Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 16 (30.11.1947)
- Date
- 1947-11-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9498581-9498587-9504477--471-9498503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 — 39. November 1947 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE PfU TISCHE ZONE Erinnerung aus Frankreich Einer unserer nichtjüdisdien Freunde, der zu denen gehört, die Zwei Jahre lang Sah ich Dich dort aufwachsen 1933 sofort die Konsequenzen fezogen haben, ein Mann, von dem iw -* n- Nr. 16 — 2. Jahrgang: §_ äu ueyen genuri, Uic 1933 sofort die Konsequenzen gezogen haben, ein Mann, von dem wir wissen, daß er in der Emigration eine gute und große Arbeit geleistet hat, übersandte uns vor einigen Wochen, als die „Exodus“» Angelegenheit noch sehr aktuell war, nachstehende Zeilen, die er als „Ofienen Brief'1' bezeichnet und an einen seiner politischen Mitkämpfer richtet. Die Redaktion. Lieber Rüben! Es ist schon lange her, daß wir uns zuerst sahen. Es war in einer kalten Oktobernacht, am Fuße uer Pyrenäen. Wir „Arier“, die wir schon ein Jahr hinter Stächeldraht lagen, sahen Euch kommen. Wie Vieh wart Ihr auf Lastwagen gepackt. Frauen, Greise, und auch Du. kleiner Junge, mitten in diesem Elend. Aus Deutschland deportiert, mußtet Ihr Euch auf die kalte französische Erde legen, weil wir schon vorher die Fußböden aus den leerstehenden Baracken verbrannt hatten, um ßicht zu erfrieren. Wir hatten schon Einiges inzwischen mitgemacht in Deutschland. Gitterstäbe und mit Strom geladener Stacheldraht waren uns nicht fremd. Dann kam die Flucht. Und als man uns nach dem Ausbruch des Krieges wieder in Frankreich einsperrte, und die Gendarmerie uns nach unserer Nationalität fragte, und wir „Deutscher“ sagten, da bekamen wir unsere Prügel dafür. Das war zu verstehen. Hatten doch die Deutschen zum zweiten Mal Frankreich zum Kriegsschauplatz gemacht. in Schlamm und Hungev, und manchmal, wenn wir durch den rostigen Stacheldraht auf die nahen Berge schauten, malten wir uns aus, wie schön es dort sein würde. Und Du fragtest: „Ja, wann?“ Und ich schwieg und dachte „wenn es einmal keinen Faschismus und Antisemitismus mehr geben wird.“ Als später die Gestapo ins Lager kam und wollte die „Arier“ holen, war es Deine Tante Hella, die mir und meinen Freunden eine jüdische Großmutter in die Personalkarten schmuggelte und uns damit rettete. In ihrer freien Zeit wusch sie die Kranken, schleppte Wasser und — obwohl ihre Haare grau wurden — hatte sie immer ein freundliches Wort. Als die Deportationen von Frankreich nach Polen begannen, hatten wir ihr den Vorschlag gemacht, sie hinaus und in Sicherheit zu bringen. Aber sie hat nur den Kopf geschüttelt und ist mit Euch gezogen. Sie wollte Euch nicht im Stich lassen. Das war an dem unglückseligen Tage, da Du und die anderen alle an uns vorüber zogen, und manches Mütterchen in der Aufregung den unnützen. Regenschirm oder die Konservendose, die ihr zwei Jahre lang als Trinkgefäß gedient hatte, verlor. Damals schämten wir uns unserer blonden Haare. Wir versuchten unsere Tränen' zu verbergen und sprachen Euch Mut zu und wußten, es war Lüge.. Noch sehe ich Dein Tornisterchen, Deine winkenden Händchen, so lang und dünn, als ob ein Sonnenstrahl sie hätte brechen können. Und doch .mußtest Du den ganzen Golgatha weg Deines Volkes mitgehen. Bevor die Gestapo ms „kassieren“ konnte, flohen wir mit einigen Freunden — und heute bin ich wieder unter