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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-11-30 · 16 (30.11.1947) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
2 (1947/48)
Issue
16 (30.11.1947)
Date
1947-11-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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2. Jahrgang — Nr. iS jüdisches gemeindeblatt für die britische ssonb SO. November 194? — Seite 5 1887-1947: Jubilare Jra Abstand von etwa einem Monat überschreiten zwei hervorragende jüdische Kulturträger, die aus dem mitteleuropäischen Raum hervorgegangen sind, die Schwelle, ihres abgeschlossenen sechsten Lebensjahrzehnts. Beide leben sie fern von uns. Am 10. November wurde Arnold Zweig, der in Glogau geborene, betont jüdische Schriftsteller, 60 Jahre alt. Seit langem wohnt und wirkt er in Palästina. Schon : vor dem ersten Weltkrieg trat er mit viel beachteten Erzählungen hervor, z. B. mit den im jüdischen Mileu spielenden „Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer“. Das Erlebnis des Krieges 1914—18 fand im „Streit um den Sergeanten Grischa“ seinen Niederschlag, einem Buch, das Zweig weit hekannt gemacht hat und von radikal-nationalistischer Seite in Deutschland scharf kritisiert wurde. Von seinen übrigen zahlreichen Werken seien hier nur genannt die Novelle „Pont und Anna“, sein Essay gegen den Antisemitismus „Caliban“, sein Roman „Die Axt von Wandsbeck“, das Drama „Die Sendung Semaels“ (eine Tragödie, der die sog. Blutbeschuldigung von Tisza-Eszlar aus dem Jahre 1882 zugrundeliegt), kulturhistorische Schriften wie „Das ostjüdische Antlitz“ und „Der Jude auf der deutschen Bühne“. Seit langem bekennt sich Zweig zum Zionismus. Vor etwa zwei Jahren war gelegentlich davon die Rede, daß er sich mit der Absicht trage, nach Deutschland zurückzukehren. Der andere Jubilar ist der Komponist Ernst Toch, der am 7. Dezember seinen 60. Geburtstag begeht. In Wien geboren, lebt Toch seit langer Zeit in den Vereinigten Staaten, wo er sich nach wie vor vor allem auf dem Gebiet moderner Kammermusik betätigt, -th.- Geplanfe Heine»Ehrungen Im Mittelpunkt der offiziellen Tagesordnung der Düsseldorfer Stadtverordnetensitzung am 17. November stand eine Aussprache über die Form der Heine-Ehrung anläßlich seines 150, Geburtstages am 13. Dezember. Gegen zwei Stimmen wurde der folgende Beschluß gefaßt: Die Stadt Düsseldorf gedenkt am 13, Dezember des 150jährigen Geburtstages Heinrich Heines. Die Stadtverordnetenversammlung beauftragt die Verwaltung, rechtzeitig die Vorbereitungen für würdige Erinnerungsfeiern zu treffen, in denen die Persönlichkeit des großen Dichters als Künstler und seine geschichtliche Stellung umfassen und gedeutet wird. Am Tage des 150. Geburtstages Heinrich Heines werden der Immermann-Preis für Literatur, der Cornelius-Preis für bildende Kunst, der Robert-Schumann-Preis für Musik der Stadt Düsseldorf erneuert. Die Verwaltung wird beauftragt, der Stadtverordnetenversammlung eine Vorlage zur Wiederherstellung des Gebäudes auf dem Ananasberg zu machen nach Maßgabe der vom Kultur- und Hauptausschuß vorgesehenen Planung. In diesem Gebäude ist die Unterbringung der Heine-Sam ml ung in zwei würdigen Räumlichkeiten vorzusehen. Hierbei sollen die anderweitigen baulichen Verpflichtungen der Stadt Düsseldorf, insbesondere auch auf dem Gebiete ' der Kulturpflege, berücksichtigt