Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 17 (17.12.1947)
- Date
- 1947-12-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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2. Jahrgang —> Nr. 17 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DTE BRITISCHE ZÖNE 17. Dezember 1.947 — Seite S DEUTSCHLAND ♦ Etwa vier Milliarden Mark war der Wert des jüdischen - Vermögens, das, die; Nationalsozialisten in Berlin beschlagnahmt, haben. Zur Zeit wird eine Anordnung vorbereitet, : ch der nicht hur das vom „Reich1, beschlagnahmte, sondern auch das von Graten erworbene, ehemalige jüdische Vermögen angemeldet werden muß. Die Alliierten lassen bereits 5000 ehemals jüdische' Geschäfte Und Grund-. stücke von Treuhändern verwalten. Die Gesetzesvorlage der SED über die Rückgabe jüdischen Vermögens, die in ier letzten Berliner Städtverordnetensitzung dem Rechtsausschuß überwiesen worden ist, befaßt sich nur mit' dem Haus- und ■ Grundbesitz 1 der - jüdischen Gemeinde. Der „Hauptausschuß Opfer des Faschismus“ wird dem Magistrat eine Gesetzesvorlage zülei,ten, die 288 Millionen Mark als. Wiedergutmachung für .die rassisch und politisch Verfolgten vorsieht. 15 030'rassisch oder politisch verfolgte Berliner sollen für jeden Hafttag zehn Mark und für jeden Tag Zwangsarbeit fünf Mark erhalten. i>as in ganz Deutschland den Juden vom ,,Dritten Reich“ entzögen? Vermögen soll nach einer Schätzung des Leiters, der Berliner-; Jüdischen Gemeinde, Dr. H. E. Fabian; etwa 10 Milliarden Mark betragen. (DPD.) - : '■ * Mit' dem - im amerikanischen Rückorstattungsgesetz als „herrenloses -.Eigentum“ bezeichneten ehemals jüdischen Vermögen befaßte sich Staatskomrnissar Dr. Auerbach, München, im einer Presseerklärung. Während das Gesetz bestimmt, daß .jeder Nachkomme des'früheren Besitzers*Erbansprüche stellen kann, tritt der Staatskommissar' für eine Beschränkung des Erbrechtes bis zum dritten Verwandtschaftsgrad ein, Er meirite, die Juden wollten nicnts' von denjenigen erhalten, die sie auch in normalen feiten nicht beerbt hätten*»» Er schlug vor, daß die nicht vererbbaren Werte dem im Gesetzvorgesehenen „internationalen ' Fonds“ zugeleitet, -würden, der für Anleihen an Pälär stinasiedler und Zahlungen an heimatlose Juden dienen solle. (DEN A.) - Die' Vereinigung der Verfolgten des Nazireglmes (VVN) wurde jetzt von der Aliierten Kommandantur auch für das Gebiet von Groß-Berlin zugelassen. Berlin war bisher der einzige Ort in Deutschland, wo 'die VVN noch nicht' Offiziell genehmigt war. Gleichfalls zugelassen wurde der Verband der Opfer der Nürnberger Gesetzgebung (OdN). Die Organisationen haben künftig die Namen ,,Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ und „Berliner Verband der' Opfer (der Nürnberger Gesetze“.zu führen. (APN.) 'Wie wir s. Zt. berichteten, ist Josef Rosensaft auf Grund eines Beschlusses der Exekutive des Zentral-Komitees zu Verhandlungen mit unseren jüdischen Organisationen in England nach London geflogen. Nach einem einwöehigen Aufenthalt kam er am -30. November -hach, Belsen zurück. Er wird auf einer, dieser Tage stattfindenden Exekutivsitzung Bericht über seine Reise geben . Der Jewish (Advlser der amerikanischen Militär-Regierung Judge Levinthal besuchte auf seiner Durchfahrt nach den „Exodus“- < Lägern zusammen mit seiner Frau, Major - H e y m 3 n n und Caplan R o b i n s das Lager Bergen-Belsen. Unter Führung von Hadassah Bimko, Samuel Weiii traub und Paul Trepgmann sowie von Direktor Sam Dali o b und Vidä Kauf m a n vom Joint machten Sie einen Durchgang durch das Lager. Es wurden sämtliche Institutionen des Lagers, wie Volksschule, Kindergarten, Ambulanz, Talmud Thora, Redaktioh und' Drukkerei „Unsere Stimme“ sowie die Administration des Zentral-Komitees besichtigt. Die Besucher gaben ihrer freudigen Ueberraschung über. die starken Aktivitäten Ausdruck, von denen