Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 14 (24.10.1947)
- Date
- 1947-10-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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' Seife 4 —24.' Oktober -.lMT jüd!sches;gemeindeblatt.foe DIE BRITISCHE ZONE. Nr. 14 — 2. Jahrgang PALÄSTINA ln einer, der ausländischen Presse gegenüber abgegebenen Erklärung richtete Sir Alan Cun-. ningham, der britische Öberkommissar, eine ernste und nachdrückliche Warnung an die ■Bevölkerung Palästinas. ~ Män solle sich klar darüber sein, daß England seine Absicht, sich zurückzuziehen, wahrmache, und man solle sich' die möglichen Folgerungen -eines solchen Rückzuges vergegenwärtigen, falls nicht die jüdischen und arabischen Führer letzte Anstrengungen machten, sich:zu einigen. Wie der'Korrespondent des „Manchester Guardian“ berichtet, girig aus den Ausführungen Cunninghams der besonder^ Ernst der Lage hervor. ' . ' ‘p; . Unter der. Anklage, Flugblätter für den Irgun Zvai Leumi gedruckt zu haben, wurden kürz-: lieh die Besitzer der ,,Hambam“-Druckerei in Tel-Aviv, Moshe und Abner Senior, vön einem Militär-Gericht zu je sieben Jahren Gefängnis verurteilt. (JTA.) .. ÄGYPTEN Ein Angebot der Hebräischen Universität in Jerusalem, geschultes medizinisches Personal zur Bekämpfung der" Cholera-Epidemie nach, Aegypten zu senden, 'wurde von der ägyptischen Regierung dankend abgelehnt. Die Regierung gab bekannt, daß gegenwärtig ausländisches Personal noch nicht gebraucht würde. (JTA.) ^RUMÄNIEN ■' . . . .. 26 deutsche Kriegsgefangene, frühere Gestapo-Mitglieder, die .jetzt auf einer. Kriegsgefangenen-Farm bei Timisoara arbeiten,. wurden wegen eines Angriffs auf ein Lager einer jüdischen Jugendorganisation inhaftiert. Bei diesem Angriff wurden mehrere Juden -verletzt. (JTA.) DEUTSCHLAND Die Bewachung^ der Läger Pöppendorf •; und Am Stau, wo die „Exodus“-Flüchtlinge untergebracht sind, wurde kürzlich zurückgezogen. Die Läger sind jetzt für Besucher geöffnet, ' ebenso können-die Flüchtlinge jetzt frei aus- und eingehen. Auch «die Stacheldrahtumzäunung wurde wieder entfernt. Jüdiscffe Lagerpolizei hat jetzt die Aufgaben der englischen Bewachung übernommen. (JTA.) Das Schwurgfrieht Leipzig; verurteilte den ehemaligen Pg. Willy Meier zu 15 Jahren Zuchthaus, weil er im Jahre 4938 einen Juden schwer mißhandelt hatte. (ADN.)? In Berlin spielte Yehudi Menuhin das Beethovensche Violinkonzert in einem, Zugunsten der Jüdischen Gemeinde , veranstalteten Konzert der Berliner Philharmoniker* ■ Dirigent war Wilhelm Fuptwängler. Dies war die erste von hichtjüdiseher Seite zugunsten der jüdischen Gemeinschaft arrangierte Veranstaltung. In Eisenach wurde auf dem Platz der vormaligen Synagoge ein Mahnmal errichtet. Es ist die erste Gedenktafel dieser Art in der .russischen Zone. Unter den Sprechern befand sich Julius Meyer, Berlin, der Präsident des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in der russischen Zope. Professor Norman'Bentwich, London, der Vizepräsident des „Jewish Committee för Relief Abroad“ (Jewish Relief JJnit), stattete%üfzlich der Gemeinde Göttingen einen Besuch ab. Er berichtete über seine' Eindrücke im „Jewish Chronicle“, der bedeutendsten jüdischen Zeitung Englands. Göttingen, so führte er aus, hatte vor 1933 eine blühende « jüdische Gemeinde, und ihre Beziehungen zur christlichen Bevölkerung wareh. sehr freundlich. Die Synagoge wurde im November 1938 niedergebrannt und iht-e Ueberreste während des Krieges vollends zerstört. Keiner der Göttinger Juden, die nicht Vor dem/ Kriege auswanderten, ist am Leben' geblieben — mit Ausnahme des Gemeindevorsitzenden, der mit < Hilfe seiner Frau und von Freunden verborgen gehalten blieb und nach Kriegsende eine neue Gemeinde aufbaute, die heute 2Ei Mitglieder zählt. Bentwich, der Professor für internationale Beziehungen an der ' Hebräischen Universität in Jerusalem ist, weist in seinem Artikel , auch auf die alte Universität Göttingen hin, die in den 200 Jahren ihres Bestehens nicht weniger als 80 Juden unter ihren Professoren und Dozenten zählte.