meinen Landsleuten, die Von Jerusalem zum Jam Hamelach Von Dr. s. Jerusalem! Diese Stadt, dieser Name erweckt bei jedem Juden Reminiszenzen der Vergangenheit. Welcher Jude denkt nicht bei diesem Namen' an die herrliche Vergangenheit unseres Vaterlandes, an die Herrschaft der Könige A ,T„ . . " ~ , David und Salomon. an die Belagerungen, ^^«~uaZ1r\^lr wurden zum zweiten Mal verheroischen Kämpfe und an den schrecklichen Wlro er^t (lann zu verstehen, als Untergang unseres Landes. Bei den Juden der inj-‘- *rTT - 1 "*”** * * _ . _ -- V4.Ü«! vtcA-L-U-i. £<<a VGibSIS wir begriffen, daß die französischen und die deutschen faschistischen Methoden vieles gemein hatten. Dafür aber steckten uns nachts ~ die französischen „Politischen“ von nebenan heimlich etwas Eßbares aus ihren Paketen zu. Später mußten wir ansehen, daß Ihr noch einmal mehr verprügelt wurdet Für Dich war es schwer zu verstehen „wdrum“. Ebenso schwer war es zu fassen, daß man Euch wie Vieh in einem Wagen gesperrt hatte und daß Menschen in schwarzer Uniform selbst Deine Mutter traten. Und ein Mann in der gleichen Uniform hatte dabei gestanden, hatte gemächlich einen Apfel gegessen und gelacht, als ob alles nur ein Scherz sei. Und auf der Schule, vorher, hatte Dich ein Fräulein mit blonden Haaren seltsame „Geschichte“ gelehrt. „Oh, diese Juden, sie haben unseren Herrn Jesus ermordet“. Du wußtest nichts von Antisemitismus, glaubtest, und warst rv 1§keit 1er?nern' würde kein Ju- “‘J6“ mlf «*** «M* HauL gelaufen --LUiLL WcLL'&b entsetzt mit dieser Lehre nach Hause gelaufen und hattest- Deinen Eltern Deine Empörung mitgeteilt. Sie hatten nichts gesagt, sie hatten nur Deine braunen Locken gestreichelt, (Das ist, was Deine Mutter mir später erzählte). Dann kamst Du im Nachthemd bei uns an, dreckig und zu Tode ermattet. Deine Augen waren groß, in dunklen Höhlen, als wollten sie das alles;/fassen und begreifen lernen. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an jenes geheime Loch im Stacheldraht, durch das wir zu Euch hinüberschlüpfen konnten. Es war nicht viel, was wir Euch zu bringen hatten, ein wenig Stroh, etwas heißes Wasser. Wir konnten Euch zeigen, wie man aus alten Lumpen eine Leibbinde anfertigt und Tierknochen mit we „?rr -UVsT™ A--T-- -’-* . - - Diaspora erwecken die Worte: Kotei Hamarawi, Altstadt u. ä. heilige Erinnerungen an unsere herrliche Vergangenheit. Unglaublich, fast profan würde es klingen, wollte man behaupten,' daß das jetzige Jerusalem außerhalb. vom eigd&tlichen, unserem alten Jerusalem liegt und sogar die eigentliche Altstadt, lange, lange nach der Zerstörung der Stadt, von Arabern und Türken aufgebaut wurde. Daß von der alten, jüdischen Stadt, vom alten, jüdischen Jerusalem nur ein Teil der Kotei Hamarawi (die westliche Mauer des Tempels, — auf dem Platze des Tempels steht bekanntlich eine arabische Moshee) und die unteren Mauerteile des Migdal David (die Festung Davids) sowie — außerhalb der Stadtmauer-, die Jad Avishalem und der alte, nicht gepflegte Friedhof am „Har Haseisim ‘ an unsere Selbständigkeit erinnern, würde kein Ju- Jo -ft-* rJö-v» - r1 f ’ -^-WM* j-ov Oi-VAVAi. zu'glauben, daß die. alten schmalen, schmutn-- gen und düsteren Gäßchen der Altstadt, nicht von der alten. Stadt, sondern von späterer Zeit des Mittelaltem' und der neueren Zeit herrühren. Wenn man dies alles berücksichtigt, und man die vielen Klöster und Kirchen, die fast von allen Religionen und Glaubensbekenntnissen, eben