sie' sich überzeugen konnten, und’ bedankten sich für. die herzliche Aufnahme, die •ihnen zuteil wurde. . Sitzung der Exekutive des ZK, Am 10. Dezember fand in Be.rgen-ßel sen eine Sitzung der Exekutive des ^Zentralkomitees der befreiten Juden in der britischen Zone“ statt. An Stelle'des nach Erez ausgewanderten Exekutivmjtgliede> Horowitz wurde als Vertreter der AgudatL Jisroel, Chawer I ondner, in die Exekutive gewählt. Der Vorsitzende RosenstM.betont? zu Beginn der Sitzung die erfreuehe Tatsache, daß 35 Nationen der UNO ihr Einverständnis zum Teilungsplan gegeben hau-r Aus Anlaß die*- ser historischen Begebenh* it soll von Seiten des Zentralkomitees ein Manifest an die jüdische Bevölkerung der britischen Zone erlassen werden. Kosensaft gab einen Bericht (übef seine in London geführten informatorischen Besprechen- - gen mit R- B. Salornon. dem jüdischen Beratet für die britische Zone sowie mit den , Vertretern des World Jewi h Congress. Diese Besprechungen sollen in nächster Zeit von Rosensaft gemeinsam mit Noibert Wollheim in London fortgesetzt werden Zu der im Februar staUfindonden Tagung des World Jewish Congress in Genf sollen von Seifen des Zentral, omitees sowie auch der Gemeinden Vertreter entsandt werden, deren Auswahl dem Präsidium überlassen wurrie. , « 'Die Gründung einer juristischen Abteilung zur Schlichtung von Streitfällen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft sowie rar Ausarbeitung von juristischen Gutachten wurde beschlossen.1 Die zur Zeit bei Wilhelmshaven untergebrachten Schwestern und Brüder , der „Exodus“ hatten zu der Tagung Chawer M. Rossmann als Vertreter entsandt.* Dieser gab seiner Dankbarkeit Ausdruck für die Hilfsbereitschaft sowie für das% Solidaritätsgefühl, welches von Seiten der in der britischen Zone lebenden Juden den Menschen von der „Exodus“ entgegengebracht wurde und noch zuteil wird. Dieses Gemeinschaftsgefühl bedeutet für sie eine moralische Stärkung und läßt/ die , Wartezeit, bis sich die Tore von Erez endgültig für die Menschen .dm „Exodus“ öffnen, leichter ertragen. Im kleinen' Kreise fand eine Zusammenkunft aus , Anlaß des von der UNO beschlossenen Teilungsplanes statt. Als Gast waren Vertreter der örtlichen britischen Militärregierung Sowie des Joint, der Jewish Relief Unit,' der Jewish Agency u. a. anwesend. Rosensaft erwähnte in kurzen, Worten, welche Freude die. Tatsache, daß die Juden endlich wieder eine Heimstätte Ihr eisen nennen können, in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung der ganzen Welt ausgelöst hat. v;/j Mogo. Ehrung unserer „FxodusVMenschen“ in Belsen Unter Führung von Mordechai * R o ß mn n n tagte eine Delegation unserer Menschen von der „Exodus“ in Belsen. Die Bevölkerung des Lagers Belsen nahm die Gelegenheit ' wahr diesen hervorragenden Vertretern der 4500 eine Ovation darzubringen. ' , . - ' \■ . . ' . Im überfüllten Kinosaal richtete Dow Laufe r namens des Zentral-Komitees Worte der Begrüßung a,n die Delegierten, während M. Goldman die Grüße des örtlichen Komi- , tees übermittelte. Xm; Auftrag? der jüdischen Agentur für Palästina sprach Dr. Kurt Lew!n.. ■ Ein im Anschluß daran gehaltenes Referat von Mordechai Roßmgnn machte einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer. Diese einzigartige^ Veranstaltung wurde trat der Hatikwah geschlossen. D. P.*PROBLEME Als Präsident Trumari kürzlich einen Gedenkstein für den im Jahre 1926 verstorbenen Oskar Salornon Straus, den ehemaligen amerikanischen Botschafter in der Türkei und späteren Handels- und Arbeitsminister unter Roosevelt, enthüllte, erklärte er, die Familie Straus, zu der bedeutende Persönlichkeiten gehörten, seien D. Ps; gewesen. „Ich wünschte“, so führte Truman aus „wir wären heut® etwas tolerant, um der Situation,, die; wir zu meistern haben, gerecht zu werden*— in der gleichen Weise wie in den Jahren 1852 und 1854, als die Familie Strajus in unser Land kam. Ueberlegen wir uns einmal, was geschehen wäre: wir würden die Dienste jenes großen Mannes und seiner Brüder verloreh haben, wertn wir damals dem gleichen Programm gefolgt wären, das wir nun einhalten.