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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-11-10 · 15 (10.11.1947) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
2 (1947/48)
Issue
15 (10.11.1947)
Date
1947-11-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FTJR DIE BRITISCHE ZONE 19. November 1S47 Nr. I?. — 2. Winfried Martini setzt sich iri der Münchener Zeitschrift „Der Ruf“ '(Unabhängige Blätter der J.ungefi Generation) Vom 1. Oktober mit Anmerkungen auseinander, die Dr. , Heinz .Weniger ,zum „jüdischen Weltproblem“ in der gleichen Zeitschrift vor einiger' Zeit gemacht hatte. Wir lassen einen Teil der Erwiderung, betitelt, „Der jüdische Nationalismus“,; hier folgen. - 1 D. Red. „Weniger hat natürlich recht, wenn er, im Zionismus eine' Art säkularisierten Religions- Ersatz erblickt. Aber der Zionismus, -der in: seiner heutigen. Form ja erst gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts entstanden ist,- hat nicht, das Judentum säkularisiert, sondern er fand ein -Judentum vor, das im Westen 'durch die Emanzipation und die mit ihr. auf das engste und kausalverbundene Assimilation, im Osten durch. die Haskaläh (Aufklärung bereits, säkularisiert warv Wenn man von den orthodox gebliebenen: Teilen,, die * im -Osten immer noch die Mehrheit bildeten, absieht, •so fand der Zionismus also vom Judaismus nur noch seine. Träger, eben das jüdische Volk vor. Der Zionismus ging von einer Analyse der Judenfrag£ aus und kam zu dem- Ergebnis daß’ sie in der Diaspora nicht zur Ruhe kommen könne und nicht so sehr an die Schlechtigkeit der Juden (wie die Antisemiten glaubten), oder Böswilligkeit _ der- Antisemiten (wie die Juden, glaubten) 'gebunden sei, sondern an den > soziologischen Tatbestand,, daß Juden und Nicht juden durcheinander, siedeln, ohne daß den Juden ein eigener Staat’ den Rücken (leckt. Mit' prophetischem Blick von bewundernswerter Kraft sah Theodor Herzl, der Begründer des politischen .Zionismus, voraus, daß auch in Westeuropa, wo doch um die Jahrhundertwende die jüdische Bourgeosie ah der politischen ,und ökonomischen Saturiertheit ihrer Umwelt einen vollen Anteil hatte, dem nöch so beflissenen Streben der Juden nach voller' Assimilation nach dem Gesetz der Galuth (Diaspora) : der Erfolg versagt werden würde. Er hat in einer furchtbaren Weise recht behalten. Teils aus der Erkenntnis der Sinnlosigkeit der Assimilation als eines Mittels zur Lösung der-Judenfrage, teils aus verletztem1 Stolz wegen der gerade damals in Westeuropa hochgehenden antisemitischen Welle, zog Herzl den Schluß, daß die Juden freudig ihr Judentum 'bejahen sollten. Aber nicht nur war der überwiegende, Teil des Westjudentums seines geistigen, jüdischen Gehalts durch den Assimiliationsprozeß beraubt worden, sondern. Herzl selbst hatte keinerlei Vorstellungen mehr von jüdischen Dingen. So mußte das Bekenntnis zum Judentum notwendigerweise ein Bekenntnis zu dem einzigen werden, was vom Judentum noch vorhanden war: zum Volke. So wurde der Zionismus der letzte Ausläufer der deutschenv^Romantik. Klar hatte er die These" der jüdischen Assimilation durchschaut, wonach Judentum nur eine „Konfession“ wie, jede andere sei und es eben nur noch Deutsche, Franzosen, Engländer usw. jüdischen „Glaubens“ gebe (die Weniger als erstreben swerten Typ hinstellt). Denn, in Wirklichkeit b&iefen sich nur solche Juden auf ihren „Glauben“, die ihn nicht mehr hatten und deren, religiöser Vorstellungsinhalt nur eine mit jüdischen Reminiszenzen und hebräischen Ornamenten versehene Variation eines höchst unverbindlichen, liberalen Protestantismus war, falls sie nicht, was immer mehr der Fall wurde, 4eh radikalen religiösen Indiffefentismus ihrer „christlichen“ Umwelt teilten.’ Der Glauben“, die „Konfession“ war also gerade das, worin die westeuropäischen Juden sich von ihrer Umwelt am allerwenigsten unterschieden, und doch wurde von jüdisch-assimilatorischen Wie von philosemitischen Kreisen die Konfessions-Fiktion aufrechterhalten, während gerade, wie wir sahen, diejenigen Juden darauf verzichteten, sich auf ihre Religion zu berufen, die darauf ein Recht gehabt hätten, nämlich die Ortho- . doxen. Es gehörte damals eine heute gar nicht mehr richtig abzuschätzende Kühnheit . dazu, wenn der Zionismus sich gegen i jene Fiktion wandte und sich zu den einzigen Unterschied den bekannte, die nach verblieben Waren: dem biologisch-nationalen und. dem historischsoziologischen der jüdischen Schicksalsgemeinschaft. . Nach der Weise der modernen Staatsauffassurtg bekannte ich. der Zionismus' dabei zu dem Prinzip, daß die religiöse Ueberzeugung „Privatsache“ sei.' 'Er überließ es al'so seinen Anhängern, ob sie religiös indifferent, liberal öder orthodox waren und verlangte von ihnen nur die Treue zum Volk. Freilich: da die Geschichte Israels zugleich auch seine Religionsgeschiaite ist, aa der Zionismus. ferner als echt romantische Bewegung eine lebendige Liebe zur Geschichte des eigenen Volkstums unterhält, so mußte er zwangsläufig eine bejahende ..Position gegenüber dem Judaismus und dem „Gesetz“ beziehen, bejahend nicht im Sinne der Anerkennung einer Verbindlichkeit, sondern der romantischen Achtung vor ihnen als den geschichtlichen Kräften, die den „Volksgeist“ gebildet haben. - Es ist schwer Verständlich, wenn Weniger schreibt, daß von orthodoxer Seite „noch nirgends eine energische theologische Kritik am Zionismus aufgestanden sei“. Nun: die teilweise recht temperamentvolle .und. nun vor fast 50 Jahren begonnene Polemik zwischen Orthodoxie und Zionismus dürfte mittlerweile einige Bibliotheken füllen. Selbstverständlich trat die große Mehrheit der Orthodoxie in eine scharfe aggressive. Auseinandersetzung mit dem Ziö-, nismus ein. Denn für sie mußte das Prinzip einer religiösen Neutralität ein Greuel sein, für sie war der. Zionismus, weil die\ Mehrheit seiner Anhänger sich ebensowenig dem „Gesetz“ unterwarf wie die, radikalsten Assimilanten,/ genau so ein Syriiptom des Abfalls wie das Reform Judentum,.,und zudem mußte sie eine Säkularisierung des Heiligen Lrvides befürchten. Die antizionistische Orthodoxie schloß sich 1912 in den Weltverband;,Agudath Jissräel“ zusammen, während,ein kleiner Teil, der zum Zionismus übergegangen war, weil er sich dessen Analyse der Judenfrage zu eigen gemacht hatte, innerhalb des zionistischen Weltverbandes eine eigene Partei,, den „Misraehi“ bildete, •die heute etwa ein Fünftel der Bewegung umfaßt. Die furchtbare Existenznot des Judentums freilich, die durch dep Hitler-Mord . an sechs Millionen entstanden ist, hat die Gegensätze weitgehend überbrückt und heute' stehen Zionisten und „Agudisten“ in Palästina, in mehr oder weniger enger Zusammenarbeit. Der „Nationalismus“, den der Zionismus repräsentiert, ist also zunächst nur ein. liebevolles Bekenntnis zum eigenen Volkstum. Seine Betonung ergab sich nicht aus aggressiven Absichten gegen., irgendein anderes