in und ringsum der Altstadt aufgebaut wurden, versteht man, warum die Empfehlung der ÜN-Kommission, Jerusalem und speziell die Altstadt nich* dem Jüdischen Staat einzugliedern bei unseren Führern keinen so starken — wie zu erwarten wäre — Protest hervorgerufen hat. Durch die vielen, heftigen Kämpfe in und außerhalb Jerusalems während der Jahrhun- -—~ A.ttijn.iiuu.icii lau, weaußerhalb Jerusalems während der Jahrhunnig Holz zu Asche verbrennt, um sich damit derte und nicht weniger durch die Passivität gegen die Dysenterie zu schützen. Dafür gabt der Araber ist das ganze Land und speziell Ihr uns von dem wenigen, was Ihr in der Eile die östliche Gegend von Jerusalem, verwüstet hattet mitnehmen können. Es war nicht nur worden und wüst geblieben. Diese Wüste — eine Gabe für uns, nicht nur die halbe Ziga- Midbar Jehuda — besteht aus mehreren kahrette, die wir mit vieren des Morgens rauchien, fruchtlosen Bergen, durch welche eine in ten, es war mehr. der neuesten Zeit gebaute Asphaltstraße zum Wir lernten einander kennen, und in der Enge Jam Hamelach (Totes Meer' fijhrL Diese Gedes Stachel drahtes wurden wir Freunde, gend ist trotz der Wüste wunderschön und SCHAPIRA sehr interessant Die Straße zum Jam Hamelach ist serpentinenartig und fällt von Jerusalem, das zirka 800 Meter über dem-Meeresspiegel liegt bis zum Jam Hamelach, welches 400 Meter unter dem, Meeresspiegel liegt, um 1200 m auf einer Strecke von zirka 30 km ab. Das Tote Meer oder hebräisch „das salzige Meer“, Jam Hamelach genannt, ist stark salzig und weist keine Spur von Frucht, Gras oder Lebewesen auf. Das Wasser ist kristallklar, so sauber, daß man einen Gegenstand, der hinunterfällt, leicht sehen und aufheben kann. Das Wasser ist fett und mineralhaltig, sodaß der Mensch auf der Oberfläche liegen bleibt ohne jedwede Bewegung zu machen, oder schwimmen zu müssen. Die in diesem Wasser enthaltenen Mineralien werden als erfolgreiche Heilmittel gegen verschiedene Krankheiten, wie Rheumatismus, Gicht usw. angesehen. Kein Wunder, daß unzählige MeAschen das in der Nähe , der Potash- Company aufgebaute große Luxushotel schon jetzt und speziell in den Wintermonatsn bewohnen, um im Meer zu baden. Viele benützen die gute Omnibusverbindung, um von Jerusalem aus hinzufahrtn, Auch hier haben jüdische Pioniere revolutionäre Umwälzung gemacht. Diese salzige Gegend, die jedes Lebewesen oder Gewächs ausschließt, ist versuchsweise von jüdischen Helden, unter größter Lebensgefahr und bei Anwendung kollosaler Mühe und aufopfernder Arbeit und idealistischer Ausdauer solange mit süßem Wasser künstlich bewässert und durch spezielle Kanäle abgespült worden, bis der Salzgehalt vom Boden Verschwand und der Anbau von Pflanzen und die Herstellung einer musterhaften Agrarwirtschaft, wo rtn Kibbuz von über' Hundert Personen entstand, — ermöglichte. Das, was viele maßgebende Weltexperten der Amelioration und der Landwirtschaft für Wahnsinn und unmöglich hielten, wurde hier zur Wirklichkeit. Jüdische, fruchtbare, grünbedeckte Kolonien direkt aih salzigen Meer, auf dem jedes Lebenswesen ausschließenden wüsten und giftigen Boden geben Zeugnis von der Zähigkeit und der Ausdauer unserer heroischen Pioniere und der latenten Möglichkeiten in dieseixi unserem, durch verbrecherische Untätigkeit und Unfähigkeit der bisherigen Bewohner, verwüsteten Vaterlandes. £»ir und Deinen Brüdern so Unbeschreibliches angetan haben. Ich weiß, sie haben sich seit jenen