DENA) ' ■ Ralph Giordanq: . .Wir bringen einen Ausschnitt aus einer Novelle, die das Schicksal einer jüdischen Familie zum Thema hat. Hier sind die letz- ’ ten Stunaen vor der Deportation in das Ghetto wiedergegeben, die letzte Nacht D.' Red. Weiß lag. Buben in der Dunkelheit, die ihn wie eine schwere Decke umgab, ihn ganz einhüllte und in der er sich doch ro nackt, so preisgegeben fühlte. - Zitternd preßte er die Hände gegen die pulsenden Schläfen. Es konnte kein Vergessen geben A; die Mutter gestern, mit erstorbener Gebärde . den Verschickungsbefehl in der Hand haltend, -1den versteinerten Vater, den fassungslosen Bruder. Und wie lange hatten sie sich innerlich auf diese Nachricht vorbereitet, Ohne je zueinander dävon zu sprechen! - ■.. Ein vergualtes Schluchzen flüchtete über Rubens blutende, zernagte Lippen. Hilf, irgendwer! Aber hilf! Bruder, wie ruhig du da liegst. Zwingt die große Dunkelheit, die* große Hilflosigkeit dich nicht zu jäh-entsetztem Sehrt ten. zu dem innigen Wunsch, -zu sterben? Der Tod —v Rüben streichelte das Wort — .welch ein Tröster! Welch ein Tröster! , Ruhig bleibst du, Bruder schweigst. Ich möchte auch schweigen können, schweigen wie du. Denn ich fühle die Grenze, hinter des ich schwach werde. Mutter. Vater. Bruder. Mit einem hohen Laut fuhr Rüben aus dem Bett — „Ich ertrage es nicht!“ Rasend sudite er nach dem. Lichtschalter' heftig stieß seih Kopf gegen die Kante des Kleiderschrankes. Laut stöhnte er Auf, hielt inne, zog scharf die' Luft durch die Zähne. - Josef zwinkerte in die jähe Helligkeit hinein, sah regungslos durch dä gespreizten Finger auf Rüben, auf seinen Brüder Ruberi. Der rieb sich die rotstrieinige Stellean der Stirn. Seih Gesicht war grau. So grau, wie Himmel ha .-■•ä 1 November sind, Rubens Augen waren riesenhaft geweitet ~r „Ich ertrage es nicht mehr, diese Hölle, diese Vergangenheit, diese Gegen»- wart und — diese Zukunft. Diese endlose, endlose Angst Meine Seele ist hin, Josef,' verstehst du? zerrissen. Ich habe sie verloren.“ Regungslos lag Rubens Bruder im Bett, nur, seine Augen lebten hinter den gespreizten Fingern. Und diese Augen wollten Rüben feste halten;, wollten ihn festhalten „Laß midi!'5 stöhnte Rüben unter diesem Blick. „Bruder,'laß mich!“ Ganz langsam warf Josef die Decke von sich, ganz langsam ging er zur *Für( stellte sich vor sie hip. Seine Kiefern waren hart wie Marmor. Er hatte diesen Orkan von Verzweiflung erwartet „So hilfst du niemandem. Rüben, höchstens dir selbst Uns nicht“ Dann sagte er, jedes Wort artikuliert aüssprechend und betonend, in eine. grauenvolle Stille hinein: „Es wird für uns noch alles gut werden. Wir wollen auf das Gute yertrauen.“ , , Rüben lachte gräßlich auf* sackte zu Boden ~ ^uf das Gute?“ gurgelte er in sich hinein, „auf das Güte? Wo ist es? Josef, sag mir, welches Gute du meinst, damit ich es „greifen kann!“ ' , Das hier, dieser wahnsinnige Moment, ist die Vorhölle,.schpß es Rüben durch den Kopf. Man gewöhnt uns etappenweise Kein Mensch sonät ' weiß um uns. Kein Mensch! Josef hatte auf Rubens Frage keine Antwort gegeben,. : ' , „Wir stecken in der Falle, Josef, für uns gibt es keinen Frieden, nur einen Ausweg. Alles ist dunkel, wie es bisher immer dunkel um uns gewesen ist, solange ich denken kann. Ich habe keine Zuversicht mehr“ , .Er weinte hemmiungslbs und wußte es nicht . „Sie werden uns die Mutter^ nehmen, Josef.