Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 15 (10.11.1947)
- Date
- 1947-11-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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/ 2. Jahrgang — Nr. 15 Anderthalb Jahrhundert _th._ Der jüdische Dichter, der in seinen Werisen\ tiefe Empfindsamkeit mit scharfem' Sarkasmus vereinigte, wurde vor 150 Jahren, am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren. Sein Name wird in der deutschen Oeffentlichlichkeit unserer Zeit viel und oft genannt. Und zwar immer da, wo es um kulturelle Erneuerung geht oder um die Wiedererweckung kultureller Werte, die unter dem Regime der Brutalität bevmßt und offiziell unterdrückt waren. Erst kürzlich fanden in der Düsseldorfer Lokalpresse eine lebhafte Diskussion und ein „edler“ Wettstreit darüber statt, wie man das Andenken Heinrich Heines am besten und am würdigsten ehren könne. Auf dem „Ersten Deutschen Schriftstellerkongreß“, der vor ganz kurzer Zeit in Berlin stattfand, gab der (übrigens jüdische'' Dichter . Rudolf Leonhard (geb. 1889), die Stiftung eines Literaturpreises des „Schutzverbandes deutscher Autoren“ bekannt, der jährlich in Höhe von 12 000 Mark verliehen werden und als „Heine- Preis“ die Tradition des „Heine-Preises der Emigration“ fortführen soll. Seit Kriegsende mehren sich die Fälle, in derien zumindest- Teile aus Heines Werken in Deutschland neugedruckt werden, und das „Gemeindeblatt“ hat wiederholt auf derartige Sammelausgaben oder auf Schriften üÖer den Dichter, des „Rabbi von Bacharach“ hingewiesen (vgl. Nr. 1Ö und 13 vom $7. August bzw. 8. Oktober 1947). In diesem Zusammenhang mögen .die folgenden Buchtitel von Interesse sein: Heinrich Heine: Europäischer Bilderbogen, . ausgewählt von Georg Nowottnick (Phönix- Verlag, Hamburg); / Heinrich Heine: Eine Lese seiner Werke (Georg Nowöttnick (Phönix-Verlag, Hamburg); HeinrichHeine: Eine Lese seiner Werke (Gedichte, Reisebilder, Kunstbriefe, Gedanken und Einfälle), ausgewählt von Günther Schab (Merkur-Verlag, Düsseldorf); Heinrich Heine: „Aus meinem großen Schmerz : mach* ich die Meinen Lieder“,, zusammehgestellt von Günther . Schab (Merkur-Verlag, Düsseldorf); / . . Heinrich Heine: Prosaschriften, ausgewählt, von Carlheinz Schellenberg (Limes-Verlag, Wiesbaden);' ,, Heinrich Heine:/ Gedichte, ‘ ausgewählt von Carlheinz Schellenberg (Limes - Verlag, Wiesbaden); Heinrich Heine: Eine Auswahl aus seinen Werken (Verlag des Druckhauses Berlin- Tempelhof). Läßt uns den 150. Geburtstag, des Dichters nicht vergessen! JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE BRITISCHE ZON! 10. November — Seite 5 KAFKA: BINDUNG AN JUGENDERLEBNISSE Eine Biographie des jüdischen Dichters Franz Kafkas (188’3—,1924) ist kürzlich aus der Feder keines. berufeneren als der des Schriftstellers Max Brod «rschienen (Vgl. „Gemeindeblatt“ Vom 9. Juli, in dem die bei Secker & Werburg, London, herausgekommene englische Ausgabe artgezeigt wurde). Jetzt liegt auch eine deutsche Fassung (Verlag .Heinrich Mercy Sohn, Prag) vor, der die nachfolgende Würdigung entnommen' ist. - . Die Red. „. . . Daß Franz Kafkas Dichtung einige' wesentliche und durchaus nicht durch bloße Nachempfindung erklärbare Züge mit dem Werk Kleists, besonders was den Pi*osastil anlängt, gemein hat, ist schob wiederholt bemerkt worden.