werden. Die Verwaltung wird beauftragt, bis zum 1. Februar 1948 die Bedingungen für ein Preisausschreiben zur Errichtung eines Heinrich-Heine-Denkmals vorzulegen und nach Genehmigung durch die Stadtverordnetenversammlung zu veröffentlichen. Was „Schocken - Bücherei“ einst war, was Schocken-Verlag und „Schocken Books“ heute sind und welche Bedeutung sie im jüdischen Leben der letzten 16 Jahre gespielt und gewonnen haben, ist überall da bekannt, wo jüdisches Geistesleben gefördert und gepflegt wird. Sei es Theologie und Bibelübersetzung, sei es, allgemeiner gesehen, jüdische Wissenschaft (Geschichte, Folklore, Gegenwartskunde): der Name. Schocken bürgt für wissenschaftliche Qualität, für Auswahl des Guten und Wertvollen und für Vielseitigkeit des Gebotenen. Salmann Schocken, im Posenschen Margonin geboren, ist vor kurzem 70 Jahre alt geworden. Zwar gehörte' er zu den Gründern des gleichnamigen Warenhauskonzerns, aber Liebe und Neigung verbanden ihn von je her mit Wissenschaft und Büchern. Und so wurde aus dem Freund von Buch und Wissenschaft und dem Sammler allgemeiner und insbesondere jüdischer Literatur der jüdische Verleger, der im Jahre 1931 in Berlin den Schocken-Verlag ins Leben rief. Buber und Rosenzweig (Bibelübersetzung), waren unter den ersten Autoren. Ein Forschungsinstitut für hebräische Dichtung wurde geschaffen. Rasch wuchs die Zahl der von Schocker) mit Liebe udn Gescmack verlegten Werke, und weil sie gut ausgewähltes, wertvolles jüdisches Gut in großen Auflagen vermittelten, bildeten sie einen unersetzbaren Beitrag zur renaissanceartigen jüdischen Bildungsbewegung in Deutschland vor und nach der Machtübernahme durch die Nazis. 1933 wurde der Verlag nach Jerusalem verlegt, wohin Salmann Schocken auch seine einzigartige, ausgedehnte Sammlung von Autographien, hebräischen Büchern und Manuskripten, von deutscher Literatur, Lithographien, Stichen usw. retten konnte, die heute jüdischen Forschern und Schriftstellern zur Verfügung steht. Der Verlag setzte dort die Tradition — nach der wissenschaftlichen, publizistischen und ästhetischen Seite hin — fort, mit der er in Berlin begonnen hatte, und es stellt heute die unumstritten führende Unternehmung dieser Art in Palästina dar, die jüdische Wissenschaft auf breitester Basis fördert und verbreitet. Vor nicht allzu langer Zeit gründete Salmann Schocken eine separate Firma in New York: die „Schocken Books“, die Werke jüdischer Schriftsteller, und Wissenschaftler unserer Zeit zum Inhalt haben, aber auch englische Uebersetzungen älterer jüdischer Literatur und Reproduktionen jüdischer Kunst. Um den weiten Rahmen, der den „Schocken Books“ . gesetzt ist, anzudeuten, sei nur auf Autoren hin ge wiesen wie Nahum N. Glatzer, Martin Buber, Gershom G. Scholem, Leo Baeck, Immanuel Olsvanger, Kurt Wolfskehl, Max Brod, Franz Kafka, Bella Chagall und S. J. Agnon. Aber man findet auch Heinrich Heine und Salomon Maimon. Salmann Schocken, dem Initiativreichen und Unermüdlichen, ist die jüdische Welt, m seinem 70. Geburtstage Dank und Anerkennung schuldig, —th.