Tagen' noch nicht v?el geändert. „Ja, wie ein Jude“, sagen sie, wenn sich der andere nicht leicht betrügen lasse' will. Noch leiden viele an dem Gift, das der Faschismus ihnen eingetreufeit hat. , Wo sind die Menschen, die ihnen von Dir und Deiner Tante erzählen, ' von dem Lastträger ,An nde Jodnhoek* in Amsterdam, der tagaus* tagein, vier Zentner schwere LumpenbaBRn über wackelige Gehsteige auf die Schiffe trug? Was erzählten sie von dem jüdischen Diamantenschleifer in Antwerpen, den deutsche Fabrikanten persönlich aufsuchten, um sich Diamanten schleifen und polieren zu lassen. Heute schreibt er mir, daß seine beiden Schwestern und sein Vater noch immer nicht zurück sind. Und wieder' schleift er Diamanten für andere und was ihm bleibt, ist ein karger Lohn und der Staub in seinen Lungen. Selbst mein eigener Bruder, groß geworden unter dem Faschismus, durfte nicht wissen, daß. der. „unbekannte Dichter“ der ,Lorelei* ,Heine' hieß und ein deutscher Jude war. Ebensowenig wußte er von dem jüdischen Mühlenknecht Vlassek aus der Tschechoslowakei, der lachend, wie ein Bär, sechs der schwersten Leute hin und her durch die Baracke trug. Was wissen meine Landsleute von den jüdischen Schustern, Schreinern. Säcketrägern, Bäckern, Näherinnen und Wissenschaftlern, die 1936 im East End von London aus ihren Elendsquartieren auf die Straßen liefen, um den Faschisten Mosley mi’; seinen Trabanten mit ihren Leibern aufzuhalten, und sie in die Flucht schlugen. Das alles wissen Wir Deutsche zum« größten Teil nicht, weil der Faschismus nie an das Wissen,' sondern an die niedrigsten Instinkte appelliert hatte, und deshalb können , noch immer Verbrecherische Elemente andere gebrauchen, um in dunklen Nächten jüdische Grabsteine umzuwerfen. Lieber Rüben, vielleicht hist Du als ein Einzelner . unter Zehntausenden mit dem Leben davon gekommen, hast Auschwitz, Belsen oder Dachau überstanden.. Vielleicht liegst Du irgendwo verscharrt mit Deinen Brüdern. Wäre nicht die „Exodus“~Affäre gewesen, ich hätte Dich ruhen lassen. Aber warum sollen die Toten nicht mitreden, wenn es gilt für die Uebei’lebenden einen Platz zu finden, den sie Heimat nennen können? Nun bist Du wieder hinter Stacheldraht, und Deine Welt ist wieder eingeteilt in grausame , Striche und Quadrate, und wenn die Sonne scheint, zeigen sich Scnatt.en von spitzen, rostigen Zacken auf Deinem Gesicht. Ich fühle zu deutlich das Dasein hinter Stacheldraht in mir, um schweigen zu können. Es geht nicht’ nur um Dich.- es geht auch um mich; - Es geht um alle fortschrittlichen Menschen;’cr Es geht um die Menschlichkeit. Mit ganzer Sympathie and Freundschaft Dein A B. , i"iiniiiiiiimiiiimiimiiimuii)iiiniiiiuiimiimiuiiiiim!iiiiiiiii!miiimiiii::::iiiiimuimminiiv Bitte an uiisere Leser und Freunde im In- und Ausland! Das „Jüdische Gemeindeblatt für die britische Zone“ ist in dringender Not von Nachschlagewerken aller Art zur Vervollständigung einer kleinen Handbücherei. Die Schristleitung ist daher für die Zurverfügungstellung aller einsclägigen Bücher,’ auch ültex’er Ausgaben, sehr dankbar. Notfalls werden Kosten ersetzt. Hermann Schwab, London: Auf dem Am Montag Vormittag stand Friedmann in der Rathaushalle. Er hatte sich bei dem Oberbürgermeister melden lassen. Er war erregt und sein Herz schlug hörbar. Der Eintritt in die Halle, die er seit seiner Kindheit kannte, war nicht ermutigend. Eine mächtige Hakenkreuzfahne hing, an der Außenfront und verdeckte den edlen