Volk, son-, dem aus dem historisch bedingten Kampf ge-' gen die Konfessions-Fiktion. Nationalismus war also vorerst für ihn keine bestimmte Richtung, wie wir sie sonst in diesem Sinne verstehen, sondern nur die schlichte Feststellung: Die Juden bilden eine Nation. Diese Nation selbst nun, für die,der Zionismus sich als „Judenstaat unterwegs“ repräsentativ fühlt, differenzierte sich sehr bald schon wie alie anderen Nationen nach politischen Gesichtspunkten, die auch für die Bildungen von parlamentarischen Parteien (das zionistische Parlament i?t der alle zwei Jphre zusammentretende Kongreß, der die höchste zionistische Instanz ist) maßgeblich wurden; so gibt es verschiedene sozialistische Richtungen,' eine bürgerliche Mitte, rechts davon' der örthodoke „Misraehi“ und schließlich auf d@r äußersten Rechten die Revisionisten. Diese letzteren ließen sich als „Nationalisten“ in dem uns vertrauten Sinne ansprechen, sie verwechselt Weniger mit dem Zionismus schlechthin, wenn er ihn jedem beliebigen Nationalismus gleichsteHt. ■ : . Freilich, der aufreibende und lange Kampf mit den Arabern und mit England hat auch inzwischen selbst die zionistische linke Arbeiterschaft in einem gewissen Grade zu „Nationalisten“ gemacht. Es ist hier allmählich eine ähnliche Entwicklung eingetreten wie auch in Europa, wo das Erlebnis der „refeitance“ gerade auch-den Kommunismus zum Träger nationalistischer Paffelen machte, wobei freilich die zionistisch-sozialistische Arbeiterschaft, die in Palästina -großartige Leistungen , aufzuweisen hat, sich an aggressivem Nationalismus auch nicht im entferntesten etwa mit-dem französischen Kommunismus messen kann. Ueber den jüdischen Terror Wird Hiän milder denken, wenn man sich erinnert, daß London den nicht weniger intensiven arabischen Terror von 1936—-4939 mit einem Weißbuch prämiert hat, das der Zionismus mit Recht als einen 1 Todesstoß empfinden mußte. England selbst hat also den Juden einigen Anlaß zu der Vorstellung gegeben, man brauche nur kräftig zu terrorisieren, um die eigenen Wünsche beim Colonial-Office durchzusetzen. Selbstverständlich hat Weniger Recht, wenn er von dem „verlogenen Geistesgepäck“ des Nationalismus spricht, der durchs die Entwicklung zur „Mode“ wird. Es ist nicht ganz unproble-; matisch,-wenn die Abstimmungen in den DP.- Lagern ergeben, daß über. 9ö Prozent ihrer Insassen nach Palästina, und nur dorthin wollen: denn nicht bei allen wird ’ jene „chibbäth Zion“ (Zionsliebe) das Motiv sein; welche als irrationales Momeht der zionistischen Bewegung ihren Schwung gab (weswegen auch Siedlungsversuche außerhalb Palästinas bisher immer Fehlsehläge wurden). Bei den meisten wird wohl eher eine' durch die furchtbaren Erlebnisse erzeugte panikhafte Psychose den Ausschlag geben, zusammen mit der” an sich wahrhaftig verständlichen Vorstellung, die Ereignisse hätten bewiesen, daß die Juden auch im hochkultivierten Westen nicht sicher seien und also tatsächlich j nur ein jüdischer Staat mit einer jüdischen Majorität jene Ruhe gewähren könne', welche die Juden seit 2000 Jahren anstreben. Allerdings ist jfegliches Men-- schenmaterial, das nicht von einem echten Ideal,, sondern nur durch eine unhaltbar gewordene Situation nach Palästina getrieben wird, für das Land -und die zionistischen Absichten nicht ganz ungefährlich. Denn nochbe- ■ findet-das jüdische Palästina sich im Pionierstande,’der eine Auslese nach dem Gesichts-' punkt echter geistiger Verbundenheit mit Zion Verlangt, und ein mehr oder minder, wenn auch noch so begreiflicher Panik-Zionismus wird vorerst der Qualität des Aufbauwerkes leicht abträglich sein können.