“ Diese Bemerkung war offensichtlich für diejenigen Mitglieder^ des Kongresses bestimmt,: die auf mehrfache Appelle Trumans an den Kongreß, D. Ps. die Erlaubnis zu geben, nach Amerika einzuwandem, nicht eingegangen sind. DAS . JÜDISCHE GHMEINDEFLÄTT“ AUF DER DEUTSCHEN PRESSEAUSSTEIil UN6 '1&47 IN DÜSSELDORF AuscKwitZ’Prozeß Vor dem Obersten Polniscnen Gerichtshof in Krakau begann der Prozeß .gegen 40 ehemalige Angehörige des Konzentrationslagers Auschwitz mit der Verlesung der .Anklageschrift. Sie wirft den Angeklagten vor, an der moralischen Degenerierung und. der biologischen Ausrottung unterworfener Völker .führ rend beteiligt gewesen zu sein. An den Verhandlungen ^nehmen russischeamerikanisene und französische Delegierte teil. Der Hauptangfcklagte Arthur Liebenhenschel versuchte inder Verhandlung, für die in Auschwitz begangenen Verbrechen seine Vorgesetzten verantwortlich zu machen. (DENAS Die Hauptangeklagten Aumeier, Grabner, Genring und Plagge wurden schwer belastet. Ein Zeuge berichtete. Gehring habe, wenn er betrunken war, Häftlinge niedex geschossen. Plagge habe wiederholt russische Gefangene dürch Schläge auf den Kopf getötet. Ein anderer Zeuge sagte: im Frühjahr 1941 hätten Ehefrauen und Kinder der im Lager stationierten SS-Männer einer Erschießung von 130 Polen zugesehen. "Wiederholt seien, Häftlinge, die' nicht genug leisteten direkt vonihrem Arbeitsplatz in die Gaskammern gebracht worden. * Von russischen Gerangenen, die vorn Lager^ einem Industrieunternehmen, zur Verfügung gestellt worden» waren,, seien nach drei Monaten nur noch 50 am Leben gewesen. Nach der Flucht eines Polen habe man 800 Polen des betreffenden- Lager,blocks drei Tage und drei Nächte im Freien stehen lassen. Viele seien dabei vor Erschöpfung gestorben. Obwohl man den Geflüchteten wieder ergriffen habe, sei von Aumeier die Erschießung Von 80 Polen angeordnet worden Diese Untat habe ihm die Beförderung zum Lagerkommandanten eingetragen. Mit besonderen Apparaten, die eigentlich zum Schlachten von Vieh bestimmt gewesen seien, habe die SS einen Transport von Häftlingen aus Lublin niedergemacht. (DPD.) Der Zeuge Mendelbaum war im Krematorium des Lagers' beschäftigt. Nach seiner Darstellung sind anmanchen Tagen so viere 1 r»gerinsassen getötet,worden daß d e Verbrennung6 der Vergasten' Ihr Krematorium kaum bewältigt werden konnte. Game Transporte aus Italien, Griechenland Holland Belgien und anderen besetzten Gebieten seien vergast und Verbrannt worden, ln der letzten Zeit habe-s man bis zu 30U Menschen auf einmal ermordet (DPD.) v Der Zeuge Edwin Oleszbwski sagte, von 250'OdO registrierten Gefangenen .seien 501)00 vergast worden. Transporte aus demAuslajide seien vielfach ohne Registrierung sofort imdie Gaskammern geleitet worden, Für dpn Tod Zehntausender von Gefangenen machte der Zeuge besonders. die beiden ehemaligen stellvertretenden ' Lagerkommandanten Hans Aumeier und Max Grabner verantwortlich. (DPD.) Jurist en*Prozeß Wegen Kriegsverbrechens und Verbrechens gegen die -Menschlichkeit verurteilte nach einer Prozeßdauer von mehr als neun Monaten das amerikanische Militärgericht in Nürnberg folgende ehemaligehohe Nazijuristen zu Gefängnis: Mit . lebenslänglicher Haft wurden bestraft: die ehemaligen Staatssekretäre im Reichsjustizministerium Schier gelberger . und Klemm, .der ehemalige Reichsanwalt am Volksgericht, ‘ Rothaug und der ehemalige Lande'-gericbtsrat ■ beim Sondergericht in Nürnberg, Oeschey. Sieben Janre Gefärfgnis erhielt der ehemalige Staatssekretär , Roth enberger, . zehn Jahre der ehemalige Reichsanwalt , beim, Volksgericht, 1,-autz, der ehemalige Ministerial Dirigent Mettgenberg, der -ehemalige Ministerialrat, von Ammern und der ehemalige Referent im Reichsjustizministerium. Joei. Der Angeklagte Altstätter würde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. 