- Heute befindet. sich im Lehrkörper nicht ein Jude mehr. Allerdings -gibt es einen halb jüdischen Professor. Dieses Jahr ist ein jüdischer Wissenschaftler, der als Flüchtling nach England kam und sich dort als Philosoph einen Namen machte, eingeladen Worden, an der Universität Kurse zu* geben. Im Jahre 1946 waren dfei jüdische D.Ps. als Studentenimmatrikuliert; einer von ihnen er- ' langte seinen Doktorgrad „summa cum laude“ mit einer Arbeit auf dem. Gebiet der romanischen Sprachen. Der Kardinalerzbischof ■ Dr. Faulhaber •empfing den Oberrabbiner des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden Bayerns, Dr. Aron Ohrenstein gemeinsam mit dem Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, Dr. Philipp Auer b ach. Ineiner längen Unterredung, die. in freundschaftlicher Weise gehalten war, trügen die beiden Herren ihre Besorgnis über den gegenwärtig an wachsenden Antisemitismus vor und der, Kardinal betonte, daß er seine Einstellung den. jüdischen' Mitbürgern gegenüber micht geändert habe und auch stets gegen das Gift des Antisemitismus in Zeiten, woi es gefährlich wär, offen Stellung genommen hat. Der Kardinal erinnerte, sich gerne . der gemeinsamen jüdischen Freunde, die auch heute noch -aus dom Auslände der Judemfreundlichkeit des Kardinals dankbar gedenken.' Der Staatskbmmissar betonte besonders die Zusammenarbeit seiner Dienststelle mit. den katholischen charitativen Verbänden und insbesondere die Bande der Kameradschaft, die ihn mit vielen katholischen,-Geistlichen aus dem Konzentrationslager her verbindet. Die jüdischen Studenten an den Berliner Hochschulen sind jetzt durch die Berliner jüdische. G6mein.de ..zu einer „jüdischen Studentengrüppe“ zusammengefaßt worden. > ' ,v. . (DENA.) Zwölf Personen sind kürzlich' in .Offenbach verhaftet worden; sie werden beschuldigt,, Juden vor, ihren Unterkünften bedroht zu haben. Diese Haltung wird von der Bürgerschaft auf das schärfste verurteilt. Die'CDU verlangt ln einer Erklärung^ daß die Demonstranten auf Grund des Befreiungsgesetzes in die Gruppe II eingestuft und für längere Zeit in ein Arbeitslager eingewiesen werden. (DPD.) Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Offenbach, Max Wfllner, sägte, der. Vorfall sei, nicht der einzige seiner Art; und er mache es notwendig, ein Gesetz zu fordern, das für antisemitische Aeußerungel hohe Strafen vorsehe. (DENA.) , j Auf. dem ersten deutschen Schriftstellerkongreß, der in Berlin tagte, -wurde folgende Entschließung einmütig angenommen: . „Die auf unserem ersten Kongreß versammelten deutschen Schriftsteller .halfen es für ihre Pflicht, von aller Welt einmütig zu bekunderi, daß der Antisemitismus eine der -furchtbarsten Schandlehren des nazistischen Deutschlands’ war. ■ Wir deutschen Schriftsteller Werden darüber wachen, daß sich , in keiner — sei es noch so versteckten Form — -eine antisemitische Tendenz wieder in die deutsche Literatur hineinwagt. Wir 'deutschen Schriftsteller werden mit allen Mitteln dafür wirken, unser Volk von der Pest des Antisemitismus zu befreien und die Zeit eines neuen deutschen Humanismus herbeizuführen.“ . . « > .. '■ USA. _ Präsident Truman 'ist auf der Suche : nach einem hervorragenden Fachmann, der eine neu zu errichtende Regierungsbehörde zur Organisation der Europahil'fe leiten soll. Unter den Kandidaten für diesen Posten steht Berriard * Baruch an erster ■ Stelle.- * (UP.) D.P. PROBLEME Eine begrenzte Anzahl jldis'cner Waisenkinder aus der US.