“ 1 Um die Produktivierüng jüdischer Menschen . Während der Auf- und Ausbau der ORT-Arbeit für die D.Ps. in. Italien seinen Höhepunkt noch nicht erreicht hat (die Zahl der Ausbildungsstätten soll bis Ende des Jahres noch um 40 Prozent vergrößert werden}, lassen sich bereits die ersten Resultate feststellen. In Mailand hat die erste handwerkliche Abschlußprüfung von ORT-Sehülem Stattgefunden. Die Prüfung sowie die Zusammensetzung der Prüfungskommission übernahm auf Vorschlag von ORT das Consozio Prövinsiale per Tlstruzione Tectinica di Milano. Die erste Gruppe waren 16 Schneider, die die Prüfung sehr gut bestanden. Das * ORT-Diplom wurde von dem Consozio mit unterschrieben. Die zweite Gruppe, bestehend 'aus 11 Zuschneiderinnen, schloß mit dem gleichen Err folg ab. . ~ , In Turin’ fand eine Abschlußprüfung für 17 ausgebildete Gärtner statt.. Ganz besonderen Wert hat-der Abschluß eines Kurses für Instruktoren auf. dem Gebiete der Hölzarbeit und Schnitzerei, .in der Lehrwerkstätte 1 Selvino wurden Lehrer' * für Schnitzerei und Spielsachenerzeugung ausgebildet, die in den allgemeinen jüdischen Volksschulen tätig sein werden. Unter dem t Vorsitz von Dr. A. Singalbwsky fand eine Konferenz der ORT-Direktoren einiger Länder statt. Beschlüsse über wichtige |HllllllilillllllllIII!l(!llllillM<tll'iniliimilIllliimilllllIlllIIIIIIIIl::::(lllimiilIllllilllllillHIIIIIIIIlitli In den Vereinigten Staaten wurde kürzlich ein Gesetz erlassen, das für diejenigen Bürger und Bewohner der ehemaligen Feindstaaten der USA. und den besetzten Gebieten von Wichtigkeit ist, die aus rassischen, religiösen und politischen Gründen verfolgt wurden. Danach können Personen, die Guthaben oder anderes Eigentum in den Vereinigten Staaten besitzen, das während dea Krieges beschlagnahm^ wurde, Anträge auf Wiederfreigabe stellen. Pie Gesuche müssen jedoch vor dem 8. August 1948 eingereicht .werden. ' Der Vertreter der „American Jewish Conference“ ip .Deutschland, Mr. Hans Lamm, Nürnberg, Eichendorffstraße 65, ist bereit, Anfragen .und Anträge weiterzuleiten. '■ technische und , organisatorische. Maßnahmen zur Vergrößerung und Verbesserung des Fachbildungswesens für D.Ps. in-Rallen, für ORTinstitutionen in Belgien und in .der Tschechoslowakei, Pläne für die Gründung von neuen. 38; Lehrwerkstätten wurden bestätigt. An der Beratung beteiligten sich außer den verantwortlichen Leitern der ORT-Arbeit in Italien.,, Belgien und der Schweiz auch die Mitglieder ’ des Administrativen Komitee? der ÖRT-Uiiion tmd der Zentralen Kontrollkommission der ORT-Union,' die vor kurzem die ORT-Schulen in Italien, besichtigt hat. . /DeufSdie Preleatissiellüiig D&Heldorf Auf det; am 31. Oktober eröffneten Presseausstellung in Düsseldorf hat das „Gemeindeblatt“ zusammen mit der jüdischen Zeitschrift „Zwischen den Zeiten“ einen Pavillon, der von den zahlreichen1 Besuchern dieser Ausstellung besonders beachtet wird.; Ueber die Presseausstellüng als solche berichten wir in der nächsten Nummer. . * Grüße aus Afrika Br. med, et phil.