1 Freigesprochen wurden: der ehemalige Reichsanwalt beim Volksgericht, Barnicker, der ehemalige Laienrichter beim Volksgericht. Petersen. der ehemalige Senatspräsident beim Volksgerlcht, Nebelung und der ehemalige Senatspräsidexv. beim Sondergericht ifr Stuttgart, CuhorsE Die Verteidigung will gegen die Verurteilung Revision einlegen. weil nach englisch-amerikanischer Auffassung*'jeder Richtet durch Immunität geschützt sei und diese Immunität den verurteil-' ten Juristen nicht, aberkannt werden könnfe. Bei der Urteilsverkündung erklärte, das amerikanische Militärgericht. daß nicht nur Deutsche Kriegsverbrechern begangen hätten. Personen anderer Nationalität die sich gegen die internationalen Gesetze verpjneen, könnten zweifellos von dein Staat,- dessen 'Bürger sie waren, oder von dem Staat in welchem die Verbrechen begangen wurden, sofern dieser ihrer habhaft wird, oder, von einem bevollmächtigten internationalen Ger chtsbof rät Rechenschaft gezogen und bestraft werden. (DPD) AerzfecProzeß General Lucius D. Clay hat sämtliche Gnadengesuche der nationalsozialistischen Aerzte Und Wissenschaftler abgelehnt, die am 20. August' in Nürnberg verurteilt worden waren.- Di? Entscheidung’ des Obersten Bundesgerichtshofes der ,Vereinigten Staaten steht noch aus. (Dena) I.G.*Prozeß Die amerikanische Anklagevertretung legte in N ü r n b e r g Dokumente vor, aus denen' hervorgeht, daß, mit Wissen und Unterstützung der I. G. in mehreren Konzentrationslägern. häufig Häftlinge zu. tödlicher? Versuchen mit I. G.-Kampfstoffen mißbraucht worden sind. Zwischen den Werken in Höchst, Marburg, Leverküsen und den SS-Lagerärzten in Buchenwald und Auschwitz bestand ein umfangreicher schriftlicher und /mündlicher. Erfahrungsaustausch über die Fleckfieberexperimeftte an Menschen. Diese Korrespondenz wurde jedoch streng geheim geführt, da die I. G. „offizien“ von diesen Experimenten, nichts wissen wollte. Der im Aerzteprozeß zum Tode verurteilte ehemalig«. Lagerarzt des Kon» zentrationaslagers Manthausen, Dr. H. Vetter, hat Weiteren Dokumenten zufolge von der I. G, immer wieder Präparate für seine Versuche an. Häftlingen erhalten. Nach Ansicht d?r Anklagevertretung . war die I. G. über die Art der Versuche Vetters genau unterrichtete (Dena) ,x . Ohfesidoff&Prozeß Xm Nürnberger Prozeß gegen die „Einsatzgruppen“ sagte der Angeklagte Ernst BI » berstein als Zeuge in eigener Sache aus. Nach' Ansicht Bibersteins, der früher Pfarrer war, hat unter dem nationalsozialistischen Regime „volle religiöse Freiheit“ geherrscht. Er glaübe auch heute noch daß die Juden in ihrem Glauben nifcht behindert worden seien. Auf die Frage de? Vorsitz* nden; ob die Pbr grome des Jahres 1938 mit dieser „religiösen Freiheit“ vereinbar gewesen seien, erwiderte der Angeklagte, die Zerstörung der Synagogen sei keine Aktion des ‘nationalsozialistischen Staates, gewesen. Von der Verschickung der .Juden in Konzentratiohslager will Biberstein nichts gewußt haben. Im ,,Reichssich?j> heitshauptamt“, wohin er im Jahre 1940 kommandiert worden sei habe ihn die Arbeit im „Judenreferat“ besonders beeindruckt. Dort habe man an Plänen gearbeitet, wonach den europäischen Juden aut Madagaskar eine neue Heimat geschaffen werden sollte. Das günstige Klima und der fruchtbare'Boden hätten, so meinte der Angeklagte die Insel viel geeigneter erscheinen lassen als Palästina. (Dena) Von einem amerikanischen Militärgericht in Dachau wurde1 der ehemalige SS-Unterscharführer Joseph Sehramm zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Er war von den ehemaligen KZ-Häftlingen als der „brutalste Mann von Buchen Wal d “ bezeichnet worden. (Dena) .