Schwüng der gotischen Bogen. Die Würde des Hauses war zerstört. Auf der Stein treppe stand einer der alten Torhüter; seine blaue Uniform mit den goldenen Knöpfen trug das Parteiabzeichen und Friedmann sah schon von der Straße aus, daß der Alte einen braun uniformierten Herrn mit hochgestrecktem Arm begrüßte. Als Friedmann sehr langsam die Treppe emporstieg, sagte er halblaut: „Guten Morgen Herr Friedmann“ und lüftete ein wenig seine Mütze. „Guten Morgen, Herr Müller“, sagte Friedmann. Er zog den Hut und überschritt an dem Portier vorbei die steineine Schwelle. Müller, der schon Vierzig Jahre an der Tür zum Rathaus stand und zu Friedrnanns ältesten Bekannten zählte, sandte ihm einen langen Blick nach. „Heil Hitler“, . rief im gleichen Augenblick ein grauköpfiger, modisch gekleideter Herr, der jugendlich die Treppe heraufsprang. Er schien in bester Stimxpung. „Heil Hitler, Herr Stadtrat“. „Was Neues, Müller?“ Müller zuckte die Achseln. „Man hört mancherlei, aber ob man es glauberi darf? Vorhin erzählte jemand, ein Lehrer der katholischen Schule habe Selbstmord verübt, und sie hätten den poliliscixen Redakteur vom „Tageblatt“ verhaftet“. „Recht so“, triumphierte der Stadtrat. Dann aber schwieg er. Vielleicht fcing es ihm durch den Sinn, daß seine Frau katholisch war und er meinte nachdenklich Ja, ja, wo gehobelt wird, fallen Späne uni mancher wird noch daran glauben müssen“. „Guten Morgen“, - ————r—;—!-— Rathaus sagte er dann schon im Weitergehen und schien seinen ersten Gruß vergessen zu haben. In der Halle ging er mit einem stummen ‘Nicken an Friedmann vorüber. Der ■ wartete bis ihm bedeutet wurde, beim Bürgermeister einzutreten. Friedmarin kannte das Bürgermeisterzimmer. Eichene Balken stützten die Decke; die Wände waren schwarzbraun getäfelt und zwischen den einzelnen Feldern hingen die Oelbilder früherer Bürgermeister. Alle trugen die goldene Ehrenkette. Der Bürgermeister winkte mit einer halben Handbewegung und deutete auf einen der hohen schweren Lederstühle, die freigebig über das Zimmer verteilt waren. „Was führt Sie zu mir. Herr Friedmann?“ fragte er nicht unfreundlich. Ein etwas fremder Klang gab seiner Stimme freilich einen Unterton von bewußter Zurückhaltung. Friedmann räusperte sich. Er hatte sich zu Hause seine Worte eins'udiert. Er wollte zuerst von der Vergangenheh sprechen; von seiner Liebe zu dieser Stadt und von der Freundschaft, die er gegeben und empfangen hatte. Aber die Worte waren ihm entfallen, und die Fahne, die der Wind vor dem Fenster hin- und herzerrte, vermehrte seine Angst und seine Unsicherheit. Noch niemals hatte er sich einem Hakenkreuz gegenübergesehen und gar einem Kreuz von solchem Ausmaß. Frech schlug es gegen die 'Schemen. Es begehrte Einlaß und schien zu wissen, daß die Fenster des Rathauses sich ihm aufturtj würden. Friedmann schwieg noch immer. „Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Fried - mann“,. wiederholte der Bürgermeister. „Herr Oberbürgermeister“, begann der Besucher stockend, „ich komme zu Ihnen als ein alter Bürger unserer Heimat.“ Der ‘Oberbürgermeister ' nickte zustimmend, aber Friedmanns erzwungene Ruhe war schon dahin. Er sprach schnell und schneller und schließlich sprudelten die Worts aus ihm heraus. „Herr Oberbürgermeister Sie werden doch nicht zugeben, daß die jüdischen Mitbürger ein Gassenspott werden; Sie werden doch nicht Ihre Hand dazu bieten, uns zu vernichten. Sie wissen doch von unserer Leistung, Sie kennen unsere Treue in guten und schlechten Tagen.