-Zone -kann, wie die PGIRÖ mitteilt, durch kanadische jüdische Familien adoptiert werden. Der kanadisch-jüdische Kongreß wird für ' den Transport und die Unterbringung der Kinder Sorge tragen. ' ' (DENA.) 450 jüdische Flüchtlingskinder aus Osteuropa trafen kürzlich in Nijmwegen (Holland) auf' dem Wege nach Apeldoorn ein, wo sie fachliche Ausbildung in den verschiedensten Berufen erhalten sollen. (DteNA.) ein neyes ATA in der alten Streudose U&ss&t* als fe zuvor! GRÜSSE , des Rates beim Zen<ral-Komi(ee der befreiten Juden der britischen Zone an die Brüder der ,,Exojus 19474‘ Der Rat beim Zentral-Komitee der befreiten Juden in der britischen Zone 'Deutschlands, übersendet Euch Chawerim-Maapilim der „Exodus 1947“, die sich in r den vordersten Reihen unseres Kampfes . für Alijah* befinden, von seiner Sitzung am 13.- Oktober 1947 in, Bremen seine brüderlichen Grüße. , Wir geben unseren tiefsten Solidaritäts-iGefühlen , Ausdruck für Eure Leiden und darüber Hinaus im ■Hinblick, auf Eure schwierige ökonomische Lage erklären wir unsere volle Bereitschaft, Euch auch im praktischen-Sinne zu . helfen. Wir Wollen Euch Lebensmittel und Kleidung, die üns zur Verfügung stehen, nach besten Möglichkeiten übermitteln.. . ” Wir erachten es als unsere heiligste nationale! Pflicht-im Bewußtsein dessen, daß Euer Kampf auch der unsrige ist. Seid stolz und mutig! . Wir sind mit Euch! '. ■ : : Die Mitglieder des Rates beim Zentralkomitee der befreiten Juden in der britischen Zone Deutschlands Der Vorsitzende: gez. Carl Katz. Berichtigung ' > In Nr. 13 ist uns ein-Fehler unterlaufen, und zwar muß es auf Beite 3, Spalte 4-, heißen: In .Konstanza trafen kürzlich drei Schiffe.mit Gütern des. American "Joint ein; auf Seite- 7 unter der Üeberschrift „Französische- Zone“ muß. es statt Konstanz Freiburg heißen. , . D. Red. Für Veröffentlichungen unter dieser Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung. D» Red. Die Steuerlast detr Verfolgten ' Sn dem Offenen Brief an die Oberfinanzpräsidenten („Gemeindeblatt“ Nr. 2 " v. 30. April) .wurde mit Recht . darüber Beschwerde geführt, daß den Opfern nationalsozialistischer Unterdrückung keine Erleichterungen, gewährt -würden, auf die sie auf Grund der . ihnen yön den Finanzbehörden zuteil gewordenen Sonderbehandlung Anspruch hätten. Nach einer Mitteilung im „Jüdischen Gemeindeblatt“ Nr. 11 vom 13. September hat die Militärregierung die, Zeitung däyon in Kenntnis gesetzt, daß das Legal Department (Rechtsabteilüng) der Jewish Relief Unit ihr keinen Fall mitgeteilt hätte, bei dem Erleichterungen verweigert wurden. " Hierzu ist folgendes zu sagen: Wir sind wiederholt an die FinänSe Division herangetreten" mit der dringenden Bitte, die Judenäbgabej und dre anderen Maßnahmen verbrecherischer! Verfolgung durch die Finanzbehörden zu berücksichtigen. ~. Wir haben klargelegt, daß. die Verfolgten, die von den Konzentrationslagern, aus ihren Schlupfwinkeln oder aus der Emigration zurückkommen, finanziell ausgeblutet .wären und sich daher in einer -besonderen Lage gegenüber den Finanzbehörden befinden. Uns wurde stets die Antwort zuteil, — münd- .lich und schriftlich .—1 daß. der Wiedergutmachungsgesetzgebung nicht vörgegriffen werden dürfte und der Grundsatz der Gleichheit aller Steuerberechtigten vor dem Gesetz nicht verletzt werden sollte. Unser.