— Das Wort „Joint“ ist heute mehr denn je zu einem Begriff geworden; Indes, man übersieht zuweilen, daß es sich dabei um das „American Jewish Joint Distribution Committee“ hanr delt; man weiß oft nicht, daß diese Organisation eine alte, sozusagen eine alteingeführte, kurz nach Ausbruch des ersten Weltkrieges, ins Leben gerufene amerikanisch-jüdische Hilfskörperschaft ist, die Juden in Osteuropa und Palästina zur Seite stand und man hat hier und da keine rechte Vorstellung davon, welchen Faktoren und welchen Persönlichkeiten die Gründung dieses wichtigen Instruments jüdischer Hilfstätigkeit zuzuschreiben ist. Vor wenigen Wochen jährte sich zum sehnten Male der Todestag von Felix M. War'- burg, der, 1871 in Hamburg geboren, schon 1894 nach Amerika übersiedelte und am 20% Oktober 1937 in New York starb. Er, der Bankier und Philanthrop, war der Schöpfer des „Joint“. Er war der erste Präsident und bis zu seinem Tode der Ehrenpräsident dieser, auf seiner und der Initiative anderer, vorwiegend aus Deutschland stammender Juden beruhenden Organisation. Er war es, der die Sozialarbeit der Juden Amerikas über den Ozean vor allem nach Osteuropa hinübergreifen ließ, und er trat für konstruktive und produktive Fürsorge unter weitgehender Anwendung des Selbsthilfeprinzips ein. Daneben ließ er, sei es. als. Präsident, als Kurator oder als Mitglied maßgebender Komitees, auch vielen jüdischen und nichtjüdischen Institutionen, wie dem Jewish Theologien! Serainary, aus dem auch europäische Rabbiner hervorgegangen sind, sowie Bibliotheken, Museen, Schulen und Stiftungen mannigfacher Art eifrige und uneigennützige Förderung zuteil werden. Seit seinem, im Jahre 1925 erfolgten Besuch Palästinas hat sich War« bürg auch mit besonderem Interesse der Aufbauarbeit von Erez Israel zugewandt, sich als Nicht-Zionist führend beim Zustandekommen der erweiterten Jewish Agency betätigt und die Hebräische Universität in Jerusalem durch beträchtliche Spenden gefördert. Er verkörperte den Typ eines Weltstaatsmannes, der für internationale und interkonfessionelle Verständigung kämpfte. Und als .er starb, schrieb kein geringerer als Leo Baeck: „Es ist nicht zuletzt sein Verdienst, daß das „American Joint Distribution Committee“ eine nüchterne Bezeichnung für ein grandioses Werk — seine innere Lebendigkeit und Schwungkraft bewahrt hat, daß es höhere Ziele vor sich erblickte und zu ihnen Wege emporführte, daß so immer neue Gewißheit von ihm aüsging,“ Und an anderer Stelle, ebenfalls im Zusammenhang mit dem Hinscheiden von Felix M. Warburg, führte Dr. Baeck damals aus: der „Joint“ sei kein Hilfswerk wie manches andere, er sei „ein Gebot ohne Ende“, seine Pflicht sei bleibend, solange die Not unter Juden bleibe. Und der rechte Mann für das „Joint“-Werk sei Felix Warburg schon deshalb gewesen, weil er aus Deutschland gekommen war, dem Lande der Nachbarschaft östlicher jüdischer Not und der ersten organisierten Hilfe für sie. Warburg habe nie vergessen, woher er kam, und er habe es nie vergessen wollen. Dadurch sei in sein Leben der „Sinn älterer Aristokratie“ und der „Geist ältesten Adels“ gekommen, der „alttestamentarische Glanz“, ohne den die Geschichte Amerikas nicht zu denken sei. egl. VON ILSE COHNEN. LONDON Wir haben gesehen (vergl. „Jüdisches Gemeindeblatt“Nr. 8 vom 20. Juli 1947), wie. jüdische Bibliotheken früh aus der Notwendigkeit religiöser Unterweisung bei den Lehrhäusern entstanden. Sie setzten sich zusammen aus Bibel- und Talmudausgabsn, Kommentaren, Predigten, und waren zunächst Handschriften. Einen neuen Antrieb erhielt das Bibliothekswesen durch die Bücher liebe der Renaissance und des Humanismus“'. Den