- Auf. die seelische Nähe der Grundhaltung ist meines Wissens noch nicht hingewiesen Wörden. Diese Grundhaltung ist den beiden im wahrsten Sinne des Wortes sb eingefleischt, daß sogar die Bildnisse einander, wenigstens in der Knabenhaftigl^it und Reinheit der Züge, ähneln. Auch in Kafkas Werk findet man 4en Zentralpunkt: Verantwortung vor der Familie. Dies ist der Schlüssel zu Novellen wie „Die Verwandlung“, „Das Urteil“, „Der Heizer“ und zu manchem Detail in anderen Werken. Auch die besondere Art, Symbole zu geben, die dabei doch durchaus reales Leben sind, ist den beiden Dichtem gemeinsam. Gar so weit steht die Vision der Dame, die vor den Äugen der hohen Familie die Verwandlung in eine ehrlos Schwangere erleidet, nicht ab von jener des Familierisohnes, dem die Metamorphose zum verächtlichen Insekt rät-. selhaft.es Schicksal wird („Die Verwandlung“.)^ Bindung an Jugenderlebnisse, Bindung an Familie und eine unbewußt nachwirkende strenge Tradition (die bei Kleist preußisch, durch Kantianismus auf gefrischt bei Kafka jüdische Gerechtigkeitsethilf, durch spätere ein neues ATA in der alten Streudose & bessor als zuvor! H£UGESmiT4M GEN PERSU-WIRKE 3 0<V4) KU L ru R L E B E N Die erste deutsche Aufführung des mit. so ungewöhnlichem Erfolg in Zürich uraufgeführten Dramas „Des Teufels General“ von Karl Zuckmay.er wird am 25. November an den Städtischen Bühnen in Frankfurt a. M. in Anwesenheit des Dichters stattfinden. Die Regie wird ebenso wie in Zürich Intendant Heinz Hilpert führen. /; . . Dreißig berühmte Maler, darunter Henri' Matisse, Marc Chagall, Jean Lurcat und Andrd Gleizes, beteiligen1 sich an der von der UNESCO geplanten Hilfsaktion für die Künstler in den vom Kriege zerstörten Ländern. Jeder Maler jvird kostenlos ein Bild für eine Ausstellung zur Verfügung stellen.' Nach der Ausstellung werden die Bilder versteigert, und aus dem Erlös soll Arbeitsmaterial für die Künstler in den. vom Krieg beschädigten Ländern gekauft werden. (DENA Reuter). UNESCO ist die von der Vereinten Nationen ins Leben gerufene Spezialkommission?ur Förderung von Wissenschaft und Erziehungswesen. Marc Chagall, 1881 geboren in Liosno (bei Witebsk) ist zweifellos der stärkste Gestalter in der nachimpressionistichen jüdischen Kunst, und ist auch, durch Bibelillustrationen her vor getreten. Der. bekannte französische' Komponist' Darius Milhaud, der seit 1940 in den Vereinigten Staaten lebte, ist nach Paris zurückgekehrt. Er hat in den USA , fünfzig Werke komponiert, darunter die Oper „Bolivar“, die in der kommenden Spielzeit in Paris uraufgeführt werden soll. (AEP.) Milhaud, Hauptvertreter der modernen französischen Musik, ist Jude und in Aix am 4; September 1892. gebojüdische Studien neu erweckt war). Zur Kindhaftigkeit von Kleists Bildnis setze ich in Vergleich, was Kafka mir einmal sagte?1 „Ich werde nie das Mannesalter erleben, aus einem Kind werde ich gleich ein weißhaariger Greis werden.