“ Einwänd, daß diese formelle Gleichheit im Hinblick auf die ' Geschehnisse in der Vergangenheit den Zustand höchster Unbilligkeit hervorrufen würde, ist nicht verstanden oder gebilligt Wörden. Die Finance Division .wollte einen Bericht über Fälle haben, in denen Juden heute von Finanzbehörden diskriminierend behandelt worden sind,' d. h. Steuerfälle, in'denen An- träge ab gelehnt worden sirM auf Grund einer antisemitischen Haltung der Steuerbehörden., ■ Billigkeit und Gerechtigkeit;sowi^ pflichtmäßiges Innehalten \ der Amtspflichten verbieten es mir .aber, deutsche Beamte eines derartjgen Verhaltens %u beschuldigen, wenn ' 'sie nur im Rahmen der ihnen gegebenen Anweisurigen und Ermächtigungen handeln. Die bestehende Unbilligkeit liegt in der Regel' nicht in einer übelwollenden Haltung der Finanzämter, sondern in der ihnen auferlegten Hemmung, die Verfolgung der Vergangenheit gebührend zu berücksichtigen. Ich habe daher am 17.- Juli 1947 dem Chef der Finance Divi- ' sjön geschrieben: „Es scheint mirsinnlos zu sein, einen unteren Beamten verantwortlich zu machen,' der nur in Uebereinstimmung mit der allgemeinen Politik handelt, die ihm auf erlegt ist, wenn 'die Notlage gerade durch diese Politik verursacht ist. Die Bezugnahme auf eine zukünftige Wiedergutmachungsgesetz- . gebung erleichtert nicht die gegenwärtige Lage und wenn diese Gesetzgebung zustande gekommen ist, so mag sie. für viele ' Fälle''der Not zu spät kommen.“ _ /; Ich fasse zusammen, daß. es sich hier nicht um diskriminierende Einzelverfügungen handelt, sondern um eine Haltung der Behörden, die eine gebührend# Berücksichtigung der - Opfer des- Nationalsozialismus' nicht zuläßt. Es ist daher Sache der höchsten Rehörde^Abhilfe zu schaffeh und zwa” zunächst durch eine klare Bestimmung, daß die diskriminierenden Akte der Finanz Verwaltung bei der Beurteilung der Steüeransprüche gebührend beachtet werden müssen. Ich bemerke,' daß nach der-Mitteilung des Bayerischen Staätsministeriums des , Innern, Staatskommissariat für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, Staatskommissar Auerbach vom '11. September die Judenabgabe, in Bayern zurückgezahlt sein soll. Dr. H. G. van Dam, Legal Adviser J. R. U. raanBB&BHKSi Dr. BERTO PEROTTI: ■ ♦ ' ' DER JUDE An einem Donnerstagna’chrmttag war sie mit, der Tochter ins Dorf gegangen und Dario, ihr Mann, mit Mario auf dem Felde. Nach Hause zurückgekehrt, fand sie Gevatter Gurla dort mit einem Fremden. ' ‘ „Siehst du“, sagte Gurla, während er' sich den Kopf kratzte, „ich muß mit dir etwas besprechen es handelt_sich um diesen armen Menschen da, den ihr beherbergen müßt, wenigstens für ein paar Tage.“ Santa wußte nicht was sie denken. \gid sagen sollte, so groß war ihre Ueberraschung und Verlegenheit, als sie vor den beiden Männern stand. Sie putzte sich ihre rauhen Hände an der Schürze ab und sah beschämt "auf ihre nackten Füße, Dann, gab sie der Teresa einen. Katzenkopf und sagte brüsk: „Geh. mal weg und steh nicht da Kerum und horch auf das, was die Großen sagen.“ Dann beeilte sie sich, zwei'Stühle für den Besuch herbeizuholen, vergaß aber, sie anzubieten. Nun jief sie hinter das^Haus und rief: „Dario, Dario!“ Abeaf da niemand antwortete, lief sie zurück,, juchte' Teresa und fand sie weinend hinten dem Heuschober. „Was gibt, es denn hier zh weinen,“ sagte sie, „lauf aufs Feld und. sag“ deinem Väter, daß er sofort heimkommen soll.“ Dann kehrte sie in die Küche zurück und verzweifelte fast, als sie die beiden noch, stehend sah. ^Heilige Maria“, rief sie, „ihr Steht noch immer!“’. 4 Der Unbekannte, der mit Gurla gekommen , war, hatte ganz . das Ansehen eines Herrn.. . Er war gekleidet wie. ein Städter. Aber es . war e^yas Verwirrtes und Erschrecktes in . ihm. Er lächelte zaghaft und nahm Platz. , Gurla blieb jedoch stehen. Er warf meinen Blick auf seinen .Begleiter, dann auf Santa und sprach: „Si,eh‘, Santa, 'dieser Herr liier ist ein Jude.“ Santas Gesicht veränderte sich. „Ein Jude?“ meinte' sie und fügte gleich. hinzu, indem sie mit beiden Händen in die Haare fuhr, „Heilige Maria, ein Jude?.