entscheidenden, Wendepunkt in der Pflege des Buches bildet dessen massenhafte Erzeugung, die mit der Erfindung des Buchdruckes möglich wurde. In unserer Darstellung sollen daher Entwicklung der hebräischen Typographie und Gedeihen jüdischer Bibliotheken als eng miteinander verknüpft betrachtet werden. Die Bibliothek der Renaissance unterscheidet sich in ihrer äußeren - Form unwesentlich von der mittelalterlichen, aber sie weist eine höhere künstlerische Durchbildung auf. Mit der Bücherliebe, welche durch die Wiederbelebung des klassischen Altertums geweckt wurde, trifft eine hohe Baugesinnung zusammen. Dies vor allem in Italien. Die Entwicklung der Bibliotheken nach dem Mittelalter geht über die Privatbüchereien. Fürsten und Mäqene erfaßten zuerst die gesellschaftliche Bedeutung der Büchersammlungen, deren Handschriften, ähnlich mittelalterlichem Brauche, an Ketten auf einem niedrigen Pult angeschlossen waren, das mit einer Sitzgelegenheit zusammenhing. Der Schrank als Aufbewahrungsort für Druckerzeugnisse war noch unbekannt. Kann vor Erfindung der Buchdruckerkunst von umfangreichen Bibliotheken, wie wir sie heute, kennen, kaum die Rede sein, so besaßen dochj die Juden in den romanisch-germanischen' Ländern einen verhältnismäßig größeren Büehersehatz als die Christen Liebe zu den Büchern, gleich anderen Bildungselementen, scheint von der iberischen Halbinsel nach Italien verpflanzt worden zu sein:, in das Land, in dem auch die Wiege der hebräischen Typographie stehen sollte, war eg doeh im 15. Jahrhundert der Mittelpunkt europäischer/ Wissenschaft, und nicht minder ein Sammelplatz , jüdischer Gelehrsamkeit. Die aus der pyrenäischen Halbinsel vertriebenen Juden hatten in Italien eine Zufluchtstätte gefunden und dorthin ihre jüdische Literatur gebracht. Venedig, Cremona, Ferrara, Mantua, Sabionetta, Fano, Bologna, Brescia teilen mit Saloniki, Konstantinopel, Amsterdam, Basel, Prag, Krakau, Lublin, Frankfurt a. M. den Ruhm, die wertvollsten hebräischen Drucke hergestellt zu haben. Von Italien aus breitete sich einerseits noch im 15. Jahrhundert die hebräische Typographie nach Spanien aus, um daselbst nach kurzer Wirksamkeit zu erlöschen, andererseits im 16. Jahrhundert nach dem Orient, zunächst über Konstantinopel nach Saloniki; etwas später hielt sie in Deutschland ihren Einzug, in Holland und den slawischen Ländern, sowie mit einzelnen unbedeutenden Ansätzen in Frankreich und England, um in Italien zu höchster Blüte zu gelangen. Ueber das Jahr, in dem di"? Juden zu drucken begannen, gehen die Meinungen der Gelehrten auseinander. Wir wissen jedoch mit Simann kannte ihn zu lange, um nicht zu wissen, daß er seit zehn Minuten Theater gespielt hatte. Was Friedmann freilich nicht wissen konnte, war der Inhalt eines Briefes, derihm vor etwa zwei Wochen überbracht worden war und dessen Empfang er noch zu bestätigen hatte. Er kam aus dem Amtszimmer des Regierungspräsidenten der Nachbarstadt, aber der Präsident hatte ihn nieht unterschrieben. Die Unterschrift war unleserlich; umso klarer das Wort Gauleiter, das in eckigen Buchstaben dem Leser geradezu ins Gesicht sprang. Neben der Unterschrift stand der Stempel der Parteileitung. Daß man ein rotes Stempelkissen benutzte, zählte zu den kleinen Ironien, vor denen anscheinend auch die Leitung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei nicht sicher war. Der