“. Er betonte oft und zeichnete es ln seine Tagebücher ein. für wie jung ihn die Leute hielten. — Ferner: Ueberspannung der Ansprüche an sich selbst, als seien die beiden der Familie schuldig zu beweisen, daß sie jedenfalls keine Taugenichtse seien. Franzens Abneigung gegen jede Art von „Unmündigkeit“, die ihn noch im letzten Lebensjahr, in Berlin, quälte, da er , im Hungerwinter 1923 Lebensmittelpakete von den Eltern aus Prag erhielt. Und Kafkas höchstes Lebensideal läßt sich nicht besser umschreiben als mit den Sehnsuchtsworten Kleists: „Ein Feld zu bebauen, einen Baum zu pflanzen und ein Kind zu zeugen.“ Das Leben der beiden verlief freilich sehr weit; entfernt von dem erwünschten Bauerntum Und einfachem aufbauenden Sinn. . ' . 4 Die Analogie läßt sich noch weiter, bis tief in die dichterische Form hinein, nachweisen, wobei natürlich nicht unberücksichtigt bleibe, daß Kafka von Kleists Stil auch bewußt gelernt hat. Aber darüber hinaus ist die Gemeinsamkeit einer besonderen Art märchenhafter Erfindung und. Fortspinnung der Fabel wohl aus dem Hang Zur Frühzeit zu erklären, in der das Kind alles, womit CS spielt, verzaubert und traumhaft umgeformt sieht. Die beiden mußten wirklich „den . Weg zurück“ — und sind ihn gern und .oft gegangen. Der kristallklare Stil und der Realismus der Einzelheiten beider erscheint dann als Kompensation, als Gegenwehr starker. Naturen gegen solche-Neigung zu Traum und Kindheit — bei' beiden Dichtem wird das im Grunde Unauflösliche, Geheimste, Dunkelste, mit möglichst heilen, einfachen, scharfbegrenzten Worten erzählt.“ ren. Seine.Oper „Columbus“ wurde 1930 in' Berlin uraufgeführt. Er hat. auch jüdische und hebräische Lieder'komponiert. Die 100. Wiederkehr des Todestages von. Felix Mendelssohn-Bartholdy ist der Anlaß zu .der Ausstellung, die in der ehemaligen Staatsbibliothek in Berlin gezeigt wird. Aus der Musikäliensämmlüng, einer großzügigen Spende der Familie Mendelssohn aus dem Jahre 1908 sind zahlreiche Dokumente ausgewählf. Zur Ergänzung sind Bilder sowie Erstdrucke jener Werke beigegeben., deren Originale noch nicht nach Deutschland zurückgeführt werdeh konnten. < , Das seit 30 Jahren bei der „Kneset Israel“ in Palästina bestehende hebräische SChulnetz kann ’ auf stolze Ergebnisse zurückblicken. Dem Jahresbericht der „Kneset Israel“ entnehmen wir einige interessante Zahlen über die Entwicklung der hebräischen Schulen in Palästina. Der durchschnittliche jährliche Zugang von Schülern betrug in den letzten drei Jahren 6700. Im Schuljahr 5707 (1946/47) besuchten 93 000 Schüler die hebräischen Lehranstalten: Weitere 24 000 gingen auf andere Schulen, davon 7000 in die „Talmud Thoras" und' 4000 in die von englischen Juden errichteten Schulen. „Kol Israel ChaWerim“ und „Agudath' Achim“. Nur 100 Kinder besuchten fremde. Schulen, wovon ein Teil missionarisch , ist. Mehr als 18 000 Kinder im Alter von drei bis' sechs Jahren, also die' Hälfte aller dieser Jahrgänge in Palästina, besuchten die hebräischen Kindergärten. Diese Zahl ist Mm Vergleich mit anderen Ländern außergewöhnlich hoch. Einen genügenden Beweis für die Entwicklung der hebräischen Erziehung liefert die Tatsache, daß von .88 000 schulpflichtigen Kindern mehr als 80 000. also 90 Prozent Schulen besuchen. Auf Einladung der Kulturabteilung des „American Joint Distribution Committee“ wird der ausgezeichnete junge brasilianische Id an ist Bernard S e g a 1 in jüdischen D.P.