-A. $indler, der frühere 2. Vorsitzende, der Düsseldorfer . Sypagogengemeinde und der damalige Jugendr und Sport-1 dezeniftit', -übersandte lins .einaü&üftn**-«-* Schreiben, in dem .er uns u. ä. mitteilt, daß er sich inmitten einer, ernsten Erziehungsarbeit in der .Wüste befindet. : Dr. Sindler beauftragt üns, allen Mitgliedern der Synagogengemeinde Düsseldorf,.die ihn kennen, die herzlichsten Grüße zu übermitteln und ihnen zu versichern, daß,1 wenn auch unsere jüdische Gemeinschaft in den letzten Jahren Unendliches durchgemacht und schreckliche Blutopfer gebracht hat, er, der er sowohl in Palästina .als auch während des Krieges in anderen Ländern das Leben und Wirken der jüdischen Menschen miterlebt habe, Voller Optimismus für die Zukunft sei. Er sagte: „Tatwille, Verjüngung, Selbstvertrauen und Stolz auf unsere Vergangenheit wird uns mit Sicherheit eine bessere Zukunft schaffen.“ -r Postscheckkonto: HANNOVER 11169 . Kommandlt- Öasollaschaft . 1 Oeprgstraß© 27, II.Etg. HAISI |%SOVER Ruf: 2174.5/46, 24471 Praht:Löhrt>ank,Harvnover Erledigung Amtlicher i>ankmässigen Geschäfte POSTFACH 353 Reichsba'nkgiro: 27/47 EVA S1EWERT: DAS ORAKEL Damals wurde uns klar,: daß Bleiben Lebensgefahr bedeutete. Bis zum 9. - November 1938 war der Wuhsch nach Auswanderung der Wunsch nach Freiheit gewesen. Jetzt wurde er zur Notwendigkeit. Es galt sich zu retten.' Wirhaben-kein Konsulat. ausgelassen. Es gab keinen Staat der fünf Erdteile, dem wir unser Anliegen nicht vortrugen. Kein Antragsformular für Einreisevisa, das wir nicht gemeinsam ausfü^lten. Im August 1939 kam dann endlich, aus London , die Post, die uns den Rettungsring zuwarf. Ein. Mensch, der uns beide zunächst einmal auf nehmen .wollte? '.war ■ gefunden. Ob unser dankbares Antwortschreiben ihn noch erreichte, das weiß ich. bis heute nicht. 'Er ging am 25. August ab.- ' Wir verstanden das Orakel nicht mehr. Vor einem halber#'Jahr waren wir nämlich einmal schwach gewesen so' wie Saul,; als er zur Hexe von Endor. ging. Wi/ hatten 'eine .Hellseherin aufgesücht, mit schlechtem Gewissen und quälender Neugier der' brennenden Frage: kommen wir ins Ausland? Sie sah uns prüfend mit ihren Mäuseaugen an, starrte in die Luft oder durch-uns hindurch und sagte versonnen zu mir: „Erst kommen S i'e weg.“ Bann blickte sie auf Alice: „Dann - kommen Sie weg, sehr weit weg,“ Sie machte eine Pause, weil wir /aufatmeten. Sie schlug die Hoffnungen wieder zunichte und dämpfte sie doch sehr stark: „Dann sehen Sie i sich nie mehr wieder.“ Wir hatten damals den Albdruck abgeschüttelt, So etwas gab es ja nicht. - Mochte auch ' , * einer von uni nach Haiti , kommen und der andere vielleicht nach Neu-Seeland. Wenn wir nur erst draußen waren. ‘ Wir würden uns schon wiederfinden. Irgendein Schiff fuhr doch eines Tages, däfe eins zum andern brach- , te.' Eine Frage der Geduld. Wir wappneten uns damit. •7 - Aber nun wär der Krieg , da. Lange gefürchtet. Oft prophezeit. Wie sollten wir denn nun noch .herauskommen. Zum heimlichen1 Grenzübertritt1 fehlten uns alle Voraussetzungen. Vor allem konnte man das den andern nicht antun, die doch auch zu uns gehörten. Sie wären in Angst und Sorge zurückgeblieben, und wer weiß, ob man später, salbst * wenn es geglückt wäre, Post zu ihnen-schmuggeln konnte. Wer weiß auch, ob sie es nicht ausbadeh mußten. Wir hatten zuviele Bedenken. .Verstecken —das konnte man viel-' leicht auch im Lande bewältigen. Wir glaubten immer noch an zahllose Unterschlupfmöglichkeiten in der großen Stadt. Für mich schien das Problem ohnehin nicht so brennend. Ich War nur „halb“. Alice aber und ihre Schwester besaßen bereits ein Affidavit. Noch wären die USA neutral. Vielleicht' würde es eloch noch glücken, dorthin zu gelangen. Aber hieß es nicht in dem Orakel, erst käme ich weg? ■_ - Ich war nur halb,., und kam doch zuerst dran* Ich kam weg. Eines Morgens klopfte es umsechs. Ich wußte, was das bedeutete. Derlei Klopfzeichen in den letzten Jahren, hatten immer nur eine Bedeutung. Ein baumlanger Polizist stand vor mir. „Sie müssen mitkommen.