Inhalt des Briefes wai kurz und sachlich: Der Herr Oberbürgermeister wurde ersucht, sich auf den Boden der Tatsachen zu stellen. Ein Nachsatz enthielt einen Hinweis auf die Volksstimmung. Der Hinweis war etwas dunkel; war man hellhörig, so konnte man eine Drohung heraushören. Der Herr Oberbürgermeister stellte sich auf den Boden der Tatsachen. Daß er sich auf ihnen noch nicht sicher fühlte, war nicht zu verwundern, — hatte er doch zu den Verfechtern der Weimarer Republik gehört. Aber Uebung macht den Meister. Die Partei-Literatur und die fresse sjanden ihm zur Seite, und es war keine Frage, daß er glücklich am Ufer des Dritten Reiches landen würde. Die augenblickliche Stimmung war ein Rückfall; es galt ihn zu überwinden. Das nächstliegende zuerst Der Oberbürgermeister nahm einen Briefbogen mit dem Stadtwappen am Kopfe und schrieb: „An den "Vorsitzenden der Ortsgruppe der NSDAP. Ich erlaube mir; hiermit meine Mitgliedschaft zu äer SA. zu beantragen. Ergebenst Dr. Schmidt, Oberbürgermeister.“ - (Aus den „Tagebuchblättem 1933“) Ernst Sommer: Himmelfahrt in den Abgrund Wir bringen im folgenden ein Kapitel aus dem Roman „Revolte der Heiligen“ von Ernst Sommer, der den Aufstand jüdischer Häftlinge in einem deutschen Arbeitslager in Polen schildert. Der abgedruckte Abschnitt stellt die Tat des jüdischen Häftlings Jan, der im Lager als Chauffeur arbeitete, dar. D. Red. Unmittelbar vor dem Schloß, in der Richtung auf den Bahnhof zu, begann das Terrain plötzlich abschüssig zu werden. Niemals hatte Jan diese Stelle beachtet. Sooft er sie nunmehr mit seinem Fahrzeug passierte, fiel ihm auf, wie sehr dieser Platz zum Absturz geeignet wär. Ein Wagen, der zu weit in die Krümmung geriet, fiel, von der Fliehkraft erfaßt, dreißig Meter in die Tiefe, Unten war felsiger Boden. Durch Jans Bewußtsein rollten in dumpfer Eintönigkeit Lastzüge mit Menschentransporten. Ihre lebende Fracht waltete auf ihre letzte Stunde. Brigola wandelte durch wappengeschmückte Hallen und brachte, das Blut wehrloser Opfer zum Gerinnen. ( Lebenden war nicht bloß das eigene Schicksal auferlegt. Sie hatten auch noch das der Toten zu tragen. Wer starb, befreite sich von der Last des Erlebens. Andere hatten die Erbschaft anzutreten. Sie erbten, ob sie wollten oder nicht, den Nachlaß. Mit solchen Gedanken passierte Jan täglich viermal den Abgrund. Täglich übte die "Stelle stärkere Anziehungskraft aus. Die Magik der Tiefe wirkte mit tödlicher Gewißheit Eines Tages fuhr Jan eine Ladung Präzisionsmaschinen vom Bahnhof ab. Ihres hohen Wertes halber saß neben Jan ein besonderer Begleiter. Es war ein glühender Sommertag. Die Landschaft lag in tiefem Frieden. Felder und Wiesen dampften vor Glut. Ueber die Straße fiel der Schatten hoher Bäume. Dem Abgrund sich nähernd, faßte Jan seinen Willen zusammen. Ihm oblag noch die Erfüllung einer Aufgabe. Er hatte die Belegschaft von der Sinnlosigkeit ihrer Passivität zu überzeugen. Sie klebten an dem Vorsatz, keinen Widerstand zu leisten, mit der Beharrlichkeit eines dumpfen . und unzerstörbaren Selbsterhaltungstriebes. Wie anders konnte er sie befreien als durch Selbstaufopferung? 