-Lägem in Deutschland und Oesterreich auf treten.' Der Künstler, der in seiner kurzen Karriere bereits unter Toscanini, Klemperer und. Villa Lachas aufgetetön ist. befindet sich z. Zt. auf einer Tournee durch Europa. An >.der Stelle des von den Nationalsozialisten '1936 beseitigten Mendelssohn-Denkmals vor dem Gewandhaus in Leipzig wurde am 100. Todestage des Komponisten, am 4. November, ein neues Denkmal enthüllt, das der Leipziger Walter Arnold, geschaffen hat. (DENA.) Cat;l Zuckmayer und Helmut Käutner schreiben das Drehbuch zu dem Film „Anno 48“, der eine Episode aus der deutschen Revolution des Jahres 1848 behandelt. (DPD.) Mit einem Festakt - und einem Konzert des Berliner Philharmonischen Orchesters wurde am 4. November des hundertsten Todestages von Felix Mendelssoh n-Bartholdy gedacht. , Am Grabe des Komponisten, auf dem alten Dreifaltigkeits-Friedhof, fand eine Feier statt. (DPD.) In einer Sendung vom 19. Oktober des Londoner Rundfunk sprach in der neuen Sendereihe „Recht und Gerechtigkeit“ der Rechtsanwalt Dr. B. Mosheim (früher Düsseldorf, jetzt London). Er gab einen Bericht über die am 30. 9. und 1. Oktober in Bad Godesberg abgehaltene Juristentagung. . Wie wir erfahren, ist Dr. Mosheim jetzt Herausgeber der in dem Verlag I. C. B. Mohr, Tübingen, erscheinenden' „Deutschen Rechts- ■ zeitung“. ~ ■ ' NEUE BOCHER ' Rudolf Hilferdihjg: „Das Finanzkapital“, Neuausgabe (Verlag Dietz, Berlin). F. M- Reif f er sch ei dt: „Victor Gollancz* Ruf: Rettet Europa!“ (Verlag Kurt DescK, München)." Victor Gollancz: „Germany Revisited“ (Verlag Victor Gollancz, Lopdon). Herb e r t H. F r e e d e n: „Ghrist To God!s . Mill“ (Verlag Godfrey & Stephens, London). Die englische Buchform von Herbert Friedenthals Roman .„Wasser auf Gottes Mühlen“, der, in Fortsetzungen im „Weg“' (Berlin). in der Zeit vom ,/6. März biszum 29. August di J. erschien, in Berlin zu Beginn des Naziregimes'spielt, die Leiden und Ver-? folgungen der Juden schildert Und zugleich die ‘Geschichte des Theaters des Berliner Jüdischen Kulturbundes 'unter den Nazis be- . schreibt. . j Bernard Casper;. „With the Jewish Brigäde^ (Verlag Edward Goldston, .» London). Der ehemalige Senior Chaplain der Jüdischen Brigade beschreibt hier Leben und Leistung dieser Truppe, die sich in Deutschland durch ihre Hilfsarbeitfür die jüdischen D.Ps. einen Nanien gemacht hat. M. Gjnsberg: „Reason and Unreason ln Society“ (Verlag Longmans, London). Enthält die Ergebnisse jder; Forschungen des bekannten jüdischen Soziologen während der letzten 20 Jahre. ■ * ■ Hans Dolle und Konfad Zweigert: „Gesetz Nr. 52 — Ueber Sperre und Beaufsichtigung von Vermögen — Kommentar“, (C. E. Poeschel-Verlag, Stuttgart.) D a v i d K n o u t: „Contribution ä 1‘Histoire de la Resistance