“ Das war nur ein Auftakt. Ich saß einige Wochen in.-. Schutzhaft, ehe ich erfuhr, daß man Schriften von mir bei einer Haussuqhüng im- Rheinland gefunden hatte, in de-; nen. unter anderen bösen Sätzen die Worte standen: „Am deutschen Wesen wird die Welt nicht genesen, sondern Verwesen.“ Es kostete erstaunlicherweise nur zwei Monate Gefängnis, Aber ich hatte das kaum hinter' mir, da lief eine neue Anzeige ein. Diesmal waren es Denunziantinnen. Sie bezeugten mit dem Brustton ehrlicher Entrüstung, daß ich antifaschistische Aeußerungen gemacht ..und den Krieg als verloren bezeichnet hatte. Nun kostete es schon neun Monate. Als ich nach der Verhandlung das Ergebnis durch das Telefon rief, merkte ich,' wie schwer es Alice, traf. Schwerer als mich. Sie-brauchte jetzt ■ jeden ► Menschen, der helfen konnte. Ich ..hätte helfen können, wäre ich frei geblieben. Die Ungewißheit über das Schicksal der besten Freunde ging mit mir. Ein Bleigewicht hing jeder Stunde damit an. Aber der Zufall waltete. Eine junge Aufseherin wurde dienstverpflichtet. Sie schätzte1 diese Arbeit' picht. Sie kannte andere meinen Freunde draußen. Solche, die arisch waren und daher wie Menschen leben durften. Alice stand immer mit ihnen in Verbindung. . Sie erfuhr: ich. sitze nicht den ganzen Tag über in.der Zelle. Morgens um sieben und abends gegen sechs fuhr ein-Lastauto vor dem: Gefängnis vor. Es holte die Sträflinge zur Arbeit auf- Außenkommando. Zweimal wöchentlich stand Alice nun an der anderen Straßenseite, wenn abends das Auto vor dem Gefängnis vorfuhr. Die Straße war dann belebt. Gegenüber lag eine Bäckerei, die um diese Zeit noch Verkehr hatte. Wer sich geschickt änstellte, ftel nicht auf. "Zweimal wöchentlich grüßten wir uns mit den Augen. , Mehr durfte nichts geschehen. Schon ein Lächeln oder. Nicken bedeutete .schwerste Gefahr für sie. und Kellerstrafe für mich. Man hätte sich, in der Zeit dieser Sonderbestrafung nicht"sehen können. '■ Ich nahm an der Trittleite’ des Wagens Aufstellung und half den absteigenden Mädchen in ihrer blauweißen Sträflingstracht. Auf diese Weise sahen wir uns immer etwa . sechs Minuten lang. Kostbare Minuten! Beide wußten voneinander, daß-wir lebten. Eines Tages aber wurde das Kommando in einem neuen für diesen Zweck .ausgebauten Räum am Arbeitsplatz . selbst - verlegt. Die Autofahrten fielen weg. Alice stand wei- oder dreimal 'Vergeblich vor dem Bäckerladen an der Ecke, bis, sie den aufklärenden Wink von der hilfreichen Beamtin bekam. ' Nun schrieb sie einräai wöchentlich einen Brief.' Da ging es wieder besser mit ridr. ~ - Plötzlich blieb die Post aus. Im vorletzten Brief war durch geschickt verkleidete Sätze zu lesen gewesen, daß sie ihre Wohnung alsunsicher, verlassen müßten und nun in einem Versteck in der weiteren, Urrigebang als Sommerfrischler lebten. Warum kam keine Post mehr? Lag sie auf der Zensurstelle? Ich selbst hatte Anfang August . Schreiberlaubnis . gehabt und über die verabredete Mittelsperson' geschrieben. - Aber der Brief war nicht abgegangen. Ich: hatte zu eng geschrieben. Ich

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