1 Oftmals hatte er an Selbstmord gedacht, nicht als Flucht aus dem Leben, sondern als Sabotageakt; ein Mittel, den Feind in Verlegenheit zu versetzen, ohne ihm Anlaß zur Wiedervergeltung zu geben. Nunmehr wollte er diesem Selbstmord eine neue Bedeutung verleihen: die einer dauernden Warnung. Niemals war die Gelegenheit zu einem Sabotageakt günstiger gewesen. Der Wagen war bis zum Höchstmaß seiner Tragkraft mit beinahe unersetzlichem Gut beladen. Der Abgrund näherte sich Vorläufig ahnte man ihn bloß. Aber seine Drohung wirkte auch in die Weite. Unablässig übte er seine Anziehungskraft. Jetzt konnte Jan ihn von weitem erblicken. Die Krümmung, die an ihn heranführte, diese jähe und hoffnungsvolle Biegung, war geladen mit Notwendigkeit. Gebückt heftete Jan seine Augen auf die Straße und maß die sich langsam verringernde Entfernung bis zum fernen Dunkel des Abgrundes. Dort, wo er jäh an die Straße griff und ganz tief war, mußte der Wagen mit seinem ganzen Inhalt hinab. Noch besaß der Abgrund keinerlei Beziehung zu denen, die ihn passierten. Nichts verband ihn mit den Menschen. Er stellte einfach eine jähe, steinige Senkung dar, ausgezeichnet durch Klippen, Zacken und Erdvorsprünge. Kaum einer hatte sich jemals an seinem Rande Gedanken gemacht, ob er jemals für Vorübergehende Schicksal bedeuten könnte. Künftighin würde er Signal sein. Keiner der Belegschaft würde in seine Nähe kommen, ohne an Jan zu denken. Jan wollte nicht aufhören, die Gefährten aus dem Abgründ zu beeinflussen. Die Trümmer des Wagens sollten sich in einen Mahnruf verwandeln, Jans Tod in das Aequivalent einer unaufhörlichen Beschwörung In unmittelbarer Nähe des Abgrunds formte Jan das, was Gläubige ein Gebet nennen. Er gammelte alle seine Energien und legte sie in das Gebet Dieses Gebet sollte sein letzter Wille sein. Soweit es Raum hatte, füllte er es mit Vorsatz. Er hinterließ den Zurückbleibenden einen Auftrag. Sie sollten ihre Entscheidung, das Tun oder Nichttun betreffend, revidieren. Sie sollten endlich erkennen, daß Widerstreben notwendig, Nichtwiderstreben fruchtlos war. ' Als Jan den Wagen dichter an den Abgrund her ans teue.r te, wurde sein Begleiter unruhig und versuchte mit jäher Bewegung, dem Fahrer das Lenkrad zu entreißen. Jan stieß ihn mit Macht zurück. Mit triumphierender Gebärde trat er den Gashebel und warf das Lenkrad mit aller Kraft herum. Der Wagen machte einen Satz auf die Tiefe zu. Zuversicht machte Jan beinahe schreien. In dem nächsten Augenblick schwebte der Wagen über dem Abgrund. Jan duckte sich und schloß die Augen. Er sah nicht, wie man dies von Stürzenden beschreibt, sein vergangenes Leben an sich vorübergleiten. Er durchlief nicht in gespenstischer Eile die Stationen seiner Jugend. Er schaute nicht was sich hinter ihm befand. Vor Jans geschlossenen Augen lag machtvolles Dunkel. Er fühlte, die Gewißheit daß sein Handeln notwendig war. Er wußte sich in Uebereinstimmung mit seinem Gewissen. Er hatte nichts zu bereuen, nichts zu vergessen. Wie leicht es sich stürzte! Wie sanft und heiter dieser Abschied war! Künftighin brauch te man nicht mehr zu hassen und nicht mehr zu fürchten. Man brauchte weder anzuklagen noch zu vergeben. Andere würden im gegebenen Zeitpunkt Gericht .abhalten. Er würde nur noeh unter den Opfern genannt sein. Andere würden Urteil sprechen. Er war nur noch stummer Zeuge. Dies also war der letzte Augenblick: Man fuhr, wenn auch nieht aufwärts so doch geradewegs in den Himmel oder wie sonst das Nichts hieß. Es war eine atemberaubende und beseligende Himmelfahrt.

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