Juive en France, 1940—1944“ (Verlag Centre de Documentafciön Juive Contemporaine). Ueber die . jüdischen Ma- ’ quis. ■ ,• Robert Anchel: JLes Juifs de France“ (Verlag J.B. Juin). Eine kurze, volkstümliche Geschichte der französischen Juden von den Kreuzzügeri bis zur Emanzipation unter Napoleon. W i 11 i ä.m M c G o v e r n: „From Luther to Hitler“ (Verlag George G. Harrap, London), wurde dafür gemaßregelt, Kein Brief mehr vorläufig. Keiner ging fort, keiner kam an. Ich erkrankte, Sehr schwer. Ich wurde taub wie' einer, der sich fürchtet, die Wahrheit zu vernehmen. Ich wollte heraus und wissen, was geschehen war. Ob ich vielleicht noch etwas erreichen konnte in der Gro’ßen Hamburger Straße. Der Gefängnisarzt befürwortete eine Haftunterbrechung, denn der Verlust des Gehörs für einen Menschen, der von der Musik herkomvnt, .schien ihm zu •ernst. Die Staatsanwaltschaft lehnte ab. Man brachte mich nach Moabit zu den Spezialärzten im Männergefängnis. Der Helfer der Menschheit operierte und atzte mich' dreimal 'am Trommelfell ohne Narkose. Eine um eine Tablette gebetene Wärterin, schleuderte mich wütend in die Zelle zurück. Das ist nicht wichtig. Wäre ein Brief gekommen, ich hatte der Schmerzen nicht geachtet. Ich kritzelte mit der .Gabel Gedichte in die . Wand, denn Schreibzeug durften wir nicht haben.. Das gab es nur zur Schreiberlaubnis. „Briefe ins Ghetto“ hießen sie, und ich lernte sie bei der halbstündigen täglichen Runde im Hof auswendig. ' ■ . Eines Tages war Cs vorüber. Am 1, Dezember 1943 stand ich wieder auf der Straße. Berlin lag, damals in Trümmern Bahnen fuhren nur kleine Stücke. Ich lief. Ich rannte zu Alices Haus. Die Portierfraü würde Wissen. Sie galt als heimliche Bundesgenossin. Das Haus stand nicht mehr-. Der ganze Block war erledigt.'!ch ging zu meinen Freunden, die meine Post weitergeleitet hatten» Sie waren der Spur schon nachgeg«mgen, als Alice dort nicht -mehr erschien. In dem Vorort hatte man erfahren, daß sie mit ihrer Schwester entdeckt und abgeholt worden war. Es herrschte große Empörung bei den ahnungslosen Wirtsleuten, Sie. beklagten sich über den schweren Verdacht, der auf ihnen ruhte, ‘sie hätten solchen Menschen Unterschlupf gewähren .wollen. Sie hatten’nicht gewußt, daß es . Juden waren. Die Eltern waren schon vorher, nach Theresienstadt gekommen, das trugen wir noch alle gemeinsam, als ich gerade zwischen zwei Gefängnisetappen in Freiheit war. Die beiden aber —- Alice und Lotte — sie waren, aller Wahrscheinlichkeit nach in Auschwitz. Einer, der ’immer olles wußte, sagte es nSir. Ich nahm den großen Atlas vor und suchte Auschwitz. Dort unten also. — Dann horchte ich herum. Denen geht es nicht schlecht, sagte einer. Die müssen bloß beim Bauern arbeiten., Die sind längst tot, sagte ein anderer. Ich glaubte es nicht. Ich träumte oft, daß Alice an meine Tür klopfte und mich bat, . sie zu verstecken, wie wir es verabredet hatten. Immer war sie auf -der Flucht. Immer lebten wir in Angst. Auch’ in unseren Träumen. Der.Krieg endete. Ich schrieb viele Briefe an viele Suchstellen. Ich sah viele Listen durch. Icli fragte