“ Seine, Stimme überschlug sich und er war 'aufgesprungen. „Recht muß doch Recht bleiben und Wahrheit Wahrheit“. Auch der Oberbürgermeister hatte sich erhoben und seine Hand legte sich beschwichtigend für einen Augenblick auf Friedmanns Arm. „Herr Friedmann“, sagte er, „sehen Sie nicht zu schwarz. Ich gebe zu“, es kam etwas zögernd über seine Lippen, „es herrscht ein neuer Geist in diesen Räumen; er ist plötzlich über uns gekommen, er ist stärker als wir und wir müssen uns fügen. Aber trotzdem; ich kenne Sie seit Jahrzehnten und versichere Ihnen, Sie haben nichts zu befürchten“. Friedmann hatte .sich wiedei gesetzt. Angstvoll sahen seine Augen zu dem nicht unsympathischen-'Gesicht seines Gegenüber. „Herr Oberbürgermeister' fuhr er fort, ,ich bin alt und ich weiß nicht, wann der Herr mich abruft Es geht nicht um mich. ’ Aber die Jugend! Soll sie dem Haß und der Gewalt preisgegeben werden?“ Der Bürgermeister saß jetzt ganz aufrecht. „Es tut mir sehr leid, Herr Friedmann, im Augenblick irgendwelche Zusagen für die Zukunft nicht machen zu können.'* Der alte Mann sank sichtlich zusammen. „Sie wissen“, kam es etwas theatralisch von dem breiten Lehnsessel, „Deutschland ist auf dem Wege, sich aus tiefer Schmach zu erheben und der Sturm seiner Erhebung macht nicht vor Palästina und nicht vor Hütten halt. Die letzten Worte entstammten dem gestrigen- Leitartikel des „Völkischen Beobachters“, den die Stadtverwaltung seit einigen Wochen zu abonnieren angewiesen war. „Deutschland hat zu lange unter fremder Herrschaft geschmachtet“, klang es volltönend weiter, „unsere siegreiche Armee wurde von Volksverrätem erdrosselt; die Stunde der Befreiung ist gekommen, und nur der Deutsche hat ein Recht in seinem Hause.“ „Der Deutsche“, warf Friedmann ein, „und wir sind keine Deutschen“? „Gewiß“, kam es zurück, „aber Sie wissen doch selbst, wieviel ausläridische Juden Deutschland überschwemmt haben. Die Einwanderung aus dem Osten müß auf hören und die ungebetenen Gäste müssen fort“. „Aber wir“, wiederholte, Friedmann, „die wir seit Jahrhunderten hier gelebt". „Jawohl“. Die Stimme des Oberbürgermeisters wurde spitz und pointiert. „Vergessen Sie nicht, Herr' Friedmann, wieviele Juden seit Jahren die nationalen Parteien geschmäht, die deutsche Fahne beschmutzt, den Kommunismus stark gemacht und Deutschland seinen Feinden, preisgegeben haben.“ „Meine beiden Söhne standen vor Verdun“, sagte Friedmann mit schlichter Würde. „Das wirpl Deutschland nicht' vergessen“, ließ sich der Oberbürgermeister vernehmen, aber es kam nicht mehr zuversichtlich heraus. Einen Augenblick herrschte Stille: dann erhob sich der Beherrscher von Stadt und Rathaus. Er hielt es für ratsam, die Unterhaltung abzubrechen. Vor den Kämpfern von Verdun flüchtete er, den Toten und den Lebenden. Er kannte den Platz nur aus dem illustrierten Prachtwerk „Der Große Krieg“. Auch Friedmann stand bereits und nahm seinen Hut. Seine Hand zitterte ein wenig. Langsam wandte er sich zur Tür. Der Oberbürgermeister entließ ihn -mit einem leichten Händedruck und einem unverbindlichen Kopfnicken. „Auf Wiedersehen,- Herr Friedmann“, sagte er noch aus alter Gewohnheit. Halblaut kam Friedmanns. Gruß zurück. Und die Tür fiel ins Schloß. Der Herr Oberbürgermeister saß wieder an seinem Schreibtisch ohne aber die umfang- •reidien Aktenbündel zu öffnen. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Der Jude Fried-