“ Sie sah mit erschrockenen Augen auf. den Unbekannten und natte gleich ein riesiges Mitleid mit ihm. Sie hatte keine klare Idee von dem Begriff ,Jude*. Bis vor wenigen ^Monaten hatte sie. nicht einmal von deren Existenz geyvußt, bis d.aß Toni und der Pompa einmal von der Stadt gekommen waren* und von der Neuigkeit gesprochen hatten-, „Den Juden in der. Stadt geht es schlecht“, hatte Toni gesagt, „Was? Juden?“, hatte jemand gefragt. Und Toni hatte ungefähreine halbe Stunde Zeit, gebraucht, um den ..Bauern klarzumachen, was Juden waren. „Da# sind Leute, die nicht unsere Religion haben,“ hatte er gesagt. „Sie gehen in die Kirche, ja, abet sie nehmen nicht; den Hut ab, _ Sie. sind klein una dunkel und verkaufen Sachen im Ghetto:“ Dann später, hatte jemand berichtet, daß män ln Deutschland alle Juden ermordete. Man brachte sie in einen geschlossenen Waggon und vergaste sie. Und jetzt, Wo die Deutschen sich in allen Städten und Dörfern niedergelassen hatten, schwirrten die be- ■ unruhigendsten Gerüchte über das Los . der Juden umher, Santa warf wieder einen Blick auf den Juden. „Nein“,. dachte sie, „er ist / nicht klein® er ist nicht wie die, die Toni beschrieben hat.“ .; , Und Gurla, wie um ihren Gedanken zur Hilfe /zu kommen, bemerkte: „Es ist keinen von unseren Juden, er ist aus Jugoslawien.“ „Aus Jugoslawien?“, meinte Santa, ' ohne zu begreifen. „Ja“, fügte Gurla hinzu, „von dort wo. die Truppen hingeschickt wurden, .wo der Sohn von der Konstanze hingegangen, ist.“ „Ah, von dort, von da her“, meinte Santa, schüttelte den Kopf undbetrachtete weiter den Juden, Dieser hätte ein erschrockenes Gesicht gemacht, als Santa . gekommen, war, schien aber , jetzt neuen Mut geschöpft zu haben. - „Ja,“ sagte er, „ich ein slawischer Jude. Geflohen mit Hilfe italienischer Offiziere, Italienische . Soldaten nicht böse, nicht erschießen. Gefloben aus Konzentrationslager. Italienischer Offizier geholfen. Familie verloren, Frau verloren, alles, alles verloren, mein Leben ver-» loren . .. Er sank verzagt^ mit düsterem Gesicht auf dem iStuhl, in sich. zusammen, während! Santa ihn mit erschrockenen Augen anstarrte. Sie hatte nicht allzuviel von den Worten*' verstanden, aber eines hatte sie .begriffen, daß da v.or ihr ein armer Mensch 'war, der alles, sein Haus, seine Familie, alles verloren hatte und jetzt von seinfen Feinden verfolgt wurde. „Heilige Maria!“ rief sie aus urtd -fuhr mit beiden Händen in die! Haare, In dem Augppblick. hörte, man Schritte. Es war Dario,, ’ der heimkam. . Santa stürzte, zur Tür und rief: „Dario! Dario!“ Und als ihr Mann auf der Schwelle fjand, -wies sie auf den Fremden und sagte miti bewegter Stimme: „Sieh, Dario, ein Jude! Gurla hat ihn hergebracht. Er sagt, daß er alles verloren hat, f die Familie, das •Haus, alles . . „Ein Jude.“'' entgegnete Dario ' finster,- blieb auf halbem Wege stehen und verschränkte die Arme auf dem Rücken. „Ein' Jude“, rief seine Frau verzweifelt, „einer von denen,‘wovon uns der Toni und der Pompa erzählten. Einer von denen, die in die Kirche gehen und den- Hut auflasspn. Er kommt von weit her, von-Jugoslawien von sehr weit, er ist geflohen,, er bat alles verloren.“ , Dario .fuhr' fort, den Juden anzusehen, der neben dem Tisch saß und von dem Geschrei und den, Blicken beunruhigt zu sein schien. Hinter den breiten Schultern Darios erschien das schmale Gesichtchen Teresas und hinter ihr, am Türpfosten Mari-, ihr Bruder. Dieser trat ein. wenig gebeugt, mit scheuem. Benehmen ein, warf einen Blick auf den Juden, auf Gurla, nahm dann einen Stuhl und setzte sich rittlings darauf. . " „Sieh,“ sagte Gurla.zu Mario, „es ist kein Bett-, ler. Er ist ein Herr. Za Hause lebte er gut. Er War auf dem Büro. Er batte eine Frau und ein Töchterchen. Dann sind die Deutschen gekommen und haben ihn e-ngesperrt. Das ha' e / \ \r Hl I ll »fc* -VS