manchen, der von dort unten wiederkam. Ich schrieb hach 'Tel Aviv. Dorf lebte der Bruder, der einzige, der schon 1Ö34 ins Ausland entronnen' war. Wir haben keine. Antwort bekommen. Es klopfte , nie an . meine Tür. - Das Orakel hatte sich erfüllt. GABRIELE TERGIT *); : FLUCHT OHNE RETTUNG Als er vierzehn Jahre alt War, brachte ihn die schon früh Wit.We gewordene Mutter in einer Konfektionsfirma uhter. Er machte jeden Tag den gleichen Weg: Zuerst fuhr er mit der Ff erdebahn, dann mit der Elektrischen, mit dem Autobus und ganz zuletzt mit der Untergrundbahn. Sein Chef hieß Gleichmann. Herr. Gleichmann war ein junger verehrter Chef. Herr Gleiehmänn vrurde ein älterer verehrter Chef, und als Lewin aus dem Kriege kam,-hatten sie das erste längere Gespräch. „Freue mich“, sagte Herr1 Gleichmann, „daß wenigstens Sie - wiederkommen, Lewin. Mein. M Die Veriaseerin ist. eine aus Berlin stammende, jetzt in England lebende iüdiscbe Schriftstellerin. D.RecJ. Erich ist ja gefallen vor Verdun. Macht mir alles nicht viel Spaß mehr, können Sie wohl verstehen. Na ja. Und dieser Antisemitismus jetzt.. Aber nun genug geschwätzt.' Sie .wissen ja mit allem Bescheid. Gehen Sie gleich, und sehen Sie die Orders nach.“ Lewin heiratete nicht. Als seine Schwestern geheiratet hatten, blieb er mit der Mutter allein in der alten Wohnung. 'Herr Gleichmann nahm ihn als Teilhaber und dann kam Hitler. „Unserer Firma wird man nichts tun“,'sagte -Lewin allen, die.ihm rieten, auszuwandern. Nein, wie konfite er Berlin verlassen, die Wohnung, in der er dreißig Jahre gewohnt hatte, die Untergvundbahnstrecke, die Mohrenstraße, Nein, erblieb. Er» hatte keinen Feind. Er hatte nie im. Leben jemand etwas getan. 1937 wurde die Firma Herrn Gleichminn weggenommen;. Es war am 9. November 1938, die Synagogen brannten, als Lewin' sich seinen Mantel anzog und zu seiner Synagoge ging. Er stand da und sah das . Symbol seiner Gemeinschaft brennen und — da ließ er'^die Vorsicht eines ganzen Lebens fahren und wackmte mitdem Kopf und sagte leise und entsetzt: „Du lieber Gott“. Im selben Moment drehten sich auch schon SA-Leute nach ihm um, und er rannte, was' ihn seine alten Beine trugen, zur nächsten .Untergrundbahn: Er rannte hinein -— die Situation war völlig klar für den Mann, der die Billette knipste: ein verzweifelter Jude, hinter, dem die SA her war — der Billettknipser Heß * Lewin durch. Zu .den SA-Männern, die nach ihm kamen, sagte er: „Fahrkarten bitte'*. Die SA-Männer waren scndeßlich auch Preußen, sie wußten nicht mehr recht,: ob es nicht vielleicht auch füf sie .verboten war, ohne Fahrkarte auf der Untergrundbahn zu fahren. Mord und Brandstiftung waren ja nun "icher zulässig, ob aber auch das. Fahren auf der Untergrundbahn ohne Karte?' „Losen Se sieh ‘ne Fahrkarte“, sägte der Schaffner. Aber inzwischen war Lewin lahgst in einem der Züge verschwunden. Er kam am nächsten Tage wie unzählige andere ins Konzentrationslager., Doch dafür konnte der. Schaffner nichts, und es .verkleinert keineswegs seinen Mut und die Güte seines Herzens. / , (Entnommen der Berliner Tageszeitung „Der Spiegel“) " ''