“ Entgeistert über .seinen eigenen Satz, starrte er in die Augen seines Bruders, die für den Bruchteil einer Sekunde’ erloschen. „Es. gibt keinen Ausweg-mehr. Jo•itf, als . diesen einen. Die Welt hat uns im Stich. gelassen. Wir sind . wahrhaft verlosch* wie niemand vorher je. verloren war. Was ist aus -ins geworden? Hier auf der Erde liege ich vor dir, vor meinem eigenen Bruder und bettele um den Tod für Uns“. Rüben sprach schnell, wie ein Irrsinniger. Er richtete sich halb auf, — „Mit mir könnten Sie 'machen, was sie wollen. Aber mit Mutter, Josef, mit Mutter! Das, ist es, was ich nicht mehr aushalte“, Krämpfe schüttelten; ihn. hin. und her, „deshalb, müssen wir flüchten, Bru- .der, flüchten in den Tod.“ Unbeweglich stand Josef an der Tür. Große helle Tropfen liefen ihm im; Gesicht herunter, Schmale Bahnen ziehend, die aufblinkten, wenn das Licht auf sie fiel Aber er schwieg. „Ihr seht das alles nicht so deutlich: wie ich. Ich kann diese Finsternis v diese Last, diese Erwartungen nicht länger tragen. Laß mich hinaus.“ Aus’rot, verquollenen Augen stierte ein verzweifelter einen Verzweifelten an, von unten, , eine nach Tod süchtige, lechzende Kreatur. Josef wandte den Blick ab, senkte nen Kopf, aber er blieb vor der Tür stehen „ich verstehe dich“; sagte er tonlos. Seine Äugen schwammen, seine Fingerknöchel spannten sich weiß. Erjgckte' sich den Saizgeschmack von den Lippen. > Aber Huben spürte die Unerbittlichkeit in der Haltung. Josef wär der Gutgläubigere, der Hoffnungsvollere, der bisher immef reiht behalten hatte — bis gestern dieses Schreiben kam. Er war einer von denen, 4ie nie aufgeben. Josef würde Hubeir"nicht, hinausla^en in die Freiheit des Todes. * Rubens Gesicht lag maskenlos vor ihm. „Ehe sie Hand an Mutter legen können,“ ächzte er, „würde ich sie —er sprach nicht y/diter, starrte in Josefs 'plötzlich auf gerissene Augen, die erst jetzt" alles erkannten Wie-,Granit stand die Stille zwischen ihnen. „Ja, du hast ganz recht gehört,“ sagte Rüben wieder,: laut und deutlich; die Fäuste auf den . Boden gestützt. Und darin sprach er "den '■-furchtbaren Satz ganz aus: „Ehe sie Hand an Mutter legen können, bringe ichsie selbst um.“ J$sef schüttelte den Kopf Mehr nicht. ' Er schüttelte den Kopf und sah Rüben an. Da sprang Rüben den Brüder an*' „Laß mich,“ fauchte er, „du siehst , das nicht jede Nacht, wie sie uns lebendig verbrennen wer» den. Keiner ahnt, was auf uns wartet. Aber ich, ich weiß alles!“ er drückte Josef gegen die Wand ab, pachte mit beiden Händen dessen Rechte auf der Klinke. Keuchend drückte ihn der. Aeltere zurück, den Kopf gegen Rubens Brust gestemmt. , „Ich weiß —• auch afles» Rüben. Wir alle wissen es. Sei: jetzt vernünftig. '"Jjfie Eltern dürfen nichts merken. Mutter schlaft — vielleicht — hat für wenige" Stunden vergessen willst du sie aufwecken; ehe es nötig wäre?“ Inein» ander verkrampft, mit irren Augen rangen sie in der Mitte des Zimmers. Josef schüttelte'Ruhen, der taumelnd um sich schlug und biß, ohnmächtig fast gegen die Kraft des Aelfeerpn, „Ich will — nur eins — nicht mehr denken, keine Qual, mehr führen — keine Furcht mehr — um Mutter haben!“ Mit einem schnellen Ruck hatte Rüben sich frei gemacht, schlug im Herumwirbeln dem Bruder das hochschnellende Knie in den Leib, dann, war er mit beiden Händen an der Tür. Wie eine Feder erreichte Josef ihn, mit einem’Satz, riß ihn an der Schulter'herum und schlug’seinem Bruder die rechte Faust' an die Schläfe. In diesen Schlag legte ersein ganzes - überkippendes, Gewicht. ‘ Huben knallte ' gegen; die halbgeöffnete Tür, Blut schoß ihm aus dem Mund, dann fiel er . bewußtlos .nach vom über. Josef> lauschte mit sebmerzverzerrtefn Gesicht, eine Hand auf den Leib gepreßt, ins Haus hinunter, ging die paar Schritte zum Geländer — und prallte zurück; •„Mutter. — “ . ' Sie stand unten im Flur, vor ihrem Schlafzimmer 1 — . „Er darf nicht wissen, daß. ich alles gehört habe,“ sagte sie Ihr weißes Gesicht leuchtete zu ihrem Sohn herauf. ^Josef nickte. Schweigend sahen sie sich eine Weile an. Dann schlossen, sich die Türen hin.» - ter-ümea.":